[Rezension]: Erich Kästner – Der Gang vor die Hunde

5vor12, Momentaufnahmen in einer Republik kurz vor dem Abgrund

Wer Erich Kästner bisher nur als Kinderbuchautor sah, wird, genau wie ich, überrascht sein, dass er auch Bücher für Erwachsene geschrieben hat. Mit „Der Gang vor die Hunde“ erschien im letzten Jahr die ungekürzte beziehungsweise von Kästner ursprünglich angedachte Ausgabe von „Fabian – Die Geschichte eins Moralisten“. Diese Geschichte lässt uns in die Zeit der Weimarer Republik eintauchen, als es mit ihr schon wieder bergab ging und die ersten Tendenzen in Richtung Nationalsozialismus auftauchten. Wir lernen den 32- Jährigen Werbetexter und Propagandisten Jacob Fabian kennen, der im Berlin Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre lebt. Wir begleiten ihn in Situationen, die an der Grenze des moralischen sind und immer wieder haarscharf an dieser entlang schrammen. Er begibt sich gedankenlos in diese Momente. Ihm fehlt es an einem strukturellen Tagesablauf und Zukunftsdenken, was ihn so durch die Zeit treiben lässt.

Das Buch fängt damit an, dass Fabian in eine Art Verbindungsclub Einlass ersucht, den man nur vom Hörensagen kennen darf und der ihm von einem Arbeitskollegen empfohlen wurde. In diesem Lokal können sich Männer und Frauen ganz ungezwungen treffen und bei gefallen zu sich nach Hause gehen, um ungezwungen das zu tun, was zwei erwachsene Menschen gerne im Schlafzimmer (außer schlafen) machen. In diesem Lokal lernt Fabian eine Frau namens Irene Moll kennen, die den widerspenstigen Fabian mit zu sich nach Hause nimmt, um ihn zu verführen. Als sich herausstellt, dass Irene Moll eigentlich verheiratet ist und ihr Mann … Moll dieses ganze Treiben absegnet, wenn der vermeintliche Liebhaber von Irene Moll seinen Maßstäben genügt, ist das Fabian zu viel und er verlässt dieses skurrile Ehepaar mit dem Hintergedanken diese nie wieder zusehen, was sich im Falle von Irene Moll leider nicht erfüllen wird, da sie Fabians Wege immer wieder kreuzt und ihm unmoralische Angebote unterbreitet und das in Momenten in denen es Fabian eigentlich nicht passt. Auch wenn Fabian kein Schwerenöter ist, lässt er Irene Moll als Einzige während der ganzen Geschichte immer wieder mit ihren Forderungen im Regen stehen.

Seine Arbeit als Werbetexter für eine Zigarettenmarke macht er mehr gelangweilt als inspiriert und die Ideen für seine Texte fallen ihm auch immer wieder vor die Füße, weshalb er die Vorgaben von Direktor Breitkopf, was Pünktlichkeit und Arbeitsmoral angeht, nie ernst nimmt und sogar verhöhnt. Damit macht sich Fabian bei Direktor Breitkopf nicht gerade beliebt, obwohl er das alles mehr im Scherze sagt und immer etwas zu sehr auf die leichte Schulter nimmt. Daraus entsteht eine Situation, in der er Direktor Breitkopf zum Spaß provoziert und mit Übertreibungen in die Weißglut treibt. Das bringt Fabian in ein Dilemma, die ihn in einer Zeit empfindlich treffen wird.

Mit seinem Freund Stephan Labude, der an einer Doktorarbeit im literarischen Gebiet arbeitet und kurz vor seinem Abschluss steht und der mit vollem Verstand an seiner Zukunft feilt, macht er Berlin unsicher. Eines Tages wird Fabian von Labude zu einem Atelier geführt, in welchem es etwas freizügiger vonstattengeht. Dort lernt Fabian die angehende Juristin Cornelia Battenberg kennen und die beiden verlieben sich ineinander. Da sie auch noch zufällig im selben Haus wohnen, steht einer ernsten Beziehung nichts mehr im Wege und die Zukunft, die für Fabian bisher immer im Nebel lag, nimmt immer schärfere Konturen an. Doch dann bricht mit seiner plötzlichen Arbeitslosigkeit und der prekären Beschäftigungssituation in Berlin diese klar geglaubte Zukunft in sich zusammen. Ein kurzer Hoffnungsschimmer keimt auf, als Cornelia einen Termin zum Vorsprechen für eine Rolle in einem Film zugesagt bekommt und sie diese Rolle auch bekommt. Doch der Preis dafür ist hoch und die Beziehung zwischen den beiden auf dem Prüfstand. Was danach geschieht raubt Fabian den letzten Glauben an einen Weg in die sicher geglaubte Zukunft.

