[Rezension]: Truman Capote – Kaltblütig

Über die Psychologie eines abnormalen Verbrechens

 „Es ist keine Schande, ein schmutziges Gesicht zu haben – eine Schande ist es erst, wenn man den Schmutz nicht abwäscht.“

 Auf dieses Buch bin ich schon vor einigen Jahren aufmerksam geworden, als ich den Film „Capote“ gesehen habe, der die Entstehungsgeschichte dieses Buches zum Thema hatte und bei dem der Schriftsteller von dem leider vor einigen Tagen verstorbenen Philip Seymor Hoffmann sehr gut verkörpert wurde und für den er nicht umsonst den Oscar gewonnen hat. Aus dem Film sind mir einige eindrückliche Bilder im Gedächtnis geblieben, so zum Beispiel der Mord an der Familie Clutter, der zwar geräuschvoll, aber kurz gezeigt wurde und ebenso das Erhängen der zwei Mörder, Hickok und Smith, welches dem Schriftsteller Capote, der diesem Ereignis beiwohnte, nicht mehr losließ und in seiner Schaffenskraft beeinträchtigte. Nun habe ich das Buch „Kaltblütig“ gelesen, welches seit der Sichtung des Filmes auf meinem Zettel war. Es ist als Tatsachenroman aufgebaut, bei dem man, wenn man den Fall nicht kennt, meint, es wäre eine erfundene Geschichte, was das Ganze noch mehr in die Ebene des Unfassbaren hinabzieht. Das Buch hat mir in der Summe sehr gut gefallen, auch wenn es einige Punkte gab, die zwar auch gut waren, mir persönlich aber zu langatmig gestaltet waren.

 Die Familie Clutter, eine angesehene Farmersfamilie aus Holcomb wird am Morgen des 15.11.1959 bestialisch ermordet in ihrem Haus aufgefunden. Unmenschlich und kaltblütig hingerichtet. Nichts deutet auf ein Verbrechen aus Hass hin, sondern die Zeichen gehen vermehrt in Richtung eines Raubüberfalls. Die Mörder, es steht schnell fest, dass es 2 gewesen sein müssen, haben sehr wenig Spuren hinterlassen. Einzig zwei Fußabdrücke, die die beiden hinterlassen haben, bilden eine brauchbare Spur, die auch zu ihrer, wenn auch eher zufälligen Überführung beitragen wird. Lange Zeit tappt die Polizei und das Kansas Bureau of Investigation im Dunkeln.
Die zwei Mörder, die frisch aus der Haft entlassenen Perry Smith und Richard Eugene Hickock auch Dick genannt, sind derweil auf der Flucht und lassen sich mal in Mexiko, mal in Las Vegas blicken. Doch bleiben sie nie wirklich lange, da Dick als unsteter Typ immer wieder mit seinen Gelegenheitsjobs unzufrieden ist. So ziehen sie weiter über das Land, bis sie eines Tages, nachdem sie aus Mexiko wieder nach Las Vegas zurückkehren, mehr per Zufall von einer Polizeistreife gesichtet und nach einigem Abwarten festgenommen werden. Als beide getrennt verhört werden, geben sie eine erfundene Geschichte zu Protokoll, die, je länger sie diese aufrecht erhalten wollen, umso umglaubwürdiger wird. Als erstes bricht Dick Hickock ein und legt ein umfassendes Geständnis ab, welches durch Perry in nur 2 Punkten abweichend bestätigt wird und das im Endeffekt zu ihrer Verurteilung führt. Das Strafmaß lautet für beide Hinrichtung durch den Strang. Durch umfangreiche Gegenmaßnahmen wird die Ausführung dieser Strafe um mehrere Jahre verzögert, was vor allem ein Anliegen von Dick ist, da er behauptet und auch das von Perry bestätigt, dass er niemanden getötet hat und dies auch nicht vorhatte. Doch er wird des gleichen Verbrechens beschuldigt wie Perry Smith. Beide werden am 14.April 1965 nacheinander hingerichtet.

 „Keiner im schlafenden Holcomb hatte sie gehört – vier Gewehrschüsse, die, alles in allem, sechs Menschen das Leben kosteten. Danach aber suchten die Leute, die vorher vertrauensselig genug gewesen waren, nicht einmal ihre Haustür voreinander zu verschließen, sie wieder und wieder in ihrer erregten Phantasie zu rekonstruieren – jene dumpf krachenden Schüsse, die jähes Misstrauen in ihnen weckten, sodass alte Bekannte und Nachbarn sich jetzt argwöhnisch und wie Fremde belauerten.“

