[Rezension]: Franz Kafka – Die Verwandlung

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Die Leiden des jungen Samsa

Franz Kafkas „Die Verwandlung“ landete und landet sicher immer noch auf ziemlich vielen Schülerschreibtischen. Ich versuche gerade, mich in diese Zeit zurück zu versetzen, um dann eine Interpretation dieses Buches anzufertigen. Soll ich ehrlich sein? Ich hätte es vor Wut in die Ecke gefeuert und dieses Stück deutsches Literaturgut verflucht, warum gerade ich als Schüler damit gequält werde. Doch ich hatte Glück. Meinem Jahrgang oder besser unserem Deutschkurs wurde es aus unterschiedlichen Gründen, die ich hier nicht aufführen möchte, nicht im Unterricht behandelt. Ein großes Glück, wie sich nun 15 Jahre später heraus stellen sollte. Denn dieses Buch ist einfach zu großartig, um es auf arme Schüler loszulassen. Bitte nicht falsch verstehen, auch Schüler sollten dieses Buch lesen. Doch nur nicht in der Schule, da durch den Zwang die lockere Sicht auf diese Gruselmär verloren geht und damit vielen ein wunderbares Buch entgeht.
Auch wenn viele den Inhalt schon kennen, möchte ich doch eine kurzen Inhaltsangabe tätigen. Gregor Samsa, Geschaftsreisender beziehungsweise Vertreter und Haupternährer der Familie, die aus Schwester und ihrer beider Eltern besteht, wacht eines morgens auf und sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, sich zum Ungeziefer verwandelt im Bett zu finden. Zuerst will er das nicht wahrhaben und denkt, dass es ein böser Traum ist, aus dem er bald erwachen wird und ganz normal den Tag beginnt. Doch als schon Licht zum Fenster seines Zimmers einfällt und er immer noch das Ungeziefer ist, das er dachte zu träumen, dämmert ihm langsam, das es nicht mit rechten Dingen zugeht. Selbst einfachste Tätigkeiten, wie aus dem Bett aufstehen werden jetzt zur Qual. Als er es schafft aus seiner Koje zu kommen plagen ihn die nächsten Ängste. Was wird seine Familie zu der Erscheinung sagen, die mal Gregor war und welche Konsequenzen wird sein fernbleiben auf Arbeit haben? Doch es dauert nicht lang und Gregor kommt zu dem Schluß, dass seine Verwandlung nur einwas mit sich bringen wird – das seine Familie ihn nun so akzeptieren muss, wie er jetzt ist. Im Gegensatz dazu plagt die Familie ganz andere Sorgen. Da in Gregor der Haupternährer der Familie für diese Aufgabe nicht mehr in Frage kommt müssen alle anderen, die sich bisher auf Gregors Schultern ausruhten, selber die Initiative ergreifen Geld in die Familienkasse bringen.
Franz Kafka hat mit „Die Verwandlung“ einen einfachen aber effektiven Horrorstoff zu Papier gebracht, wie er seitdem unzählige Male in Literatur und Film erzählt wurde (ich nenne mal den Film „Die Fliege“ im Original als Beispiel – wobei mir das Remake der 80er besser gefällt, dieses hat aber nicht dieselbe Grundvoraussetzung der plötzlichen Verwandlung). Die Verwandlung passiert gleich auf der ersten Seite. Man erfährt nicht warum es so ist, wie es ist. Viel wichtiger ist in diesem Roman vielmehr, wie die Umwelt auf diese Verwandlung reagiert. Und die Reaktion ist meist Abscheu, Ekel und Furcht vor dem Unbekannten, nicht greifbarem. Aus der Sicht Gregors ist es Fassungslosigkeit über die Reaktion der Familie auf sein Aussehen und eine Art Faszination, wie sich die Stimmung in der Familie ändert. Kafka findet dafür in meinen Augen einfache, verständliche Worte, um diese Geschichte zu erzählen. Spannung erzeugt er dabei durch die Interaktion zwischen Gregor und seiner Familie und ebenfalls über den Zustand Gregors, den wir über seine Gedankengänge erfahren, der sich immer mehr verschlechtert und man mit Gregor beziehungsweise mit der Familie mitfiebert, wie diese Geschichte ausgeht. Die Interpretation auf wen sich die titelgebende Verwandlung letztendlich bezieht kann zu endlosen Diskussionen führen. Einerseits verwandelt sich Gregor und das ziemlich offensichtlich, auf der anderen Seite geht auch die Familie Samsa durch ein Wechselbad der Gefühle und sicher gestärkt aus der Situation heraus.

Die Ausgabe des Buches, die ich gelesen habe, ist eigentlich gar kein Buch, sondern ein Magazin mit dem treffenden Namen „Das Buch als Magazin“. Auf diese ganz spezielle Form der Literaturveröffentlichung bin ich vor knapp 2 Jahren eher zufällig gestolpert und zwar bei Mara von buzzaldrins , die von diesem Magazin genauso angetan war/ist, wie ich ( Anm. d. von mir: dieser Beitrag war übrigens die Initialzündung selber mit dem bloggen über Literatur anzufangen). Die Reportagen, die sich dem Roman anschließen, werden im Stile eines Magazins präsentiert und lehnen sich lose an das vorangegangene Literaturstück. Im Fall von Kafkas Verwandlung geht es um schwierige Vater- Sohn- Beziehungen oder um einen Mann, der bei seinen Bergwanderungen immer eine Geige in seinem Rucksack dabei hat. Genau wie der Roman spiegeln die einzelnen Geschichten skurrile, traurige und seltsame Momente wieder. Auf alle Fälle lesenswert und die zweite Ausgabe mit Woyzeck liegt bei mir schon zum Lesen bereit.

3 Kommentare zu „[Rezension]: Franz Kafka – Die Verwandlung

Gib deinen ab

  1. Ok, die Schule ist Schuld, dass ich Kafka so schrecklich finde . 😉
    Eine sehr interessante Rezension zu diesem Werk. Ich habe es in der Schule wirklich gehasst und selbst heute denke ich mir noch, Kafka muss doch auf Drogen gewesen sein, als er das geschrieben hat. Wir hatten allerdings eine sehr coole Lehrerin, die uns das Thema so erträglich wie möglich gemacht hat.
    Vor ein paar Jahren habe ich es nochmal mit dem Prozess versucht. Die Kritik dahinter konnte ich in dem Falle besser verstehen als bei die Verwandlung, wirklich gefallen hat es mir dennoch nicht. Ich bin eher aggressiv und genervt geworden, aber vielleicht war das auch das Ziel der Sache? Wer weiß das schon so genau. Kafka löst auf jede Fall etwas in einem aus.
    Das Format „Das Buch als Magazin“ finde ich auch sehr interessant. Da werde ich gleich mal ein wenig googlen.

    LG, Moni
    #litnetzwerk

    Gefällt 1 Person

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