[Interview]: Nachgefragt bei… David Wonschewski

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David Wonschewski

Meinen zurückliegenden zweiten Bloggeburtstag möchte ich mit etwas Neuem abschließen, denn ich dachte mir, dass die Zeit reif ist für eine Interviewreihe, die ich in unregelmäßigen Abständen pflegen möchte. Beweggrund diese Reihe zu starten war vor allem, dem heutigen Gesprächspartner etwas auf den Zahn zu fühlen, wie er auf seine Stoffe kommt, die er veröffentlicht, und was es mit ihm anrichtet, während er darüber schreibt beziehungsweise Lesungen hält. Das es da etwas psychologisch wird, war eingangs nicht zu erahnen. Die Rede ist vom Schriftsteller David Wonschewski, den ich euch mit diesem Interview näherbringen möchte und dessen Debütroman „Schwarzer Frost“ ich euch auf meiner Seite schon vorgestellt habe (siehe hier). In diesem Jahr hat er mit „Zerteiltes Leid“ seinen zweiten Roman veröffentlicht und zwischenzeitlich mit „Geliebter Schmerz“ eine Sammlung von kleineren Geschichten. Warum man seine Bücher eigentlich lesen sollte und was es mit der Psychologie seiner Schriftstücke auf sich hat könnt ihr nun im Folgenden nachlesen und auf seiner Homepage (einfach auf seinen Namen in der Überschrift klicken). Für diejenigen, die bis zum Schluss durchhalten gibt es noch etwas zu gewinnen. Mehr dazu nach dem Interview. Die Besprechung zu seinem neuesten Buch liefere ich euch zeitnah nach.

Lesen macht glücklich: Mit „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“ und nun „Zerteiltes Leid“ hast du Bücher geschrieben, die alleine vom Titel her keine einfache Lektüre versprechen. Wie arbeitest du dich an solche Stoffe heran, die anderen im wirklichen Leben den Schlaf rauben oder das Leben zur Hölle machen?

David Wonschewski: Ich bin der Ansicht, dass es komplett fiktive Stoffe gar nicht gibt, jeder Autor hat eine persönliche Verbindung zu der Geschichte, über die er schreibt, einen eigenen Lebensbezug. Anders geht es ja gar nicht, 200 Seiten über etwas schreiben, das einen gar nicht tangiert, funktioniert wohl nicht. Und je „psychologischer“ ein Roman wird, desto größer muss wohl auch diese innere Verbindung sein. Bedeutet: In allen drei Büchern stecken Erfahrungen, die mir selbst bekannt sind, die ich in meinem eigenen Leben in irgendeiner Form zu erleiden, zu durchschreiten oder doch zumindest intensiv zu beobachten hatte. Natürlich schreibe ich in erster Linie also über mich, freue mich aber, wenn andere Leute sich oder ihre Umgebung in meinen Texten ebenso wiedererkennen. Was nur folgerichtig ist, denn gerade in unserem Leid ähneln wir uns Menschen doch sehr, was ich irgendwie ziemlich tröstlich finde. Dass es sich oftmals um vermeintlich unangenehme Stoffe handelt, ist mein Hauptantrieb. Allerdings nicht aus Lust an einer potentiellen Provokation, sondern um einer Stimme Gehör zu verschaffen, die ich für immens wichtig und aktuell unterrepräsentiert halte in unserer Gesellschaft. Nennen wir es etwas plakativ doch einfach: Das An- und Aussprechen unangenehmer Wahrheiten. Angefangen bei der Politker- und Fussballersprache, endend in den vielen Albernheiten, die uns der Begriff political correctness aufgebürdet hat – wenn wir verlernen uns auch die unfeinen Dinge lustvoll um die Ohren zu hauen, dann ergibt sich daraus eine Schräglage, die uns schlimmstenfalls die Sprache kosten kann. Das Vertrauen in das Wort des anderen ist ja jetzt schon ziemlich futsch. In allererster Linie müssen meine Texte daher mir selbst wehtun. Meine Lesungen sind da ein guter Indikator. Natürlich freue ich mich über die Sachen, wo ich weiß, dass sie funktionieren, alle ganz gerührt sein werden, es vermutlich Lob geben wird. Der wirkliche Antrieb erfolgt aber über jene Texte, über deren Wirkung ich mir nicht im Klaren bin, vor denen ich mitunter selbst noch zurückzucke. In „Geliebter Schmerz“ gibt es diese Geschichte namens „Der Tag an dem ich mir selbst den Garaus machen wollte“. Das ist eine Geschichte, die aus der Sicht eines Vergewaltigers erzählt wird. Ohne Happy End, ohne irgendeine Form der inneren Befreiung gen Ende. Diesen Text live zu lesen, das kostet mich eine enorme Überwindung. Zumal man bei solchen Stoffen auch immer an die eigene Verantwortung appellieren muss, Vergewaltigung „verfügt“ bekanntlich über eine enorm hohe Dunkelziffer. Die Chance, dass sich unter meinen Zuhörern oder vor allem Zuhörerinnen jemand befindet, der oder die die geschilderte Situation selbst durchleben musste, ist relativ hoch. Und wie diese Person darauf reagiert kaum einzuschätzen. Auch dass ich mich offenbar recht gut in den Kopf eines Vergewaltigers hineinversetzen kann, behagt natürlich nicht jedem. Ist das noch Fantasie oder bereits Perversion? Und wenn der Wonschewski das kann, können das dann nicht fürwahr alle Männer? Genau das ist aber integraler Bestandteil meiner Herangehensweise: die komplette Öffnung, der wiederkehrende Versuch menschliche Wunden und Schwächen, ihr regelmäßiges Versagen frontal anzugehen. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Die Texte, für die ich mich selbst etwas schäme, sind daher vermutlich meine besten. So blöd das für mich als Vortragender teilweise auch ist.

