[Rezension]: Luca di Fulvio – Der Junge der Träume schenkte

Ein Cocktail aus Wohlfühlroman und rohen Gewaltdarstellungen

Dieser Roman ist mir eher durch Zufall in den Schoß gepurzelt, als das ich ihn unbedingt hätte lesen wollen. Zu dem Zeitpunkt als ich mir das Buch kaufte, wollte ich mir einfach ein Wohlfühlbuch zu Gemüte führen. Doch bevor ich anfing zu lesen, hatte ich einige Kritiken und Besprechungen zu diesem Werk gesehen, die mich einerseits abschreckten, aber andererseits dem Buch eine weitere Ebene hinzufügten, die es interessanter werden ließen, als ich zuerst annahm. Darauf möchte ich später näher eingehen. Jedenfalls lag das Buch über ein Jahr im Schrank, bevor ich mich traute, es in die Hand zu nehmen und zu lesen. Und was soll ich sagen? Ich konnte mich diesem Sog aus Gewalt, Liebe und familiärer Wärme nicht entziehen und habe das Buch innerhalb weniger Tage ausgelesen. Es gab manche Passagen, die mir nicht gefallen haben, aber in der Summe ist es ein lesenswertes Buch über einen jungen Mann, der mit seiner Gabe die Menschen verzaubern kann. Worum geht es in diesem Buch im Allgemein? Zuallererst um die Liebe zweier Menschen, die sich immer wieder aus den Augen verlieren und doch nah beieinander sind und gegen alle Stürme, die ihnen entschlagen, gewappnet sind. Doch es mischen sich viele andere Dinge unter diese Liebesgeschichte. Da werden Entwurzlungen beschrieben. Es geht um das Leben in einer neuen, fremden Welt, um Entscheidungen und wie sie das weitere Leben beeinflussen, um Freundschaft und Verrat, um Neid und Missgunst und wie diese einen Menschen auffressen und zerstören können. Man sollte an dieser Stelle annehmen, dass es dem Ganzen zu viel wird und es ein Buch ist, in welchem vor überladenen Szenen nur so wimmelt. In gewissen Passagen ist das auch der Fall, doch in der Summe präsentiert uns di Fulvio ein waschechtes ausgewachsenes Epos um eine junge italienische Frau, die gezwungenermaßen nach Amerika auswandert und ihr Leben allen Widerständen zum Trotz gestalten kann, und deren titelgebendes Kind, der mit einer Gabe ausgestattet ist, die die Menschen träumen lässt und die ihn vor einer Karriere als Gauner des New Yorker Untergrunds bewahrt.

