[Rezension]: Wolf S. Dietrich – Fische lügen nicht

Ein Krimi mit landschaftlichen Schwärmereien
Vor 3 Jahren, bei einem Urlaub im Harz, hatte ich mir ein Buch gekauft, welches regional behaftet war. Den Harz betreffend fiel mir sofort ein schön gestaltetes Sagenbuch auf und dieses Thema passt ja zum Harz, wie die Faust auf das Auge. Vielleicht stelle ich das bei Gelegenheit auch mal auf dieser Seite vor. Was hat das nun mit diesem Buch zu tun? Ganz einfach: Seitdem habe ich mir vorgenommen mir an jedem Urlaubsort beziehungsweise in jeder Region, in der ich mich erholend aufhalte, ein Buch zu kaufen, dessen Handlung in diesen Gefilden spielt oder das einen regionalen Bezug hat. Letztes Jahr habe ich an der Müritz Urlaub gemacht und da ist mir beim Besuch im lokalen Buchladen sofort dieser Titel aufgefallen. Da ich im Laufe der Monate nicht dazu kam, dieses Buch zu lesen, habe ich mir weiterhin vorgenommen, die Bücher, die ich in dem einen Urlaub gekauft habe, im nächsten Urlaub zu lesen. Somit kann ich euch nun diesen lockerleichten Krimi, der in der Müritzregion spielt, vorstellen.
Wolf S. Dietrich lebt in Göttingen und hat, wenn man das Buch von ganz hinten aufschlägt, eine passable Anzahl an Kriminalromanen verfasst, die meist in seiner Heimatregion spielen, aber auch andere Ortschaften einschließen. So auch die Müritz. In diese Region hat sich Wolf S. Dietrich nach eigenen Aussagen dermaßen verguckt, dass er sie in einem Roman würdigen wollte. Das ist ihm, was die landschaftlichen Aspekte betrifft, besonders gut gelungen, da ich nach einem Jahr sofort die Region und ihre besondere Beschaffenheit alleine durch seine Beschreibungen wieder vor Augen hatte. Doch bevor ich euch meine Meinung weiterreichen möchte, soll eine kurze Inhaltsangabe erfolgen.
Hanna Wolf, von Beruf Hauptkommissarin in Hessen, macht in der Müritzregion mit ihrem Freund Jonas Urlaub. Eigentlich möchte sie sich erholen und von den Strapazen ihres Alltags etwas Abstand gewinnen. Doch schon am Tag ihrer Ankunft, als sie im Restaurant etwas essen wollen, ist es vorbei mit der Erholung und die Ermittlungsinstinkte sind wieder voll da. Was ist passiert? In der Küche des Hotels, in der Hanna Urlaub macht, hat der Koch bei der Zubereitung eines frisch gefangenen Fisches einen makabren Fund im Innenleben des Fisches gemacht – ein abgeschnittenes, menschliches Ohr. Sofort treten die Fragen auf, zu wem dieses Ohr gehört und wo der Rest dieses Menschen ist. Die Ermittlerin nimmt sich dieser Sache diskret an und wendet sich an die ortsansässige Polizei und gerät dabei an einen etwas, sagen wir mal bequemen, Kollegen. Doch bald nimmt die Geschichte Ausmaße an, die das Leben von Hanna, ihrem Freund und auch des freundlichen Kollegen von der Müritz bedroht, denn im Hintergrund spinnt eine Geheimorganisation ihre Fäden, die unter allen Umständen diesen Fall geheim halten und alle, die an einer Auflösung interessiert sind, zum Schweigen bringen möchte. Als dann noch ein Redakteur einer Zeitung aus Waren entführt wird, der ebenfalls in diesen Fall involviert und ein Freund von Jonas ist, läuft die Sache vollends aus dem Ruder. Dass die Lösung des Falls gar nicht in der Gegenwart liegt, sondern in der DDR- Vergangenheit der Region zu suchen ist, macht die Rettung des Redakteurs nicht einfacher. Als der Tote gefunden wird, dem das Ohr aus dem Fischmagen zugeordnet werden kann, und dessen Identität geklärt ist fallen die Puzzlesteine nach und nach zusammen und ergeben ein Gesamtbild über ein erschreckendes Einzelschicksal aus DDR- Zeiten.

