[Rezension]: Richard Lorenz – Amerika-Plakate

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Brooklyn – Ein Ort, an dem Träume und Geschichten Wirklichkeit werden

„Ohne Bücher würde nichts funktionieren. Gar nichts. Die Leute glauben nicht allzu sehr an Bücher, ich weiß. Bücher sind Sternenstaub. Hätten wir keine Bücher, hätten wir auch kein Leben. Es sind Geschichten, die uns über die Nächte bringen.“

New York, die Stadt der Träume, des hektischen Lebens, die Stadt in der für viele Amerika begann oder auch endete, die Stadt der Superlative, der wohl berühmtesten Hochhäuser der Welt, die Stadt die niemals schläft und einen auch nicht schlafen lässt. Diese Stadt und davon den Stadtteil Brooklyn hat Richard Lorenz als den Ruhepol seines Romans „Amerika-Plakate“ geschaffen. Hier treffen sich die schon Verstorbenen, die noch Lebenden, die, die Träume haben, die Geschichten in sich tragen und diese verwahren oder weiter geben. New York und Amerika sind der Dreh- und Angelpunkt in Leibrands Leben. Wer ist dieser Leibrand? Ich würde ihn als Medium bezeichnen, der Dinge sieht, die anderen verborgen sind oder die nicht gesehen werden wollen. Er ist ein Mensch, der anderen hilft und der selber nur das Ziel hat, die Liebe seines Lebens zu finden und mit ihr glücklich zu werden.

„Natürlich wusste ich von Leibrands Schrank. Immer, wenn sein Vater zuviel getrunken hatte, und das passierte vier, fünf Mal die Woche, war der Schrank Leibrands Versteck. Während sein Vater unten in der Küche so laut schrie, dass man es noch bei uns klar und deutlich hören konnte, verschwand Leibrand in dem schweren Holzkasten und ging fort – schloss die Augen und träumte sich weg von diesem schrecklichen Ort.“

Es ist ein Sommer in den 70ern. Leibrand versteckt sich in seinem Schrank. Er versteckt sich da sehr oft, da sein Vater, dem Alkohol verfallen, seine Mutter schlägt und sicher auch vor Leibrand nichtt zurück schrecken würde. Der Schrank ist daher ein Zufluchtsort für Leibrand, in dem er viel träumt. Sich wegträumt von diesem Albtraum namens Alltag. Er träumt dabei die Geschichten anderer Menschen, die Wirklichkeit sind oder werden, und malt Bilder, hauptsächlich in blauen Tönen, die er als Amerika-Plakate bezeichnet. Eines Tages kommt ein rothaariges Mädchen in die Stadt und auch eine Art Wanderzirkus, mit Leuten, die auf der Suche nach jemand bestimmten sind. Als Leibrand und das rothaarige Mädchen sich begegnen passieren viele Dinge auf einmal, die Realität verschiebt sich und nur ein Kuss zwischen Leibrand und Suzanne, so heißt dieses Mädchen, scheint die Welt vor einer Art Untergang zu bewahren. Ein Mädchen namens Mathilda verschwindet in dieser Nacht und Leibrand muss dieses Mädchen retten und dafür sein Leben „aufgeben“ indem er sich auf immer und ewig an Suzanne bindet, die an einem Ort namens Brooklyn, welches dem Brooklyn entspricht, was Suzanne in ihrer Fanatasie daraus macht, eine Art Königin und Geschichtenbewahrerin ist; von Geschichten die sind und die noch sein werden. Die noch nicht geschrieben sind oder auch niemals geschrieben werden.
Danach ist Leibrands Leben nicht mehr dasselbe. Er ist auf der steten Suche nach Suzanne, kann sie nicht vergessen und will sie irgendwie doch nicht finden. Dabei hilft er anderen Menschen ihren Weg zu finden. Sei es, um sie auf den rechten Pfad zu bringen oder sich zu erlösen von ihrem Leid. Leibrand hat diese gewisse Gabe, die nur wenigen zuteil werden. Er mischt sich ein, wo er muss und niemand ist ihm deswegen böse. Alle schauen ihn nur verwundert an und erinnern sich im Guten an ihn. Dieses Leben führt er bis eines Tages der Zufall es will, dass er erfährt, wo Suzanne wohnt und er seine Suche nach ihr fortsetzt.

