[Rezension]: Paul Auster – Die New York Trilogie

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Thema: Wider Erwarten

Paul Auster ist mir als Autor aufgefallen, da ich mich in meinem Bemühen, den Lesehorizont zu erweitern, auch der amerikanischen Literatur zuwenden möchte (und dabei mehr als nur Stephen King entdecken will). Bekannt wurde er in den 1980er Jahren durch die Bücher, die ich in diesem Beitrag vorstelle. Wie bin ich auf diese Trilogie gekommen? Mich fasziniert die Stadt New York seit ich denken kann und da bietet sich natürlich Literatur an, die in dieser Stadt spielt und dabei noch von einem Autor geschrieben wird, der dort lebt. Da zusätzlich New York schon alleine im Titel vorkommt, war ein Ignorieren dieses Buches so gut wie unmöglich. Ich habe mit diesen 3 Titeln, die zur New York- Trilogie zusammengefasst sind, überhaupt nichts falsch gemacht. Sprachlich auf einem sehr hohen Niveau, breitet uns Auster das New Yorker Lebensgefühl in winzigen Dosen vor uns aus, welches die Stadt in den 1980er- Jahren ausgemacht hat. Auf jeder Seite meint man, die New Yorker Luft zu schnuppern und mit den handelnden Figuren um die Blöcke zu schlendern und sie bei ihrem Treiben zu beobachten. Dabei schreibt Auster (auch wenn es „nur“ die Übersetzung ist) so gekonnt, dass man fast jeden Satz einrahmen und sich zu seiner Lebensweisheit machen möchte. Zum Beispiel transportiert der Satz

„Der helle Maimorgen lauerte draußen wie eine Versuchung, ein Ruf, ziellos im Freien zu wandern, aber Quinn widerstand ihm.“

Gefühle, die jeder schon durchgemacht hat, der zum Beispiel im Sommersemester in der Bibliothek zu lernen hatte, und bei denen es Paul Auster versteht, sie auf den Punkt genau auf das Papier zu bringen.

Worum geht es in den 3 Büchern, die allesamt den Ort der Handlung und jeweils eine grobe Handlungsvorgabe gemeinsam haben? Der Ort, wie der Titel schon sagt, ist New York und die Handlungsbasis für alle 3 Geschichten ist, dass die jeweilige Hauptfigur einen Auftrag erhält, die in weit gestecktem Rahmen etwas mit Detektivarbeit zu tun haben. Dabei spielt Paul Auster gekonnt mit den Erwartungen des Lesers und gaukelt ihm Sachen vor, nur um sie dann in einem anderen Licht erscheinen zu lassen.

Das erste Buch mit dem Titel „Stadt aus Glas“ handelt von einem gewissen Quinn, der uns als Romanautor von Detektivgeschichten, die er unter dem Pseudonym William Willson schreibt, und als Müßiggänger vorgestellt wird, der eine gewisse Melancholie vor sich her trägt:

„New York war ein unerschöpflicher Raum, ein Labyrinth von endlosen Schritten, und so weit er auch ging, so gut er seine Viertel und Straßen auch kennen lernte, es hinterließ immer das Gefühl verloren zu sein. Verloren nicht nur in der Stadt, sondern auch in sich selbst.“

Dieser Quinn erhält durch eine Verwechslung mit dem Detektiv Paul Auster den Auftrag einen gewissen Peter Stillmann vor seinem Vater zu beschützen, der aus dem Gefängnis wegen guter Führung entlassen worden ist. Er soll diesen beschatten und verhindern, dass er seinem Sohn wieder schreckliche Dinge antut. In seinen Jugendjahren wurde Peter von seinem Vater seelisch und körperlich misshandelt, wovon er sich bis heute nicht mehr erholen konnte. Wie Stillmann geschädigt wurde, zeigt Auster in einem Kapitel des Buches auf hervorragende Weise, dass es einem Kopfschmerzen bereitet, diese Seiten zu lesen und gleichzeitig verstehen zu wollen. Quinn nimmt den Auftrag letztendlich an und heftet sich unter der Identität von Paul Auster an die Fersen von Stillmanns Vater und beschattet ihn (fast) auf Schritt und Tritt und obwohl von diesem vermeintlich keine Gefahr ausgeht, ist Quinn immer auf der Hut, was ihm dann letztendlich zum Verhängnis werden soll

„Lange Zeit verging. Wie lange sie genau war, lässt sich unmöglich sagen. Der Bericht über diese Periode ist weniger vollständig, als es der Autor gern hätte. Aber die Informationen sind nun einmal knapp, und er überging lieber schweigend, was nicht eindeutig zu bestätigen war.“

Der zweite Band mit dem Namen „Schlagschatten“ handelt von Figuren, die allesamt Farbnachnamen tragen, was für mich erst Sinn gemacht hat, als ich das Ende der Geschichte kannte. Vorher ist es ein wenig anstrengend, dem Geschehen zu folgen, da durch die Namensgebung eine Orientierung etwas erschwert wird und ein einfacher Zugang zu dieser Geschichte nicht gegeben war. Zu Beginn bekommt ein gewisser Blue von einem Herrn namens White den Auftrag einen Mann mit dem Namen Black zu beschatten und wöchentlich einen Bericht anzufertigen. Ihm wird eine Wohnung zur Verfügung gestellt und ein wöchentliches Gehalt bezahlt. Dieser Auftrag soll so lange gehen, bis Mr. White diesen für beendet erklärt. Nach einem kurzen Zögern willigt Blue ein und bricht privat die wenigen Kontakte ab, die er hat.

