[Rezension]: Kristine Bilkau – Die Glücklichen

Kristine Bilkau - Die Glücklichen

Die Ängste der Mittelschicht vor dem Scheitern

„Leah H aus einem Dorf in Minnesota kam die Angst durch eine Entzündung im Hirn abhanden, während ihrer Kindheit. Gefühle wir Freude, Trauer oder Wut konnte sie seitdem noch empfinden, aber eben keine Angst. Mit diesem neurologischen Defekt zog sie vier Kinder groß, das fasziniert Isabell besonders an der Geschichte, eine Mutter ohne Alarmbereitschaft, ohne dieses nervöse Gespür für Gefahr, das sich in alltäglichen Situationen meldet, Autos, Höhe, Scherben.“

Viele werden stöhnen. Ein Buch über eine Familie in Deutschland auf dem sozialen Abstieg. Haben wir das nicht schon zur Genüge im normalen, im richtigen Leben? Muss man darüber noch einen Roman schreiben und diesen auch lesen? Man muss. Kristine Bilkau hat mit „Die Glücklichen“ ein Buch geschrieben, welches unserer Gesellschaft in ihrem Istzustand einen Spiegel vorhält. Sie behandelt in einfühlsamen Worten das Leben des großstädtischen Paares Isabell und Georg, die zusammen den knapp einjährigen Sohn Matti haben. Es geht um Liebe, um Vertrauen, um den Wiedereinstieg in den Beruf, um das innere und äußere Kündigen, um den täglichen Kampf mit den Widrigkeiten, die auf eine Familie einströmen und wie man damit als Paar fertig wird – alles Themen, die derzeit aktuell sind, viele betreffen und die in diesem Buch entweder angerissen oder konkret thematisiert werden. Das Buch beginnt damit, dass Isabell nach ihrer Babypause wieder in ihren Beruf zurückkehrt. Sie spielt Cello an einem Theater und ist mit anderen die Begleitmusik für die Theaterstücke, die aufgeführt werden. Sie ist also anonym im „Orchestergraben“ untergebracht und mit ihrer Leidenschaft Geld verdienen. Doch schon an den ersten Abenden spielt sie ihre Soli nicht wie gewohnt souverän, sondern es setzt ein Zittern in ihren Händen ein, welches sie beim Spielen behindert. Sie steigert sich immer mehr in dieses Zittern hinein, dass es nicht besser, sondern schlimmer wird. Bis es letztendlich gar nicht mehr geht und sie die Reißleine zieht. Sie begibt sich in Therapie und gibt ihren Job auf. Gleichzeitig wird ihre wunderbare Altbauwohnung als eine der letzten in ihrer Straße saniert, sprich die Fassade wird gedämmt, neu verputzt und gestrichen. Eine Situation, die mit einem einjährigen Kind zu Hause nicht gerade einfach ist, da alle Fenster mit Planen verhangen sind und der tägliche Rhythmus der Bauarbeiter den Lebensrhythmus der Familie aus dem Takt bringt. Es ist somit keine einfache Situation. Georg ist Journalist bei einem lokalen Blatt und erarbeitet größere Reportagen. Aktuell soll er ein Aussteigerpaar interviewen und daraus einen Artikel mache. Er und Isabell teilen sich in die Erziehungsarbeit und Betreuung mit ihrem Kind ein. Während Georg arbeitet ist Isabell für ihr Kind da und abends, wenn Isabell am Theater spielt meistert Georg den Abend mit seinem Sohn. Oft sehen sich die Isabell und Georg nur kurz an der Tür um Hallo und Tschüss sagen zu können. Für wichtigen Informationsaustausch bleibt meist keine Zeit.