„’[…]Ich saß in einem Wartesaal, und der hieß Europa. Acht Tage später fuhr der Zug. Das wusste ich. Aber wohin er fuhr und was aus mir werden sollte, das wusste kein Mensch. Und jetzt sitzen wir wieder im Wartesaal, und wieder heißt er Europa! Und wieder wissen wir nicht was geschehen wird. Wir leben provisorisch, die Inflation nimmt kein Ende!’

[…]

‚Die Vernünftigen werden nicht an die Macht kommen’ sagte Fabian, ‚und die Gerechten noch weniger.’“


Wer Erich Kästner bisher nur als Autor von Werken wie „Emil und die Detektive“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“ kannte, in denen er pointiert Geschichten präsentierte, die für Erwachsene und Kinder gleichermaßen geeignet sind, wird überrascht sein, dass es auch einen anderen Kästner gab. Mir war jedenfalls nicht geläufig, dass Kästner auch Bücher geschrieben hat, die sich zielgerichtet an ein erwachsenes Publikum richten. Das Wissen darum änderte sich, als ich im Herbst letztes Jahr einen Artikel in der FAZ las, der von einer Neuauflage seines Werkes „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ (von dem ich schon öfter mal gehört habe, aber nie wusste, um was es in dem Buch geht) unter dem ursprünglich geplanten Namen „Der Gang vor die Hunde“ las. Hier präsentiert uns Kästner einen Blick in das Berlin der Weimarer Republik Ende der 20er Anfang der 30erJahre des 20.Jahrhunderts, als der 1.Weltkrieg schon überwunden war und die Nationalsozialisten langsam am Horizont auftauchten. Mit den Augen des Jacob Fabian sehen wir eine Welt, in der es, wenn auch übertrieben dargestellt, an unmoralischen und unmenschlichen Situationen nur so wimmelt. Wie sich die Menschen den einfachen Gelüsten hingeben, wie die Kultur immer mehr den Bach runter geht und wie der Umgang der Menschen untereinander nicht mehr durch Respekt sondern durch gegenseitiges Misstrauen, langsam steigende Angst und der Sicherung der eigenen Existenz geprägt ist. Fabian entzieht sich diesem Rummel, indem er belustigt den Beobachter der Lage spielt und abwarten möchte, wohin sich denn alles entwickeln wird. Er lässt sich einfach treiben, er weiß nur nicht wohin die Reise geht.

„Den Untergang Europas konnte er auch dort abwarten, wo er geboren worden war. Das hatte er davon, dass er sich einbildete, der Globus drehe sich nur, solange er ihm dabei zuschaue. Dieses lächerliche Bedürfnis anwesend zu sein! […] Und er musste, noch dazu freiwillig, hinterm Zaune stehen, zusehen und ratenweise verzweifeln.“

