[Rezension]: Mirko Bonné – Nie mehr Nacht

Wie ein Mensch sich selbst verliert

„Was mir allmählich dämmerte, wusste sie längst: Das Blatt, mit dem sich alles wenden würde, war für sie zu schwer. Jesse würde es anheben müssen, das für seine Mutter zu schwer gewordene Blatt würde er in die Höhe stemmen und die Seite umschlagen. Mit ihrem Sohn begann ein neues Kapitel.“

„Nie mehr Nacht“ ist mir durch den ganzen Trubel um den deutschen Buchpreis 2013 und die Nominierung für die Shortlist zuerst unter die Augen gekommen. Doch erst durch die Aktion „5lesen20“, die von Mara von buzzaldrins ins Leben gerufen wurde, macht mir das Buch schmackhaft. Durch die vielen Besprechungen, die ich letzten Herbst gelesen habe, setzte ich mir dieses Buch auf den Wunschzettel zu Weihnachten und nun habe ich es endlich als letztes meiner Buchgeschenke fertig gelesen (Ende Mai war das). Ein sehr interessantes Buch, welches etwas düstereren Gedanken nachhängt, was, wie man es in vielen Besprechungen zur Shortlist entnehmen konnte, ein zentrales Thema des Buchpreises 2013 war. Auch wenn ich das Gewinnerbuch von Teresa Mora noch nicht gelesen habe, so kann ich aufgrund der Konzeption von diesem Buch verstehen, warum Mirko Bonné letztendlich nicht gewonnen hat. Insgesamt ist es ein Buch geworden, welches mit einer lockeren Sprache, das Thema Sterben und den Umgang der Hinterbliebenen mit dem Tod einer wichtigen Person aus dem Verwandten und Bekanntenkreis auf einer Stufe vermittelt, dass man es versteht und trotz allem den Menschen, die sich durch tragische Ereignisse selbst verlieren, nicht näher kommt.

„Wer hasste, kämpfte im Stillen mit einem Widersacher, den er sich einverleibt hatte. Da ich aber kämpfte, ja mich nicht mal mit jemandem maß, sondern jedem Kräftemessen aus dem Weg ging, trug ich auch keinem etwas nach, grollte niemandem und hasste keine Menschenseele außer manchmal vielleicht mich selbst für mein ewiges Verdrängen.“

Markus Lee hat seine Schwester Ira verloren. Sie hat sich in Ihrer eigenen Garage mit den Abgasen ihres Autos umgebracht, weil sie mit dem Leben, dass sie führte nicht zurecht kam. Sie die rastlose, die auf der ganzen Welt nach Antworten gesucht und nie gefunden hat, wie sie ihr Leben zu führen hat. Mit Jesse hinterlässt sie ein Kind im Teenageralter, um das sich die Eltern von Ira und Markus kümmern. Sie haben ihr eigenes Haus verkauft, und sind in das Haus gezogen, in dem Ira mit ihrem Sohn gelebt hat, um Jesse durch einen Ortswechsel nicht noch mehr zu verunsichern. Markus bekommt durch seine Arbeit als Zeichner von Kevin Brennicke – ein ehemaliger Schulfreund von ihm – einen Auftrag, für sein Magazin Zeichnungen von Brücken in der Normandie anzufertigen, die während der Invasion der Alliierten im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle spielten. Diese Gelegenheit wird dazu genutzt, dass Markus mit seinem Neffen in die Normandie fährt, da zur selben Zeit, in der Markus seinen Auftrag abarbeiten soll, Niels Jul – der beste Freund von Jesse – mit seiner Familie übernachtet. Mit dieser Ferienreise sollen gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden, denn Markus hat eine Übernachtungsmöglichkeit, Jesse ist für ein paar Tage abgelenkt und kann etwas mit seinem Onkel unternehmen, da die beiden noch nie viel miteinander verbunden hat. Diese nicht vorhandene Bindung zwischen wird schon während der Anfahrt in die Normandie offen gelegt, als es zu mehreren Streitereien und Sticheleien zwischen den beiden kommt. Als die beiden angekommen sind, beziehen Markus und Jesse ihre Zimmer in dem Hotel, dass die Eltern von Niels für eine bestimmte Zeit betreuen. Während der ersten Tage in der Normandie vergräbt sich Markus immer mehr in seine Arbeit, doch sie will ihm nicht so recht gelingen. Immer wieder driften seine Gedanken entweder zu irgendwelchen imaginären Kampfhandlungen aus dem 2.Weltkrieg ab oder zu dem Tod seiner Schwester. Er verliert sich zusehends in sich selbst und kapselt sich immer mehr von seiner Umwelt ab. Als die Juls ihre Zelte in dem Hotel abbrechen und Jesse wieder mit nach Hamburg zurück nehmen, ist die Zeit für Markus gekommen, alle Zelte hinter sich abzubrechen und ein Leben in der Einsamkeit in dem Hotel in der Normandie zu führen, um seine Gedanken zu ordnen, was und wohin er überhaupt will. Doch er entgleitet sich immer mehr, Besitztum wird für ihn zu einem Graus und er stößt alles ab, was er je sein eigen genannt hat. Biegt er in einen Weg ein, der dasselbe Schicksal für ihn auserkoren hat, wie für seine Schwester? Gibt es noch Rettung für ihn? Und wer ist diese mysteriöse Frau auf dem Foto, die er bei einem Einkauf an einer Kasse gesehen hat und die seiner Schwester zum verwechseln ähnlich sieht?