Lmg: Das du deiner Stimmer Gehör verschaffst konnte ich schon bei „Schwarzer Frost“ und nun bei „Zerteiltes Leid“ in eindrucksvoller Form nachvollziehen und auch an manchen Bildern deiner Lesung sieht man, dass du mit voller Leidenschaft dabei bist. Wie schafft man es, bei diesen schwierigen Themen, wie du sagtest „menschliche Wunden frontal anzugehen“, sich immer wieder neu zu motivieren beziehungsweise sich nicht von diesen dunklen Seiten zu sehr vereinnahmen zu lassen? Ich stelle mir das schwierig vor, wenn man sich damit immer wieder selber konfrontiert, sei es bei einer Lesung, bei der Vorbereitung dazu oder beim Schreiben deiner Texte.

DW: Um ehrlich zu sein kann ich meine Texte nur dann halbwegs impulsiv vortragen, wenn ich mich eben vereinnahmen lasse von diesen dunklen Seiten. So ein wenig Übung ist inzwischen natürlich auch dabei, bleibt ja nicht aus. Meistens aber schlittere ich automatisch in diese z.B. verzweifelte Gemütslage, in der dann auch meine Stimme überschlägt. In solchen Momenten bemerke ich, dass meine zur Schau gestellte Tobsucht keinesfalls geschauspielert ist, sondern vielmehr meine Lust offenbart, vor möglichst vielen Leuten einfach einmal ungehemmt die Kontrolle zu verlieren. Ich meine, wann kann, wann darf man sowas schon, wenn nicht auf einer Bühne?! Viele Menschen ängstigen sich vor solchen Momenten, in denen sie wie von Sinnen sind und schlimmstenfalls auch noch dabei beobachtet werden. Mich hingegen befreit das ungemein. Der Grund dafür findet sich wohl, wie so oft, in den Vorprägungen meiner Kindheit und Jugend. Ich war immer der stille, der schüchterne und obersensible Junge. Der, der den Mund nicht aufbekommen hat, der, der in der Schule rot anlief, wenn er vor mehr als drei Leuten sprechen musste. Verklemmt ist so ein fieser Ausdruck für diese Art von Jugendlichen. So wie Leute, die als Kind dick waren, auch im schlanken Zustand die frühere Dicklichkeit nicht mehr aus dem Schädel bekommen, so ist meine prägende Erfahrung die, permanent übersehen zu werden, so unsichtbar habe ich mich früher gemacht. Ich darf behaupten, dass von dieser Jugenderfahrung nicht mehr viel übrig ist, aber: es spukt mir eben weiter im Kopf herum, da kann ich mich heute auf eine Bühne stellen und in ein Mikrofon schreien so oft ich möchte. „Die Angst ich wäre nicht genug“, um eine Liedzeile von Klaus Hoffmann einzuflechten, wird mich wohl ein Leben lang begleiten.  Wer möchte, kann mir daraus eine handfeste Profilneurose drehen. Man kann mich aber auch einfach beglückwünschen, dass ich mein früheres „Leid“ am Schopfe gepackt und Wege gefunden habe, mich wie auf Knopfdruck regelmäßig davon zu befreien. Kann auch nicht jeder Mensch von sich behaupten, die meisten Menschen schleppen die kleinen oder großen Traumata ihrer Jugend ein Leben lang ziemlich wehrlos mit sich herum.

