[Rezension]: Klester Cavalcanti – Der Pistoleiro (Die wahre Geschichte eines Auftragsmörders)

Verdrehte Moralvorstellungen

„Denn der Mann, den ich durchschnittlich ein Mal im Monat interviewen sollte, ist ein Auftragsmörder, der in fünfunddreißig Arbeitsjahren fast fünfhundert Menschen getötet hat. 492 genau, von denen 487 akribisch in ein Heft eingetragen wurden, mit Datum, Tatort, dem Betrag, den er für die Arbeit erhalten hat, und vor allem, den Namen der Auftraggeber und der jeweiligen Opfer.“

Von diesem Buch habe ich das erste Mal in einem Zeitungsartikel beziehungsweise Interview mit dem Autor in der Frankfurter Allgemeinen gelesen (siehe hier mit noch mehr Informationen zu diesem Buch) und war von dem Stoff, der als Interview angefangen hat, welches der Autor mit dem titelgebenden Pistoleiro geführt hat und in diesem Buch seine Vollendung fand, von Anfang an begeistert. Jahrelange Recherchen, um zu belegen, dass das, was Júlio Santana Klester Cavalcanti erzählt auch der Wahrheit entspricht, führten dazu, dass dieses Buch 7 Jahre nach dem ersten Interview 2006 erschienen ist (und 2013 in deutscher Übersetzung).

Alles begann an einem Nachmittag des 7.August 1971, als Júlio Santana seinen ersten Mord ausführte und von seinem Onkel Cicero dazu angestiftet wurde. Eigentlich sollte sein Onkel den Auftrag ausführen, war aber durch eine Malaria- Infektion so geschwächt, dass er Júlio darum bat, diesen auszuführen, da Cicero sonst selbst ein toter Mann gewesen wäre. Schweren Herzens macht sich Júlio an den Auftrag, der beinhaltet, jemanden aus dem Nachbardorf zu töten, der kurz zuvor die Tochter des Auftraggebers vergewaltigt hat und deswegen sterben soll. Zuerst weigert sich der junge Júlio, doch als sein Onkel sagt, dass er selber getötet wird, wenn der Auftrag nicht ausgeführt wird, ist der Bann gebrochen und Júlio willigt mit Bedenken ein. Cicero verspricht ihm, dass er ihn nach diesem Auftrag nie wieder mit dem Thema behelligen will. Doch es soll anders kommen, denn sein Onkel nimmt ihn eines Tages mit zu einer Mission, bei der Júlio mit seinen Ortskenntnissen Abgeordneten des Militärs helfen soll, vermeintliche Kommunisten im Busch aufzuspüren und festzunehmen. Wurde Júlio nach seinem ersten Mord noch von Albträumen geplagt, verschwinden diese unter einer Schicht Rohheit, die er jeden Tag durch die Machenschaften des Militärs zu sehen bekommt. Er stumpft bei seiner Tätigkeit immer mehr ab und nimmt das Grauen, welches ihn anfangs immer wieder verfolgte, einfach nicht mehr wahr. Die Wochen vergehen und Júlio verrichtet seinen Job so gut es geht und er kommt als geprägter junger Mann in sein Heimatdorf. Als erstes sucht er sofort seine Freundin auf, die er für den Job ohne Kommentar zurück lassen musste. Sie will mit Júlio nichts mehr zu tun haben und hat auch einen neuen Freund, da sie sauer auf ihn war wegen der Abreise ohne jeden Abschied. In diesem Moment bricht für Júlio eine Welt zusammen und er ist bereit das Angebot, dass ihm sein Onkel wenig später unterbreitet, ohne zu Zögern anzunehmen. Er nimmt ihn mit zu sich nach Hause und ehe es sich Júlio anders überlegen kann, steckt er mittendrin in einer Karriere als Auftragsmörder und vor unzähligen Morden an Männern, Frauen und auch Kindern.

