[Rezension]: Uwe Tellkamp – Der Turm

Ich habe es getan und ich habe es geschafft. Was habe ich getan? Ein Buch gelesen, dass einmal für den Deutschen Buchpreis nominiert war und diesen auch gewonnen hat. Zum einen. Und zum anderen habe ich nach knapp 2 Monaten dieses Mammutwerk von knapp 1000 Seiten mit blumiger Sprache durchsetzt endlich hinter mir. Oder doch leider hinter mir? Ich weiß es nicht so richtig, denn dieses Werk, welches Spannung und unendliche Langeweile in sich vereint, welches in mir längst vergessene Bilder wieder aufleben ließ, ist anstrengend gewesen und es hat mir Mühe gekostet, es zu lesen. Dieses „Erlebnis“ möchte ich nun teilen.


Die Inhaltsangabe versuche ich an dieser Stelle einmal kurz halten, da ich das ausufernde des Romans hier nicht wiedergeben kann und will. Im Allgemeinen handelt das Buch von der Familie Hoffmann und allen ihnen umgebenden Bekannten und Verwandten, die sich (fast) alle aus dem Lebensumfeld des Weißen Hirschs, einem Villenviertel in Dresden rekrutieren, welches Uwe Tellkamp, wenn ich es richtig verstanden habe, als Turmviertel beschreibt und somit dem Buch seinen Titel gibt und in dem der Autor seine Jugend verbracht hat. Die Handlung setzt zum 50.Geburtstag von Richard Hoffmann im Jahr 1982 ein und spannt die Lebensgeschichte der handelnden Personen bis zum 09.November 1989 auf. Hauptcharaktere sind dabei der eben erwähnte Richard, sein Sohn Christian und Meno Rohde, der Onkel von Christian und Bruder von Anne Hoffmann, der Frau von Richard. Aus der Sicht dieser 3 Personen und in unterschiedlichsten Erzählweisen werden die einzelnen Passagen erzählt, die in dem genannten Zeitfenster spielen. Dabei stehen vor allem die Erlebnisse von Christian im Mittelpunkt, der in diesen 7 Jahren einen Reifeprozess durchläuft, der dem Buch ein wenig die Spannung verleiht, von dem es ein wenig mehr hätte vertragen können, denn zu Beginn des Buches geht er noch zur Schule und hat durch die Privilegien, die sein Vater als Chirurg mit sich bringt, die Möglichkeit Abitur zu machen, was in der DDR meist nur durch Vitamin B möglich war (jedenfalls nach meinem Kenntnisstand). Schon in dieser Zeit setzt eine Antihaltung zur DDR bei Christian ein, die ihm dann während der Armeezeit, zu der er sich, um die Zulassung für ein Studium zu erhalten, für 3 Jahre verpflichtet hat, zum Verhängnis werden sollte.

Die anderen Handlungsstränge lasse ich an dieser Stelle mal außen vor, da ich mich dann doch zu sehr in Details verlieren würde. Gerade die Handlungen um den Lektor Meno Rohde sind bei mir schon während des Lesens in die hintersten Schubladen abgelegt, dass ich gar nicht mehr ran komme, da es mir alles zu kompliziert und zu intellektuell erschien, was in diesen Zeilen geschieht. Bei den Themen, die Richard Hoffmann umkreisen kam ich auch nicht umhin, manchmal mit der Langeweile zu kämpfen, die mich bei seinen Taten umhüllte. Er reiht Affäre an Affäre, hat mit den täglichen Kampf des 5-Jahres- Plans zu kämpfen und infolge dessen mit dem Mangel an Operationshilfsmitteln.