Lmg: Also eher eine Befreiung für dich als das Fallen in ein schwarzes Loch und somit ein kontrollierter Kontrollverlust, bei dem man quasi ein seinem Herz und seiner Seele freien Lauf lassen kann. Apropos Herz und Seele: Als Schriftsteller packst du, wie du weiter oben angesprochen hast, deine Erfahrungen in die Stoffe und machst den Roman zu etwas persönlichem. Führt man sich dann vor Augen, über was für Themen du schreibst (Selbstmord, Depression, Stalking etc.), frage ich mich als Leser unweigerlich, inwieweit das dein Herz und deine Seele belastet. Oder ist es doch die schon angesprochene Befreiung endlich über die Dinge öffentlich zu machen, die einen so lange zerfressen haben?

DW: Würde es mich in erster Linie belasten, ich würde es wohl nicht machen. Und: Hätte ich das Gefühl bei anderen Menschen in erster Linie Leid zu erzeugen oder selbiges zu vergrößern, dann vermutlich ebenfalls nicht. Das ist so ein wenig die Krux meiner Themen, in der Außenbetrachtung wirkt das oftmals so düster und misanthropisch, viele schrecken wohl auch gerade deswegen davor zurück, da sie etwas á la Splatter oder doch zumindest Werther 2.0 vermuten, was – fiktiv oder nicht-fiktiv – ganze Landstriche entvölkern kann. Ach, was wäre das schön, wenn ich sowas schreiben könnte! Dafür bin ich aber wohl doch zu menschheitszugewandt, denn so wie ich mir selbst helfe, so helfe ich eben anderen, nicht wenige Menschen finden sich durchaus wieder in diesen „dunklen“ Stoffen. Und es befreit sie zu lesen, dass sie nicht allein sind mit gewissen Gedanken. Genau genommen bin ich also ein Philanthrop, der den Weg der Misanthropie geht, um das fraglos vorhandene Leid zu lindern. Und ich bin ja nun wahrlich nicht der erste Mensch, der diesen künstlerischen Ansatz wählt, im Gegenteil. Joy Divison in der Musik, Lars von Trier oder David Lynch im Film und beispielsweise Siri Hustvedt in der Literatur, die kommt ja auch über die Zurschaustellung ihrer eigenen Zerbrechlichkeit daher. Besonders effektiv gerät dieser Versuch einer emotionalen Befreiung, wenn sich hinter einem vermeintlich niederdrückenden Stoff Humor offenbart. Man darf nicht unterschlagen, dass eine ganze Reihe meiner Leser „Schwarzer Frost“ beispielsweise als gar nicht sonderlich belastend, sondern eher schwarzhumorig empfinden. Ein Journalist schrieb vor einigen Wochen in der Nachbetrachtung einer Lesung auch nichts von schwierig oder depressiv, sondern nannte zuvorderst: Humor, Zynismus, Sarkasmus. Geht mir als Rezipient doch auch so: Spiel mir Comedy vor und du wirst mich vor Gram erschaudern sehen. Gib mir aber ein Buch von Thomas Bernhard oder Markus Werner oder auch Samuel Beckett: Ich werde umkommen vor Lachen. Ich glaube in mindestens jedem zweiten Buch von Thomas Bernhard bringt sich einer um oder hat sich bereits umgebracht. Da kann das Thema traurig sein wie es will, in dieser Penetranz verabreicht ist es urkomisch und Lust sich wirklich umzubringen, entsteht da doch auch nicht. Das behaupten lustigerweise aber eh nie diejenigen, die wirklich mit Suizidgedanken spielen oder gespielt haben, sondern immer nur die, die dieses Gefühl eben nicht kennen. Dass ein Film mit Jennifer Aniston in der Hauptrolle mich einem Selbstmord viel näher bringt als eine in tiefster Nacht konsumierte Ludwig Hirsch-Platte es je könnte, nein, das hat weder mit einem abgedrehten Humorverständnis noch einem frostigen Charakter zu tun. Sondern mit Logik und Wärme. Aber entschuldige bitte, ich jongliere schon wieder mit so vielen Bezugsquellen. Da kommt immer der Popkultur-Journalist in mir durch, die quatschen alle so referentiell daher.

