[Longlistlesen 2014] [Rezension]: Ulrike Draesner – Sieben Sprünge vom Rand der Welt

Die verlorenen Generationen

„Man konnte die Gegenwart durch die Vergangenheit nicht erklären, nur versäumen.“

„Als ich die letzte Spalte schluckte war es eine Kindheit später.“

Die Longlist ist schon lange Geschichte und auch die kurze Liste wurde mittlerweile von Lutz Seiler und seinem Roman „Kruso“ abgelöst, der als bestes Buch des Jahres gekürt wurde. Durch die Aktion „Longlistlesen 2014“ die von Vera (Die Bücherliebhaberin), Mara (Buzzaldrins) und Claudia (Das graue Sofa) in Koorperation mit dem „Deutschen Buchpreis“ ins Leben gerufen wurde durfte ich „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ von Ulrike Draesner lesen und sollte eigentlich noch vor der Preisverleihung eine Besprechung oder zumindest ein Endfazit schreiben. Warum es nicht soweit kam, führe ich noch aus. An dieser Stelle möchte ich noch einmal vielen Dank an alle Beteiligten sagen, die diese Aktion ermöglicht haben, und auch noch einmal gesondert an die drei Genannten für die Organisation und Verteilung der Bücher.

Und auch wenn die Frankfurter Buchmesse, die Longlist, Shortlist und die Ernennung des diesjährigen Preisträgers schon lange Geschichte sind, möchte ich euch mein endgültiges Fazit nicht vorenthalten. Aufmerksame Mitleser meines Blogs werden sicher schon mitbekommen haben, dass ich mich mit dem Buch lange Zeit schwer getan habe und auch jetzt, nachdem es schon seit einigen Tagen ausgelesen ist, immer noch nicht so recht weiß, wie ich es einordnen soll (die früheren Beiträge findet ihr hier und hier). Auf der einen Seite präsentiert es uns ein schwieriges Thema auf einer sehr nahegehende Art, sofern es die Vergangenheit behandelt. Springt der Roman dagegen in die Gegenwart, bleibt er in meinen Augen seltsam farblos und bietet gegenüber den Schilderungen von Flucht, Vertreibung, Zerstörung und all der damit einhergehenden Grausamkeiten eine irgendwie nicht richtig passende humoristische Note an. Einzig der etwas verschroben wirkende Eustachius, einer von sieben Hauptcharakteren in diesem Buch, passt in das Gesamtgefüge und hält Gegenwart und Vergangenheit zusammen. Einmal als kleiner Junge, der immer hinter seinem behinderten großen Bruder Emil zurückstehen musste. Durch diesen Sachverhalt und durch die Erfahrungen auf der Flucht ist er für sein restliches Leben geprägt. Auf der anderen Seite wird er uns als ein in die Jahre gekommener Professor präsentiert, der immer noch in der Affenforschung versucht den Stein der Weißen zu finden und dabei einige Male über das Ziel hinaus schießt. Er hat jedenfalls den Schalk im Nacken und strapaziert damit die Nerven aller Menschen, die ihn umgeben. Einzig seine Enkelin Esther hält richtig zu ihm. Alle anderen Figuren die in der Gegenwart eine Rolle spielen, verblassen gegenüber diesem alles bestimmenden Charakter. Sei es seine Tochter Simone, die den gleichen Forscherdrang wie ihr Vater an den Tag legt und mit ihm immer wieder Probleme hat und ihre Beziehung nicht die Beste ist, da die Vergangenheit der Grolmanns und die Heimatlosigkeit nie thematisiert wurden. Oder Boris Nienalt, der ebenfalls einen Fluchthintergrund in seiner Familiengeschichte vorweisen kann und versucht, sich durch Nachforschungen und Selbsthilfegruppen in genau diesem Gebiet an das Thema Flüchtingskinder und der Umgang der nachfolgenden Generationen mit diesem prägenden Ereignis anzunähern. Er wird in die Geschichte eingeführt als Simone aufdeckt, dass ihr Vater sehr viel Geld in etwas ihr Unbekanntes investiert und sich damit immens verschuldet hat und sie Boris um Hilfe bittet, herauszufinden, wohin das ganze Geld geflossen ist. Insgesamt werden uns 7 Hauptpersonen vorgestellt, deren Stimmen wir alle in diesem Buch vernehmen dürfen. Dazu kommen noch ein paar Nebencharaktere, die aber kaum eine bedeutende Rolle spielen in dieser Geschichte.

