[Rezension]: Karl May – Winnetou

Abenteuergeschichten in einem unbekannten Land

Wer kennt sie nicht, die Geschichte der bekanntesten Blutsbrüder des 19./20.Jahrhunderts, mit ihren berühmten Verfilmungen und auch der berühmten Parodie, welche einer der erfolgreichsten deutschen Filme der letzten Jahrzehnte war (und seitens der Besucherzahl auch noch immer ist). Woher rührt die Faszination an diesem Stoff, der so viele Generationen vor uns begeistert hat und sicher auch noch einige nach uns? Dieser Frage wollte ich zum einen nachgehen, als ich die 3 Teile von Karl May wiederholt anfing zu lesen und zusätzlich lag der letzte Lesedurchgang ein paar Jahre zurück und der Staub auf den Erinnerungen an diese Bücher sollte endlich mal wieder mit dem Staubwedel namens Auge entfernt werden. So machte ich mich vor einiger Zeit, parallel zu anderen Büchern, die ich in der Zeit gelesen habe, auf die Reise in den Wilden Westen, wie er von Karl May ersonnen war und möchte euch hiermit mein Zeugnis ablegen, wie ich die Bücher heute empfand.

Ich kann mich noch erinnern, als wäre es gestern gewesen, als ich die Bertelsmannausgaben (ich glaube aus dem Jahr 1992) von Karl Mays Winnetou von meinen Großeltern zu Weihnachten geschenkt bekam und ich innerlich mit den Augen rollte, was ich denn mit diesen Büchern soll. Dieser Geschichte konnte ich einfach nichts abgewinnen, obwohl man sich zum Fasching/Karneval immer wieder gerne als Cowboy oder Indianer verkleidet hat. Sie kam mir altbacken vor, ich wollte davon nichts wissen und habe mich lieber weiter den Lustigen Taschenbüchern zugewandt. Vielleicht war ich nicht im richtigen Alter für diese Bücher und so kam es dann, dass diese Bücher im eingeschweißten Zustand in meinem Regal ein ziemlich missachtetes Dasein fristeten bis ich mich mit, ich glaube 14 Jahren, dazu entschloss, diese Bücher aus ihrem von mir auferlegten Dornröschenschlaf zu wecken und sie zu lesen. Wie ich die Bücher damals empfand kann ich leider nicht mehr sagen, da die Erfahrungen und Eindrücke leider im Laufe der Zeit entflogen sind. Ich weiß nur noch, dass ich sie begierig verschlungen und als spannend eingestuft hatte.
Jetzt, nachdem sie wieder einige Jahre im Schrank dahindarbten und auch mehrere Umzüge überstanden haben, wurden sie erneut in die Hand genommen, um den 2 Haudegen Winnetou und Old Shatterhand in die gute alte Zeit des Aufbruches nach Amerika zu folgen. Die Spannung war wieder da, denn ich konnte mich an so gut wie gar keine Handlungsdetails mehr erinnern, so dass mir vorkam, dass ich diese Bücher wieder zum ersten Mal in die Hand nehme. Auf der anderen Seite stand eine Überraschung parat, die ich so nicht erwartet habe, denn aus dem eben genannten Grund ist mir auch entfallen, wie brutal diese Bücher stellenweise geraten sind und damit in meinen Augen einen hohen Realitätsgehalt wiederspiegeln, da ich mir vorstellen kann, dass diese Zeit so war, wie beschrieben und das Karl May diesen Umstand sehr gut wiedergibt, auch wenn er für seine Geschichten zum Zeitpunkt des Niederschreibens nur auf Quellenangaben statt eigenen Erfahrungen zurück gegriffen hat.

„Lieber Leser, weißt du was das Wort Greenhorn bedeutet? Green heißt Grün, und unter horn ist ein Fühlhorn zu verstehen. Ein Grennhorn ist demnach ein Mensch, der grün, also neu und unerfahren im Land ist und seine Fühlhörner behutsam ausstrecken muß, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen will, ausgelacht zu werden.“