Lmg: Eine feine Prise schwarzen Humor kann ich in deinen Geschichten bestätigen, welche sie annehmbarer werden lassen und den Leser das eigene Leben noch ein wenig schöner erscheinen lässt (mir erging es jedenfalls so). So wie du es beschreibst stimme ich sofort zu und ergänze noch die ganzen düsteren Fernsehserien, die in letzter Zeit so erfolgreich waren (Breaking Bad, True Detective, Dexter etc.). Allesamt zeigen sie das Böse oder Ahnungen davon im Menschen auf und wir schauen es uns gerne an, weil wir, so denke ich, damit konfrontiert werden wollen. Mir gefallen solche düstern Stoffe ebenfalls ungemein und ich kann davon nicht genug bekommen. Zu den von dir genannten Trier und Lynch habe ich noch nicht so den (erzählerischen) Zugang gefunden, auch wenn mir die Werke, die ich bisher von den beiden gesehen habe, gerade auf der künstlerischen Ebene (also Bildeinstellungen, Schnitt, allgemeine Stimmung etc.) gefallen haben. Nun hast du mit „Zerteiltes Leid“ deinen zweiten Roman und insgesamt drittes Buch geschrieben, der als eine Art „Liebes“- Roman angepriesen wird. Die klassische Liebesgeschichte wird der Leser dabei nicht erfahren, soviel kann man bei deinen Texten sicher sein. Kannst du den Lesern einen Appetithappen geben, worum es in deinem neuen Werk geht? Natürlich ohne zu viel zu verraten.

DW: Zugrunde liegt dem Roman das in sehr vielen Menschen vorhandene Gefühl, dass das Leben einem noch was schuldet. Die Ohnmacht aller zu kurz Gekommenen, gewissermaßen. Das interessante am Lebensgefühl dieser zu kurz Gekommenen ist dabei wohl die Verbissenheit. Diese kann zwar zu enormem Ehrgeiz führen und weit tragen, aber eben auch Wertmaßstäbe und Betrachtungsweisen ziemlich durcheinander bringen. Denn: der zu kurz Gekommene fühlt sich als Opfer. Sogar noch dann, wenn er längst der fiese Täter in einer Geschichte ist. In „Zerteiltes Leid“ ist heißt dieser zu kurz Gekommene Janus Jaroncek. Jaroncek ist in seinen Dreißigern und er weiß, das Leben schuldet ihm noch: die Liebe. So empfindet er es zumindest, denn Jaroncek hat 15 Jahre seines Lebens einer Frau gewidmet, die sich geweigert hat auch nur ein Wort mit ihm zu sprechen, die ihn komplett ignoriert hat. Zu einem zappelnd in der Luft Hängenden ist Jaroncek über die Jahre dadurch geworden, er kam nicht näher ran an die Frau, aber eben auch nicht wieder weg. So ist Jaroncek mehr oder minder gezwungen das Leben eines treuen, eines aufrichtig verliebten, durchaus romantisch veranlagten Mannes zu führen- der, es ist kaum zu verhindern, zunehmend zum Stalker wird. Wäre mein Buch einer dieser modernen Thriller, die Frau wäre wohl schreckhaft und gepeinigt unterwegs, derweil Jaroncek seinen sadistischen Verfolgerspaß hat. Das ist hier nun aber anders, die Frau ist modern und selbstbewusst und denkt überhaupt nicht daran in irgeneine Form von Angst zu verfallen. Und Jaroncek, nunja, zum Irren reicht es denn eben doch nicht, dafür ist er zu harmlos, zu sanft, zu klein. Ein von der Liebe aus dem Leben Genommener ist er, einer der weiß, dass er dringend auf eine andere Umlaufbahn finden müsste, der überhaupt keinen Spaß daran hat der zu sein, der er wurde. So könnte es vermutlich ein vertanes Menschenleben lang weitergehen – tut es aber nicht. Denn eines Tages wird seine vermeintliche große Liebe tot in ihrer Wohnung aufgefunden, bestialisch ermordet. Und alle Welt weiß: Nur er kommt als Täter in Frage, nur er hatte ein Motiv. Tja. Nur ob er es wirklich war, ob er in der Lage ist die Liebe seines Lebens umzubringen, die selbst in dieser unheilvollen Konstellation sein steter Antrieb war, sein einziger Grund morgens immer wieder aufzustehen, anstatt sich selbst ein Ende zu setzen…