„`Menschlich´ meint bei ihm menschenartig. Ein biologisches Wort. Eustachius Grolmann, aufgewachsen in einem ununterbrochenen Propagandafackelmarsch, manipuliert, eingeseift, auf Vaterland, Opfer, Kampf gedrillt, in eine enge Blut- und Rassewelt gesperrt, entdeckte an Affen und Menschen die chemische Unfreiheit.“

Das Buch spielt in 2 Zeitebenen, in denen es immer wieder hin und her springt. Einmal, wie schon erwähnt, in der Gegenwart und da wird uns der Alltag der Grolmanns (Simone, Eustachius und Esther) näher gebracht. Vor allem die Verschrobenheit von Eustachius, die Probleme, die Tochter und Vater miteinander haben und das die darauffolgende Generation, in Person der Enkelin Esther, mit den ganzen Macken der Großelternflüchtlingsgeneration besser zurecht kommen. Es wird uns über Boris Nienalt ein zweiter Personenkreis vorgestellt, der ebenfalls einen Flüchtlingshintergrund hat, was aber erst einiges später im Buch bewusst wird, als Halka (an manchen Stellen auch Halina genannt) die Mutter von Boris vorgestellt wird und sich an diesem Punkt ein Kreis zu schließen scheint. Denn wie man zu Beginn des Buches sehen konnte, bahnte sich zwischen Boris und Simone eine Beziehung an, die anscheinend ernsteren Charakter anzunehmen scheint und so zwei Flüchtlingsfamilien zusammen bringt. Die Gegenwartsgeschichte ist eigentlich recht schnell erzählt, denn sie handelt größtenteils von Eustachius, seinen Forschungsobjekten (2 Bonoboaffen, die er im Geheimen hält) und dem Auffliegen seines Geheimnisses. Etwaige Nebengeschichten werden ab und zu mit eingestreut, spielen aber kaum eine Rolle. Die einzigen Personen, die wirklich zur Geltung kommen sind Eustachius, Simone, Esther und Boris. Doch im Hintergrund, wenn man die oberste Schicht Humor abkratzt, kommt eine traurige Dimension ins Spiel. Denn über die Vergangenheit und das prägende Thema Flucht wird in den Familien geschwiegen und das vehement. Diese Vergangenheit wird über den jungen Eustachius in Rückblenden, über seinen Vater Hannes, seine Mutter Lilly, die eben erwähnte Halka und in zwei kurzen (dem einleitenden und dem abschließenden Kapitel) über die Augen von Emil, dem großen Bruder von Eustachius, beschrieben. Hier, in den Vergangenheitskapiteln beziehungsweise -ausflügen kommt die große Stärke des Buches zum Vorschein und lässt die Gegenwartspassagen in ihrem Erzählstil weit hinter sich. Sie handeln von Flucht, Vertreibung, Besetzung, Zerstörung, dem Suchen und Finden einer neuen Heimat, das Annehmen dieser und sie handeln auch von Gewalt der unterschiedlichen ethnischen Gruppen gegeneinander (meist in kurzen, aber dafür heftigen Passagen). Sie sind in einer ganz anderen, klareren, härteren Sprache geschrieben und nicht von Begriffen durchsetzt, die einem das Lesevergnügen in den Gegenwartskapiteln verleiden. Denn Ulrike Draesner verwendet in den Gegenwartskapiteln englische Begriffe, die sie, ein zuviel an Rosinen im Kuchenteig gleich, in den Text wirft und man so vielfach aus einem sich entwickelnden Lesefluss geworfen wird.

„Dass man ihnen, die damals Kinder gewesen seien, eingeredet habe, sie sollten froh sein, überlebt zu haben, und nichts sagen oder denken. Dass ihre Erfahrungen und Verluste nur als Kram gegolten hätten, als Zeug.“

„Als hätte es die Angst um ihn nicht gegeben, leuchten die Nazijahre für mich. Sie waren meine Kindheit.“