Alles im Leben schließt sich. Ich denke zum Ende hin kommen alle Dinge wieder ins Lot. […] Leibrand fehlt mir. Für lange Zeit war er ein Teil meiner selbst, manchmal ein Bruder, meist wie ein Vater, der auf mich aufpasste und mich beschützte. Vermutlich begegnet man solchen außergewöhnlichen Menschen nur einmal im Leben.“

Inhaltlich mag jetzt auf den ersten Blick alles sehr verwirrend und auch seltsam klingen, was es auf den ersten Seiten auch ist. Es benötigt ein wenig Eingewöhnungszeit, sich auf den Schreibstil des Autors einzulassen. Man hat hier kein gewöhnliches Buch vor sich liegen, bei dem man sich auf die Geschichte stürzt und es nicht mehr aus der Hand legt, bis es ausgelesen ist. Dieses Buch ist eher etwas für Genießer, man muss es immer mal wieder aus der Hand legen, die Dinge auf sich wirken lassen. Es ist sperrig und ungewöhnlich anders geschrieben, als man es heutzutage gewohnt ist. Es ist phantasievoll, abseitig, voller Wunder und auch Schrecken, es steckt voller Melancholie und Todessehnsucht und doch ist an jeder Ecke ein Optimismus zu erkennen, der diese ganze Melancholie aufwiegt. Wie die Musik, die Filme und die Bücher, die in diesem Buch erwähnt werden, verströmt dieses Buch eine Art Lebensgefühl der 70er, was mir als Leser zwar fremd ist, aber durch das Lesen näher gebracht wurde.

Wir alle haben eine Aufgabe, davon bin ich wirklich überzeugt – selbst jene, die sich in der Dämmerung erhängen. Vielleicht sind es die Regenmenschen, die es früher sehen und verstehen können. Leibrand war einer von ihnen. Er liebte den Regen und den Sturm, liebte die Gewitter und all jene Geschichten, die der Himmel erzählte.“

Wenn es bis jetzt noch nicht durchgedrungen ist, dann merkt man spätestens jetzt, dass ich von dem Buch richtiggehend begeistert bin. Es gibt zwar ein paar Punkte, die ich nicht so gut fand, aber die wiegen das Positive bei weitem nicht auf. Im Gegenteil, lassen sie doch Spielraum für Interpretationen und überlassen es dem Leser, die Fäden der Geschichte weiterzuspinnen. Richard Lorenz hat einen Roman geschrieben, den es eigentlich nicht hätte geben sollen, da viele Verlage ihn als zu abseitig, zu verkopft oder einfach als zu sperrig für den Buchmarkt fanden und deshalb ablehnten. Joachim Körber von der Edition Phantasia hat sich des Textes angenommen und ihn, ich sage jetzt mal in Unkenntnis des genauen Ablaufes, ohne mit der Wimper zu zucken auf dem Imprint kuk veröffentlicht. Dazu kann man nur sagen: zum Glück, denn sonst hätte ein Roman nicht das Licht der Welt erblickt der Leser wie mich oder Frank Duwald, dem ich diesen Außenseitertipp zu verdanken habe, begeistert zurück gelassen hat. Man muss sich nur darauf einlassen und es auf sich wirken lassen.

Dann war es ganz still.
Die Wolken wie gemalt.
Ein kleiner Riss zwischen zwei  pechschwarzen Wolkengebilden.
Aus denen ein Blitz geboren wurde.
Jener Blitz, der den Jungen aus den Stiefeln schleuderte.“

Richard Lorenz
“Amerika-Plakate”
Edition Phantasia – kuk 1. Auflage, 2014
ISBN: 978-3-937897-54-7

Weitere interessante Besprechungen findet ihr bei:
Dandelion (an dieser Stelle noch einmal ein dickes Dankeschön an Frank für diesen wunderbaren Tipp)
Literaturen
Büchereule (Forum)
Buch und Literatur
Fantasyguide
Booknerds
Litteratur.ch
Tobias Nazemis Buchrevier

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