[Rezension]: Stephen King – Das Leben und das Schreiben

„Schreibe bei geschlossener Tür, überarbeite bei geöffneter Tür“

 Stephen King - Das Leben und das SchreibenEin Schreibratgeber der etwas anderen Art

 Stephen King vorzustellen macht fast gar keinen Sinn, da dieser Schriftsteller, man mag es positiv oder auch negativ sehen, eine lebende Legende unter der schreibenden Zunft ist. Er hat die Unschuld von der Figur des Clown genommen, der uns in ES das Fürchten lehrte, ebenso hat er dem Friedhof das Unheimliche wiedergegeben, indem er da Kuscheltiere wiederbelebte (und auch einiges anderes, was dann Untot durch Maine stapfte), er hat Seuchen über die Menschheit gejagt und das letzte Gefecht ausgerufen und er hat einem Mann auf eine Odysee nach einen Dunklen Turm geschickt, für die die Beschreibung unmenschlich noch positiv klingt. Er hat mehr als 40 Romane verfasst (gute wie schlechte) und an die 100 Kurzgeschichten (davon einige preisgekrönt) veröffentlicht. Im Oktober steht mit Doctor Sleep schon der nächste Roman von ihm in den Startlöchern (eine Fortsetzung zu The Shining), nachdem er dieses Jahr mit Joyland schon einen Krimi der alten Schule herausgebracht hat. Seine Werke haben in Film, Fernsehen und mittlerweile auch bei den Graphic Novels von Marvel Anklang gefunden und er hat bestimmt noch einige Pfeile im Köcher um seine treuen Leser zu beglücken.

Das Buch, das ich euch in dieser Besprechung vorstelle, stellt dabei eine Art Wendepunkt im Schaffen von Stephen King dar, denn in der Zeit, in der er dieses Buch verfasste, war er in einem Unfall verwickelt, der ihm fast das Leben gekostet hätte und das ihn in seiner Schaffenskraft anfangs enorm einschränkte (und welchen er auch später in die Saga um den Dunklen Turm einfließen ließ). Ich hatte irgendwann auch gelesen, dass er durch die Nachwirkungen des Unfalls das Schreiben ganz aufgeben wollte, aber wer dieses Buch gelesen hat, kann verstehen, dass das bei einem Autor wie Stephen King unmöglich ist, denn wenn er nicht schreibt beraubt man ihn um seinen zentralen Kern seines Daseins auf Erden. Man kann das Schaffen von Stephen King meiner Meinung nach in mehr als die jetzt genannten Abschnitte einteilen, aber man merkt ihm schon an, dass sein Schreiben vor dem Unfall ein anders war als es das nach dem Unfall geworden ist. Es kann nur eine Art diffuses Gefühl meinerseits sein, aber wer Stephen King nur als Autor von Büchern wie ES, The Stand, Friedhof der Kuscheltiere oder The Shining kennt, sollte ihm mit seinen neuesten Werken eine zweite Chance geben, denn diese sind weitaus reifer angelegt und weniger horrorlastig geraten als mancher annehmen mag.

„Sprache muss nicht immer mit Krawatte und Schnürschuhe daherkommen. Beim Schreiben geht es nicht um den korrekten Gebrauch der Grammatik, sondern darum, es dem Leser gemütlich zu machen und ihm eine Geschichte zu erzählen … um ihn, wann immer möglich, vergessen zu lassen, dass er überhaupt eine Geschichte liest.“

 Doch nun zu diesem Buch, welches eine Mischung aus Schreibratgeber und homöopathischen Anteilen von Biographieschnipseln darstellt. Zuerst entwirft Stephen King bruchstückhaft ein Bild seiner Kindheit und Jugend, welche beide durch viele Umzüge unstet waren. Das Geld war immer knapp und die Mutter von Stephen King, die ihn und seinen Bruder allein aufzog hangelte sich durch viele Gelegenheitsjobs. Stephen King flüchtete aus diesem Leben in eine Phantasiewelt, die über die Jahre immer ausgereifter wurde und irgendwann mit Carrie den ersten großen Erfolg einbrachte, der zeitnah sogar verfilmt wurde. Von da an ging es stets bergauf und er wurde nach und nach zu dem Bestsellerautor, den man heute kennt. Was ich zum Beispiel aber noch nicht wusste war der Fakt, dass Stephen King ein massives Drogen- und Alkoholproblem hatte (ist es nicht dasselbe?) und diesen Punkt in diesem Buch schonungslos offenlegt zum Beispiel indem er sagt, dass er das Buch Cujo in einem Drogenrausch geschrieben hat, dass er sich nicht daran erinnern kann, wie er es geschrieben hat, nur dass es irgendwann fertig war. Der Part der Biographie beschreibt die Phase bis sich die ersten großen Erfolge einstellten und geht dann nahtlos in den Schreibratgeber über. Dabei verfasste er eine Art Handbuch an das man sich nicht sklavisch zu halten hat, sondern er zelebriert seine eigene Schreibkunst und offenbart uns sein Handwerk, wie er es versteht und anwendet. Dabei geht er zentrale Fragen an, die Tempo der Geschichte, Thematik, ein bisschen Grammatik usw. behandeln und flechtet darum herum seine eigenen Erfahrungen ein und führt Beispiele seiner eigenen Texte an, was man zu lassen hat und was man aus seiner Sicht unbedingt beachten sollte. Das alles liest sich richtig entspannt und man meint nach dem Lesen dieses Abschnittes, man ist bereit, selber einen Roman zu schreiben. Das ist natürlich Quatsch, aber für einen Tritt in den Arsch, um den eigenen inneren Schreibschweinehund zu überwinden, reicht es allemal.

