[Rezension]: Frank Schätzing – Der Schwarm

Die Natur schlägt zurück

Im Jahr 2004 erschien mit Der Schwarm ein Ökothriller, der den Autor Frank Schätzing an die Spitze der Bestsellerlisten spülte und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn in diesem Buch schlägt das Meer gegen die Menschheit zurück. Verrückt gewordene Quallenschwärme belagern Australien und Südamerika, evolutionär betrachtet fortschrittliche Würmer graben sich auf der Nordseekontinentalplatte in das Methaneis auf dem Meeresgrund, bisher friedliche Wale greifen auf einmal die Menschen an als seien sie verrückt geworden, Schiffe sinken, weil sich in Windeseile Muscheln an den Rumpf setzen und die Ruder blockieren und zu allem Überfluss versiegt die wichtigste Umwälzpumpe der Meere – der Golfstrom. Diese Gemengelage ließ Frank Schätzing auf den Leser los und war mit einem Schlag bekannt. Sogar eine Verfilmung dieses Buches stand und steht meines Wissens immer noch im Raum. Doch worauf gründet dieser Erfolg? Dem wollte ich mit einer erneuten Lektüre auf den Grund gehen und eine neue Rubrik für Meinen Blog einführen, in der ich euch Bücher vorstelle, die ich lange Zeit im Regal liegen gelassen und für einen zweiten Eindruck heraus gezogen habe. Vor einiger Zeit hatte ich Der Herr der Ringe und Winnetou vorgestellt, welche ich nachträglich ebenfalls in diese Kategorie einordnen möchte.

Diesen Roman möchte man am Anfang nicht mehr aus der Hand legen. So erging es jedenfalls mir bei der ersten Sichtung und auch jetzt, 9 Jahre danach, beim zweiten Mal. Gekonnt verwebt Frank Schätzing die verschiedenen Erzählebenen, die zwar auf den ersten Blick langatmig wirken, was leider später im Buch geschehen wird, und trotzdem eine Spannung in sich haben, die den Leser gefesselt hält. Durch geschickt versetztes Erzählen wird diese Spannung aufgebaut und vertieft. Begünstigt wird das dadurch, dass man absolut nicht weiß, wer für die Verrücktheiten der Natur verantwortlich ist, weswegen der Leser genauso im Dunkeln tappt, wie die zahlreichen Hauptfiguren. Interessant ist es obendrein, denn Frank Schätzing versteht es wunderbar, wissenschaftliche Fakten in diesen Ökothriller zu packen, dass man dabei sogar stellenweise etwas lernen kann. Negativ finde ich vor allem zu Beginn die Vielzahl der Figuren, bei der man sich erst einmal eine Übersicht verschaffen muss. Ebenfalls sauer ist mir aufgestoßen, dass Frank Schätzing mit Sigur Johanson eine Figur einführt, die zu offensichtlich äußerlich (und innerlich?) seinem Alter Ego entsprach, dass ich ständig den Autor vor Augen hatte und keine fiktive Figur. Und es wird an dieser Person die umfangreichste Charakterisierung vorgenommen, was den vorher genannten Punkt noch schwerwiegender erscheinen lässt. Zum Glück fällt das aber in der ersten Hälfte des Romans nicht so stark ins Gewicht, weil die Anspannung und die sich langsam anbahnenden Katastrophen den Hauptteil einnehmen und Frank Schätzing das gut zu beschreiben weiß. Allen voran die Tsunami- Welle, die er in diesem Buch als die größte Naturkatastrophe beschreibt, die über Nordeuropa hereinbricht. Es ist zwar alles übertrieben, wie es passiert, aber den Storegga-Effekt, der diesen Beschreibungen zugrunde liegt, hat es wirklich gegeben und das lässt einen richtig gruseln, auch wenn die Umstände, wie es im Buch zustande kommt, äußerst unwahrscheinlich sind. Außerdem lässt es mir auch beim zweiten Mal einen Schauer über den Rücken laufen, dass Frank Schätzing diesen Tsunami vor der Katastrophe in Süd-Ost-Asien zu Papier brachte und das macht die Beschreibungen erst richtig beängstigend. Ein zweites Szenario, welches Schätzing beschreibt und theoretisch möglich wäre, im Buch aber nur angedeutet wird, ist eine Rutschung auf La Palma (siehe Artikel in der faz von 2004). So eine Rutschung würde Schäden verursachen, die weit über das hinaus gehen, was die Tsnuamis von 2004 und 2011 zusammen angerichtet haben.
Bis zu dem Eintreten des Tsunami ist die Hälfte des Buches geschafft, die Fingernägel abgekaut und man freut sich als Leser auf eine ebenso spannende zweite Hälfte. Doch leider baut die Substanz, die in der ersten Hälfte wunderbar aufgebaut wurde, immer mehr ab. Dem Höhepunkt in der Mitte des Buches versucht Schätzing mit immer abstruseren Angelegenheiten zu begegnen. Da wird New York von Krabben überrannt, die ein hochgiftiges Virus nach Amerika bringen, es wird darüber philosophiert wer hinter allem stecken könnte und, um der Langeweile Vorschub zu leisten, wird einer Figur Raum eingeräumt, dessen es in meinen Augen nicht bedurft hätte und das Buch unnötig aufbläht. Vom Ende und wie es zustande kommt will ich gar nicht erst reden. Sagen wir mal so, die Art und Weise der Problemlösung wird zusehend amerikanisch und hollywoodesk, was meinen Nerv absolut nicht getroffen hat und der Eindruck, den ich vom ersten Mal mit diesem Buch hatte, wurde bestätigt. Ich fand es beim zweiten Mal aber nicht mehr so überraschend schlecht, da ich wusste, wie konfus und abgehackt der Schluss kommen wird.
Insgesamt bekommt man einen Ökothriller serviert, der in der ersten Hälfte überrascht, schockiert und Katastrophen präsentiert, die einem Angst machen. Dem gegenüber steht die zweite Hälfte, die mit einem Spannungsabfall zu kämpfen hat, abstruse Theorien präsentiert und einige Längen aufweist, die man definitiv hätte kürzen können. Trotz der negativen Beispiele ist es ein Buch, dass man trotz seiner fast 1000 Seiten (und damit zu Birgits berühmten Dicken Dingernzu zählen ist) relativ schnell wegliest und viele Infos die Natur der Meere betreffend mitnehmen kann. Das Buch macht auf seine Weise Spaß und ist auch beim zweiten Mal keinesfalls langweilig und somit für eine wiederholte Lektüre mit etwas zeitlichem Abstand sehr zu empfehlen.

