[Rezension]: Suni-Mi Hwang – Das Huhn, das vom Fliegen träumte

DSC_0232Eine Fabel auf eine getriebene, normierte Welt von heute. Leider ohne zufriedenstellende Antwort

„Sprosse war der beste Name der Welt. Sprossen bildeten Blätter heraus, die von Wind und Sonne berührt wurden, bevor sie abfielen, vermoderten und zu Erde wurden, auf der wohlriechende Blumen wachsen konnten. Sie wollte aus ihrem Leben etwas machen, wie die Sprossen, die sich zu Akazien entwickelten.“

Sprosse ist ein Huhn in einer Legebatterie eines vermutlich dörflichen Bauenhofbetriebes. Sie hat von ihrem beengten Legeplatz einen der besten Blicke auf den Hof des Bauernpaares und schaut Tag für Tag voller Neid auf die Tiere, die sich frei im Hof bewegen können. Doch ihr sehnlichster Wunsch ist es, eines Tages ein Ei auszubrüten und nicht immer nur der Bauersfrau zu überlassen. Aus diesem Grund ist sie in den Hungerstreik getreten und nimmt sich vor, keine Eier mehr legen zu wollen, die ihr am Ende weggenommen werden und sie nicht die Chance besitzt aus diesen Eiern Nachwuchs zu brüten (was bei einer Legehenne wie ihr nicht möglich wäre, aber das weiß sie selber nicht). Als dem Bauernehepaar auffällt, dass Sprosse sich die Federn ausreißt, kein Futter mehr zu sich nimmt und keine Eier mehr legt, ist sie für ihr Geschäft nur noch schädlich und sie soll gekeult werden. Sprosse bekommt dieses Gespräch mit und Angst vor dem Keulen, doch verhindern kann sie es nicht.

Als Sprosse wieder aufwacht, befindet sie sich zwischen lauter toten Hühnern und wird von einer Wildente namens Streuner vor dem Wiesel, welches Sprosse schon auflauert, gerettet. Doch für Sprosse gibt es keinen Zufluchtsort mehr, da die Tiere im Hof sie nur geringschätzig als Legehenne bezeichnen, die nichts anderes zu tun hat außer Eier zu legen und ihrer Funktion beraubt, nichts mehr auf dem Hof zu suchen hat. Sie darf gnädigerweise eine Nacht bleiben, muss dann aber von dem Hof verschwinden.

Als sie dann einen neuen Ort sucht, den sie ein zu Hause nennen kann, findet sie eines Nachts ein verwaistes Ei. Sie hatte vorher einen Schrei vernommen, der nach Tod klang und den sie mit dem Wiesel in Verbindung bringt. Sie denkt sich aber nichts weiter dabei und hat das Verlangen, das Ei, dass sie gefunden hat, auszubrüten. Wenig später kommt Streuner zu dem Nistplatz und behandelt Sprosse ganz seltsam, beschützt sie aber auch, damit sie das Ei in Ruhe ausbrüten kann. Dieses Vorhaben gelingt letztendlich auch unter großen Opfern und Sprosses größter Traum hat sich schlussendlich erfüllt.

Eine Fabel! Wann habe ich das letzte Mal eine Fabel in den Händen gehalten? Es ist lange her und ich meine mich zu erinnern, dass es noch zu Grundschulzeiten war, als den Kindern menschliches Tun anhand von Tieren beigebracht wird (Stopp Gedankeneinschub, Englisch 6. oder 7.Klasse mit Farm der Tiere im Original – ist aber auch schon lange her). Irgendwie hatte es seine Gründe, warum ich so lange keine Fabel mehr angerührt habe. Jetzt kann ich, was Lesen einer Fabel im Erwachsenenalter angeht, auf meiner Zutun- Liste einen Haken setzen. Ich habe gemerkt, dass mir persönlich diese Art von Buch oder Geschichte nicht mehr liegt beziehungsweise das der Ansatz, den Sun-Mi Hwang mit ihrem Buch wählt in meinen Augen kein Guter ist. Für Kinder zu brutal und angsteinflößend, für Erwachsenen zu banal und einschläfernd.
Da wäre Sprosse, die im Zentrum der Fabel steht und die davon träumt, eines Tages ein Ei ausbrüten zu können und ihrer Legebatterie entfliehen zu können, was sie mittels glücklicher Umstände und Verweigerung auch schafft. Damit ist im Ansatz der Titel des Buches falsch gewählt, denn den Traum zu fliegen erwähnt Sprosse am Ende des Buches und das eher beiläufig – es passt also nicht wirklich und ein Bezug kann nicht hergestellt werden. Auf die menschliche Welt übertragen bedeutet Sprosses Handeln, dass sie ihrem monotonem Alltag in der Legebox (Arbeitsboxen in den Büros dieser Welt) entfliehen will und dafür von allen anderen, die ihre Arbeit weiterhin so erledigen, wie es von ihnen (der gesamten Gesellschaft im Kleinen wie im Großen) erwartet wird, missachtet und ausgestoßen wird. Einzig ein ebenfalls ausgestoßener Einzelgänger ist ihre einzige Stütze und Hilfe. Das sie sich trotzdem durch das Leben beißt hat sie ihrem Retter und ihrem starken Willen zu verdanken hat. Das kann man auch als Moral dieser Geschichte ansehen. Du kannst alles mit deinem eigenen Willen und ein wenig Hilfe von außen erreichen. Das ist mir im Endeffekt zu wenig, um zu begeistern und mich mitzureißen. Die Geschichte ist zwar anrührend geschrieben und hat auch die eine oder andere Stelle, die mir gefallen hat, aber insgesamt war mir das zu einseitig und, wie schon weiter oben erwähnt, zu banal. Im Endeffekt bleibt mir nur zu sagen, dass sich die Moral der Geschichte nicht bei mir festsetzen konnte und die Autorin mich nicht mitnehmen konnte mit dieser Fabel.

Vielen Dank an dieser Stelle an Dorota, die Bibliophilin, für die Bereitstellung des Buches. Bei ihr ist der Beitrag auch zuerst erschienen (siehe hier).

 

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