[Rezension]: Christoph Werner – Marie Marne und das Tor zur Nacht

Schöne neue Traumwelt

Schlafen. Das wichtigste Bedürfnis des Menschen neben Trinken und Essen. Ohne Schlaf könnten wir nicht überleben. Jeder weiß, wie es sich anfühlt, wenn man mal eine Nacht durchgemacht hat und mehr als 30 Stunden auf den Beinen war – man ist körperlich und geistig vollkommen fertig und wünscht sich nur noch ein Bett, in dem man sich ausschlafen kann. In diesem Buch wird der Schlaf, den Menschen dazu nutzen ihre Gedanken ordnen und verarbeiten zu können, einem viel wichtigeren untergeordnet – der Zeit. Diese braucht man, um wichtige Dinge zu erledigen, um seinen Job zu machen, um sich in der Freizeit zu vergnügen und um nichts zu verpassen. Da kommt die Firma All Day Industries gerade recht. Diese bietet gegen ein nicht geringes Entgelt eine Möglichkeit an, den Schlaf so lange zu unterbinden, wie es für den einzelnen möglich ist. Die Risiken werden ausgeblendet und jeder, der es sich leisten kann, nutzt die Angebote der Firma. Dabei reagiert jeder Mensch unterschiedlich auf das Verfahren. Diese Unterschiede misst man mit einem sogenannten ADI- Wert, der angibt, wie lange eine Person nach einem ADI- Traum wach bleibt. Im Durchschnitt sind ein paar Tage im Wachzustand normal und alles, was in den 2- Wochenbereich hinein geht, ist überdurchschnittlich. Doch es gibt auch Menschen, die einen sehr hohen ADI- Wert aufweisen und Marie Marne ist eine davon. Bei ihr wird durch einen Zufall, denn sie darf mit 13 Jahren noch keinen ADI- Traum kaufen, ein Wert von 113 Tagen gemessen. Darauf wird Dr. Puck, der die Firma All Day Industries gegründet hat, aufmerksam und setzt einen Mann namens Mr. Phisto auf Marie Marne an, um einen teuflischen Plan in die Tat umzusetzen, der die Art und Weise, wie die Menschen ihr Leben führen, und vor allem ihren Tag/Nacht – Rhythmus für immer verändern würde.
Als Maries Vater in eine seltsame Trance fällt, die sich niemand erklären kann, hat Mr. Phisto das nötige Druckmittel in der Hand, um den Plan umzusetzen, der die Welt in Chaos stürzen kann. Marie glaubt die Geschichte von Mr. Phisto und lässt sich auf ein teuflisches Spiel ein, um ihren Vater zu retten.

Ich habe mit „Marie Marne und das Tor zur Nacht“ seit langem mal wieder ein Buch aus dem Bereich der Jugendliteratur gelesen. Bei mir hatte das Thema wie viel Wachsein ein Mensch durchhält Interesse geweckt. Vor allem wie man eine Gesellschaft durch die Methode, wie sie in diesem Buch vorgestellt wird, effizienter und arbeitswilliger gestalten kann. Bis auf das letzte Drittel des Buches, welches meine Bewertung vom sehr guten Gesamturteil etwas schmälert, hat das Buch dieses Thema sehr gut getroffen und auch für Jugendliche sehr gut aufbereitet. Vor allem wird es dem Leser nicht durch den sprichwörtlichen Präsentierteller schmackhaft gemacht, sondern immer sehr bedacht und in Nuancen eingestreut, denn im Vordergrund dreht sich die Geschichte um Marie Marne und ihre besondere Fähigkeit, die sie auch braucht, um im Kampf gegen Mr. Phisto zu bestehen und die Menschheit vor dem Schlimmsten zu bewahren. Dieser letzte Kampf und wie er zustande kommt ist dann auch das große Manko des Romans. Hier wendet sich der Autor zu stark von der Ausgangslage ab und beschreibt ein Katastrophenszenario, welches durch die vorher beschriebenen Grundvoraussetzungen zwar realistisch erscheint, aber im Zusammenhang mit der bis dahin präsentierten, ruhig erzählten Geschichte in einem mir widersprüchlichen Kontrast steht. Was mir wiederum gefallen hat, war die Tatsache, dass Christoph Werner am Ende nur Andeutungen macht, welche Mächte in Wahrheit hinter der Möglichkeit stehen, durch ADI- Träume so lange wach zu bleiben, wie es der eigene Körper vorgibt und somit einerseits Raum für Interpretationen lässt und andererseits einen Spielraum hat, ein eigenes Universum an Figuren und Geschichten rund um Marie Marne zu kreieren. Wenn es Fortsetzungen zu dem Buch in Zukunft geben sollte, wäre ich sofort dabei, denn es war in der Summe eine spannende Geschichte, die es nur zum Schluss hin übertreibt und die eine interessante Grundidee entwirft die das Leben der Menschen grundlegend verändert. Von der sprachlichen Seite merkt man, dass das Buch für Jugendliche gedacht ist. Es war mir an manchen Stellen etwas zu einfach gehalten, aber für die Zielgruppe genau richtig.

Insgesamt bietet das Buch ein interessantes Grundszenario und baut dieses behutsam auf. Gerade die Möglichkeit, sich durch ein spezielles Verfahren Wachheit zu erkaufen, würde in unserer heutigen, leistungsorientierten Gesellschaft wie eine Bombe einschlagen und die Leute in ein noch stärker arbeitsgetriebenes Umfeld befördern. Einzig das Ende des Buches passt nicht zur Ausgangslage, wobei in genau diesem Ende Dinge angedeutet werden, die auf eine Fortsetzung abzielen, auf die ich mich, sollte sie je erscheinen, sicher stürzen werde. Von meiner Seite gibt es eine klare Leseempfehlung für die angesprochene Zielgruppe zwischen 12 und 16 Jahren und an alle, die junggeblieben sind. Alle anderen, die sich nicht in diesen Kategorien wiederfinden, können aber ebenfalls einen Blick riskieren.

An dieser Stelle möchte ich dem Osburg-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars danken. Es hat mir vergnügliche Lesestunden beschert.

Eine kleine Auswahl an weiteren interessante Besprechungen habe ich euch mal zusammen gestellt:

Literaturen

Psychosemit

Ulfcronenberg

privatkino

Viel Spaß beim Stöbern.

4 Kommentare zu „[Rezension]: Christoph Werner – Marie Marne und das Tor zur Nacht

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