 Dieses Buch tat weh und hat sicherlich schockiert zu einer Zeit, als man an das Friedfertige im Menschen glaubte. In einer Zeit, in der, wie es Capote in den oben geschriebenen Zeilen beschreibt, niemand dem anderen misstraute und alle offen miteinander umgingen. Doch ein Verbrechen, dass durch nichts zu erklären ist, änderte alles. Die Skrupellosigkeit, mit der die Clutters ermordet wurden, ist mit nichts zu begreifen, ebenso wenig wie die beiden Mörder mit dieser Tat umgegangen sind. Es veränderte die Menschen und wer kann ihnen diese Veränderung und die damit einhergehende Angst verübeln? Truman Capote, mit einer feinen Beobachtungsgabe ausgestattet, hat sich diesem Stoff angenommen und daraus einen Tatsachenroman gezaubert, der stellenweise bewegt und manchmal auch langweilt. Doch gerade die Passagen, auf die es ankommt machen einen betroffen. Sei es der Mord an der Familie Clutter, der später in dem Buch beschrieben wird oder die Gleichgültigkeit, mit der die Mörder ihren Taten ins Auge sahen. Ebenso das Gerichtsverfahren, welches den Anschein der Voreingenommenheit präsentiert, da die Grausamkeit der Tat mit der Strafe der Hinrichtung vergolten werden sollte und die Geschworenen den Tätern gar keine Chance einräumten ihre Taten zu erklären. Capote versucht in seinem Buch alle Seiten zu beleuchten. Die Opfer- und die Täterseite, ebenso wie die der Menschen, die nach der Tat ihr Leben umstellen und diejenigen, die die Verhaftung beziehungsweise Verurteilung der Mörder zu verantworten haben. Daraus entwickelt Capote ein Kaleidoskop der unterschiedlichen Gefühlslagen bei denen man sich eigentlich sicher wähnen sollte, auf wessen Seite des Gesetzes man stehen will und doch macht er es einem gerade zum Ende des Buches noch einmal schwer, das zu akzeptieren, da es gewisse Dinge im Leben gibt, die Menschen so beeinflussen, dass sie im Endeffekt zu Tieren werden und ihrer Umwelt solche Taten, wie zum Beispiel den Mord an den Clutters, aufdrängen. Das sind stellenweise die Passagen, die mir an diesem Buch nicht gefallen haben, da sie es unnötig in die Länge streckten. Es geht hier vor allem um Stellen, als Capote versucht, uns die Menschen Hickock und Smith über ihre Vergangenheit näher zu beschreiben. Er wollte damit sicher versuchen, diesen beiden Menschen, die als kaltblütig hingestellt wurden, ein wenig ihrer Würde wiedergeben und er wollte wahrscheinlich auch für sich eine Erklärung finden, wie es zu so einer Tat kommen kann. Doch gerade diese Stellen sind es, die das Buch etwas zäh machen.

 „Aber die beiden Geständnisse, wenn sie auch das Wie und Warum erklärten, ließen ihn doch unbefriedigt, weil kein eigentlicher Sinn in dem Ganzen zu erkennen war. Das Verbrechen war ein psychologischer Unfall, es war ein Akt, der im Grunde genommen mit den Personen selbst nichts zu tun hatte; die Opfer hätten ebenso gut durch einen Blitzschlag getötet worden sein können. Außer in einer Beziehung: Sie hatten gelitten, sie hatten Entsetzliches durchgemacht; waren einem lang anhaltenden Grauen ausgeliefert worden.“

 Die Sprache von Truman Capote, wunderbar elegant übersetzt Kurt Heinrich Hansen, ist verschnörkelt und manchmal verwinkelt. Aber trotzdem klar und verständlich. Gerade die Stellen, die den Mord, das Gerichtsverfahren, die Flucht und die Verhaftung beschreiben, sind sehr eindrücklich geschrieben und brennen sich in das Gedächtnis ein. Die Recherchen dafür müssen sehr umfangreich gewesen sein.
Insgesamt ist es ein schaurigschönes Buch, welches einem Tat und ihre Umstände beschreibt, um sie begreifbar zu machen. In einer wunderbaren, eleganten Sprache, bringt uns Capote in diesem Tatsachenroman eine Geschichte, die ebenso gut für einen Krimi herhalten könnte, wenn man nicht weiß, dass diese Geschichte auf waren Tatsachen beruht und diese wiedergibt. Ich kann das Buch jedem ans Herz legen, die mit dem Genre etwas anfangen können und einen Zugang zu so einer Geschichte finden. Ich für meinen Teil habe dieses Buch an den meisten Stellen verschlungen, nur die schon angesprochenen Passagen haben mich in meinem Lesefluss gestört und passten meiner Meinung nach nicht so richtig in das Buch hinein. Hätte sich Capote weniger an Erklärungsversuchen gewagt, wäre es für mich ein rundum gelungenes Buch geworden.

„Aber Smith, obwohl er der eigentliche Mörder war, hatte etwas in ihm angesprochen, denn Perry hatte etwas von einem Ausgestoßenen an sich, von einem verwundeten Tier, das sich vor seinen Verfolgern ins Dickicht schleppte. Dewey hatte die Verlorenheit dieses Menschen empfunden.“

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