Lmg: …, dass muss der Leser heraus finden. Aus den ersten Zeilen deiner letzten Antwort erkenne ich mich stellenweise sogar wieder, da auch ich eine zeitlang diese fehlgeleitete Sicht auf die Welt hatte, die einem diffuse Nebel in den Kopf bringt und das eigentliche Leben an einem vorbeiziehen lässt. Die Liebe also. Ein großes, vielfältiges Thema in der Literatur, Film und Musik, dem du dich auf eine etwas abseitigere Weise näherst, die, wenn man es genauer betrachtet, gar nicht so abwegig ist. Immer wieder hört man von diesen Stalker- Geschichten, die es sogar ab und zu in die Nachrichten schaffen und dessen Dunkelziffer sicher weitaus höher liegt. Wie hast du dich diesem Stoff genähert oder anders gefragt, in wieweit konnten die weiter oben angesprochenen persönlichen Erfahrungen, sofern es zu diesem Thema welche gibt, in das Buch Eingang finden.

DW: Oh, noch ein Fehlgeleiteter, wie freudig! Wir sind viele! Das Grundgefühl, das „Zerteiltes Leid“ überhaupt erst möglich gemacht hat, ist die erwähnte Ohnmacht, die in dem Buch sogar eine doppelte Ohnmacht ist. Eine Links-Rechts-Kombination mit Knock Out-Garantie, gewissermaßen. Wobei ich über diese zweite Ebene hier nicht allzu viel verraten möchte. Beide Ebenen sind mir selbst jedoch gut bekannt, schon da meine eigene Erste Liebe, die so vielfach gerühmte, ein horribler Schuss in den erkalteten Ofen gewesen ist. Negativ prägend. Die eigenen Gefühle einem im Grunde fremden Menschen zu offenbaren ist bekanntlich keine einfache Angelegenheit, schon gar nicht, wenn man sich zum ersten Mal gezwungen sieht über diese Offenbarungsgrenze zu hüpfen. Ich selbst wagte diesen Sprung seinerzeit und klatschte – bildlich gesprochen – gegen eine ziemlich harte Betonwand. Die pure Ignoranz. Eine echte Abfuhr hätte mir damals sehr geholfen, das klassische Verpiss dich, oha, was hätte ich darum gegeben das zu hören. Habe ich aber nicht, es gab gar keine Reaktion, null. Und so habe ich mich ganz seltsam verhakt, mich rettungslos verrannt. Zum echten Stalker hat es zwar nicht gereicht, aber ziemlich viel Tinte – Mails gab es noch nicht – und diverse ungelenke Anrufversuche hat es gegeben. Und Versuche wie zufällig ihren Weg zu kreuzen, was in blöden amerikanischen High School-Filmen immer klappt, im wahren Leben aber nie. Über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg ging das so, schön war daran gar nichts, du merkst ja durchaus, dass du irgendwie ziemlich am Arsch bist und deine Hemmschwelle ungelenke Affentänze zu vollführen zunehmend niedriger wird. Wie sich diese ganze vermaledeite Verliebtheit nach einiger Zeit überhaupt wie Schattenboxen anzufühlen begann. Hängengeblieben aus jener „ignorierten“ Zeit ist im Übrigen diese entfremdete Selbstwahrnehmung, die sich bis heute immer wieder in meinen Texten findet: Man steht vorm Spiegel und ist sich nicht sicher, ob man wirklich da, wirklich existent ist. Und man fängt an sich selbst zu kneifen und im Spiegel anzubrüllen und verfällt auch mehr und mehr in Selbstgespräche, alles um sich seiner selbst zu vergewissern. Das eigene Dasein, es wird zur Fragwürdigkeit. Liebe hat bekanntlich auch immer was mit Projektion zu tun. Man nimmt ein paar seiner Unzulänglichkeiten, Ängste und Komplexe und wirft sie auf den anderen. Hofft, dass der besser jonglieren kann damit als man selbst. Eine per se ziemlich unfaire Angelegenheit, egal ob das Gegenüber nun reagiert oder aber stumm bleibt.

