[Rezension]: Martin Gülich – Was uns nicht gehört

DSC_0234Über die Dinge im Leben, die einem Selbiges versauen

„Mein Leben hatte ein paar Schrammen abbekommen. Nichts Arges, aber doch genug, um mich ein wenig aus dem Tritt zu bringen.“

Jeder kennt es wahrscheinlich, dieses Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, abgestoßen von der Firma, vom Freund/der Freundin, von Bekannten oder von der Familie und wie sich das auf die Psyche und auf die Person auswirkt. Zwar bei jedem unterschiedlich, aber jeder wird mit dem Kopf nicken, wenn er Paul Epkes Geschichte hört, denn etwas ähnliches und in Mehrfachausführung passiert auch diesem Mann, der in seinen besten Jahren befindlich und nach treuem Dienst von seinem Chef Bernd Kremer persönlich entlassen wird. Die Geschäftslage lässt es einfach nicht zu und ähnliches Blabla bekommt er zu hören und dadurch, das Paul noch nicht so lange in der Firma gearbeitet hat, ist er auf der Abschussliste weiter oben zu finden. Er wird mit einer Abfindung und einer Lohnfortzahlung von acht Monaten abgespeist und findet sich mit der Situation ab, wird bequem, da er ja noch Zeit hat, einen neuen Job zu finden und lässt sich ein wenig treiben. Von seiner Frau Sonja ist er ebenfalls getrennt, da sie sich einen reicheren, in ihren Augen besser zu ihr passenden Mann gefunden hat. Das hält sie jedoch nicht davon ab, doch noch ab und zu bei Paul vorbeizuschauen und mit ihm zu schlafen. Auch diese Situation, bei aller Abscheu, genießt Paul sehr. Doch der Abwärtstrudel hält an, als er davon Wind bekommt, dass Walter&Kremer, die Firma, für die er 7 Jahre lang geschuftet hat, Insolvenz anmeldet und er mit seiner Austrittsvereinbarung von seiner Lohnfortzahlung keinen Cent mehr sehen wird. Somit ist er nun zum handeln gezwungen, sonst hat er bald kein Geld mehr. Bei seiner Stellensuche wird er bei der Bar Mahagoni fündig und darf für ein paar Stunden in der Woche an der Garderobe arbeiten. Kein sehr lukrativer Job, aber immerhin kommt dadurch ein wenig Geld in die klamme Kasse. An einem der Abende lernt er die Sängerin Marie Mercier kennen, die an mehreren Abenden in der Bar französische Chansons zum Besten gibt. Diese Musik und die Ähnlichkeit mit der Sängerin Mireille Mathieu lenkt ihm von dem ersten, etwas seltsam anmutenden Auftritt dieser Frau ab. Irgendetwas an ihr lässt ihn auf den Gedanken kommen, sie näher kennen lernen zu wollen und so beschließt er, als sie mit ihrem dritten Auftritt durch ist, mit ihr durchzubrennen und sie bei ihrer Fahrt quer durch Deutschland zu begleiten. Was zunächst wiedas größte Glück aussieht, entpuppt sich im Endeffekt auch nur als eine weitere Sackgasse in Paul Epkes Leben, nur das er das noch nicht sieht.

„Ich sah ihn an, und obwohl er ein durchaus freundliches Gesicht hatte, verspürte ich den dringenden Wunsch, ihn zu ohrfeigen, solange, bis er jedes einzelne Wir zurückgenommen hatte. Jedes Wir und jeden der albernen Jobs, die er wie Glücksverheißungen vor mir auf den Tisch ausgebreitet hatte.“

Martin Gülich versteht es, dem Leser die Geschichte um Paul Epkes auf eine eher leise, lakonische Art näher zu bringen. Auf den ersten Blick wirkt sie langweilig und man meint es passiert nichts, doch eigentlich prasselt eine Menge auf den Menschen Paul Epkes ein, doch er erträgt die ganzen Nackenschläge mit einer stoischen Ruhe, dass man ihn dafür bewundern möchte. Genau diese stoische Ruhe des Hauptcharakters bringt uns der Autor mit diesem Buch näher. Kein Ausrasten, kein Reflektieren über seine Zunkunft, nichts. Einfach ein treiben lassen und mal sehen, was als nächstes kommt. Da verliert der Mann seinen Job, seine Frau, hat bald kein Geld mehr zur Verfügung, wird des Arbeitsamtes verwiesen und nicht ernst genommen, seine alten Kollegen jammern ihm was vor, obwohl es ihnen besser geht als Paul Epkes selbst und dazu hat er noch einen dementen Vater in Behandlung, der ihn nicht erkennt und bei jeder Gelegenheit Fetzen der Vergangenheit von sich gibt. Man könnte jetzt einwenden, dass das für sein schmales Büchlein von nicht gerade mal 200 Seiten, ganz schön viel sein könnte. Doch Martin Gülich hält die Balance und überfordert den Leser nicht, denn meist wird nur in kurzen Sequenzen angerissen, was Paul Epkes gerade widerfährt und die Hauptgeschichte ein wenig mehr voran treibt. Mit Marie wird uns im Verlauf ein zweiter Charakter vorgestellt, der anscheinend mit beiden Beinen im Leben steht, doch, wenn man genauer hinsieht, sich genau so treiben lässt, wie Paul. Man könnte meinen, hier haben sich zwei gefunden und merken das auch. Und genau hier habe ich ein paar Probleme mit diesem Buch. Ich kaufe dem Autor vieles ab, doch das Durchbrennen mit Marie passte mir irgendwie nicht zu dem vorher vorgestellten Charakter von Paul Epkes. Er fängt die Situation zwar dann wieder ein und fährt genau so ruhig fort, wie vom Beginn gewohnt, doch leitet er das Buch mit einem Paukenschlag aus, bei dem man im ersten Moment dasitzt und denkt, der arme Paul, doch leider hat es Martin Gülich mit diesem Ende ein wenig übertrieben und was nicht zum Hauptton des Buches passen wollte, einfach weil es zu überraschend und zu abrupt eingebaut wurde. Es zerstört in meinen Augen den gesamten Aufbau der Geschichte. Insgesamt ist es kein schlechtes Buch, mit ein paar kleinen Macken. Wer einen ruhigen Erzählton mag und Geschichten gut findet, die einen eher traurigeren Grundton mit sich bringen, der ist bei Martin Gülichs „Was uns nicht gehört“ bestens aufgehoben. Mir hat die Geschichte bis auf das Ende zugesagt, was mich doch etwas ratlos zurückgelassen hat. Doch regt es den Leser auch zum Nachdenken an und wenn das ein Buch schafft, kann es ja nicht ganz schlecht sein.

Vielen Dank an dieser Stelle an Dorota, die Bibliophilin, für die Bereitstellung des Buches. Bei ihr ist der Beitrag auch zuerst erschienen (siehe hier).

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