Der Turm kam bei mir das erste Mal in den Fokus, als die Verfilmung des Buches bekannt gegeben wurde. Den ganzen Trubel, den das Buch durch Buchpreisverleihung und den darauffolgenden Hype, den es in Dresden ausgelöst haben soll, habe ich nicht mitbekommen, da ich genau in diesem Jahr, als das Buch erschien, aus der dieser Region und von dieser wunderbaren Stadt weggezogen bin und zu neuen Ufern aufbrach. Zuvorderst interessierte mich diese Geschichte aus dem Grund, weil sie meine Heimat beziehungsweise die Menschen darin beschreibt, wie sie in den letzten Jahren der DDR war. Ich komme zwar nicht direkt aus Dresden und habe die Zeit, die in diesem Buch beschrieben wird, nur als kleiner Knirps (Bauhjahr ´82) erlebt, aber manche Bilder sind immer noch in meinem Kopf präsent und wurden durch die Lektüre des Buches aufgefrischt, auch wenn es meist nur nebensächliche Anmerkungen waren, die Uwe Tellkamp eingestreut hat (zum Beispiel die Marienkäferplage irgendwann ´88, an die ich mich noch lebhaft erinnern kann).

Ohne irgendwelche Interpretationsversuche zu starten, bei denen ich mich sowieso nur verheddern kann, möchte ich einfach mal loswerden, wie ich das Buch empfand und was für eine Wirkung es auf mich hatte. Zuerst fand ich die Szenerie gelungen eingefangen. Auch wenn ich mich in der Ecke, die Uwe Tellkamp im Buch beschreibt gar nicht auskenne, hatte ich irgendwie gleich das Gefühl mich im Dresden und Elbregion der 80er zu bewegen (ich komme ursprünglich aus der Porzellanstadt bisschen weiter flussabwärts). Das war nicht an konkreten Marken festzumachen sondern einfach nur die Gerüche, die „Farben“, einfach alles wie er es beschreibt, beschwor die Bilder von damals wieder herauf. Man konnte schon auf den ersten Seiten ahnen, dass hier einer über Dresden schreibt, der da ge- und diese Zeit auch erlebt hat.

Die sich langsam ausbreitende Agonie und Verweigerungshaltung gegenüber dem Staat ist sehr glaubhaft und gut dargestellt, auch wenn das für mich persönlich nicht richtig greifbar ist, da man als 5-8Jähriger, der ich in der Zeit war, dafür einfach nicht die Fühler hatte und die eigenen Eltern viel von einem weggehalten haben. Ich finde es vor allem an der Person von Christian sehr gut dargestellt und man leidet gerade mit ihm am meisten mit und aus seinem persönlichen Schicksal ergeben sich in meinen Augen auch die besten beziehungsweise spannendsten Passagen im Buch. An dieser Stelle möchte ich auch auf die Sprache zu sprechen kommen, die Uwe Tellkamp virtuos in diesem Buch einsetzt. Ich fand sie zwar an vielen Stellen einfach nur ermüdend, was auch an Schriftsatz und dichtgedrängtem Zeilenabstand liegen mag, doch ausschweifende Erläuterungen der Umgebung in Farbe, Geruch und Zustand sind in meinen Augen auf Dauer einfach nur öde. Ich habe mehr als einmal das Gefühl unterdrücken müssen weiterzublättern doch hatte ich auch die Befürchtung etwas Wichtiges zu verpassen. Doch andererseits ist es auch diese ausschweifende Beschreibungsweise, die mich nicht hat überblättern lassen, sondern einem das Gefühl gibt, einen der großartigen Romane der letzten Jahre zu lesen, den man nicht auf Anhieb verstehen muss; bei dem es einfach mehrere Anläufe braucht, ihn zu greifen und der einem das eintönige Leben in den letzten Jahren der DDR so vermittelt, wie es ein Geschichtslehrbuch nie zu können vermag.