Lmg: Ohnmacht im Angesicht der Liebe – das kennen sicher viele, aber die meisten erhalten Antworten auf ihre Avancen und wenn etwas ins Leere läuft ohne Rückkopplung, dann muss das ja irgendwie kanalisiert werden. Und wenn das über Jahre geschieht, kann das einen zermürben. Das dich dieses Thema geprägt hat ist nur verständlich. Inwieweit hat dir das Schreiben von „Zerteiltes Leid“ geholfen diese unerwiderte Liebe zu verarbeiten? Ist es eine Art Heilungsprozess, wenn man durch das Schreiben eine Situation herbeiführen kann, die man selbst nie erlebt hat? Ich stelle mir das psychisch befreiend vor, wenn man sich diese Last wegschreiben kann und wieder befreiter atmen kann.

DW: Da sind wir an dem Punkt, an dem manche Leser meine Texte als partiell humoristisch interpretieren. Zurecht. Denn wie in „Schwarzer Frost“ mache ich mich auch in „Zerteiltes Leid“ vor allem über mich selbst lustig. Und das funktioniert recht gut, wenn man auf der einen Seite zwar akribisch gewisse psychologische Fäden weiterspinnt – zugleich aber eben auch immer ein Stück weit überzieht, in Situationen vordringt, die man selbst in dieser Form denn eben doch nicht erlebt hat. Freilich ohne dabei allzu fantasievoll zu werden, was bei einem Thema wie Stalking allerdings auch gar nicht nötig ist. Da geschehen nun wirklich Dinge, die glaubt man nicht. Diese Passage mit dem Hitler-Foto beispielsweise, die mag dem ein oder anderen eventuell leicht überdreht erscheinen. Ist aber angelehnt an einen realen Fall, der mir berichtet wurde. Verarbeitet werden muss hier auch nicht mein privates damaliges Liebesleid, aus der Nummer bin gottlob seit geraumer Zeit raus. Verarbeitet werden soll die menschliche Tendenz, das eigene Leid beständig zu überhöhen, sich selbst in seinen düsteren Phasen allzu wichtig zu nehmen. Denn das ist ja wirklich ganz interessant, die Egomanie selbstverliebter und von sich selbst besoffener Menschen kann tierisch abnerven – ist aber nichts im Vergleich zur Selbstbezogenheit depressiver und permanent an sich selbst (ver-)zweifelnder Menschen. Man kann mir also durchaus das Etikett „Misanthrop“ geben. „Verkappter Philanthrop“ tut’s aber wohl auch.

Lmg: Und wie weit bist du mit der Verarbeitung, sich in düsteren Phasen allzu wichtig zu nehmen, gekommen?

DW: Schwierig zu beurteilen. Man selbst denkt ja oft – das ist Teil der subjektiven düsteren Wichtigtuerei – dass man kaum vom Fleck kommt, dass man womöglich sogar der am meisten traumatisierte, der perspektivloseste Mensch des Landes, ach was: der Welt ist. Aber das ist natürlich quark, ich meine drei Bücher, fast 750 Seiten, dazu zig öffentliche Lesungen – klingt nicht wie jemand, der sich rettungslos verheddert hat. Sondern eher wie jemand, der ein Ventil gefunden hat. Und in der Tat sind mir sehr viele Leute bekannt, denen es wahrlich nicht gut geht, denen aber jegliche Sprache fehlt, sich auch nur ihrem persönlichen Umfeld verständlich zu machen. Immerhin das habe ich offenbar hinter mir, auch wenn eine Menge Riegel in mir mit Sicherheit noch darauf warten zur Seite geschoben zu werden. Meine eigenen Erfahrungen mit Therapeuten, Ärzten und Pillen sind eh keine sonderlich guten, viel Zeitverschwendung, viel Aufwand für die Katz (was nicht bedeuten soll, dass manchen Menschen nicht durchaus auf diese Weise zu helfen ist). Ich brauche das alles nicht mehr, ich therapier mich selbst. Wenn eine Phase kommt, die weniger nett ist, greife ich einfach zur Tastatur. Und verhöhne mich selbst eine Runde. Klappt zumindest bei mir ganz wunderbar!

Lmg: Das ist doch ein wunderbares Schlusswort des „verkappten Philanthropen“, sozusagen eine Selbsttherapie durch die Kunst. Könnte man glatt ein Buch daraus machen. Ich danke dir an dieser Stelle für das wunderbare Interview und bin schon auf deine nächsten Werke gespannt. Auch wenn die Veröffentlichung von „Zerteiltes Leid“ nicht allzu fern zurück liegt – welche Projekte treiben dich um und hast du schon etwas im Hinterkopf und sei es nur eine diffuse Ahnung dessen? Und als abschließende Frage: Wo kann man dich demnächst live bei einer Lesung erleben?