Dieser Roman ist zeitlich zweigeteilt aufgebaut. Der zeitlich frühere Teil spielt in einem Rahmen ab 1909. Wir lernen das Mädchen Cetta kennen, die von ihrer Mutter zu einem Krüppel gemacht wird, um einer Vergewaltigung durch den Gutsherren zu entgehen. Dieses Vorhaben gelingt der Mutter, doch eine Vergewaltigung ihrer Tochter durch einen anderen Gutsherren kann sie trotzdem doch nicht verhindern. Aus dieser Vergewaltigung entsteht Natale. Mit der Schmach der Vergewaltigung und weil Cetta ihrem Sohn ein Leben in ständiger Abhängigkeit von irgendwelchen Gutsherren ersparen und ihm ein besseres Leben ermöglichen möchte setzt sie sich in den Kopf nach Amerika zu fliehen, denn wo, wenn nicht in Amerika soll das funktionieren? Sie setzt ihren Plan in die Tat um, doch da sie kein Geld hat muss sie ihren Körper verkaufen um ihr Ziel zu erreichen, was sie demütig hinnimmt. Kaum in New York angekommen wird sie bei der Einwanderungskontrolle von einem Edelbordellbesitzer aufgenommen, der sogleich ihre Dienste in Anspruch nehmen will. Da sie sich aber weigert ihren Jungen, der bei der Einwanderungskontrolle den Namen Christmas in seinen Pass gestempelt bekam, zur Adoption freizugeben, wird sie in die Hände des skrupellos erscheinenden Sal gegeben. Der bringt sie bei einem älteren italienischen Ehepaar unter und sie darf ihren Sohn behalten. Als Prostituierte muss sie aber trotz allem arbeiten. Sie fügt sich in ihr Schicksal, welches sie zum Wohle ihres Kindes auf sich nimmt. In den nun folgenden Jahren arrangiert sie sich in ihrem Job, verliebt sich in Sal , lernt die englische Sprache und eignet sich die amerikanische Mentalität an, ohne ihre italienischen Wurzeln zu vergessen. Als das alte Ehepaar, bei dem Cetta untergekommen ist, stirbt, überlässt ihr Sal zuerst den Wohnkeller, in dem das alte Ehepaar gelebt hatte und dann, als sich ihm die Möglichkeit bietet, verschafft er ihr eine eigene Wohnung im rasant wachsenden New York. Im Wechsel dazu erleben wir den mittlerweile 13jährigen Christmas, der mit den rauen Sitten der New Yorker Straßen zurechtkommen muss. Um Stärke gegenüber anderen Gangs, die in etwa im gleichen Alter sind, zu beweisen gründet er mit Santo, seinem besten Freund, zusammen eine Straßengang namens Diamond Dogs, die es aber aufgrund verschiedener Gründe nicht über den Status Gründung hinausbringen, doch werden die Diamond Dogs in einem anderen Zusammenhang zu Berühmtheit gelangen. Das Schicksal führt den Jungen mit Ruth zusammen, die er auf der Straße gefunden hatte. Sie wurde von einem anderen Jungen namens Bill aus Neid und Missgunst (Ruth stammt aus einer reichen jüdischen Familie) vergewaltigt und verstümmelt. Christmas bringt sie in ein Krankenhaus, wo sie gut versorgt wird und die Wunden, jedenfalls die, die zu sehen sind, verheilen können. Aus diesem Ereignis heraus entsteht zwischen den beiden eine tiefe, innige Freundschaft, die unter dem Wohlwollen des Großvaters von Ruth erhalten bleibt. Als dieser stirbt, verlässt die Familie New York, um in Los Angeles ihr Leben weiter zu leben. Christmas verspricht ihr, als sie mit dem Zug den Bahnhof verlassen, dass er sie finden wird, egal wo sie ist. Weitere 5 Jahre vergehen. Christmas ist mittlerweile zu einem kleinen Straßengangster geworden und geht den harten Weg, den viele Emigranten in New York irgendwie durchlaufen müssen. Doch als er vom mächtigsten Gangsterboss New Yorks entführt wird, um Informationen aus Christmas über die Diamond Dogs herauszupressen, setzt er unter Todesangst seine Fähigkeit ein, die Menschen mit seinen Geschichten zu verzaubern und darüber hinaus zu versichern, dass die Geschichte mit den Diamond Dogs keine ernste Angelegenheit wurde. Aus dieser einen Situation heraus ändert sich das Leben von Christmas um 180°. Er findet eine Stelle als Technikassistent bei einem der großen New Yorker Radiosender, wird da zufällig entdeckt, als er heimlich eine Radiosendung einspricht, wird gefeuert und macht seinen eigenen illegalen Radiosender auf, um seine erfundenen Geschichten über die Diamond Dogs auf Sendung zu bringen. Der Rest ist dann der vielbesungene American Dream, der ihm von seiner Mutter immer wieder eingeredet wurde und der er nun träumen kann. Nur ein Mensch fehlt ihm noch zu seinem perfekten Glück und die er in all den Jahren nie vergessen hat. Jetzt macht er sich auf die Suche nach ihr…