Dieses Buch hat mir außerordentlich gut gefallen. Man erkennt den Erich Kästner wieder, den man mit seiner Kinderliteratur lieb gewonnen hat. Seinen ironischen Biss, der auch in den Kinderbüchern durchleuchtet, verstärkt er hier, in dem noch Zynismus hinzukommt, um die Zustände anzuprangern und anzumahnen, dass die Zukunft noch schlimmeres bereit halten wird. In manchen Passagen will man eigentlich über die übertrieben dargestellten Situationen und die Komik die sie eigentlich ausstrahlen schmunzeln, doch dieses bleibt einem meist im Halse stecken und wandelt sich teilweise in einen kalten Schauer um, weil die Weitsicht, die Kästner hier an den Tag legt, beängstigend erscheint. Seine Sprache, die er dafür verwendet ist gewandt, teilweise dreckig und er beschreibt auch Tätigkeiten sexueller Natur, vor denen die meisten zu der Zeit zurückschreckten. Diese Passagen sind es größtenteils auch, die sein damaliger Lektor anmahnte zu kürzen oder umzuschreiben, damit es keinen großen Aufschrei gibt, denn Kästner war zu dem Zeitpunkt als Fabian erschien schon ein bekannter und erfolgreicher Autor. Jede neue Erscheinung des „Fabian“ war also eine „gekürzte“ Variante dessen, was Erich Kästner ursprünglich plante. Durch Zufall ist der Herausgeber des vorliegenden Bandes, Sven Hanuschek, auf das Originalmanuskript von „Fabian“ gestoßen. Dieses sorgsam redigierte Manuskript enthielt auch alle Passagen, die damals für die Erstausgabe herausgestrichen wurden. Hanuschek hat diese Puzzleteile in mühevoller Kleinstarbeit wieder zu dem Roman zusammengefügt, wie ihn Erich Kästner ursprünglich andachte, und er hat die Puzzlearbeit auch im Detail in einem Anhang ausgewiesen, in dem die geänderten Stellen dem Originalmanuskript gegenüber gestellt werden. Außerdem sind dem Roman alle Nachworte von Erich Kästner angehängt, die er je zu Fabian geschrieben hat und ebenfalls erzählt Hanuschek in einem kleinen Essay die wechselvolle Geschichte dieses Buches.

„Deshalb ist es schon ein seltenes Glück philologischer Arbeit, plötzlich in der Stille und Konzentration des Deutschen Literaturarchivs in Marbach vor einem verblüffend gut erhaltenen, handschriftlich korrigierten Typoskript zu sitzen und genau dieses Leseerlebnis zu haben, das nun, mehr als 80 Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe, an das lesende Publikum weitergegeben werden kann. Es ist geeignet, das Bild dieses Autors zu verändern, im feinen stilistischen Detail ebenso wie durch Wiedereinsetzung der Streichung im gröberen Register, im politischen wie im erotischen bzw. sittengeschichtlichen: ein freier, frecher Kästner zeigt sich, der seine besten und kreativsten Jahre vor 1933 hatte und der seine ästhetischen Mittel souverän beherrschte.“

Auch wenn ich vielleicht ein wenig zu euphorisch urteile, so muss ich für mich persönlich anmerken, ein ganz großes Werk deutscher Literatur gelesen zu haben, dass man nun endlich in der Fassung vor sich liegen hat, wie es eigentlich schon für 1931 zur Veröffentlichung vorgesehen war. Geschichtlich gesehen ist dieses Buch ebenfalls als ein wichtiges einzuordnen, denn es war, ebenso wie einige lyrische Werke, ein Grund dafür, dass Kästner durch die Nationalsozialisten zu den verbotenen Autoren gezählt und mit einem Veröffentlichungsverbot belegt wurde. Leider hat sich Kästner als Schriftsteller nie wieder davon erholt. Er hat zwar in der Folge weiterhin wundervolle Kinderbücher geschrieben, aber Literatur mit erhobenem Zeigefinger und mit Anspruch war von ihm nur noch selten bis gar nicht mehr zu lesen. Auch wenn es ein relativ versautes Buch ist, würde ich sogar so weit gehen zu sagen, dass dieses Buch einen Kästner in Hochform repräsentiert und Pflichtlektüre in den höheren Klassen der Schule sein sollte und das man gelesen haben muss.

Weitere Besprechungen zu dieser Ausgabe:
Bei Birgit von Sätze&Schätze

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2 Kommentare zu „[Rezension]: Erich Kästner – Der Gang vor die Hunde

Gib deinen ab

  1. Da du Fabian (also den Gang für die Hunde) mochtest, empfehle ich Dir auch die Lektüre von Irmgard Keun, die ja ebenso der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen ist. Fabian + das kunstseidene Mädchen sind für mich so etwas wie ein literarisches Geschwisterpärchen.

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