[Rezension]: Stephen King – 11/22/63 (Der Anschlag)

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„Life turns on a dime. “

Thema: Leg dich nicht mit der Vergangenheit an, denn sie schlägt zurück!
Jacob „Jake“ Epping ist ein Englischlehrer für Erwachsene in dem kleinen Städtchen Lisbon Falls in Maine. In diesem fristet er ein relativ einfaches Leben, unbeachtet von den großen Dingen, die sich auf der Welt abspielen und geschieden von seiner Frau, die ihn für einen Mann verließ, den sie bei den Treffen der anonymen Alkoholiker kennen lernte. Eines Tages jedoch wendet sich dieses einfache Leben in ein aufregendes, als ihm der Imbissbudenbesitzer Al Tempelton offenbart, dass in seinem Diner ein Zeitreiseportal existiert, dass einen in das Jahr 1958 zurück katapultiert. Völlig aufgelöst von dieser Behauptung, startet Jake zu einer ersten Reise in dieses Jahr und bekommt es zuerst mit dem Yellow- Card- Man zu tun, vor dem ihn Al gewarnt hat und der ihm mit dem Hinweis „So gimme a buck, because today’s double-money day“ um einen Dollar bittet. Nicht weiter schlimm, denkt sich Jake und gibt ihm 50 Cent, wie von Al versprochen. Die ersten Eindrücke, die Jake sammelt, sind überwältigend, da alles klarer wirkt und irgendwie besser. Das Bier schmeckt stärker und die Geräusche sind klarer, nur die Luft, die stinkt irgendwie mehr oder anders als im 21.Jahrhundert. Zurück in der Jetztzeit offenbart ihm Al, wie dieses Zeitportal funktioniert, da er es schon unzählige Male benutzt hat, um im Jahr 1958 das Fleisch für seine Imbissbude zu kaufen. Er erklärt ihm, dass jedes Mal, wenn man in die Vergangenheit reist, im Jahr 1958 am 9.September um 11.58Uhr in Lisbon Falls landet und dass, wenn man zurück kehrt, im 21.Jahrhundert nur 2 Minuten vergangen sind, egal, wie lange man in der Vergangenheit war. Zusätzlich hat Al bei seinen verschiedenen Reisen festgestellt, dass die Uhren wieder auf „Null“ gestellt werden, sobald man einmal zurückkehrt und wieder in die Vergangenheit reist. Da man im Jahr 1958 landet, reifte in Al eine wahnwitzige Idee heran, dass man doch eines der schlimmsten Attentate der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts verhindern könne und das sich, wenn man es verhindert hat, viele schlimme Geschichten (Vietnamkrieg, Rassenunruhen, Misstrauen wegen Watergate -Affäre usw.) nicht mehr ereignen werden und die Zeit danach eine bessere wird als die, die wir erlebt haben. Doch eine Krebserkrankung hält Al von diesen Plänen ab, die schon weit voran geschritten waren, weshalb er Jake um seine Hilfe bittet. Erst ist Jake skeptisch und will einen Testversuch unternehmen, ob die Taten, die er in der Vergangenheit begeht, auch die gewünschten Auswirkungen auf die Zukunft haben. Dazu hat er die passende Gelegenheit, denn einer seiner ehemaligen Schüler hat zu dem Thema „lebensveränderte Situationen“ einen Aufsatz geschrieben, indem er sehr plastisch beschreibt, wie der Vater dieses Mannes eine ganze Familie auslöschte und den, der den Aufsatz geschrieben hat, zum Krüppel machte. Diese Geschichte nutzt Jake, um sie in der Vergangenheit ungeschehen zu machen und um zu schauen, was er damit in seiner Gegenwart anrichtet. Dabei lernt er auch, dass die Zeit ein gefährlicher Gegner ist, denn sie wehrt sich umso heftiger, desto näher man seinem Ziel kommt, die Vergangenheit zu ändern. Unter großen Mühen erreicht Jake sein Ziel, muss aber dann zu seinem Entsetzen feststellen, dass seine Tat zwar den gewünschten Effekt hatte, aber das, was danach geschah, nicht in die Rechnung einbezogen hat. Dies will Jake wieder ungeschehen machen und will deshalb nochmal in die Vergangenheit reisen. Als Al wegen den Schmerzen, die sein Krebs erzeugt, Selbstmord begeht, bleibt Jake nicht viel Zeit zum Nachdenken und er unternimmt den erneuten Versuch, in der er sich dem Fall des mordenden Vaters nochmal und diesmal effektiver annimmt und um die große Aufgabe zu stemmen, das Attentat auf JFK zu verhindern. Das er während dieser Zeit, entgegen dem Rat von Al, sich in die Gesellschaft integriert und dabei auch noch die Liebe seines Lebens kennen lernt, macht die eigentlich schwierige Aufgabe zu einer fast unmöglichen.