„Ich wusste selber nicht, was mit mir los war. Weder ging ich nach einem bestimmten Plan vor, noch wollte ich mich oder jemanden sonst für irgendetwas bestrafen. Ich mochte das Gefühl, immer leichter zu werden, an immer weniger denken zu müssen, das war eigentlich schon alles.“

Wenn man sich den Inhalt grob vor Augen führt, ist das eigentlich ein Buch, welches einen durch seine bleischwere Melancholie und Sehnsucht nach Einsamkeit erdrücken müsste. Auf einer gewissen Ebene möchte man immer wieder das Buch zuklappen, weil man den Weg, den Markus beschreitet, für nicht gut befindet. Man will ihm zurufen, er möge aufhören mit seiner Selbstzerstörung und seinem Trip sich von allen und allem zu entfernen. Doch auf der anderen Seite lässt sich dieses Buch gut lesen, denn es ist auf eine gewisse Art und Wiese und trotz der Melancholie, die immer wieder durchscheint, auch ein verschmitztes Stück Literatur, aus dem man Hoffnung schöpfen und für sich selbst ableiten kann. Es hat einen latent lustigen Unterton, ganz so, als würde jemand die Szenerie beobachten und die ganze Zeit belustigt den Kopf schütteln über das Gesehene. Doch insgesamt sticht die Tatsache hervor, wie der Tod einer wichtigen Person im Leben eines anderen Menschen, selbst Monate nach dem Ereignis, immensen psychischen Schaden anrichten kann und wie dieser Mensch, als er sich selbst nicht mehr richtig zu retten weiß, durch Zufälle, wie sie nur das Leben schreibt, gerettet wird.
Die Richtungslosigkeit, die Markus Lees Leben erfasst hat, wird durch Mirko Bonné sehr schön erfasst und niedergeschrieben. Besonders einprägsam ist dabei aufgeschrieben, wie seine Hauptfigur versucht, durch seine Arbeit Struktur in seinen Alltag zu lassen, was ihm aber zusehends weniger gelingt. Gerade dieser schleichende Verfall von Markus Lee ist gut eingefangen und man leidet regelrecht mit Markus mit. Das dabei alle anderen Figuren etwas mehr an den Rand gedrängt werden und kaum Raum bekommen sich genauso zu entfalten wie Markus kann man bei diesem Buch irgendwie verschmerzen.
Trotz oder gerade wegen der Melancholie und der scheinbaren Schwere kann ich das Buch leichten Herzens weiter empfehlen. Die Sprache ist klar und rein, das Buch zieht einen trotz der Thematik nicht herunter und es liest sich erstaunlich schnell weg. Wer in seiner Familie schon einen tragischen Verlust zu beklagen hatte, wird sich mit der Figur von Markus Lee sicher mehr auseinandersetzen als ich das kann.
Insgesamt gesehen kann ich verstehen, warum dieses Buch den Deutschen Buchpreis nicht gewonnen hat. Da waren sicher auch bessere, mit einem höheren künstlerischen Anspruch vertreten. Aber die Nominierung für die Shortlist 2013 ist auf alle Fälle gerechtfertigt.

„Etwas entscheidendes hatte sich verändert. Gespräche führten zu nichts mehr. Darum gab es kaum noch welche. Die paar Menschen, mit denen ich mich hatte austauschen können, lebten entweder nicht mehr oder waren nicht mehr erreichbar – was auf dasselbe hinauslief. Und die, mit denen ich über SMS noch in Kontakt stand, kannten mich nicht oder nur kaum und hatten nur wenig Interesse daran, einem wie mir zu helfen. Denn sie wussten, sehr genau sogar, einer wie ich sprang ihnen ebenso wenig zur Seite, sobald sie in einer ähnlichen Situation waren.“

Weitere lesenswerte Besprechungen, die ich zu diesem Buch in der Blogwelt finden konnte:

– bei Schöne Seiten von Caterina
– bei buzzaldrins von Mara

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