[Rezension]: Ian McEwan – Honig

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Ein etwas anderes Agentenbuch oder wie es ist (k)ein Spion zu sein

„Nur ein Gleichgewicht der Kräfte kann den Frieden aufrecht erhalten. Ich habe getan, was ich tun musste. Der Kalte Krieg brach an. Die Welt hatte sich in zwei feindliche Lager geteilt. Ich stand mit meinen Ansichten nicht allein. Mochten in der Sowjetunion noch so groteske Missstände herrschen, sie sollte dennoch über das gleiche Waffenarsenal verfügen. „

Honig von Ian McEwan habe ich mir aufgrund einiger Empfehlungen gekauft, die ich (vor)letztes Jahr in einigen Blogs sah (Verlinkungen folgen am Ende des Beitrages). Diese bereiteten mich eigentlich recht gut auf die Lektüre vor. Da ich diese Beiträge aber schon vor etwas längerer Zeit gelesen habe und die auch recht flüchtig, war ich mir nicht mehr bewusst, was für eine Geschichte ich bekomme und wie diese verläuft. Rechnete ich erst mit einem Spionagethriller wurde es nicht nur das. Den Zusatz Thriller kann man ebenfalls getrost weglassen. Im eigentlichen schält sich aus der Geschichte nach und nach eine Liebesgeschichte heraus, die man so eingangs nicht kommen sieht und die am Ende mit einer Wendung aufwartet, auf die man ebenfalls nicht gefasst ist. Dabei lässt McEwan ganz nebenbei historische Begebenheiten, wie z.B. die Energiekrise und ein unregierbares Land, wie selbstverständlich einfließen, dass man es fast gar nicht mitbekommt. Durch seine Sprache lässt sich der Geschichte gut folgen und man ist gerne bei der Hauptfigur und ihren Handlungen dabei.

„Langsam wurde ich wie meine Mutter. Sie hatte den Bischof, ich den Geheimdienst. Wie sie hatte ich meine eigene zähe Neigung zum Gehorsam. Ich fragte mich jedoch ernstlich, ob dies der Job war, von dem Max gesagt hatte, er sei genau der Richtige für mich. Falls ja, würde ich nie mehr ein Wort mit ihm reden.“

Die Geschichte handelt von Serena Froome, die am Anfang ihre Sicht der Dinge aus der Jetztzeit heraus in die Vergangenheit hinein erzählt. Dabei stellt sie sich als matheinteressiert und als Literaturjunkie vor, die Spaß an der Arbeit mit Zahlen hat und bei den Büchern alles verschlingt, was ihr in die Finger kommt und dabei keine Unterscheidung zwischen Ramsch- und Hochliteratur macht, Hauptsache Romane. Eigentlich würde sie gerne ihren Interessen folgen und ein Studium der Literatur oder etwas in die Richtung verfolgen. Doch ihre Eltern sprechen in dieser Sache ein Machtwort und bestimmen, dass sie wegen ihrer starken Leistungen eher für ein Studium der Mathematik geeignet wäre und sie schreibt sich in der Folge für ein solches Studium in Cambridge ein. Dieses Studium ist für sie nicht unbedingt die Erfüllung und außerdem übersteigt das, was in der Mathematik da gelehrt wird ihren Horizont bei weitem. Sie schaltet eher ab und genießt die Zeit mit ihren Büchern und Kommilitonen. Über einen Freund lernt sie eines Tages Tony Canning kennen, mit dem sie im Sommer 1972 eine Affäre beginnt, die ihr Leben von Grund auf und für immer verändern soll. Diese Affäre, so kurz sie auch war, so intensiv erlebt Serena diese Tage, bis sie eines Tages durch einen eigentlich nichtigen Grund von Tony vor die Tür oder besser gesagt irgendwo auf einem Parkplatz nach einem Streit ausgesetzt wird. Trotz dieses Vorfalls, der sie monate- ja eigentlich jahrelang beschäftigen wird, geht sie zu einem Vorstellungsgespräch, dass ihr Tony beim MI5 arrangiert hat. Durch Tony interessieren sie die Dinge, die Tagespolitik und das allgemeine Geschehen auf der Welt angehen, immer mehr und sie hofft, dass sie durch den Job beim MI5 eine Chance erhält, erstens ihr Mathematikstudium doch noch gewinnbringend einsetzen zu können und das sie vielleicht Chancen hat, in diesem männerdominierten Apparat aufzusteigen. Obwohl das Vorstellungsgespräch nicht nach ihren Vorstellungen lief, bekommt sie einen Job beim MI5. Dieser ist aber in der niedrigsten Rangordnung angesiedelt und besteht darin, Berichte über Einsätze und Vorkommnisse abzutippen und den zuständigen Büros zu übermitteln. In diesem Zusammenhang lernt sie Shirley Shilling kennen, mit der sie sich anfreundet und manchen feuchtfröhlichen Abend verbringt. Ihre Chance, beim MI5 aufzusteigen bietet sich an einer Stelle, bei der sie unerhoffterweise ihre Kenntnisse der Literatur einbringen kann. Das MI5 will, ähnlich dem CIA, eine geheime Operation mit dem Namen „Honig“ ins Leben rufen, die Kunst und Kultur fördern soll, um den Russen in diesem Feld paroli zu bieten. In diesem Zusammenhang brauchen die Entscheidungsträger dieser Operation Serena, um den Schriftsteller Thomas Haley mit ins Boot zu holen und sie erhoffen sich von Serena, dass Haley im Zusammenhang mit dieser Operation unterstützt und ermuntert antikommunistisches Literatur zu veröffentlichen und das alles, ohne das er Kenntnis von dieser verdeckten Operation hat. Anfangs klappt alles recht gut. Doch dann passiert das Unerwartete, was alles auf den Kopf stellt und Serena immer mehr in die Zwickmühle treibt, bis es schlussendlich zum unvermeidlichen kommt – sie verliebt sich in den Schriftsteller…

