[Rezension]: Simon Beckett – Chemie des Todes, Kalte Asche, Leichenblässe, Verwesung

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David Hunter, übernehmen Sie?

Bevor ich die Bücher letztes Jahr anfing zu lesen, hatte ich schon viel gehört von den Romanen Simon Becketts, die sich um den forensischen Anthropologen David Hunter drehen. Besonders die schlichten Cover bleiben einem im Gedächtnis haften und wecken auf ihre Art Interesse an den Büchern. Ich habe/hatte noch nie soviel mit Krimis am Hut. Abschreckendes Beispiel war für mich zum Beispiel die Reihe um Smoky Barret von Cody McFadyen, der mit Grausamkeiten nicht sparte, so dass das Blut Literweise aus den Seiten tropft. Eben, weil ich den Verdacht auch bei den Büchern Becketts hegte, waren die Zweifel groß, ob mir das gefallen würde, da alleine die Titel der Bücher auf grausames schließen lassen. Letztendlich, soviel nehme ich mal vorweg, waren auch einige deftige Sachen untergebracht, jedoch subtiler dem Leser vor das Auge gelegt und nicht um Effekthascherei zu betreiben. Als sich letztes Jahr die Möglichkeit ergab alle 4 Bücher zu einem günstigen Preis abzustauben (der vierte Band war sogar noch eingeschweißt), nahm ich diese Gelegenheit war und machte mich an die Lektüre dieser Krimis. Ich habe ea nicht bereut, auch wenn ich zugeben muss, dass einem nach dem 4.Band das Schema der Bücher irgendwann öffnet und einen dabei nichts mehr wirklich überraschen kann. Der Augenöffner war dabei der zweite Teil „Kalte Asche“.

Immer diese Schicksalsschläge
David Hunter hat einen Schicksalsschlag zu verkraften, der ihn zu einem gebrochenen Mann macht und damit auch verletzlich. Ein Jahr bevor die Handlung des ersten Buches einsetzt kommen seine Frau und seine Tochter bei einem tragischen Autounfall ums Leben. Es entzieht ihm seine Lebens- und Arbeitskraft und er sieht sich außerstande, seine Arbeit als beratender Experte in der forensischen Anthropologie weiter fortzusetzen. Er verlässt London und zieht sich auf eine ländliche Umgebung zurück. Dort nimmt er eine Stelle als Assisenzart des dort ansässigen Arztes an, der einen ähnlichen Schicksalsschlag zu verkraften hatte und bei dem Autounfall, den er selber verursachte, den Tod seiner Frau zu verantworten hatte. Seit diesem Unfall ist der Arzt an den Rollstuhl gebunden und David Hunter soll ihn bei seiner täglichen Arbeit unterstützen und die Außendienstaufgaben übernehmen. Auf lange Sicht ist es angedacht, dass David die Praxis komplett übernehmen soll. Als ee ungefähr ein Jahr in der kleinen Ortschaft lebt und sich langsam von dem Londoner Großstadtleben entwöhnt, finden spielende Kinder im Wald eine Frauenleiche, die grausam zugerichtet ist und, als wäre es nicht schlimm genug, mit Schwanenflügeln drapiert wurde. David Hunter gerät mehr durch Zufall in die Ermittlungen, da er die Frau kannte und ebenfalls, wie er, eine aus London hinzugezogene ist. Anfänglich nimmt David an den Ermittlungen teil, indem er vorgibt diese Frau flüchtig gekannt zu haben und wissen will, wie ihr so etwas zustoßen konnte. Doch die örtliche Polizei kauft ihm die Geschichte nicht ab und er nach anfänglichem Verdacht, er konnte etwas mit dem Mord zu tun haben, findet der leitende Ermittler heraus, welchem Beruf er früher nachgegangen ist. Anfangs weigert sich David an den Ermittlungen teilzunehmen, da es in ihm die alten Dämonen zu erwecken scheint. Er überwindet diese jedoch und steigt als Berater in die Ermittlungen ein. Doch was ihm während dieser Zeit widerfährt übersteigt seine kühnsten Erwartungen und die des Lesers.

