[Rezension]: Julia Heilmann und Thomas Lindemann – Alle Eltern können schlafen lernen

Über Erziehungssprüche und wie sie einen in dem alltäglichen Umgang mit den eigenen Kindern behindern

„Aber hat irgendjemand gesagt, dass es leicht wird, Kinder zu haben? Nein. Na also. Der schwierige Weg macht außerdem glücklicher.“

Wer selber Kinder hat oder sich an seine eigene Kindheit erinnern kann, wird Sprüche kennen wie ‚Es wird erst aufgestanden, wenn du aufgegessen hast‘, ‚Wenn du im Dunkeln liest, bekommst du schlechte Augen‘ oder ‚Es wird gegessen was auf den Tisch kommt. Verfeinert werden solche Erziehungshilfen mit Allgemeinsätzen wie Kinder brauchen Grenzen oder Das verwächst sich. Sprüche die sich eingebrannt haben in die Köpfe der Kinder und die diese als Erwachsene an ihre eigenen Kinder weitergeben,. Das merke ich in bestimmten Situationen auch bei meinem Kind, indem ich ansetzen will und solche Sätze sagen möchte, einfach, weil einem in dem Moment nichts besseres einfällt. Meist kann ich mich im letzten Moment bändigen und solche Sprüche nicht von mir geben. Julia Heilmann und Thomas Lindemann sind selbst Eltern von 3 Kindern (2, nach eigenen Aussagen, sehr lebendige Söhne – 5 und 7 – und eine, zum Zeitpunkt des Buchschreibens, 1 jährige Tochter). Sie haben aus ihren Erfahrungen heraus ein Buch geschrieben, in dem sie sich die bekanntesten Sprüche vorknöpfen und auf ihren wahren Kern hin untersuchen, was zuweilen einer sehr amüsanten Feldstudie im eigenen Familienleben gleichkommt. Sie haben beide mit „Kinderkacke: Das ehrliche Elternbuch“ und „Babybeschiss: Wie Eltern über den Wickeltisch gezogen werden“ schon zwei, teils sehr erfolgreiche Bücher herausgebracht, in dem sie, wenn man nach den Titeln geht, aller Wahrscheinlichkeit kein Blatt vor den Mund nehmen.

Dieses Buch, wenn auch im Titel gemäßigter, ist in meinen Augen eine freche Anspielung auf das allseits beliebte Ratgeberbuch „Alle Kinder können schlafen lernen“. Ich habe es selber noch nicht gelesen (und werde es wohl auch nie), aber es ging den beiden Autoren sicher auch darum, mit dem Titel auf eine Problematik anzuspielen: das man versucht sein Leben mit Kind mit einem Ratgeber so einzurichten, dass das Kind am wenigsten nervt – allgemein und sehr pauschalisierend ausgedrückt. Dazu gehören auch die weiter oben genannten Sprüche, die einem immer wieder einfallen, wenn man sich darum bemüht, dass Kind ruhig zu stellen oder wenn man keine Nerven hat, dem Kind die Welt zu erklären und es mit einfachen, pauschalen Aussagen abspeist. Ich bin der Meinung, dass man den beiden, was Kindererziehung angeht, nichts mehr vormachen muss, da sie mit 3 Kindern in den Dingen des Alltags gestählt sind. Das zeigen die beiden auch, indem sie bekannte und weniger bekannte Sätze in diesem Buch durch eigene Erfahrungen so widerlegen, dass man Ende eines jeden Kapitels sagen muss: „Diesen Satz sage oder denke ich nie wieder“. Natürlich sind das ganz speziell Erfahrungen von den beiden und das muss nicht jeder genauso durchmachen, schon allein, weil die beiden mit ihren Kindern mitten in Berlin leben und somit ganz andere Bedürfnisse beziehungsweise Probleme haben, als Eltern, die mit ihren Kindern auf dem Land oder in der Vorstadt leben. Doch in den allgemeinen Dingen, die zum Beispiel das gemeinsame Essen, die Rücksicht auf andere Menschen oder der respektvolle Umgang untereinander betreffend, zeigen sie auf, dass viele Sätze, die in diesem Zusammenhang gesagt werden, den Kindern einfach nicht helfen.

Das Buch ist so aufgebaut, dass Julia und Thomas kapitelweise ihre Sicht der Dinge auf die das jeweilige Kapitel überschriebene Erziehungsweisheit eingehen. Sie zeigen anhand ihres ganz normalen, chaotischen Alltags wie man es anders, aber nicht unbedingt besser, machen kann. Sie speisen einen dabei nicht einfach mit allgemeinen Tipps ab sondern geben ihre ganz eigenen Erfahrungen aus dem Alltag mit 3 Kindern wieder, denen man sich annehmen kann, aber nicht muss. Letztendlich muss jeder auf sein eigenes Bauchgefühl hören und auf die Bedürfnisse des eigenen Kindes eingehen, die von Kind zu Kind unterschiedlich sind. Nimmt man sich im Allgemeinen den Hinweisen der beiden an, macht es das Leben in vielen Punkten entspannter und man geht lockerer mit seiner Umwelt, seinen Kindern und auch mit sich selbst um. In diesem Sinne sollte man das Buch nicht als Ratgeber denn als lustige Anektodensammlung verstehen, von Eltern für Eltern geschrieben und als kleiner Seitenhieb auf viele Ratgeberbücher zu verstehen ist, die auf dem Markt sind und das Leben mit Baby, Kleinkind und Kind erleichtern sollen und eigentlich größtenteils absoluter Quatsch sind, wenn man auf sich selbst hört.

Ich fand, dass das Buch locker und witzig geschrieben. Es gab keinen erhobenen Zeigefinger, der einen moralisch auf den rechten Pfad bringen sollte. Auch wenn in meinem Leben bisher (nur) 1 Kind umhertobt und manchmal meine Nerven strapaziert mit seinem eigenen Ich, kann ich viele Dinge, die die beiden ansprechen mit einem Schmunzeln im Gesicht einfach nur abnicken. Dieses Buch ist für Eltern und ebenso für Nichteltern interessant. Für Eltern vor allem, weil sie sich in den Zeilen wieder erkennen. Und die, die noch keine Kinder haben? Die können sich mal ein Bild machen, wie chaotisch, aber trotzdem organisiert, wie nervenaufreibend, aber trotzdem glücklich der Alltag mit Kind sein kann. Es wirkt nicht abschreckend, sondern ermunternd, dass ein Leben mit Kind zwar anders, aber lohnenswert ist. Letztendlich muss das jeder für sich selbst entscheiden, doch kann ich für mich sagen, dass ich glücklich bin, mich für ein Leben mit Kind entschieden zu haben, auch wenn man für dieses Leben auf einige Dinge verzichten muss.

An dieser Stelle ein dickes Lob an die Marketingabteilung vom Atlantik-Verlag, die mit ihrer Aktion, ausgewählten Bloggern ein dickes Werbepaket zuzusenden, auf sich aufmerksam machen konnten. Dadurch habe ich einen kleinen feinen Verlag kennen gelernt, bei dem es schwer wird, einen Bogen um die Bücher zu machen, die da verlegt werden.

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