[Rezension]: Walter Kirn – Blut will reden

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Buch mit Zeitungsausschnitt, der mich erst auf den Titel aufmerksam machte

Über einen Schriftsteller, der auf einen Geschichtenerfinder hereinfiel

„Ich hoffte, hier etwas zu lernen, mich zu wappnen. Ich hatte mich von ihm und seiner Show verzaubern lassen und bekam jetzt die Chance, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und seine Tricks erklärt zu bekommen.“

Walter Kirn, wie ich bei einer kurzen Recherche herausfand, ist der Autor des Buches „Up in the Air“, welches mit George Clooney erfolgreich verfilmt wurde. Bevor das Buch „Blut will reden“ in meinen Fokus kam, war mir der Autor regelrecht unbekannt. Wie bin ich dann überhaupt auf dieses Buch aufmerksam geworden? Durch einen Zeitungsartikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (siehe Foto im Beitrag und die Verlinkung), der genau dieses Buch und die Hintergrundgeschichte dazu thematisiert. Danach wollte ich dieses Buch unbedingt lesen und habe es nicht bereut. Sie behandelt weniger die Geschichte, wie Clark Rockefeller zu Clark Rockefeller werden konnte, sondern sie beleuchtet mehr eine seltsame Freundschaft, die gegen alle Unwahrscheinlichkeiten entstehen konnte und die eigentlich nur dem Zweck diente, dass Walter Kirn für Clark etwas an sich hatte, was er unbedingt brauchte.

Alles begann mit einem Hund, den Christian Gerhartsreiter, so Clark Rockefellers eigentlicher Name, adoptierte und den Walter Kirn aufgrund etwas seltsam anmutender Umstände überbringen wollte. Doch er sagt auch zu Beginn dieses Buches, dass er eine Geschichte in diesem Clark Rockefeller witterte, ganz so, als ob er schon zu diesem Zeitpunkt hinter die Fassade blicken konnte, die Clark Rockefeller um sich aufgebaut hat, und damit ahnte, was es eigentlich mit diesem eitlen und übertriebenem Getue von Rockefeller auf sich hatte. Doch zuerst ließ er sich von ihm mehrfach und über Jahre blenden und er war nicht der Einzige. Viele Weggefährten von Clark, Chris und all den anderen Namen, die er sich gab, fielen auf ihn rein. Er erfand immer wieder Geschichten, die beeindrucken sollten und die auch den reflektierenden Schriftsteller insofern ablenkten, dass er diese Geschichten nie anzweifelte und wenn doch Zweifel aufkamen, wurden diese verdrängt. Erst als alle Lügen und der ganze Schwindel aufflogen, wurden Kirn alle Phasen dieser Freundschaft bewusst und das im eigentlichen Sinne nichts davon der Wirklichkeit entsprach beziehungsweise das die Freundschaft nur einseitiger Natur und das Kirn für Rockefeller nur ein weiterer Baustein in seinem Lügengebilde war, der ihm zu etwas dienlich sein sollte.

Dieses Buch behandelt nicht den Lebensweg von Gerhartsreiter und vordergründig auch nicht warum er so wurde, wie er ist. Es ist viel mehr ein Zeugnis des Schriftstellers Walter Kirn, wie es passieren konnte, dass selbst ein Mensch wie er, der in Oxford und Princeton studiert hatte, auf so einen Lügner hereinfallen konnte und ihm seine Geschichten abkaufte, als seien sie die einzige Wahrheit. Dabei ist es notwendig, auf den Menschen Kirn einzugehen, was in diesem Buch auch geschieht,weshalb dieses Buch mehr eine Lebensgeschichte Walter Kirns ist, in dessen Zentrum die Freundschaft zu Gerhartsreiter gestellt wird und damit dieser Schwindler auf eine faszinierende Art und Weise entlarvt wird. Diese Freundschaft ist dabei fast das alleinige Zentrum dieses Buches und überblendet (fast) alle weiteren Punkte in Kirns Leben, so ist zum Beispiel seine Tätigkeit als Schriftsteller nur eine Bemerkung am Rande wert, ebenso sein Familienleben. Aber das macht dieses Buch zu keinem schlechten. Im Gegenteil, dadurch, dass Kirn das Wesentliche präsentiert und alles andere daran aufhängt, macht es richtig Spaß, diesem Weg zu folgen. Man sollte dabei aber keine hochspannende Literatur erwarten, bei der am Ende noch irgendeine Auflösung präsentiert wird. Wie Gerhartsreiter im echten Leben ein Falsches gespielt hat, so bleiben auch viele Andeutungen eben auch nur das. Es kann spekuliert werden, was Gerhartsreiter angetrieben hat und ob er die Dinge auch wirklich getan hat, die Kirn vermeintlich aufdeckt.

Man sollte sich diesem Buch wie einem Sachbuch nähern. Durch seine trockene und präzise Sprache, die viele Details beschreibt (manchmal auch zu detailliert), wird es auf manchen Leser abschreckend wirken. Mir hat es insgesamt gut gefallen. Es gab in meinen Augn keine Längen und ich wusste worauf ich mich einlasse, wenn ich das Buch beginne. Ich kann dieses Buch jedem ans Herz legen, die ein wenig Interesse an wahren Kriminalfällen haben und wie die Täter in den Augen anderer Menschen gesehen werden, die ihnen jahrelang nahe standen, ohne zu ahnen, wer er wirklich ist.

An dieser Stelle möchte ich mich beim C.H. Beck Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars bedanken. Es war mir wie immer eine Freude, eines ihrer Bücher zu lesen und zu präsentieren.

Wer Interesse hat, dieses Buch zu lesen, der kann dies gerne in den Kommentaren kundtun. Wenn mehrere Leute zusammen kommen, organisiere ich für Anfang des Jahres eine kleine Leserunde. Würde mich freuen, wenn ein paar mitmachen.

 

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