„White verlässt das Büro, und einen Augenblick später hebt Blue den Telefonhörer ab und ruft die zukünftige Mrs. Blue an. Ich tauche unter, sagte er seiner Liebsten. Mache dir keine Sorgen, wenn ich für eine kleine Weile nicht zu erreichen bin. Ich werde immer an dich denken.“

Die Beobachtungen an Black stellen sich als zäh heraus und als nicht gewinnbringend, da dieser Mann keine Anhaltspunkte liefert, was an ihm dran sein könnte, das beschattenswert wäre. Da Black Blue nichts bietet fängt er an, sich Geschichten über ihn auszudenken

„Denn Black ist nicht mehr als eine Art von Leere, ein Loch im Gewebe der Dinge, und eine andere Geschichte kann dieses Loch ebenso gut ausfüllen wie eine andere.“

Als das nicht reicht, versucht Blue mit verschiedenen Identitäten Black direkt zu konfrontieren und aus der Reserve zu locken, was ihm eine Überraschung bescheren wird, die sein Leben verändert.

Die 3. Geschichte und die aus meiner Sicht die interessanteste heißt „Hinter verschlossenen Türen“, in der wir einen Namenlosen dabei begleiten, wie er Spuren seiner Vergangenheit untersucht, um mehr über seinen Jugendfreund Fanshaw herauszufinden. Wie kommt es dazu? Fanshaw ist verschwunden und für den Fall seines Verschwindens oder seines Todes, hat er seiner Frau Sophie den Auftrag erteilt, dem namenlosen Erzähler sein literarisches Werk zur Sichtung und Veröffentlichung oder vollkommenen Vernichtung anzuvertrauen. Der Erzähler findet es nicht nur gut, er sieht in den Büchern das Beste, was er je gelesen hat und in einer Veröffentlichung des Gesamtwerkes mehr als Bedarf. Nachdem die Bücher in den Bestseller- Listen einschlagen wie eine Bombe nimmt unser Erzähler auch den Auftrag an, eine Biographie über Fanshaw zu schreiben. Bei der Arbeit an dieser Biographie und der damit verbundenen Recherche verschwimmt vor dem Auge des Namenlosen die Identität Fanshaws immer mehr und er greift zu drastischen Mitteln, um die Arbeit an der Biographie zu beenden. Dabei findet er Dinge über Fanshaw heraus, die besser im Verborgenen geblieben wären.

Ich bin geplättet- von der sprachlichen Wucht, von der Art und Weise einen Krimi zu erzählen, ohne das irgendwelchen kriminelle Tätigkeiten beschrieben werden, von der Beschreibung einer an sich schlüssigen Logik, nach der sich die handelnden Personen richten, von der Zeichnung eines New York in leisen Tönen (was zwischen den Zeilen geschieht) und von der Art und Weise, wie das Große und Ganze nicht außer Acht gelassen wird – das ist die New York Trilogie von Paul Auster. Es gab bis auf den Anfang des 2.Buches eigentlich keine Passage, durch die ich mich durchmogeln musste, da alles flüssig erzählt und damit die Spannung hochgehalten wurde. Ebenso machte das Ende des 3.Bandes alles rund und schlug eine Brücke zu den 2 anderen Teilen und wenn man die letzte Seite zugeschlagen hat, versteht man, warum diese 3 Bücher eine Trilogie bilden. Verblüffend dabei ist, wie Auster mit dem Leser spielt und es versteht ihn zu verwirren, denn er hat in alle 3 Bücher Personen einbaut, die denselben Namen tragen und gewisse Rollen in jeder Geschichte innehaben, aber unmöglich dieselben Personen sein können. So spielt er mit den Erwartungen des Lesers und verwirrt ihn mit den verschiedenen Identitäten der betreffenden Personen. So richtig aufgefallen ist mir das erst am Ende des 3.Bandes und vielleicht war auch genau das die Intention des Autors.

Diese Trilogie war sehr spannend zu lesen und ich denke, das ich nicht zum letzten Mal zu diesem Buch gegriffen habe und ebenso werde ich das Werk des Schriftstellers Paul Auster weiter verfolgen und bin gespannt, was er mir noch für Geschichten offenbaren wird.

Zum Abschluss noch einen der vielen einrahmenswerten Sätze aus dieser Trilogie, der stellvertretend für viele schöne Sätze aus diesem Werk stehen soll. Es stammt aus Hinter verschlossenen Türen:

„… Geschichten geschehen nur denen, die imstande sind, sie zu erzählen, hat einmal jemand gesagt. Auf die gleiche Weise werden vielleicht Erlebnisse nur denen zuteil, die imstande sind, sie zu haben.“

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