Was macht die Reihe so besonders? Und warum wird man so süchtig danach?
Diese Fragen zu beantworten ist leicht und schwer zugleich. Einerseits bedient sich Beckett bekannter Rezepte eines Kriminalfalls. So zum Beispiel, dass der Verdächtige zwar bei seiner Arbeit beobachtet, aber nie detailliert beschrieben wird, klischeebeladene Charaktere, einfache Sprache und eine Rezeption der Bücher, dass man spätestens ab der Hälfte eines Buches nicht mehr aufhören kann mit lesen. Doch was macht die Bücher so aufregend, dass man sie gerne liest? Zum einen packt Beckett viel Herzblut in die Beschreibungen der Forensik und wie David Hunter seine Arbeit verrichtet. Das ist so klug geschrieben, dass man ihm die Dinge abkauft, die er da treibt und manche Vorgehensweise glaube ich dem Autor auch. Zum anderen übertreibt es Beckett nicht. Ich würde es gerne mit der oben genannten Barret-Reihe vergleichen. Der Hauptcharakter Smoky Barrett kämpft in diesen Büchern auch mit den Dämonen ihrer Vergangenheit. Leider wird es einem dort immer wieder offensiv aufs Auge gedrückt. Das geschieht bei Beckett nicht. Das seine Frau und seine Tochter bei einem Umfall ums Leben kamen wird zwar auch thematisiert, aber mehr im Hintergrund und (mit Ausnahme vom vierten Teil) nicht allzu offensiv. Ein weiterer Pluspunkt ist das Setting der einzelnen Bücher. Diese sind abwechslungsreich gestaltet und spielen sich fast nie am selben Ort ab. Dadurch muss sich David immer wieder auf neue Gegebenheiten einstellen. Gerade diese immer wieder neuen Umstände sind es auch, die einem das Blut in den Adern stocken lassen und die, wenn man manches davon verfilmen würde, nicht jugendfrei im Fernsehen oder Kino laufen würden. Zwei Szenen sind mir dabei eindrücklich im Gedächtnis haften geblieben. Einmal als David im zweiten Teil sich auf einer Insel Nachts verläuft und die Hand vor Augen nicht mehr sieht. Dabei nicht mehr weiß in welche Richtung er laufen muss und dann ins Leere tritt und einen Abhang hinunter rollt. Die zweite Szene spielt im dritten Teil als David und ein Kollege von ihm an einem Tatort ankommen und dort sprichwörtlich durch Leichen waten. In diesem Moment hat man den Leichengeruch regelrecht in der Nase. Das alles wirkt sehr echt beschrieben und man meint, man wäre mittendrin. Über manche sprachliche Passage oder manchen Dialog kann man gerne hinwegsehen und auch über manches Loch in der Geschichte, die allesamt so aufgebaut sind, dass es zum Schluss immer nochmal einen Dreh gibt. Ob man diesen dem Autor abkauft oder nicht, ist jedem selbst überlassen. Einzig im vierten Teil kann man den Kniff schon ein paar Meilen gegen den Wind riechen.
Was macht die Reihe nun so besonders? Sein Hauptdarsteller. Er ist zwar ein gezeichneter Mann und hat viel einstecken müssen, doch bleibt er sich selbst in jedem der Bücher treu. Er ist kein kauziger alter Mann, der einfach seinen Dienst schiebt oder irgendein eingebildeter Ermittler. Er wird als Mensch wie du und ich beschrieben, der einfach durch seine Arbeit ein bisschen mehr in seinem Leben erlebt hat. Der eigentliche Kniff an den Geschichten ist aber, dass David Hunter an sich kein richtiger Polizeibeamter ist, sondern von der Polizei bei Mordermittlungen als Berater hinzugezogen wird und meist von den Ermittlern argwöhnisch betrachtet wird. Dadurch kommt zusätzliche Spannung in die einzelnen Geschichten, da er sich stellenweise auch gegen die Meinungen der Ermittler stellen muss oder diesen ein Dorn im Auge ist.

Empfehlung?
Absolut. Diese Bücher würde ich quer durch alle Leseschichten empfehlen. Klar ist es keine Hochliteratur und ja, diese Bücher standen schon wochenlang auf den Spitzenplätzen der Bestsellerlisten und sind bekannt wie ein bunter Hund, aber wer sie noch nicht gelesen hat – Tut es. Ihr werdet es nicht bereuen. Doch Vorsicht: Ein stabiler Magen ist eine Grundvoraussetzung bei diesen Büchern.
Für mich persönlich waren es mit die spannendsten Bücher der letzten Monate. Nach dem ersten Teil habe ich eine kurze Pause eingelegt, doch nach dem zweiten Buch konnte man einfach nicht aufhören zu lesen und wollte unbedingt wissen, wie es mit David Hunter weitergeht. Dieser Charakter ist mir als Leser ein bisschen ans Herz gewachsen und ich würde mich freuen, wenn Simon Beckett diesem Forensiker noch in ein paar weiteren Fällen seine Arbeit machen lässt. Ich bin auf alle Fälle dabei.

 

4 Kommentare zu „[Rezension]: Simon Beckett – Chemie des Todes, Kalte Asche, Leichenblässe, Verwesung

Gib deinen ab

  1. Moin :)

    Du triffst mit jedem einzelnen Wort den Nagel auf den Kopf! Und erinnerst mich gleichzeitig daran, dass ich „Totenfang“ unbedingt noch auf meinem Blog verlosen möchte.

    Ich liebe die Bücher von Simon Beckett und hoffe sehr, dass es bis zum nächsten Buch nicht wieder eine halbe Ewigkeit dauert. Kennst Du „Totenfang“ schon?

    Liebe Grüße
    Sarah

    Gefällt 1 Person

  2. Danke dafür – da haben wir offensichtlich eine ähnliche Ader, bin auch schon diverse Male über den Mann und diese Cover (und den Nachnamen, natürlich) gestolpert und ahnte, das wäre was für mich. Da mir diese kostengünstige Paketmöglichkeit bisher leider noch nicht begegnet ist, werde ich es wohl mit dem ersten Band versuchen.

    Liken

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