[Rezension]: David Wonschewski – Schwarzer Frost

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Wenn dich deine eigene Seele auffrisst – Über die seelische Selbstzerstörung

„Heile Welten sind schließlich immer nur solange heile Welten, wie man sie nicht betritt und auch nur aus der Ferne ab und an verstohlen hinüberglotzt.“

Wer David Wonschewdskis Roman das erste Mal in die Hand nimmt und das Cover betrachtet, sollte schon einmal gewarnt sein, dass das, was den Leser als Inhalt erwartet, kein leichter Stoff sein wird. In weichgezeichnetem Schwarz-Weiß sind ein Glas Wasser und wahllos verstreute Pillen unbekannter Herkunft abgebildet. Es deutet also vieles auf eine anstrengende Lektüre hin, die es letztendlich auch geworden ist, was ich aber nicht negativ verstanden wissen möchte. Das Buch fordert den Leser heraus, geht an die Nieren und den Verstand. Es ist kein einfaches Buch, denn es behandelt wie selbstverständlich die Themen Suizid, Depression, Misshandlung, Neid, Missgunst und die Folgen aus all diesem. Harter Tobak, der nicht jedem gefallen wird, zu dem ich aber sage, dass es richtig und wichtig ist, auch solche Dinge niederzuschreiben und im Anschluss daran darüber zu diskutieren.

„Moritz hatte diese Ahnung nie gehabt, hat sein ganzes Leben lang in einer fürchterlichen gefühlsneutralen Ahnungslosigkeit herumgestochert und sich, als er emotional und seelisch erfroren war, konsequenterweise das Leben genommen. Eine Ahnung von Wärme versagt mir diese Konsequenz und lässt mich weder zu den Toten, noch zu den Lebenden gehören.“

Das Buch ist in einem einzigen langen Gedankenmonolog geschrieben, der nur ab und zu durch Satz- oder Dialogfetzen unterbrochen wird. Wir folgen den Gedanken eines namenlosen „Erzählers“ der Besuch von seinem Kollegen Lohwald empfängt und die sich beide nicht ausstehen können. Lohwald und der Erzähler arbeiten beide beim Radio und demselben Sender, Lohwald als Moderator einer Morgenshow und der Namenlose Mr.X als Redakteur, der die Musikbeiträge, unter anderem auch für die Morgenshow, auswählt und für die Sendungen zusammenstellt. Sie beide kritisieren gegenseitig ihre Arbeiten und stehen kurz vor der Schwelle, den letzten Respekt voreinander zu verlieren und aufeinander loszugehen. Der Besuch von Lohwald löst im Erzähler eine Kaskade von Erinnerungen aus, an denen wir teilhaben dürfen/müssen. Da ist zum einen der Suizid seines besten Freundes Moritz, den der Namenlose wie selbstverständlich herbei- und seinem Freund bei jeder Gelegenheit eingeredet hat. Marie ist 6 Jahre lang die Freundin vom Erzähler. Er hat ihr eine Beziehung und Gefühle vorgespielt, doch innerlich darüber gelacht, wie sich Marie einen abstrampelt, um aus dem ‚gewollten Untergeher‘, wie sie ihn immer halb liebevoll halb traurig nennt, so etwas wie einen liebenswerten Beziehungsmenschen zu machen. Nach und nach tauchen wir in den Gedankenstrudel des Erzählers, aus dem es kein Entkommen mehr zu geben scheint. Wir blicken immer tiefer in seine Seele, die ‚Schwarzen Frost‘ angesetzt hat. So nennt er seinen Zustand, der ihn ohne weiteres seit seiner Kindheit befallen hat. Sogar das Ereignis, welches diesen Zustand des Erkennens und ständig und jeden analysieren müssen ausgelöst hat, kann uns der Erzähler genau beschreiben.
Selbst als Lohwald uns und ihm gegenübersteht und wir ihn in seiner ganzen, verbrauchten Schönheit betrachten können, hören diese Zwiegespräche nicht auf. Im Gegenteil, sie verschärfen sich, schlagen immer schnellere Haken, bis der Erzähler einen Entschluss fasst, der ihn aus seiner Misere befreuen könnte – er muss Lohwald töten. Er legt sich auch schon Pläne zurecht, wie und wann er es durchführen könnte und malt sich die Situation aus. Doch etwas lässt ihn zögern, etwas das er als Unheimlich zu erkennen vermag und was ihn mit Lohwald anscheinend verbindet. Es stellt sich aber die Frage, was man noch glauben kann und was den Hirngespinsten und eigenwilligen Interpretationen des Erzählers entsprungen ist.