Soweit klingt erst einmal alles sehr banal und alltäglich. Man wird das alles in den deutschen Großstädten (und auch Kleinstädten) zu Tausenden antreffen. Gentrifizierung, Arbeit in Voll- oder Teilzeit, Beziehungen in der zermürbenden Work-Life-Balance, Großmütter, die immer irgendetwas wollen, belasten sicher viele Haushalte. Dazu kommt noch, dass bei vielen die Geldsorgen das letzte bisschen Optimismus unter einem muffigen Mantel aus Alltagstristesse begräbt. Dies ist bei Georg und Isabell zu Beginn nicht der Fall und trotzdessen, dass die Rückkehr Isabells in den Job die Belastungsgrenze für die kleine Familie verschiebt, scheinen sie es zu schaffen und diesen Weg zu meistern. Kommt jedoch ein kleiner Stein ins Rollen, eine Veränderung, stürzt dieses fragile Gebilde ein. Im Fall von Isabell und Georg kommt es gleich zu mehreren großen Steinen, die ins Rollen kommen. Das schon angesprochene Zittern ihrer Hände bekommt Isabell nicht in den Griff und lässt sich krankschreiben, geht in Therapie.  Georg verliert seinen Job, da die Zeitung, für die er arbeitet, aufgekauft und danach aufgelöst wird. Als Folge dieser Ereignisse begibt sich Georg auf eine zermürbende Arbeitssuche, was bei der Zeitungskrise, die gerade vorherrscht, nicht gerade einfach ist und Isabell versucht ihr Leiden mittels einer Therapie zu überwinden. Das alles sind einschneidende Ereignisse, die zur Folge haben, dass diese kleine Familie zu zerbrechen droht. Isabells zitternde Hände schlagen auf ihre Psyche. Sie kann zeitweise nicht mehr aus dem Bett und steht erst Mittags auf. Georg kann sich in Isabell nicht hinein versetzen, da sie ihm nicht erzählt, was sie konkret hat und er somit sauer auf sie und ihr Verhalten ist. Gleichzeitig muss er sich um einen neuen Job kümmern und geht dafür weite Wege, lehnt auch Stellen ab, die er moralisch nicht vertreten könnte, obwohl er viel Geld verdienen könnte. Letztendlich müssen die beiden sich entscheiden. Wollen sie die Wohnung in traumhafter Innenstadtlage behalten und dafür finanziell stärkere Belastungen in Kauf nehmen? Oder wollen sie aufs Land in eine Kleinstadt ziehen, damit Georg näher an einem halbwegs vernünftigen Job wäre? Eine Entscheidung, die in der Trennung dieses anfangs harmonischen Paares münden könnte.

In wieweit verändern äußere Umstände die Menschen? Ist jemand aufgeschlossen, lebensfreudig und offen, kann ein einzelner Schicksalsschlag alles verändern und diesen Menschen in den psychischen und/oder physischen Abgrund ziehen. Isabell und Georg sehen sich gleich mehreren solcher Wendungen ausgesetzt. Sicher ist es ist in ihrem Fall Jammern auf hohem Niveau, aber diese Ängste sitzen sicher vielen Menschen, die man der Mittelschicht zuordnen kann, im Nacken. Kind und Familie versorgen, Lebensstandard halten oder vielleicht sogar ausbauen sind alles Dinge, für die man Geld benötigt und dafür muss man arbeiten gehen.  Als beide ohne Arbeit dastehen, sitzt die Existenzangst im Nacken, die von Kristine Bilkau sehr schön in diesem Roman beschrieben wird. Erst leise (zitternde Hände), dann mit Gewalt (Jobverlust) steht sie in der Tür und will nicht verschwinden. Wo alles vorher sicher erscheint, ist plötzlich alles mit Verunsicherung behaftet. Und während man sich die Beine abstrampelt, um wieder etwas Luft nach oben zu bekommen, zieht die Zeit, in der man sein Kind genießen möchte an einem vorbei und man hat diese wunderbaren Jahre verpasst.