DW: Da ich Mitglied einer monatlichen Liederatur-Bühne (Lied & Literatur) hier in Berlin bin, habe ich natürlich fortlaufend kleine Projekte am Start. Derzeit sammeln sich also wieder diverse live erprobte Kurztexte an, vielleicht kulminiert das mittelfristig zu einem weiteren Band mit Erzählungen. Auch an einem neuen Roman arbeite ich bereits, Grundidee und Konstrukt stehen auch schon, ich lasse mir jedoch bewusst etwas Zeit, bevor ich anfange damit. Ich habe das seltsame Talent, dass ich so Bücher wie „Schwarzer Frost“ oder „Zerteiltes Leid“ wohl noch 30 mal in diversen Variationen schreiben könnte. Blöderweise habe ich genau daran aber wenig Interesse, die Gefahr sich zu wiederholen und nur eine beständigen Aufguss seiner selbst zu präsentieren ist ja recht hoch. Wird aber dadurch minimiert, dass man einfach mal eine Pause einschiebt, es sich gönnt eine Weile „nur“ Rezipient zu sein. Schon um aus diesem widerlichen, unter Künstlern arg verbreiteten Dilemma herauszukommen, wonach man Werke anderer nur noch analysierend begutachten kann. Anstatt einfach nur wunderbar naiv darin aufzugehen. Mehr möchte ich aber noch nicht verraten zu einem so frühen Zeitpunkt, sondern mich lieber für dieses Gespräch bedanken und für die Möglichkeit, mich deinen Lesern ein wenig zu zeigen. Achja – und zustimmen will ich dir natürlich auch noch: Lesen macht glücklich. Ganz sicher sogar. Auf Lesungen bin ich recht viel in diesem Jahr, Köln , Düsseldorf, München, Leipzig, Hamburg, Dresden – am besten mal schauen auf meiner Website, wird regelmäßig aufgefrischt…   https://davidwonschewski.wordpress.com/termine/  

Habt ihr bis hierher durchgehalten? Dann gibt es jetzt noch etwas zu gewinnen. David Wonschewski und ich halten für euch ein vom Autor signierte Ausgabe von „Zerteiltes Leid“ bereit. Die Signatur wird auf den Gewinner maßgeschneidert sein. Was müsst ihr dafür tun? Schreibt einfach einen Kommentar (hier oder auf Facebook) warum ihr dieses Buch lesen wollt und was euch allgemein an den vorgestellten Themen fasziniert/interessiert. Das Gewinnspiel läuft bis 14.07.2015 und ausgelost wird einen Tag später.

15 Kommentare zu „[Interview]: Nachgefragt bei… David Wonschewski

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  1. Nun, die Werke von Kollegen interessieren mich von jeher, vor allen Dingen, wenn wir von selber Stelle verlegt werden. Was ich gelesen habe ruft nach mehr. Gewinnen wäre phantastisch! Liebe Grüße aus Dresden.

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  2. Liebe Leser von „Lesen macht glücklich“,

    da wird doch der Blog-Titel gleich zum Tagesgefühl: Ich bedanke mich für die feinen, in Summe doch arg erfreulichen Kommentare bis hierhin. In der Tat gehöre ich zu den Leuten, die schriftlich recht ausufernd werden können. Nein: müssen. Was mich auch seit geraumer Zeit nach einem Pendant zu „In der Kürze liegt die Würze“ für auf Länge gepolte Autoren suchen lässt. Bekanntlich lassen sich zu fast allen bekannten Sprüchen und Weisheiten stets auch genau gegensprüchliche Sentenzen finden. So dass sich schlussendlich gar niemand mehr auskennt im Leben.

    Zwei Tage läuft das feine Gewinnspiel von Marc noch – ich wünsche: Glück.
    David Wonschewski

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  3. Eine gute Idee, Münchhausens Zopf-Selbstextraktion aus dem Sumpf literarisch für sich selbst zu nutzen. Fiktionale Literatur gibt es wohl wirklich nicht in Reinkultur, da immer das Wilhelm-Busch’sche Hühnerbein der eigenen Vita aus allem herausschaut.
    Hab’s gerne gelesen!
    H.B.