„Ich entdeckte, dass es das Leseerlebnis verzerrt, wenn man den Autor kennt oder demnächst kennenlernen wird. Ich war in den Kopf eines Fremden hineingekrochen. Platte Neugier ließ mich rätseln, ob nicht jeder Satz eine geheime Absicht verriet oder verleugnete oder maskierte. Ich fühlte mich Tom Haley näher, als wenn er in den vergangenen neun Monaten mein Kollege in der Registratur gewesen wäre.“

Wer dieses Buch aufklappt und meint er bekommt eine waschechte Spionagegeschichte geliefert, sollte lieber nicht zugreifen. Im eigentlichen Kern ist dieser Roman nämlich eine waschechte Liebesgeschichte, die nur im Milieu der Spionageaktivitäten Großbritanniens spielt. So richtig spioniert wird eigentlich gar nicht, auch wenn Serena die ganze Zeit als verdeckte Agentin aktiv ist. Sie ist in dieser Geschichte der Hauptcharakter, die etwas naiv von einem Posten in den nächste rutscht, dabei aber immer das Herz am rechten Fleck hat und nie überheblich oder arrogant wirkt. Sie nimmt meist die Gelegenheiten wahr, die sich ihr bieten, da man sich in dieser Männerdomäne MI5 entweder verheiratet, um ausgesorgt zu haben oder als Frau gar nicht erst dort anfängt. Das sie soweit kommt, wie in dem Buch beschrieben, finde ich für diese Zeit ungewöhnlich und doch irgendwie passend, da McEwan dafür einen Hintergrund aufbaut, der plausibel erscheint. Außerdem ist Serena immer nur Befehlsempfängerin und steht an unterster Stelle, muss ihre Berichte abliefern und hat sonst keine Entscheidungsgewalt in dieser Mission. Zusätzlich flechtet McEwan immer wieder die Schwierigkeiten der Zeit, in der die Handlung angesetzt ist, ein, denn es herrschte eine die Energiekrise und England galt zu dieser Zeit als unregierbar. Das drückt McEwan dem Leser aber nicht mit dem Zeigefinger ins Auge, sondern bringt es so gekonnt in den Text ein, dass es einem meist gar nicht auffällt und es sich dadurch angenehm in die Handlung einbettet. Wenn man nach der Lektüre über diese Themen Nachforschungen anstellt, findet man so einige Sachen aus dieser Zeit, die vom Autor gut in das Buch übertragen wurden. Sprachlich agiert die Übersetzung von Werner Schmitz auf einem Level, dass man beständig am Ball bleibt. Der Lesefluss wird nicht durch irgendwelchen ungewöhnlichen Formulierungen unterbrochen. Alles wird aus der Sicht von Serena beschrieben, was dem ganzen einen eher weiblichen Touch gibt, den Ian McEwan gut getroffen hat. Es stellt sich während der gesamten 460 Seiten, die diese Ausgabe hat, kaum Langeweile ein. Einzig für die Passage in der Mitte, als Serena den Autor Haley angeworben hat und dieser an seinem ersten Roman sitzt, brauchte ich ein wenig länger. Ansonsten empfand ich das Buch als kurzweilige interessante Lektüre, die mit einem Schlusstwist aufwartet, den man so nicht erwartet und der alles vorher gelesene und die dazu gebildete Meinung völlig auf den Kopf stellt. Und doch scheint dieses Ende konsequent und logisch. Dieses Ende hebt das Buch in meinen Augen in der Wertung sogar noch ein wenig an, da es sich gut in die Geschichte einbettet und ihr irgendwie noch den letzten Schliff verpasst, den es gebraucht hat, damit ich es als sehr gutes Buch empfinde.

„Lass es mich anders formulieren. In unserem Job kann die Grenze zwischen dem, was die Leute sich einbilden, und dem, was tatsächlich der Fall ist, sehr unscharf werden. Genau genommen ist diese Grenze eine graue Nebellandschaft, groß genug, um sich darin zu verirren.“

Dieses Buch kann ich jedem Leser weiterempfehlen, der mit dezenten Liebesgeschichten etwas am Hut hat, die einem aber nicht mit Macht aufgedrängt werden. Ich empfand es als eine richtig gute Mischung aus Liebesgeschichte, Agentenlatein und einen Hauch Spannungsliteratur.

„Ende Oktober wurden nach alljährlichem Ritual die Uhren zurück gestellt, der Deckel der Dunkelheit senkte sich noch druckender auf unsere Nachmittage, und die Stimmung der Nation fiel auf einen Tiefpunkt. Der November brachte einen weiteren Kälteeinbruch und fast täglich Regen. Alle Sprachen von Krise. Benzin wurde rationiert, die Regierung ließ Bezugsscheine drucken. Das hatte es seit dem letzten Krieg nicht mehr gegeben. Wir steuerten auf etwas Schlimmes zu, so die allgemeine Empfindung, auf etwas Unvorhersehbares und Unvermeidliches.“

Weitere Besprechungen zu diesem Buch findet ihr unter anderem bei den folgenden Blogs (ohne Wertung in der Reihenfole):
Dieter Wunderlich (Vorsicht, mit Spoiler, dafür sehr detailliert)
Buzzaldrins (in ihrer gewohnten, schmackhaft machenden Art)
Fabelhafte Bücher
Literaturwelt. Das Blog. (kurz und knackig besprochen)
readpack
pop-polit
zeichen und zeiten

Ein Kommentar zu „[Rezension]: Ian McEwan – Honig

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