[Rezension]: Pyotr Magnus Nedov – Zuckerleben

ZuckerlebenGegen die Kopfschmerzen ein Stamperl Samagon (aber Vorsicht, kann blind machen)
Toylan Andreewitsch fährt mit seinem Ford Transit durch die Abruzzen, als er plötzlich 2 Teenagern, Christina und Angelo, ausweichen muss, die sich mit Selbstmordabsichten auf die Straße gelegt haben. Da Toylan geistesgegenwärtig handelte, ist dieses Unterfangen gründlich schiefgegangen und hätte Toylan fast selber das Leben gekostet. Nachdem sich alle von dem Schock erholt haben, stellen sich alle vor. Christina und Angelo haben vor kurzem ihren Job in einer Zuckerfabrik verloren, wegen der Krise wie sie behaupten, und wollten deshalb, aufgrund Perspektivlosigkeit, das Leben nehmen. Toylan hört den beiden aufmerksam zu und als sie eine Unterkunft erreichen, die Toylan Andreewitsch nicht ganz zufällig ansteuert, erzählt er den zweien eine Geschichte, was eine wirkliche Krise ist.

Diese Geschichte spielt sich im Jahr 1991 ab, als die Sowjetunion dem Verfall entgegenrast und Moldawien mittendrin. In diesem Land, im Städtchen Donduseni, geht gerade alles vor die Hunde und speziell die ortsansässige Zuckerfabrik, die einem gewissen Hlebnik gehört, muss schließen. Als das passiert, gehen alle Mitarbeiter auf die Barrikaden und pflücken die Fabrik auf der Suche nach 40t Zucker auseinander, die alle dort vermuten. Allen voran der gerade in die Rente entlassene Ilytsch, der von seinem hart erarbeiteten Rentenanspruch durch den Verfall der Sowjetunion ein besonderes Interesse an den 40t Zucker hat. Zusammen mit einem gewissen Pitirim Tutunaru findet er die 40t Zucker in einem Geheimgang, der von Zuckerfabrikdirektor Hlebnik angelegt wurde. Sie beschließen, diesen Zucker in Samagon zu verarbeiten und diesen zu verkaufen. Vom Erlös wollen sie sich die Ausreise nach Italien erkaufen und ein neues Leben starten. Mit diesem Plan machen sie sich nicht nur Freunde. Es entspinnt ein Kampf zwischen den lokalen Bandenchefs und den beiden mit, die mit ihren Freunden einfach nur ein ehrgeiziges Ziel verfolgen.

Als ein direkt „Betroffener“ der Wende, in dessen Folge auch die Sowjetunion zerbrach, interessierte ich mich für diese Geschichte, wie sich die Menschen in Zeiten der Krise ein gerüttelt Maß an Optimismus bewahren und so diese Krisen überstehen, die das Leben oder die Umwelt für sie bereit halten und einfach das Beste daraus machen. Ich bin ohne große Ansprüche an das Buch heran gegangen und erhoffte mir eine halbwegs fröhliche Geschichte und wurde teilweise nicht enttäuscht. Die Geschichte teilt sich in zwei Zeitebenen, wovon eine im Jahr 2011 und die andere im Jahr 1991 spielt. Dabei ist die Geschichte des Jahres 2011 eher eine Klammer für die Vergangenheit. Beide Zeitebenen haben einen Zusammenhang, der am Ende erklärt wird, woraus sich im Buch aber kein Spannungsbogen bezieht. Die Spannung erhält das Buch eigentlich nur dadurch, ob Tutunaru und Ilytsch ihren Plan, nach Italien auszureisen, umsetzen können oder nicht. Spannung baut sich aber auch dadurch nicht auf. Es kommt mehr auf das Panorama an, welches man von einem Land serviert bekommt, welches sich an einem Scheideweg befindet und von vorn anfangen muss und was es aus den Menschen macht, die darin leben. Dabei bekommt man allerlei skurrile Typen serviert, die auf ihre Art die Krise verarbeiten und für sich zu nutzen wissen oder eben nicht damit klar kommen und ihren Frust, das alles zerbricht, im Alkohol ersäufen.

Der Witz kommt dabei nicht zu kurz, der auch manchmal schwarz ist, aber, und das muss man groß hinten anstellen, ist das Buch sprachlich ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite macht es Spaß und man muss manchmal ein Lachen unterdrücken, auf der anderen ist es so umständlich und langatmig geschrieben, dass man in die Seiten springen will, um den Leuten darin zu sagen, dass sie mal zu Potte kommen sollen. Manche Stellen, gerade die, die in der Gegenwart spielen, passten für mich gar nicht in das Gesamtkonzept. Die Figuren um Christina und Angelo sind für mich das passende Beispiel, da sie nur eingeführt werden, um die Vergangenheitsgeschichte erzählt zu bekommen. Alles andere, was die beiden Figuren bewegt und zu ihren Taten veranlasst, ist mir zu holzschnittartig und klischeebelastet angelegt und berührte mich überhaupt nicht. Zusätzlich, wie eben angesprochen, störte mich der sprachliche Ballast. Wie schon das Bücherwurmloch in ihrem Beitrag ansprach ist es schon seltsam, auf einmal einen Dialekt zu lesen, der so gar nicht in die Region passen will, die in dem Buch beschrieben wird. Das fiel auch bei mir negativ ins Gewicht.

Wie man aus dem Beitrag entnehmen kann, bin ich bei dem Buch hin- und hergerissen, wie ich es bewerten soll. Es hatte seine guten, wie auch schlechte Stellen. Es hat mich erheitert, aber auch teilweise geärgert. Insgesamt kann ich keine klare Leseempfehlung aussprechen. Diejenigen, die sich gerne mit Ostblockgeschichten oder solchen Geschichten mit leichtem Einschlag von Schelmentum interessieren, sind bei diesem Buch gut aufgehoben. Alle anderen sollten sich vielleicht erst einmal einlesen, gerne auch mal mittendrin, um sich für das Buch zu entscheiden.

An dieser Stelle wieder vielen Dank an Dorota und ihren Blog für die Bereitstellung des Rezensionexemplars. Der oben stehende Beitrag ist zuerst auf ihrer Seite erschienen – siehe hier – und erscheint nun auch bei mir.

2 Kommentare zu „[Rezension]: Pyotr Magnus Nedov – Zuckerleben

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