Weitere Leseeindrücke findet ihr bei der folgenden ‚kleinen‘ Auswahl:
Dieter Wunderlich (sehr umfangreich und mit starken Spoilern, die vieles schon verraten und die Spannung raus nehmen; nur lesen, wenn man das Buch schon kennt)
Seitengeraschel
Bibliophilias Welt
Dystopische Literatur
Armarium Nostrum

Ein Kommentar zu „[Rezension]: Frank Schätzing – Der Schwarm

Gib deinen ab

  1. Die Zweit- oder Wiederlesung – gute Idee, da zeigt sich meist dann, wie nachhaltig ein Buch für einen wirklich ist. Den Schätzling hebe ich mir jedoch mal für einen Strandurlaub für die Erstlesung auf. Und herzlichen Dank für die Verlinkung!

    Liken

Kommentar verfassen - Mit dem Absenden des Kommentars geben Sie gleichzeitig ihr Einverständnis zur Datenschutzerklärung auf dieser Seite

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

Frau Lehmann liest

Ansichten und Einsichten

Nacht und Tag

Literaturblog

Gassenhauer

Literaturblog

Bookster HRO

unabhängig | subjektiv | ehrlich

glasperlenspiel13

bücher / libros / livres

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

MonerlS-bunte-Welt

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Der Leiermann

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Der Schneemann

Blog zur Krimi-Radiosendung

Sören Heim - Lyrik und Prosa

Website des Schriftstellers Sören Heim

Der Hotlistblog

UNABHÄNGIGE BÜCHER – UNABHÄNGIGE VERLAGE

Literatur.denken

von Samuel Hamen

mscaulfield

gib mir kaffee und bücher und ich bin friedlich.

Angelika liest

Ein Leben ohne Bücher ist wie ein Garten ohne Rosen

the lost art of keeping secrets

Ich will keine Schokolade, ich les' lieber Thomas Mann! (frei nach der Stunksitzung 2014)

Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Anonyme Köche

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

%d Bloggern gefällt das: