[Rezension]: Rike Drust – Muttergefühle und Remo Largo – Babyjahre

„Wie toll wäre es, wenn Mutterschaft wieder normal wäre? Es nervt, dass alles, was mit ihr zu tun hat, emotional und moralisch so extrem aufgeladen ist. Jeder Hans und Franz weiß es besser als die Mutter, und statt einfach mal die Klappe zu halten, posaunen alle ihre Meinung ungefragt heraus, nie ohne Spätfolgen durch mütterliche (Fehl)- Entscheidungen zu warnen.“

Ich habe, nachdem ich Rike Drusts Buch Muttergefühle fertig gelesen habe, einige Zeit mit mir gerungen, ob ich die Besprechung nur über dieses eine Buch mache oder ob ich ihrem Werk auch das Sachbuch von Remo Largo gegenüberstelle, was in vielen Fällen als Referenzwerk herangezogen wird, wenn es um Kindererziehung geht und welches ich auch schon einige Male zur Hand genommen habe, als meine Partnerin und ich bei unserem Kind nicht so recht wussten, was er nun wollte.

Ich habe mich nun dafür entschieden beide vorzustellen, auch wenn sie unterschiedlicher Natur sind. Doch gerade weil Rike Drust das Buch von Remo Largo in einigen ihrer Kapitel besonders hervorhebt lohnt sich eine Doppelbesprechung in meinen Augen.

Kinder können einen wahnsinnig machen. Von einer die auszog, die Wahrheit zu verkünden.

Rike Drust, ihres Zeichens (laut Klappentext) freiberufliche Werbetexterin für verschiedene Firmen, hat mit Muttergefühle ihr erstes Buch veröffentlicht, in dem sie ihre Gefühle und Meinungen wiedergibt, die die Kindeserziehung und das Leben mit Kind betreffen. Außerdem betreibt oder betrieb sie einen Blog (letzter Eintrag von Mitte 2012) namens infemme. Sie lebt mit Mann und Kind in Hamburg.

Bei dem Thema Kinder und allem was dazu gehört, zum Beispiel Fremdbetreuung, Stillen, schlaflose Nächte, Erziehung, Freizeit mit Kind (und auch ohne), kann man sich eigentlich nur den Mund verbrennen, sobald man seine Meinung dazu kundtut. Rike Drust hat den Versuch trotzdem gewagt und das heikle Thema Leben mit Kind und als Mutter in Buchform gebracht. Dabei geht sie so vor, dass sie das Buch in verschiedene große Abschnitte einteilt, die sie mit „Der Anfang. Die erste Zeit mit Kind“, „Die Familie“, „Der Alltag“, „Die Kindererziehung“, „Die Partnerschaft“ und noch einigen anderen Themen überschreibt. Diese Abschnitte sind in einzelne kleine Kapitel unterteilt, in denen sie zu den jeweiligen großen Themen ihre eigenen Erfahrungen und Meinungen notiert hat und allen, die es interessiert, zum Lesen in Buchform überlässt. Da ist dann so ziemlich alles enthalten, was das Leben mit Kind ausmacht, angefangen vom Stillterror, der in der heutigen Zeit herrscht über den ebenso und gleichwertigen Schrei- bzw. Schlafentzugsterror, den das Kind ausübt weiter zu den Anspannungen in der Partnerschaft, die das Leben mit Kind mit sich bringen und zu dem großen Thema Gleichberechtigung, welches sich so richtig offenbart, wenn es darum geht, wer das Kind in den ersten Monaten zu Hause betreut. Einzelne Themen herauszupicken und zu analysieren macht fast keinen Sinn und man würde sich nur verheddern (bzw. siehe oben mit dem Mund verbrennen).

Das Buch hat sehr viel Spaß gemacht. Es ist kurzweilig geschrieben und sprachlich auf einem Niveau, dass man nicht jeden Satz analysieren und deuten muss, aber man merkt auch an vielen Stellen, dass Rike Drust von ihrem Schreiben lebt, denn wie sie mit Vergleichen arbeitet, um zum Beispiel Humor in ihre Aussagen zu bringen kann nur von jemandem stammen, der in einem schreibendem Beruf tätig ist.

Aufgrund der Besprechung auf der Seite von synaesthetisch bin ich auf dieses Buch aufmerksam geworden. Nach der Lektüre habe ich noch weitere begeisterte oder zumindest zufriedene Besprechungen auf den Seiten vom Bücherwurmloch und der Bibliophilin gelesen. Ich für meinen Teil fand dieses Buch sehr gut, weil es mir, und dass sage ich als Mann, aus der Seele gesprochen hat. Gut, manche Dinge kann ich schon unter biologischen Gesichtspunkten nicht nachvollziehen (Wehen, Stillen zum Beispiel), aber gerade was die Themen anbelangt, die das Kind direkt betreffen und auch der Umgang miteinander, haben bei mir voll ins Schwarze getroffen beziehungsweise ich verstehe meine Partnerin nun noch etwas besser als vorher. Dabei erhebt Rike Drust, wie sie auch selber sagt, nicht den moralischen Zeigefinger (außer vielleicht bei der Gleichberechtigungsfrage), sondern geht die ganze Sache mit Humor an, denn nur so kann man die schwierige erste Zeit mit Kind überstehen.

