[Rezension]: Martin von Arndt – Tage der Nemesis

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Es ist nicht nur ein Krimi – Geschichtsstunde in Romanform

Der Beginn des 1.Weltkrieges jährt sich 2014 zum 100.Mal und die Bücherwürmer unter uns erwartet eine große Schwemme an Literatur, die sich mit diesem als Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts bezeichneten Krieg beschäftigt, der alle politischen Entwicklungen in den darauf folgenden Jahrzehnten beeinflusste und es, wenn wir ehrlich sind, auch heute noch macht. Das vorliegende Buch von Martin von Arndt beschäftigt sich ebenfalls mit dieser Thematik, wenn auch nur im Hintergrund. Es präsentiert dem Leser nicht den 1.Weltkrieg direkt, sondern die Folgen dieser Material- und Menschenschlacht, indem der Autor mit Andreas Eckart eine Figur installiert, die die Grausamkeiten auf den Schlachtfeldern Frankreichs miterlebt hat und durch diese traumatisiert wurde. Nach dem Krieg steht er in Diensten der Berliner Polizeibehörde und ermittelt in einem Fall, der sich tatsächlich so zugetragen hat – eine Mordserie an Türken, die von einer armenischen Untergrundgruppe, die unter dem Decknamen „Operation Nemesis“ tätig ist, durchgeführt wird. Diese Untergrundgruppe möchte den Genozid rächen, der an ihrem eigenen Volk von den Türken unter dem Deckmantel einer Zwangsumsiedelung durchgeführt wurde. Martin von Arndt verbindet in diesem Roman Fiktion, in Person der Ermittler, und dokumentarisch belegte Geschehnisse, die die Anschläge an den Türken betreffen. Wenn man dieses Buch liest, sollte man vorher so wenige Informationen wie möglich über die Operation Nemesis und deren Taten an sich heran lassen, um die Spannung zu halten. Nach der Lektüre fördert die Recherche einige Überraschungen zutage und zeigt einem, wie viel von der Wirklichkeit von Arndt in seinen Roman hat einfließen lassen und die eine enorme Recherchearbeit von ihm vermuten lässt.

„Seit drei Jahren war dieser Weltkrieg nun vorbei, aber er hörte einfach nicht auf. […] Ich beneide den Tod jedenfalls nicht darum, dass er sich jetzt von so vielen armen Teufeln ins Auge blicken lassen muss. Ich erst recht nicht! Auch dieser Obsthändler ist wahrscheinlich ein Kriegstoter, aber in die Statistiken wird er‘s nicht mehr bringen.“


Es beginnt alles wie ein ganz gewöhnlicher Kriminalfall. Ein türkischer Mann wird auf offener Straße hingerichtet und der Täter durch umstehende Passanten aufgehalten. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel, denn der Mord selber war mit einer Präzision ausgeführt, der eine spontane Tat eigentlich ausschließt. Doch Verständnisschwierigkeiten in der Sprache, da der Täter nur armenisch spricht, und kaum vorhandene Indizien, die einen geplanten Mord aufzeigen, lassen die Untersuchungen zu einem Kraftakt werden und letzten Endes scheitern. Der leitende Ermittler in diesem Fall ist ein Mann namens Andreas Eckart, der traumatisiert, durch den ersten Weltkrieg seinem eigentlichen beruflichen Betätigungsfeld als ausgebildeter Mediziner nicht mehr nachgehen kann und sich deshalb in den Dienst der Polizei gestellt hat und im Berlin der 20er Jahre seinen Dienst vorschriftsgemäß erledigt. Dabei lässt ihn der Mord an dem Türken keine Ruhe. Der Täter wird aus der Untersuchungshaft mangels Indizien vorerst entlassen und, wie von Eckart vermutet, taucht dieser sofort unter. Deshalb nimmt Eckart weitere Spuren auf und kommt einer Gruppe Armenier auf die Spur, die einen Genozid an ihrem Volk an den Leuten rächen wollen, die zu diesem Zeitpunkt in der obersten Führungsebene der Türkei an der Macht waren. Durch seine Untersuchungen kommt Eckart immer mehr in Interessenskonflikte, da er auf der einen Seite die Handlungen der armenischen Untergrundgruppe nachvollziehen kann und andererseits die Leute beschützen muss, die diesen Genozid angeordnet haben, beziehungsweise die Täter des geplanten Mordes überführen. Dass er dabei zu viel Staub aufwirbelt und die Interessenlagen verschiedener Parteien empfindlich stört, merkt er fast zu spät und gerät in die Schussbahn der Operation Nemesis, der Türken, denen die Anschläge gelten und gewissen Leuten im Auswärtigen Amt, die ein nicht geringes Interesse daran haben, dass die Anschläge stattfinden und deshalb Eckarts Arbeit sabotieren.
Wie ich weiter oben schon erwähnt habe, sollte man dieses Buch lesen, ohne sich vorher über die Operation Nemesis und deren Taten zu informieren. Das erweitert den Lesegenuss und erhält einem die Spannung. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen, denn es handelt sich hier keinesfalls nur um einen Roman der die gängigen Muster von Tat – Täter – Motiv –Verurteilung abhandelt, sondern mit einer einprägsamen, kriminalfallartigen Tat einsteigt, um dann die großen Instrumente auszupacken. Dabei behandelt Martin von Arndt in „Tage der Nemesis“ vielfältige Themen. Zum einen lässt er das Leben im Nachkriegsdeutschland bzw. –europa einfließen – zum Großteil handelt der Roman in Berlin und ein Abstecher nach Rom ist auch dabei, der das langsame Aufmarschieren der Rechtsradikalen in Europa andeutet. Das zweite große Thema, welches behandelt wird, ist das der Nachwirkungen des 1.Weltkrieges und was es vor allem mit den Menschen gemacht hat, die daran aktiv teilgenommen haben. Der Autor macht diese Auswirkungen in seinem Roman vor allem an Andreas Eckart fest, indem er in ihm immer wieder die Erinnerungen an die französischen Schlachtfelder aufleben und ihn halb daran verzweifeln lässt. Das Kriege auch immer wieder von politischen Führungen benutzt werden, um ihre eigenen Pläne umzusetzen, ist in der deutschen Geschichte durch Hitler fest verankert. Doch auch die Türkei und die damaligen Machthaber haben den 1.Weltkrieg dazu genutzt, um die Bevölkerungsgruppe der Armenier auszulöschen, was von Arndt als drittes Hauptthema in seinen Roman eingehen lässt. Diese drei geschichtlichen Vorgaben, die allesamt, direkt oder indirekt, mit dem 1.Weltkrieg im Zusammenhang stehen, verwebt von Arndt geschickt und ohne großes Aufsehen und wie nebenbei in den Hauptplot um die Operation Nemesis. In meinen Augen sind ihm dabei sind ihm dabei die Bilder um den Kommissar Eckart und sein Kriegstrauma, als er lebendig begraben, nur seine Hand schaute aus der Erde, von einem französischen Bauern gerettet wurde, besonders eindringlich gelungen. Die Szenen, die von Arndt da beschreibt, lassen einen eine Weile nicht mehr los und obwohl es nur kurze Sequenzen sind, beschreiben sie das Grauen 1.Weltkriegs und was es mit den Menschen im Nachhinein gemacht hat auf den Punkt.