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  4. Diesen Absatz „…dass ich mein früheres “Leid” am Schopfe gepackt und Wege gefunden habe, mich wie auf Knopfdruck regelmäßig davon zu befreien. Kann auch nicht jeder Mensch von sich behaupten, die meisten Menschen schleppen die kleinen oder großen Traumata ihrer Jugend ein Leben lang ziemlich wehrlos mit sich herum.“ las ich besonders gern.
    Das Licht, welches Mensch am dunkelsten Ort seiner selbst finden kann, lässt schöne Dinge erstrahlen!

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  5. Nachdem ich das Interview neulich aus Zeitgründen nur anlesen konnte, habe ich es nun endlich!!! bis zum letzten Satz lesen können.

    Zunächst einmal, lieber Marc, ein großes Lob! Ich lese gerne Interviews mit Autoren, auch bzw. vor allem dann, wenn ich noch nichts von jenem Autor gelesen habe – durch Interviews werde ich oftmals erst richtig neugierig auf die Bücher, weil sie gute Eindrücke zu Themen und Stil des Autors vermitteln.
    Dir ist die Interview-Premiere zudem wunderbar gelungen! Es gibt ja tatsächlich Leute, die sich an längeren Interviews stören. Bei mir ist es umgedreht: Ich finde kurze Interviews langweilig und nichtssagend, erst recht, wenn auch die Antworten knapp ausfallen. Daher, und weil du die 08/15-Fragen vermieden hast, habe ich das Interview sehr gerne gelesen! Ich freue mich schon auf jene, die noch folgen werden!

    Mit David Wonschewski hast du allerdings auch einen sehr interessanten Gesprächspartner gefunden! Ich mag seine Einstellung, dass er sich selbst nicht zu ernst nimmt und sich sogar selbst aufs Korn nimmt. Solche Menschen sind mir grundsätzlich sympathisch. Im Film „Garden State“ gibt es dazu ein passendes Zitat, das mittlerweile so etwas wie mein Lebensmotto geworden ist: „If you can’t laugh at yourself, life’s gonna seem a whole lot longer than you’d like.“

    Abgesehen davon finde ich es faszinierend, dass David Wonschewski gerade jene Passagen favorisiert, bei denen er die Reaktion des Publikums nicht abschätzen kann und/oder die zu lesen viel Überwindung kosten. Ich vermute, bei den meisten Autoren wäre das Gegenteil der Fall …

    Viele Grüße aus NRW!
    Kathrin

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    1. Hallo Kathrin,
      vielen Dank einmal für deine ausführliche Antwort.
      Auch ich bin eher Fan langer, ausführlicher Interviews, aber da müssen beide Seiten mitmachen. In David habe ich so einen gefunden, dessen Antworten interessant zum Lesen sind und dankbar für den Interviewführenden, da man sich aus dem Fundus der Antwort etwas picken kann. Achja: 08/15- Fragen mag ich überhaupt nicht :-)
      Die Einstellung von David ist in der Tat bemerkenswert und sollte hervorgehoben werden als positives Beispiel, wie man sich immer wieder selbst den Kopf aus der selbstgelegten Schlinge zieht.
      Mich freut es, dass dir das Interview gefallen hat und drücke für die Losung die Daumen.
      Liebe Grüße
      Marc

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  6. Ich bin vor längerer Zeit mal zufällig über Davids Blog gestolpert, über einen Artikel, der mich zutiefst berührt hat. „Schwarzer Frost“ habe ich mir damals in meinem Überschwang gleich vorbestellt und gekauft. Nun muss ich leider gestehen, dass es trotz allem immer noch ungelesen im Regal steht. Schande über mich! Deshalb lasse ich bei der Verlosung dann doch besser anderen den Vortritt und wünsche viel Glück!

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    1. Ist notiert und wird noch mit dem Warnhinweis bedacht, „Schwarzer Frost“ langsam anzugehen, da es schon schwerere Kost ist. Aber sehr lohnenswert. Bin gespannt, was du dazu meinst, wenn du es gelesen hast.
      Marc

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  7. Dass ich dieses Interview gelesen habe, ohne mich nur eine Sekunde zu langweilen (passiert mir sehr selten), zeigt mir, dass ich dieses Buch unbedingt lesen muss. Würde das Buch sehr gern gewinnen!

    LG, Sue

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    1. Hallo Sue,
      erstmal liebe Grüße nach Karl-Marx-Stadt und danke für das Lob, was ja zu 70% dem Befragten gebührt :-) Bin gespannt, falls du gewinnst, was du zum Buch sagst.
      Marc

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