An wen richtet sich dieses Buch? Zuerst an jene Fans und treuen Leser von Stephen King, die alle seine Bücher verschlingen und mit diesem Buch einen Einblick darin erhalten, wie King seine Bücher schreibt und vor allem, wie er es schafft in kurzer Zeit so viele Bücher zu schreiben (ich glaube in den letzten 5 Jahren hat er jedes Jahr ein Buch veröffentlich). Nimmt man diese Leuten mal beiseite, so ist das Buch auch an Leser gerichtet, die sich des Schreibens mächtig fühlen, aber mal einen kleinen Wink in die richtige Richtung benötigen, um einen Anfang zu wagen, denn King zeigt in diesem Buch immer wieder anhand von kleinen Beispielen, wie man einen Text bearbeiten kann oder was man aus seiner Sicht zu lassen hat oder was man unbedingt einbauen muss. Dabei tritt er aber nicht wie der Oberlehrer vom Dienst auf, sondern eher wie ein gütiger Onkel, der dem Neffen bei seinen ersten Schreibversuchen über die Schulter schaut.

 „Und so fängt es an: Stellen Sie ihren Schreibtisch in eine Ecke, und wann immer Sie sich daran setzen, um zu schreiben, halten Sie sich vor Augen, warum er nicht in der Mitte des Zimmer steht. Das Leben ist kein Stützgerüst für die Kunst. Es ist andersherum.“

 Wie man auf der Seite Über mich nachlesen kann, ist mir King relativ früh über den Weg gelaufen und das Buch, welches mir den Einstieg in seine Welten gab, wird auch noch irgendwann, wenn ich es mal wieder lesen sollte, in diesem Blog thematisiert. Da es an der dort erwähnten Stelle nicht deutlich wird, kann ich hier betonen, dass King zu meinen Lieblingsschriftstellern gehört. Er mag zwar einfach schreiben und auch keine weltbewegenden Dinge sagen, die für die Nachwelt von Bedeutung wären, aber er schreibt ehrlich und erzeugt auf einem gleichbleibenden Niveau spannungsgeladene Bücher, von der sich viele Autoren der heutigen Trivialliteratur immer wieder gern mehr als eine Scheibe abschneiden dürfen. Seine Bücher strahlen immer eine gewisse Magie aus und fesseln einen bis zum Schluss und selbst wenn man 10 seiner Bücher gelesen hat, kann er einen mit seinen Geschichten immer noch überraschen oder sogar schockieren.

Das Buch „Über das Leben und das Schreiben“ hat mir einen kleinen Einblick in seine Welt gegeben und auch ein Quantum Motivation, sich selbst mal an den Schreibtisch zu setzen und seiner Fantasie freien Lauf zu lassen (wenn da das Problem der Zeit nicht wäre) beziehungsweise merke ich teilweise beim Schreiben dieses Beitrages, wie er sich mit seinen Tipps schon in meinem Kopf verewigt hat. Ich lege dieses Buch jedem ans Herz, der mit Literatur in seiner großen Bandbreite etwas anfangen kann. Viele werden in diesem Buch nichts Neues erfahren, aber es ist sehr unterhaltsam zu lesen und man bekommt einen kleinen Einblick in das Denken und Schaffen eines Autors, der einem nach der Lektüre dieses Buches weniger verschroben erscheint, als es vielleicht seine Bücher ausdrücken.

 „Was ich mir wünsche, ist Resonanz; das Buch soll ein wenig in den Gedanken (und im Herzen) des treuen Lesers nachklingen, wenn er es wieder geschlossen und zurück ins Regal gestellt hat. Das will ich erreichen, ohne dem Leser eine Botschaft einzutrichtern oder mich dafür verkaufen zu müssen.“

 P.S.: Als kleines Schmankerl gibt uns Stephen King zum Schluss noch eine Liste mit Büchern, die ihn zu diesem Schreibratgeber entweder inspiriert oder zumindest begleitet haben beziehungsweise, die er einfach gerne gelesen hat. Auch das nimmt diesem Mann ein bisschen die Aura des Einfachen, denn da tauchen auch Bücher auf, bei denen man nicht vermuten würde, dass so einer wie Stephen King diese lesen würde. Für mich waren da einige nette Anregungen dabei, die ich mir über kurz oder lang selber zu Gemüte führen werde. 

 

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