Mehr möchte ich an dieser Stelle über die Handlung nicht verraten, da ich euch das Vergnügen, die diese Lektüre bereitet, nicht nehmen möchte. Es ist ein angenehm wohltuender Krimi, der zu Beginn mit der DDR- Vergangenheit einiger Figuren und der Verbindung zur Gegenwart anscheinend dick auftragen will, sich dann aber eines besseren besinnt und das Ganze relativ banal auflöst. Es entsteht aber im Verlaufe des Buches eine fein ausbalancierte Melange aus Stasimachenschaften und was es mit den Menschen, die davon betroffen waren, anrichtete, aus einer Ermittlung in einem Kriminalfall, der sich als direkte Folge der DDR- Vergangenheit entpuppt und aus feiner Beobachtungsgabe des Autors, was die Müritzregion betrifft und die er in den Urlaubs- „Alltag“ von Hanna und Jonas einfließen lässt. Man merkt vor allem, dass da einer schreibt, der gerne in dieser Region Urlaub macht und sich dabei in diese spezielle Landschaft und deren Ortschaften verguckt hat. Das dabei der Krimi etwas in den Hintergrund rückt und man eher das Gefühl hat, einer Urlaubsreise beizuwohnen, die nebenbei mit Ermittlungen aufgeladen wird – geschenkt. Es macht einfach Spaß, den Worten zu folgen und die Geschichte in sich aufzusaugen. Das man zum einen sehr früh weiß, wer die Morde begeht und zum anderen die Auflösung sehr banal ist – ebenfalls geschenkt. Man bekommt einen kleinen Einblick in die Abläufe der Stasi und wie diese zu DDR- Zeiten gearbeitet haben könnte. Da der Autor sicher keine direkten Erfahrungen vorzuweisen hat, wird er sicher auf umfangreichere Recherche zurückgegriffen haben, die er facettenreich in die Geschichte einzubetten versteht und daraus eine Mordserie in der Gegenwart konstruiert.
Insgesamt ist dieses Buch eines, was sich für mich persönlich gelohnt hat, da es mich noch einmal an die Müritz und deren Anlieger gebracht und somit an meinen Urlaub vom letzten Jahr erinnert hat. Allgemein kann ich dieses Buch empfehlen, da es locker und leicht daher kommt und keine großen Ansprüche stellt. Der Kriminalfall ist einfach gehalten und schnell erzählt. Doch die Einzelschicksale, die dieser Geschichte hinten anstehen, berühren den Leser und ich kann mir vorstellen, dass es manchen so gegangen sein muss, wie es da beschrieben wird. Man sollte jetzt auch nicht gleich aufschreien, dass man nicht schon wieder ein Buch lesen möchte, dass die DDR- Vergangenheit zum Thema hat. Es ist ein Aufhänger für die Geschichte und wird deshalb auch thematisiert, aber es wird einem keine Moralkeule über den Kopf geschwungen, wie schlimm denn alles damals war. Diese Vergangenheit wird nur dazu genutzt, das Schicksal zweier Menschen darzustellen, die aus verschiedenen Beweggründen von unterschiedlichen Personen in die Mühlen der Stasimaschinerie geraten. Nicht mehr und nicht weniger.
P.S.: Hat jemand von denen, die hier mitlesen, einen Tipp, was ich für ein Buch kaufen kann, welches sich mit der Region Thüringer Wald und da vielleicht speziell dem Rennsteig beschäftigt (es kann ein Sagenbuch, aber auch ein Roman sein)? Als ich da vor kurzem Urlaub gemacht habe, hatte ich keine Zeit, mir mal in einem Buchgeschäft die Auswahl der da beheimateten Bücher anzuschauen und eine Recherche danach hat bis jetzt nichts gebracht. Vielleicht kann mir jemand weiter helfen.

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