„Aber auf einen Menschen zu schießen war neu für den Jungen – und unangenehm. Es war nicht dasselbe, wie Pacas, Wildschweine, Affen oder Hirsche zu jagen, damit Essen ins Haus kam. Nervös hockte er auf dem vom Regen am Vorabend noch feuchten Boden, stützte sein Gewehr zwischen seinen Beinen ab und ließ, an einem Paranussbaum gelehnt, revue passieren, was ihn in diese Lage gebracht hatte.“

Ich wusste worauf ich mich mit diesem Buch einließ und doch wurde mir stellenweise schlecht bei dem Gedanken daran, was uns Klester Cavalcanti für einen Menschen präsentiert. Ein Mensch, der ohne zu Zögern Menschen für Geld tötet und sich dabei mit ein paar Ave Marias und Vater Unser von seiner Schuld vor Gott wieder freizusprechen glaubt. Daneben führt er ein ganz normales Leben mit Frau und Kindern. Nur seine Frau weiht er nach der Hochzeit in seine Tätigkeit als Berufsmörder ein. Dabei sollte man nicht die Erwartungen in die Höhe schrauben, dass man den Berufsalltag eines Pistoleiros präsentiert bekommt. Darum geht es in diesem Buch nicht. Viel mehr wird uns ein Werdegang aufgezeigt, wie schnell man diesen Weg einschlagen kann und wie naiv es ist, anderen Menschen, die man zu kennen glaubt, zu 100% zu vertrauen. Mich hat vor allem die Tatsache erschreckt, mit welcher Leichtigkeit es dem Onkel Cicero gelungen ist den jungen Júlio zu dem ersten Auftrag zu überreden und wie, neben den ganzen Eindrücken, die Júlio sammelt, letztendlich aus einer Liebesenttäuschung und aus Habgier ein ganzer Lebensweg geprägt wurde. Um das alles dem Leser deutlich zu machen wählt Klester klare Worte, beschönigt nichts und lässt auch die schmerzhaften Stellen nicht weg. Am liebsten würde man in die Seiten springen und Júlio gehörig den Kopf waschen und das er mit dem Quatsch aufhören soll, den er da veranstaltet, doch man weiß es ja besser. Stellenweise liest sich der Tatsachenbericht wie ein Krimi, bei dem man hofft, dass die Hauptperson doch noch den guten Weg einschlägt.

Den Inhalt des Buches kann man in zwei Hälften teilen. Die erste, die auch den größeren Umfang hat, betrifft den jungen Júlio, seinen ersten Auftrag und seine Arbeit für die Militärdiktatur. Die eigentliche Arbeit des Pistoleiros wird in der zweiten Hälfte mehr angedeutet, als wirklich beschrieben. Júlio Santana lässt uns in kleineren Episoden in ausgewählte Aufträge blicken und zeigt uns anhand von Fällen, die ihm noch gut im Gedächtnis geblieben sind, wie sehr im die Arbeit eigentlich zusetzte. Doch, und das ist das eigentlich traurige an dem Buch, er konnte nichts anderes (jedenfalls hat er sich das immer wieder eingeredet) und war auf diese Art von Arbeit angewiesen beziehungsweise in ihr gefangen, damit Geld zum Leben bereit stand. Stolz war er darauf aber nicht. Wäre seine Frau nicht gewesen und hätte ihm mit der Scheidung gedroht, um ihm Druck zu machen, mit dieser Arbeit aufzuhören – er würde heute immer noch Menschen für Geld umbringen, um irgendwann reich zu sein, wie es ihm sein Onkel versprochen hat. Zum Glück konnte er davon ablassen und hat sich zur Ruhe gesetzt.

„Da spürte Júlio, was er niemals vergessen würde: ein eigenartiges Gefühl der Macht.“

Von meiner Seite eine absolute Leseempfehlung, die auch flattersatz von aus.gelesen und danares.mag mit ihren jeweiligen Beiträgen zu diesem Buch aussprechen.

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