Insgesamt empfinde ich das Buch als nicht so schlecht, wie ich es vielleicht stellenweise in meiner Besprechung mache, denn während des Lesens, besonders zum Ende hin, und auch jetzt, während ich die Besprechung ausformuliere, reise ich immer wieder zu diesem Buch und den einzelnen Charakteren zurück, versuche sie und ihr Handeln zu verstehen und versuche ebenso die Gegenwart in den Kontext der Vergangenheit zu setzen. Besonders im Gedächtnis zurückbleiben werden mir einzelne Passagen des Buches, die sich mir eingebrannt haben und fast ausnahmslos in der Vergangenheit spielen und ebenso bleibt mir mit Eustachius einer der kuriosesten Charaktere der letzten Jahre im Gedächtnis, der mir einerseits viel Freude bereitet hat mit seinen Späßen und mir andererseits auch das Grauen näher brachte, was die Kinder des zweiten Weltkriegs in den Nachkriegsjahren durchleiden mussten (was im Übrigen auch die Stimmen von Hannes, Lilly und Halka geschafft habe- die allesamt Stimmenvertreter der Vergangenheit sind). Sprachlich lässt mich das Buch etwas zwiegespalten zurück, denn man hätte es klüger angehen können und an manchen Stellen wusste ich die Intentionen der Autorin nicht einzuschätzen. Doch allen Unkenrufen und schwierigen Passagen zum Trotz wird dies ein Buch sein, welches sicher irgendwann einmal wieder den Weg in meine Hände finden wird, um ein wenig darin zu blättern und wer weiß, vielleicht lese ich es auch noch einmal komplett. Ich kann ja die Passagen, die mir das Lesevergnügen getrübt haben, dann besser einschätzen und vielleicht fügen sie sich dann besser in das Gesamtbild ein.

„Mit dem Zurückweichen und Verstummen aller vordringlichen Geräusche tritt das Untergegangene hervor und gerät vor die inneren Sinnesorgane.“

Wer sich weiter über die Hintergründe und Recherchearbeiten des Buches informieren will schaut einfach auf der-siebtesprung vorbei, auf dem viele weitere interessante Infos zu diesem Buch und anderen Geschichten zu finden sind. Ich habe mich mit dieser Seite noch nicht weiter auseinander gesetzt, werde es aber bei Gelegenheit sicher noch tun.

Weitere Besprechungen zu diesem Buch mit teils sehr gegensätzlichen Beurteilungen findet ihr im Folgenden:

  • Besprechung bei muromez dem es einvernehmlich sehr gut gefallen hat

  • Besprechung bei Literaturen (vielen Dank noch einmal an dieser Stelle, denn diese Rezension hat mich erst auf dieses Buch neugierig werden lassen)

  • Besprechung bei 54books der nicht ganz so gut auf dieses Buch zu sprechen ist und dessen Kritikpunkte ich im Ansatz verstehen kann

  • Besprechung bei dasgrauesofa, der es auch gut gefallen und die Lektüre nachhaltige Spuren hinterlassen hat (wie ist es mittlerweile, ein halbes Jahr nach dem Lesen?)

An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für das bereitgestellte Buch zu der Aktion des Longlistlesen und der Aktion selber. Es hat mir sehr viel Freude bereitet, auch weil an anderer Stelle viele interessante Besprechungen zu den Büchern der Longlist erschienen sind. Sollte das Longlistlesen auch 2015 wieder stattfinden oder eine ähnliche Aktion geplant sein, bin ich wieder mit an Bord. Der Lesestoff wird sicher wieder ein Interessanter sein.

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3 Kommentare zu „[Longlistlesen 2014] [Rezension]: Ulrike Draesner – Sieben Sprünge vom Rand der Welt

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  1. Meine Lektüre liegt ja schon ein gutes halbes Jahr zurück, aber ich habe gerade noch die Stimmenvertreter der Vergangenheit – wie Du sie so schön genannt hast – mit ihren unglaublichen Geschichten im Kopf: Die Flucht des jugendlichen Eustachius und seine ersten Jahre in der neuen Heimat, die Kriegs- und Nachkriegserlebnisse von Hannes, die Flucht Hilkas. Anhand dieser beeindruckenden Geschichten wird das Grauen des Kriegs und der Nachkriegswirren noch einmal so richtig deutlich und das finde ich insofern wichtig, als dass in meiner Familie diese Erlebnisse nicht erzählt wurden – die Großelterngeneration ist früh gestorben – und zum anderen diese Zeit sowieso nie thematisiert wurde. Das ist vielleicht in anderen Familien auch so gewesen. Und so stimme ich Dir zu, dass der Roman sicherlich nicht komplett überzeugt, die Gegenwartsstimmen finde ich auch schwächer, aber doch so starke Passagen hat, dass es sich wirklich lohnt, ihn zu lesen.
    Viele Grüße, Claudia

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