Kristine Bilkau hat in meinen Augen den passenden Roman für die aktuellen Debatten geschrieben, in denen die große Überschrift Vereinbarkeit von Familie und Beruf lautet und alles, was im Dunstkreis von diesen Schlagwörtern eine Rolle spielt. Sie wählt dabei den Schritt eine Familie vorzustellen, denen es eingangs gut geht und denen große Veränderungen ins Haus stehen, von denen sie aber noch nichts ahnen. Sie können sich anfangs vieles leisten (z.B. frische Brötchen beim Bäcker statt bei Lidl oder eine schicke Altbauwohnung in der Innenstadt einer hier namenlosen Großstadt), was nicht unbedingt notwendig ist, aber in ihren Augen zu einem zufriedenen  Leben dazugehört. Sie nutzt dabei jeweils die Perspektiven Georgs und Isabells, meist im Wechsel, um die jeweiligen Sichtweisen der Beiden herauszustreichen. Dabei bekommen wir nicht nur die schon genannte Vereinbarkeit, sondern auch einen interessanten und, wie ich finde, treffenden Blick beider Geschlechter auf die Probleme, die diese Familie betreffen. Das alles präsentiert uns die Autorin in leisen Tönen mit einer klaren, unaufgeregten Stimme. Bei vielen Dingen, die Kristine Bilkau beschreibt, möchte man einfach nur mit dem Kopf nicken (aus meiner Sicht vor allem die Dinge, die die Erziehung und das Leben mit Kind betreffen) oder die beiden Erwachsenen einfach mal in den Arm nehmen und ihnen sagen, dass alles nur halb so schlimm ist, wie sie es für sich darstellen. Gibt sie uns eine Lösung an die Hand, wie man diese ganzen Dilemma lösen kann? Nein, aber sie gibt einem auf den Weg, dass man miteinander reden sollte, um Probleme zu vermeiden und das es meist immer einen Weg aus der Misere geben kann. Man muss es nur versuchen und darf nicht resignieren.
Insgesamt gesehen, auch wenn ich dieses Frühjahr nicht viele Bücher gelesen habe, ist das für mich einer der Romane des ersten Halbjahres 2015, die man gelesen haben muss. Sanft geschrieben und aktuelle Themen unserer Zeit in einem ansprechenden Rahmen präsentiert. So stelle ich mir einen (fast) perfekten zeitgenössischen Roman vor. Unbedingte Leseempfehlung.

 Weitere lohnenswerte Besprechungen findet ihr bei:

Sophie von Literaturen

der Buchbloggerin Friderike

bei Astrolibrium

Claudia vom Grauen Sofa
Jacqueline von Lesevergnügen
aboutsomething
Das Debüt

6 Kommentare zu „[Rezension]: Kristine Bilkau – Die Glücklichen

Gib deinen ab

  1. Lieber Marc,
    das ausführliche Lesen Deiner Besprechung ist mir irgendwie dadurch gegangen. Nun aber! Dabei zeigst Du ja noch einmal sehr schön den Erzählstrang des Romans auf: den stetigen – eher psychischen Abstieg – Isabells und Georgs durch die vertrackten Arbeitssituationen und wie sich das alles auf die Familie auswirkt. Für mich macht eine Stärke des Romans aus, dass er uns am beispiel dieses Paares zeigt, dass eben auch die Mittelschicht nicht gefeit ist vor den Verwerfungen des Arbeitsmarktes, dass auch die gute Ausbildung im Endeffekt nichts nützt – die im übrigen ja auch den Eltern schon einiges abverlangt hat, -, will Georg sich nicht verbiegen bzw.: am Markt verkaufen als Schreiberling für das Mitarbeitermagaztin eines Luxusimmobilienmarklers oder als Contentmanager einer Pharamseite (wie war noch mal diese Internetseite – schiedenflora.org?). So stimme ich Dir zu: ein perfekter zeitgenössischer Roman.
    Viele Grüße, Claudia

    Liken

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