Zum Abschluss von diesem Abschnitt möchte ich noch folgendes Zitat anbringen, welches für meine Familie fast 1:1 übertrag ist (nur unter anderen Voraussetzungen) und als Plädoyer für alle werdenden Eltern verstanden werden sollte, sich bei der Erziehung und bei einem Leben mit Kind ein wenig zu entkrampfen, denn vieles geht auch von alleine und dann kann man die erste Zeit mit Kind auch mehr genießen:

„Ich kam mit dem Status Mutter und dem dazugehörigen Hindernissen und Klischees nicht zurecht, war oft unglücklich und unsicher und überfordert, und wenn mir jemand gesagt hat, ich solle mich entspannen, weil irgendwann alles einfacher wird, habe ich nur hämisch gelacht. Das hätte ich nicht mal mir selbst geglaubt, wenn ich mir als Geist erschienen wäre. Aber es stimmt. Und mit diesem Abstand und meiner jetzigen Erfahrung denke ich traurig, ich hätte die erste Zeit mit meinem Sohn noch mehr genießen können.“

Verstehe dein Kind oder wie man ohne enges Regelkorsett die Babyjahre übersteht

Nun möchte ich direkt zu Remo Largos Sachbuch Babyjahre kommen, welches von Rike Drust mehrfach in ihrem Buch erwähnt wird und das es mittlerweile schon in der 12.Auflage gibt.

„Das Gras wächst nicht schneller wenn man daran zieht.“

Ich bin durch einen Artikel in der FAZ, in dem Remo Largo als Erziehungspapst vorgestellt wurde, aufmerksam geworden und in diesem Artikel wurde auch sein mir bis dahin unbekannter Ratgeber Babyjahre erwähnt. Wegen diesen schwärmerischen Artikel und weil unser Sohn damals seit einem Monat unsere Familie bereicherte musste das Buch unbedingt in unseren Bücherschrank und ich sollte den Kauf nicht bereuen. Nicht so sehr, weil ich darin Trost oder Rat gesucht habe, sondern einfach nur durch die Art und Weise, wie einem der Mythos Baby und Kleinkind näher gebracht wird und das man sich bei diesem Thema ruhig ein wenig entspannen sollte, denn man kann kein starres Konzept über die vielfältigen und unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten, die ein Kind haben kann, stülpen geschweige denn danach vorgehen.
Dabei ist das Buch so aufgeteilt, dass es sich unterschiedlichen Aspekten der kindlichen Entwicklung widmet. So gibt es Kapitel zum Spiel-, Ess- und Trink-, Schlafverhalten, zum Beziehungsaufbau, zum Schreiverhalten und noch ein paar andere. Diese einzelnen großen Kapitel sind dann nach Altersklassen unterteilt (0-3, 4-9, 10-24 und 25-48 Monate). Diese ganze Unterteilung macht es enorm einfach nach dem Thema zu suchen, bei dem man gerade ein Riesenfragezeichen hat, wie man mit seinem Kind umgehen soll. Auch durch etwaige Querverweise zu anderen Kapiteln macht es enorm Spaß in diesem Buch zu blättern und sich ein bisschen Wissen über Babys im Allgemeinen anzueignen. Durch die distanzierte und nüchterne Sprache ist es aber auch anstrengend zu lesen und ich habe es bisher nur zu Nachschlagezwecken genutzt oder um mir mal in Erinnerung zu rufen, was für Entwicklungsschritte unser Kind schon durch gemacht hat. Mehr als 20 Seiten schaffe ich aber generell nicht zu lesen, weil einen die Faktendichte zu sehr erschlägt und man sich dann nichts mehr merken kann.

Dieses Buch ist das beste Nachschlagewerk, welches ich mir denken kann. Ich habe zwar keine Quervergleiche zu anderen Büchern dieser Art, aber schon alleine, wie Remo Largo an die Thematik heran geht und den Eltern ein wenig den Druck nimmt, wenn es um Erziehungsfragen geht, ist in meinen Augen einzigartig. Er stellt verschiedene Punkte vor, vergleicht sie und betont dabei immer, dass ein Kind in dem und dem Alter dieses oder jenes Können aufweisen kann, aber nicht muss, denn die Entwicklung von Kind zu Kind ist immer unterschiedlicher Natur. Dieses Credo hämmert Largo in jedem Kapitel in die Köpfe der Eltern, was manche vielleicht ermüdend finden, aber nur so stellt sich ein Lerneffekt ein und man merkt, dass man an manche Dinge viel entspannter heran gehen kann, wenn man diese Sichtweise vertritt. Dieses Buch kann ich nur jedem ans Herz legen, der ein Kind zu Hause hat oder bald eins erwartet, denn es erleichtert das Leben mit Kind in der Anfangszeit enorm, weil es nur eine Unterstützung und keine Vorgabe sein will.

Muttergefühle und Babyjahre zu vergleichen macht keinen Sinn, da auf unterschiedliche Arten die gleiche Thematik behandelt, aber eins haben beide Bücher gemeinsam: Sie plädieren für einen entspannteren Umgang mit dem Kind. Also liebe Eltern oder zukünftige Eltern, lasst euch nicht in die Erziehung eures Kindes reinreden, hört auf eure Intuition und wenn es mal nicht weiter geht, eurer Kind wird euch den Weg (meistens jedenfalls) schon zeigen, wie ihr es richtig machen könnt.

Abschließen möchte ich diese Doppelbesprechung mit den Worten von Remo Largo aus dem FAZ- Artikel, welche mir sehr aus dem Herzen sprechen und die ich einfach kommentarlos so stehen lasse:

„Erziehung, und das ist das fatale an der Pädagogik bis heute, ist definiert durch das Ziel. Pädagogen fragen immer: Was wollen wir für einen Menschen? Wie bringe ich das Kind dorthin? Die Pädagogen gehen nicht vom Kind aus und fragen sich, was das Kind will.“

2 Kommentare zu „[Rezension]: Rike Drust – Muttergefühle und Remo Largo – Babyjahre

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