Der Beginn bringt einem näher, wer im Wilden Westen als Greenhorn gilt und unserer späterer Westmann Old Shatterhand ist definitiv so eine Ausgeburt von Greenhorn, der erst einmal lernen muss, sich im Wilden Westen zurecht zu finden. Diese Gelegenheit ergibt sich für ihn recht schnell, als er das Angebot bekommt die Bahnlinie gen Westen für ein Vermessungsbüro zu vermessen. An seine Seite werden einige erfahrene Westmänner gestellt, so zum Beispiel ein putziges Männchen namens Sam Hawkens, der zu einer Art Lehrmeister für Old Shatterhand wird. Als die Vermessungen des Abschnittes, an dem Old Shatterhand mitwirkt, dem Ende entgegen sehen, treffen die Vermesser und Westmänner auf den Apatschen- Häuptling Intschu- Tschuna, dessen Sohn Winnetou und Klehki- Petra, der eine Art weißer Indianer ist und den Apatschen die Denkweise der Weißen beigebracht hat. Da die Bahnlinie durch das Land der Apatschen führen soll und sie die weitere Vermessung verbieten kommt es zu einem Kampf zwischen ihnen, dem Vermessungstrupp und Kiowa- Indianern, die als Hilfe im Kampf gegen die Apatschen herbei gerufen wurden. Im Verlauf des Kampfes werden Sam, seine Begleiter und Old Shatterhand gefangen genommen und sollen bei den Apatschen den Tod am Marterpfahl sterben. Nur durch eine List und den Mut Old Shatterhands gelingt es ihnen dem Marterpfahl zu entgehen und gleichzeitig den Apatschen zu zeigen, dass sie ihre Freunde sind. Aus diesen Vorfällen gehen der innige Bund und die Blutsbrüderschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand hervor. Winnetou lehrt Old Shatterhand dabei allerlei Tricks und Kniffe, wie man in der Prärie zurechtkommt und auf was für Gefahren man zu achten hat und wie man diese erkennt, bevor sie überhaupt zur Gefahr werden. Nach dieser „Ausbildung“ werden viele Abenteuer bestanden, die den Namen der beiden im ganzen Westen verbreiten werden und berühmt werden lassen.

Was macht nun die Faszination an diesen Geschichten aus? Einmal sind es eben die Abenteuer aus einem unbekannten Land, welches zu dieser Zeit, vor allem im Westen, noch wenig erschlossen war und damit mehr Wildnis beziehungsweise Bretterbudenstädte war, was Karl May in meinen Augen besonders gut im dritten Buch in dem Abschnitt beschreibt, als er seine Figuren nach San Francisco schickt, dass natürlich mit der Stadt, wie wir sie heute kennen, noch gar nichts zu tun hat. Zum anderen schreibt Karl May die Geschichten in dem Stil, dass es noch die klassische Einteilung von Gut und Böse gibt, was die Einordnung der Figuren einfacher macht und man sich viel besser orientieren kann. Man mag bemängeln, dass das altmodisch ist und in der heutigen Zeit völlig fehl am Platz, doch man muss eben auch bedenken, wann diese Bücher geschrieben wurden und das Geschichten zu diesen Zeiten etwas einfacher strukturiert waren. Ich für meinen Teil habe diese einfache Struktur akzeptiert, da man die Abenteuer von Old Shatterhand und Winnetou dadurch einfacher genießen kann. Die einzelnen Abenteuer sind spannend geschrieben und lassen einen mitfiebern und an manchen Stellen meint man regelrecht, den Staub des Wilden Westens auf der Haut und auf der Zunge zu spüren.
Nicht so gut gefällt mir die Figurenentwicklung im Allgemeinen und im Speziellen festgemacht an Old Shatterhand, dessen Gutmenschentum zu sehr erzwungen ist und einem auf jeder zweiten Seite zu stark auf die Augen gedrückt wird und man nur noch genervt ist davon. Zusätzlich wird er, entgegen der Erklärung zu Beginn des ersten Bandes, was ein Greenhorn ist, von Anfang an nicht als solches dargestellt, da er irgendwie zu allem eine Idee, eine Antwort oder eine Tat parat hat, auf die selbst erfahrene Westmänner nicht gekommen wären und die erstaunlicherweise gut funktionieren. Aus dieser Sichtweise macht es sich Karl May etwas zu einfach und installiert einen Hauptdarsteller seiner 3 Bücher, dem nichts und niemanden etwas anhaben kann und dem selbst in ausweglosesten Situationen noch etwas zu seiner Rettung einfällt. Auch bei den anderen Figuren findet in meinen Augen keine Entwicklung statt. Die Macken und Fähigkeiten, mit denen diese eingeführt werden, bleiben auf dem Stand erhalten und werden nicht erweitert und ergänzt, um den Figuren Raum und Tiefe zu geben, was die Bücher von dieser Seite aus betrachtet recht langweilig wirken lässt. Sprachlich bewegen sich die Bücher auf einem relativ einfachen und damit sehr gut verständlichen Niveau. Gerade die Dialoge sind teilweise recht einfach gehalten und wiederholen sich ermüdend in ihrem Aufbau, was an dieser Stelle nicht als negatives Urteil verstanden werden soll, aber mich an manchen Passagen doch genervt hat.

Insgesamt betrachtet sind die 3 Bände Abenteuerliteratur in Reinform. Spannend geschrieben, aber sprachlich recht einfach gehalten, sind diese Bücher keine hochgestochene Literatur, die man von vielen Seiten aus analysieren muss. Sie unterhalten auf einem einfachen Niveau und mit einer Figurenkonstellation, bei der die Sympathien klar verteilt sind. Sie sind teilweise recht brutal und damit in meinen Augen erst so richtig im Jugendalter zu empfehlen. Wer also ein Auge auf Abenteuerliteratur hat und Geschichten mit Cowboys und Indianern mag wird mit diesen Büchern nichts verkehrt machen.

Ein Kommentar zu „[Rezension]: Karl May – Winnetou

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