„Denn, dass es so überhaupt nichts zu lachen gibt, dass wir immer wieder wehrlos und zappelnd in Sachverhalte und Situationen gezogen werden, die gänzlich frei von Humor und Ironie sind – und gerade das mich immer wieder zum Lachen bringt, das habe ich ihr gegenüber nie formuliert bekommen. Ja, verdammt: Ich lache, weil es nichts zu lachen gibt. […] Ich muss also nicht über nichts lachen, sondern über das Nichts. Ich lache über dieses unberechenbare und mir dennoch irgendwie immer vertrauter werdende Nichts.“

Dieses Buch ist, wie eingangs schon angedeutet, harter Tobak, dem nicht jeder gewachsen sein dürfte. Ich würde dieses Buch nicht jedem empfehlen und doch sollte es einen noch einem noch größeren Lesekreis erschlossen werden, denn das Thema Depression geht uns alle etwas an. Sei es, weil man selbst betroffen ist oder mit einem depressiven Menschen in täglichem Umgang steht und begreifen muss, wie man mit dieser Krankheit, die niemand sichtlich wahrnehmen kann, umzugehen hat. David Wonschewski kreierte mit Schwarzer Frost ein Buch, dass einem aufs Gemüt schlägt und das nicht unbedingt mit negativ aufgeladener Stimmung gelesen werden sollte. Mit dem namenlosen Erzähler stellt er nicht den sympathischsten Menschen in den Mittelpunkt der Geschichte. Er ist arrogant, großkotzig, allwissend und rücksichtslos und doch steckt hinter alldem eine Art Hilferuf, der mit fortlaufender Lektüre immer lauter wird und der einfach nur gehört werden will. Gerade die Gedanken, die sich um die Vergangenheit drehen, haben anscheinend keinen Anfang und kein Ende. Der Erzähler dreht sich im Kreis, kommt zu keinen schlüssigen Schlussfolgerungen, wie er diesen Kreis durchbrechen soll. Eingangs denkt man auch, er will das gar nicht, denn er badet sich regelrecht im Leid der anderen. Aber das es ihn nervlich fertig macht, begreift er nach und nach und Lohwalds Besuch wirkt dabei als Katalysator des Ganzen. David Wonschewski ist es dabei gelungen, diese Gedankenmonologe in einer faszinierenden Art und Weise niederzuschreiben, dass man trotz der schwierigen Thematik, des schwierigen Charakters der Erzählperson und der sich ständig wiederholenden Vergangenheitsbewältigungen am Ball bleiben möchte. Er findet immer wieder neue Worte und Gedanken, die Spannung in diese Geschichte bringen. Man sieht fasziniert diesem depressiven Charakter zu, wie er sich selbst zerstört und ist am Ende genauso hilflos, wie alle Mitmenschen um ihn herum, die ihn nicht verstehen und nicht helfen können/wollen. Eine befriedigende Lösung wird dem Leser dabei auch nicht präsentiert, so dass man das Buch zuschlägt und ein wenig ratlos zurückbleibt, was man nun mit dem Gelesenen anfängt. Auf jeden Fall ist es ein Gedankenanstoß, sich mit der Thematik Depression auseinanderzusetzen und die Menschen, die so wirken und nach außen grob und unnahbar sind, zu verstehen. Kein einfaches unterfangen, solche Leute an sich zu ziehen und aus ihrem Loch zu holen, aber bestimmt eine lohnenswerte. Ob das beim namenlosen Erzähler möglich wäre oder ob da nur ein anderer Ausweg hilft? Das muss jeder selbst herausfinden.

Dieses Buch lässt mich fasziniert zurück. Hatte ich anfangs meine Bedenken, dass das Gelesene einen herabzieht, hat sich das nicht bewahrheitet, eher das Gegenteil ist eingetreten, dass man das Leben nach so einem Buch wieder ein Stückchen mehr zu schätzen weiß.. Der Schreibstil von Wonschewski ist so locker und teilweise bissig humorvoll, dass man diesen Punkt getrost abhaken kann. Er findet mit diesem Buch einen Weg sich mit dem Thema Depression auseinanderzusetzen und sich in dieses hinein versetzen zu können. Dieses Buch liest man zwar nicht locker in ein paar Stunden weg, man braucht seine Pausen, um zu verarbeiten und doch ist es relativ schnell gelesen. Die Verarbeitung nachdem man es zugeklappt hat, braucht dagegen länger.

An dieser Stelle möchte ich Sophie von Literaturen danken, die mit ihrem Beitrag zum Buch erst meine Aufmerksamkeit für dieses Buch geweckt hat. Ihren Beitrag findet ihr hier. Ein Interview mit dem Autor hat sie auch geführt und das findet ihr hier.

Eine weitere lohnenswerte Besprechung, die in der Endwertung genauso ausfällt wie bei Sophie und mir, habe ich noch bei privatkino gefunden.

Wer dem Autor persönlich folgen möchte kann dies auf seinem Blog tun: davidwonschewski

Infos zum Verlag, in dem das Buch erschienen ist, findet ihr unter periplaneta

P.S.: Um das Buch weiteren Lesern bekannt zu machen möchte ich diesen Band auf Reisen schicken. Ich habe mir diesbezüglich schon Gedanken gemacht und würde mich über ein paar Mitstreiter freuen. Wenn sich ein paar Leser für dieses Buch finden, würde ich dann näheres per Email klären. Also: Wer ist dabei? Keine Angst, dieses Buch beißt nicht ;-)

6 Kommentare zu „[Rezension]: David Wonschewski – Schwarzer Frost

Gib deinen ab

    1. Und dir ein extra Dank für die ansteckende Begeisterung für dieses Buch und den Autor. Seit ich das Buch gekauft habe, fieberte ich schon dem Lesen entgegen. Ich war erst skeptisch, ob man dieses Buch genießen kann. Diese Skepsis hat sich ganz schnell in Luft aufgelöst.
      Liebe Grüße
      Marc

      Liken

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