„Bellende Maschinengewehre, das Pfeifen der Schrapnelle, die Schreie der Verwundeten sind um ihn. Novembermorgen. Man hat ihn aus der Sanitätsstation herausgerufen, weil Mangel an einfachen Rettungsleuten besteht. […]Der Granatengeruch riecht nach Mandeln, nach dem Mandelfleisch, wenn die Frucht frisch aufgesprungen ist. […] Es riecht nach Mandeln. Der junge Soldat, über den er sich beugt, hat zu singen begonnen, Bis hierher hat mich Gott gebracht, ihm fehlt das linke Bein, Brandgeruch, ihm fehlt die linke Gesichtshälfte, Mandeln, ihm fehlt die linke Hand.“

Der Hauptplot um die Operation Nemesis ist, unter der erwähnten Tatsache, dass man so wenig wie möglich darüber weiß, ein spannend zu lesendes Stück (Krimi)- Literatur, den man unter den Begriff der Semifiktion einordnen kann, denn die Tatsachen, die von Arndt meinem Vernehmen nach sehr detailliert recherchiert hat, werden wunderbar in die fiktionale Ermittlerarbeit von Kommissar Eckart eingebunden. Sollten jedoch die Operation Nemesis und deren Taten schon bekannt sein, kann man umso mehr die wunderbare Atmosphäre einatmen, die dieser Roman versprüht. Die Sprache ist klar, kommt ohne große Umwege und Schnörkel zum Ziel, lässt dabei aber kaum Details aus, was den Leser an manchen Stellen ganz schön schlucken lässt (Stichwort Genozid und Kriegserlebnisse des Kommissars). Das Buch „Tage der Nemesis“ habe ich sehr gerne gelesen und kann es allen krimi- und geschichtsaffinen Lesern empfehlen. Es schloss die Lücke in meinem geschichtlichen Wissen bezüglich des Genozids und der Vertreibung der Armenier beziehungsweise hat dieses Wissen aufgefrischt. Der Plot ist, trotz der Tatsache, dass er wahren Tatsachen entspringt, spannend geraten. Man sollte aber keine wilden Verfolgungsjagden oder ähnliches erwarten, denn es ist trotz aller Spannung ein relativ ruhig gehaltener Roman geworden, der auf verschiedenen Wegen Beispiele der Grausamkeiten des 1.Weltkrieges wiedergibt und auch ganz nebenbei die Lage eines angespannten Europas einbindet, in welchem sich gerade entscheidet, wohin der Weg gehen wird.
An dieser Stelle geht mein Dank an den Ars Vivendi – Verlag und hierbei speziell an Frau Kolb für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. Zusätzlich habe ich durch dieses Buch einen Verlag kennen gelernt, der mir quasi vor der Haustür liegt und bei dem ich öfter mal schauen werde, was veröffentlicht wird.

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