[Rezension]: Manuel Niedermeier – Durch frühen Morgennebel

Konturen sind zu erkennen, aber das Gesamtbild verschwindet hinter dichten Nebelschwaden

„Ich sehe etwas, ich drücke ab und habe das Bild. In letzter Zeit interessiert mich vor allem, wie der Mensch seine Umwelt beeinflusst. Menschen sind noch immer selten auf meinen Bildern, da hat sich seit den frühen Fotos nicht viel geändert. Die Konsequenzen ihres Handelns schon.“

Ein Buch, das, wie man es von Nebel kennt, Konturen zeigt, doch weiter dahinter dringt man nicht vor. Es bleibt diffus. Man tastet sich in die Nebelwand hinein, läuft hierhin, dahin und doch kann man nur Umrisse erkennen. Nichts Konkretes offenbart sich, alles ist irgendwie in Watte gepackt und selbst die Geräusche kommen gedämpfter ans Ohr. So erging es mir auch in diesem Roman, der mir eine konturenhafte Geschichte präsentierte und sich nicht allzu weit in Details verliert. Wenn man das Redundante mag, sich viele Dinge noch selber im Kopf zurechtlegen möchte, dann ist man in diesem Buch gut aufgehoben. Bei mir persönlich erzeugte das Buch keinen besonderen Nachklang. Es wirkte auf mich seltsam „blutleer“ (nicht im Sinne von blutigen Taten gemeint) und spannungsarm und kreiste mir zu sehr um die Personen Clemens, John und Laura, die eine tragische Geschichte miteinander verbindet und die auch im Zentrum der Geschichte steht. Alles andere wurde weitestgehend ausgeblendet oder soweit verknappt erzählt, dass irrelevant für die Geschichte ist.

Worum geht es?
Clemens wird verhört. Verhört zu dem Tod von John, den er nicht verhindert hat, als dieser sich ins Eismeer stürzte. Diese Geschichte fängt mit dem Ende an und beschreibt uns mit Clemens einen Charakter, der sich hinter der Linse seiner Kamera „versteckt“ und die Momente die ihn bewegen für später auf Bildern konserviert. So, wie er das auch bei dem Sturz von John macht, mit dem er zusammen auf einem Forschungsschiff unterwegs war und eine Kajüte mit ihm teilte. John selber ist Meeresbiologe und will mit dieser Reise neue Forschungen über Belugawale betreiben, welche er in seine wissenschaftlichen Arbeiten einfließen lassen möchte, an denen er aktuell arbeitet und die kurz vor dem Abschluss stehen. John hat ein Problem, welches er nicht mit Clemens teilen möchte. Er schläft schlecht und ist deswegen unausstehlich mit seinen Launen. Er raucht viel zu viel und wirkt sehr nachdenklich. Das hat auch Auswirkungen auf Clemens, da er durch die nächtlichen Angstattacken von John ebenfalls nicht schlafen kann wirkt er gereizt und durch das enge Zusammenleben auf dem Schiff kann man sich auch nicht aus dem Weg gehen. Irgendwann mischt Clemens John Schlafmittel in sein Essen, damit beide ruhigere Nächte haben und besser miteinander auskommen. Irgendwann gesteht Clemens gegenüber John sein tun und entschuldigt sich dafür. Trotz dieses Vertrauensbruches rücken die beiden doch etwas näher zusammen und John erzählt ihm in Rückblenden von Laura und was ihnen beiden wiederfahren ist, kurz bevor John zu dieser Forschungsreise aufgebrochen ist. Diese schicksalhafte Begegnung mit Laura und allem was damit zusammenhängt bildet das zentrale Motiv und gipfelt in dem Selbstmord von John.

„Clemens öffnete die Umhäusung einer Laterne und entzündete sie. Licht und Schatten.“

Wie hat es mir gefallen?
Selbst nach ein paar Tagen, in denen ich den Leseeindruck habe sacken lassen können, weiß ich immer noch nicht, wie ich das Buch einordnen soll. Auf der einen Seite erzählt es eine Geschichte um einen kleinen Personenkreis in so einer sanften Art und Weise verknappt, dass man sich nicht davon abwenden will. Sie ist nicht aufgebauscht oder kitschig, sondern einfach nur eine Liebesgeschichte zwischen zwei Großstädtern und der Umgang mit einer Situation, die diese Beziehung scheitern lässt. Doch auf der anderen Seite ist es gerade diese Verknappung, die den Leser ein wenig verzweifeln lässt. In manchen Passagen, die die Forschungsreise betreffen, werden viele Dinge und Situationen nur gestreift, so dass man nur einen Hauch davon spürt. So gerät Clemens zum Beispiel in das eingangs erwähnte Verhör wegen einer anderen Tatsache als die der unterlassenen Hilfeleistung beim Sturz von John über die Reling des Forschungsschiffes. Doch das ist nur ein kurzer Moment, der wieder vergeht und man sich hinterher fragt, ob es wirklich statt gefunden hat oder ob es einfach nur ein Hirngespinst war. Ich bin zwar ein Leser, der Verknappungen beziehungsweise Weglassungen bevorzugt und nicht alles auf dem Silbertablett serviert haben möchte, aber in diesem Buch war mir das zu viel des Wenigen. Begeistert hat mich hingegen die Sprache des Autors, die gekonnt leichtfüßig durch den doch teilweise schweren und anstrengenden Stoff hindurchtänzelt. Insgesamt gesehen ist es nicht unbedingt ein Buch, was man gelesen haben muss. Wenn man weiß, auf was man sich einlässt, dann kann man es lesen und ist auch relativ flott durch. Mich hat es etwas ratlos zurück gelassen, da einzig das Momentum in der Mitte des Buches etwas an Spannung aufkommen ließ und dem Konstrukt an Geschichte etwas Halt gab. Das meiste jedoch blieb wie hinter einer Nebelwand diffus verborgen und hatte keine wirkliche Relevanz für den Fortlauf der Geschichte oder Auswirkungen auf die Figuren. Von der sprachlichen Seite würde es mich freuen, mehr von Manuel Niedermeier in Zukunft lesen zu können – sofern mich die Geschichte anspricht.

An dieser Stelle wieder einmal vielen Dank an den C.H.Beck Verlag für die Bereitstellung des Leseexemplars, wodurch es mir möglich war einen neuen interessanten Autor kennen zu lernen.

„Dass Berlin keine eigene Stimmung erzeugt. Es verstärkt nur die Stimmung, in der man sich befindet. Wenn es mir gut geht, dann sehe ich überall die super Sachen, die du hier machen kannst. […] Wenn es mir nicht gut geht, […] dann sehe ich die abgefucktesten Leute der gesamten Republik, ein ganzes Heer von ihnen, von der Stadt gefressen und zerkaut.“

Weitere Besprechungen zu diesem Buch findet man bei:
Literaturen
beastybabe

P.S: Wenn jemanden das Buch interessieren sollte, bitte eine Mail an mich. Einzige Voraussetzung: eine Gastrezension auf meinem Blog.

2 Kommentare zu „[Rezension]: Manuel Niedermeier – Durch frühen Morgennebel

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