Wie man sieht, bin ich recht Zwiegestalten, was dieses Buch betrifft, denn ich sie, um mich abzulenken und zu unterhalten und da ist eine ausschweifende Sprache meist hinderlich. Doch ich hatte nie das Gefühl mich irgendwelchem Nonsens hinzugeben und ich war im Großen und Ganzen doch recht angetan und werde es mit gebührendem Abstand wieder einmal zur Hand nehmen. Vielleicht, wenn Uwe Tellkamp die Fortschreibung der Geschichte Wahrheit werden lässt und ich mich nochmal mit der Vorgeschichte auseinander setzen muss. Wer auf eine lockere Lektüre setzt, der wird hier auf jeden Fall enttäuscht, denn dieses Buch will in meinen Augen nicht unterhalten, sondern Dinge aufzeigen, wie sie waren. Die ausschweifende Sprache und der enge Drucksatz runden das anstrengende Lese- “Vergnügen“ ab. Etwa 300 Seiten weniger und ein paar Straffungen an bestimmten Stellen hätten dem Roman gut getan und er wäre weniger anstrengend gewesen.

13 Kommentare zu „[Rezension]: Uwe Tellkamp – Der Turm

Gib deinen ab

  1. Respekt, dass du es gelesen hast. Ich habs nicht geschafft, hab nach den ersten 100 Seiten oder so aufgehört, obwohl mich der Roman bei der Anschaffung als Dresdnerin sehr interessiert hat. War aber dann leider nicht mein Geschmack.

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    1. Zuerst: Willkommen auf meinem Blog ;-)
      Ich habe mehrmals mit mir gekämpft, dieses Buch beiseite zu legen und mich anderem Lesestoff zu widmen. Es hat sich zum Teil gelohnt und zum Teil auch wieder nicht. Ich würde nicht unbedingt empfehlen, es nochmal zu beginnen. Was es für mich ausgemacht hat, waren vor allem die ganzen kleinen versteckten Anmerkungen, an die ich mich zum Teil sogar noch erinnern kann, obwohl ich zu dem Zeitpunkt als der Roman spielt noch recht klein war.

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      1. Wo liest du, daß ich ein Problem habe?
        Ich habe im Gegensatz zu Tellkamp nur 18 Monate gedient und habe in der DDR studiert. Dann habe ich auch noch dort gearbeitet. Da war Tellkamp noch strammer FDJ-ler.

        Meine Erfahrungen sind eben real. Keine Fiktion wie in diesem Langweiler mit einer schrecklichen Sprache.

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      2. Ich meinte doch nicht, dass du ein Problem hast, sondern welches Problem du mit dem Buch hattest. Die Punkte, die du anführst, machens klarer ;-) kann ich natürlich nicht mitreden, da ich 90 gerade mal 8 war. Manches kam mir halt bekannt vor und manches künstlerisch überspitzt dargestellt. Bei der Sprache bin ich zu 75% bei dir, da diese das Buch erst anstrengend machen. Gruß und danke für die schnelle Antwort.

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      3. Hab mir den Artikel mal bis zur Hälfte durchgelesen, da er mir dann zu einseitig wurde. Kann ein paar Punkte darin definitiv nachvollziehen, aber in der Summe fehlte mir die Ausgewogenheit.

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      4. Die Ausgewogenheit finden wir dann bei dir oder bei Tellkamp. ;-)
        Ihr wißt beide, worüber ihr sprecht – ohne es erlebt zu haben.

        Das ist schlagende Logik.

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      5. Ausgewogenheit ist mein 2.Vorname :-) Im Ernst: Solche Artikel, wie der von dir verlinkte, in denen nur gefeuert wird, gegen alles und jeden, bringen mir persönlich nix, da eben die Dinge einseitig beleuchtet werden. Schlussendlich muss auch mal gesagt erden, dass ich hier nur ein Buch besprochen habe, welches ich zu 70% als anstrengend empfunden habe und meine Einseitigkeit darauf beruht, dass ich zum Ausdruck bringen wollte, welche Passagen mir zugesagt haben. Nicht mehr und nicht weniger. Gruß…

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  2. Das ist okay. Aber urteile nicht über Dinge, die du nur aus dritter Hand kennst. Du hast rumgelabert – und Schwachsinn zitiert. Frag jemanden, der nicht im Elfenbeinturm gelebt hat. So wie der Spinner aus Dresden.
    Lies mal Jana Hensel – noch so ein Blödsinn.1976 geboren. Zonenkinder .
    Schreib darüber und sage zu oder ab…

    ;-)

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