Diesen Roman sollte man mit Vorsicht genießen und man sollte sich von dem lieblichen Titel/Titelbild nicht täuschen lassen. Gerade wenn man sich zu den Zartbesaiteten zählt ist manches, was der Autor in den Roman eingebaut hat, hart an oder sogar über der Schmerzgrenze des Ertragbaren was Gewaltdarstellungen betrifft. Ich habe manche Kommentare zu diesem Buch gelesen, die aus diesem Grund, wie die Gewalt in die Geschichte eingebaut ist, das Buch als schlecht einstuften und abgebrochen haben, weil sie es nicht ertragen haben. Das wird dem Gesamtwerk aber nicht gerecht beziehungsweise sollten die Kritikpunkte anders gesetzt werden. Das Buch deswegen als schlecht zu bewerten, nur weil darin Gewaltszenen vorkommen und man damit überfordert ist, greift zu kurz. Mir persönlich ist mit diesem Buch ein seltsames Zwitterwesen begegnet. Auf der einen Seite beschreibt der Autor dem Leser über die angesprochenen, sehr realistischen Gewaltdarstellungen, die zwar nur kurz auf einen einwirken, eine Realität, wie es sie zu dem Zeitpunkt der 20er Jahre des 20.Jahrhunderts in den westlichen Ländern gegeben haben mochte und die an Heftigkeit nichts vermissen lassen. Dem Gegenüber stellt di Fulvio alles um die Hauptfigur Christmas auf eine eher märchenhafte Stufe, ganz so, als ob eine Aura genau diesen Charakter beschützen will. Ich will damit ausdrücken, dass man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hat, dass diesem Jungen/jungen Mann etwas zustoßen wird und ebenso allen Menschen, die ihn umgeben. Alle meinen es gut mit ihm und bringen ihm auf seinen Weg voran. Ihm werden keine Steine in den Weg gelegt, die er mal umgehen müsste, um aus dieser oder jener Situation zu lernen. An manchen Stellen hat man ein wenig das Gefühl, dass er und die ihn umgebenden Leute es schwer im Leben haben, aber insgesamt wird es allen zu leicht gemacht, ihre Ziele zu erreichen, was im Endeffekt aber dem Titel des Buches und seiner Rührseligkeit wieder gerecht wird. Doch genau diese Mischung aus Gewalt und träumerischen Erzählungen macht dieses Buch für mich zu einem seltsamen Gebilde, welches sehr fragil wirkt und bedrohlich nahe daran ist einzustürzen und mir damit im Endeffekt das Buch zu vermiesen. Doch genau hier greift der Autor mit seiner wunderbaren Sprache ein. Er bekommt immer genau an den richtigen Stellen die Kurve und hält dieses wackelige Konstrukt in der Waage. Dabei hilft es einem, dass sich di Fulvio einer recht einfachen, aber trotzdem verzaubernden Sprache bedient, die einen durch die Geschichte trägt. Auf wunderbar sanften Sohlen schleicht man so durch das Leben von Cetta, Natala/Christmas, Ruth, Santo, Sal und all den anderen Personen, dass man am Ende fast traurig ist, genau diese Charaktere nun in ihrer Welt weiterziehen zu lassen, ohne zu wissen, was hinter dem Horizont der letzten Seite, die man gerade zugeklappt hat, auf sie wartet.

Als Fazit schließe ich für mich persönlich, dass ich mit „Der Junge der Träume schenkte“ ein schönes Märchen mit realistischem Einschlag gelesen habe. Die Gewalt, die an manchen Stellen einfließt, ist sehr hart beschrieben und für manchen sicher nichts. Doch wenn man über diesen Punkt hinweggeht oder diese Passagen einem weniger ausmachen, dann kann man dieses Buch auch „genießen“. Ich für meinen Teil werde mir diesen Autor im Hinterkopf abspeichern und weitere Werke von ihm zum Lesen vormerken.

Wie unterschiedlich die Meinungen zu diesem Buch ausfallen, könnt ihr in den folgenden Beiträgen und den daran anschließenden Kommentaren ablesen (in keiner bewertbaren Reihenfolge gelistet):
– bei Buchbesprechungen
– bei lesenacht
– bei nomasliteraturblog
– bei lesewiese

2 Kommentare zu „[Rezension]: Luca di Fulvio – Der Junge der Träume schenkte

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