„On the subject of love at first sight, I’m with the Beatles: I believe that it happens all the time. But it didn’t happen that way for me and Sadie, although I held her the first time I met her, and with my right hand cupping her left breast. So I guess I’m also with Mickey and Sylvia, who said first love is strange.”

Stephen King vereint in diesem Roman einige Themengebiete, die auf den ersten Anschein hin nichts mit dem Horror zu tun haben, mit dem King immer in Verbindung gebracht wird. Es ist ein Zeitreiseromanzenthriller mit Schockelementen, die aus dem Alltag heraus entstehen und ein wenig Phantastik, die bei Stephen King natürlich nicht fehlen darf. Dabei setzt er uns, ganz entgegen seinem Schreibratgeberhinweis, dass man sich kurz fassen soll und den er eigentlich immer zu missachten scheint, einen 800-Seiten Wälzer (auf Englisch und Taschenbuchausgabe, ich glaub auf Deutsch sind es sogar fast 100 Seiten?) vor und man denkt, was will er uns in dieser Zeit erzählen? Eine ganze Menge. Zuerst wird uns die Zeitreisethematik erklärt und anhand eines praktisch ausgeführten Beispiels näher gebracht. Dabei merkt man, dass im Kingschen Universum die Uhren ein wenig anders gehen und das er sein Gesamtwerk wieder einmal einfließen lässt, zum einen, weil der erste Part in Derry spielt (Leser des Buches ES werden diese Städtchen kennen) und auch Figuren aus dem eben erwähnten Buch kurz auftreten lässt. Zum anderen hat man immer wieder den Einfluss des Dunklen Turms im Hinterkopf, auch wenn er nie erwähnt wird, doch allein die Existenz des Zeitreiseportals lässt ihn auch auf dieses Buch einwirken. Der zweite Part beinhaltet dann das Leben in der Vergangenheit, wobei King den Nostalgiker auspackt, der aber nicht alles durch die rosarote Brille betrachtet. Er zeigt uns, dass es, ebenso wie heute, Dinge gab, die gut waren und ebenso schlechtes geschah (z.B. Rassentrennung, Hetze gegen Kommunisten), was er immer wieder in kleinen Randnotizen anklingen lässt. Doch dabei verliert er nie das große Ziel aus den Augen, das Attentat auf JFK und der Versuch, dieses zu verhindern. Die Liebesgeschichte, die sich weich und ganz sanft durch die Hintertür in die Geschichte einschleicht, ist von so zarter Natur, dass sie einen schönen Kontrast zu allen Brutalitäten bildet, die in den Roman Einzug gehalten haben (und davon gibt es wieder einige King- typische) und hat mir zum Ende fast die Tränen in die Augen getrieben (aus welchem Grund, wird hier ebenso wenig verraten, wie die Tatsache, ob die Verhinderung des Attentates gelingt). Wie King in diesem Roman historische Fakten mit Fiktion vermengt ist in meinen Augen ganz großes Kino und verdient meinen vollsten Respekt, denn er lässt die Fiktion so selbstverständlich in die tatsächlich passierte Vergangenheit einfließen, dass man meinen könnte, es wäre wirklich möglich. Ebenso fand ich die Beschreibung des Lebens, wie es Jake in der Vergangenheit führt, sehr realistisch dargestellt. Die Recherche, die King für diesen Roman angestellt hat, muss die wohl umfangreichste gewesen sein, die er je für ein Buch unternommen hat, denn viele historische Fakten um das Attentat auf JFK finden sich in dem Buch wieder und werden meist detailgetreu wieder gegeben und die Geschichte, die er erzählen will, in diese Fakten eingebettet.
Die Sprache Kings hat mir wieder sehr gut gefallen. Trotz der vielen Slang- Ausdrücke und einiger lokaler Dialekte, die King im Original gerne nutzt und die in der Übersetzung leider immer verloren gehen, wird das Lesen keineswegs erschwert. Man kommt flott voran und muss sich oft mit dem Problem auseinander setzen, das Buch wieder beiseite zu legen, um eine Verschnaufpause einzulegen. Wenn ich es bildlich festhalten will, würde ich es als so umschreiben, dass er den Leser mit seinen (meist einfachen, aber nicht im qualitativen Sinne) Worten umtanzt und dabei immer mehr für sich gewinnt. Dabei verzichtet King natürlich nicht auf seine obligatorischen „Horror“- Einlagen, die in diesem Buch mehr Gewaltdarstellungen als richtiger Grusel sind, die an zwei Stellen richtig ans Eingemachte gehen und zartbesaiteten Lesern ein wenig Unbehagen verursachen könnten, da sie relativ plastisch umschrieben werden. Bestes Beispiel ist dabei der erste Versuch von Jake eine ganze Familie zu retten. Diese Szene, als er die Tat verhindern will, dass der Vater seine Frau und Kinder ermordet, beschreibt King so realistisch, dass es einem kalt den Rücken runterläuft.

„For a moment everything was clear, and when that happens you see that world barely there at all. Don’t we all secretly know this? It’s a perfectly balanced mechanism of shouts and echoes pretending to be wheels and cogs, a dreamclock chiming beneath a mystery-glass we call life. Behind it? Below it and around it? Chaos, storms. [..] A universe of horror and loss surrounding a single lighted stage where mortals dance in defiance of the dark.“

In meiner noch relativ bescheidenen Stephen King- Sammlung ist 11/22/63 das bisher beste Buch von Stephen King. Es hat mich von vorn bis hinten überzeugt. Sprachlich auf einem hohen Niveau (jedenfalls nach dem gefühlsmäßigen Beurteilungsmaßstab) bereitet King seine Art der Geschichtsschreibung vor dem Leser aus. Ich war sofort in der Geschichte drin und hatte zu keinem Zeitpunkt Zweifel das Gefühl einen schlechten Roman zu lesen. King versucht sich gar nicht an irgendwelchen Erklärungen, er lässt es die Dinge geschehen und schon steckt Jake mittendrin in der Geschichte, genauso wie der Leser. Die Geschichte ist spannend geschrieben, hat kaum Längen aufzuweisen und zudem genau die richtige Portion Gefühl, dass es nicht zu aufgesetzt oder kitschig wirkt. Außerdem präsentiert King, im Gegensatz zu „The Dome“, ein rundes Finale, welches sich in meinen Augen logisch in die Geschichte einbettet und zudem einen noch stärkeren Bezug zum Dunklen Turm nimmt.
Dieses Buch kann ich allen empfehlen, die gerne Thriller lesen. sich an dem leichten phantastischen Einschlag, den das Zeitreisethema mit sich bringt, und an dem Autorennamen Stephen King nicht stören. Diese Leser brauchen auch keine Angst vor den etwaigen Querverweisen zu anderen Werken von King haben. Dessen Einflüsse auf die Geschichte sind gering bis gar nicht vorhanden. Stephen King Fans, entweder dabei gebliebene oder die ihm mal abgeschworen haben, können hier ebenso bedenkenlos zugreifen.

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