[Rezension]: David Wonschewski – Zerteiltes Leid

Zerteiltes Leid

Wie Liebe in Wahnsinn umschlägt

It’s a Man’s Man’s Man’s World, heißt es in einem Lied. Und ich habe noch einmal nachschauen müssen, um bestätigt zu finden, dass es tatsächlich gleich dreimal wiederholt werden muss in diesem Lied. Es ist eine Männer-, Männer-, Männerwelt. Dreimal wiederholen, mit verbaler Gewalt durchsetzen muss man es. Denn wiederholt man es nicht und wendet auch keine Gewalt an, verpufft es und erweist sich als die große Unwahrheit, die es ist. Denn wir leben in keiner Männerwelt. Wir leben in einer Frauenwelt.“

Uta Wensch wurde ermordet. Vermeintlich von dem in Haft sitzenden Janusz Jaroncek. Er war zu besagtem Tatzeitpunkt am Tatort, wurde von mehreren Zeugen gesehen und hat der Spurensicherung eine saubere Beweislage hinterlassen. Und doch steht nicht zu 100% fest, dass Jaroncek Uta Wensch umgebracht hat. Aus diesem Grund wird er verhört und von Wissenschaftlern untersucht, um aus ihm eine Art Geständnis zu bekommen. Dabei ist der Polizei jedes Mittel recht, um die Wahrheit herauszufinden. Es entwickelt sich eine Art Kammerspiel zwischen dem Stalker Jaroncek und einer Beamtin, die ihn verhören soll. Doch ist wirklich alles so, wie es scheint?

„Mord erreicht die höchste Intimität, die zwischen zwei Menschen zu erreichen ist. Bringt ein Mensch einen anderen um, so ist er ihm näher, als ein Kuss oder Sex sie jemals hätte zusammenbringen können. Der Mord ist die ultimative Vereinigung. Auf ewig sind Mörder und Ermordeter miteinander verbunden, denn nach dem Tod kommt nichts mehr. […] Gemeinsam rasen Mörder und Ermodeter auf die Ziellinie zu und sind auf ein und demselben Fotofinish.“

Janusz Jaroncek ist ein wirrer Typ, ein Eckenplauderer, der seine Wahrheiten an den Straßenecken dieser Welt hinausschreit. Ihm ist es egal, dass keine zuhören will – Hauptsache er ist seine Wahrheit los. Dieser Janusz hat ein Problem, welches auf den Namen Uta Wensch hört. Er ist ihr seit seiner Jugend verfallen und läuft ihr hinterher. Sie, die ihn abweist und nichts mit ihm zu tun haben will, ist das Objekt seiner Begierde. Und trotz aller Abweisungen reist er ihr in ihre Urlaubsdomizile hinterher, spioniert sie aus, schreibt ihr Liebesbriefe. Das geht gut, solange sie seine Avancen einfach ignoriert und an sich abprallen lässt.
Nun sitzt Janusz in Untersuchungshaft, weil ihm der Mord an ebenjener Uta Wensch angelastet wird. In ihrer Wohnung überrascht und gnadenlos ermordet soll er sie haben. Die Arme aufgeschlitzt und sie dann in der Wanne ausbluten lassen. Und trotz einer erdrückenden Beweislast ist die Schuld Jaronceks nicht zu 100% bewiesen. Es ist an einer namenlosen Beamtin, Janusz zu verhören und ihm ein Geständnis zu entlocken. Dabei soll sie ihre weiblichen Reize ausspielen, denn Janusz hat eine Schwäche für die Weiblichkeit und die Frauen an sich. Ein gestörtes Verhältnis zu seiner Mutter (er nennt sie Mummy) und seiner Schwester hat ihn zu einem Weichling werden lassen, der im Anblick der weiblichen Reize nervlich zusammenbricht und keine normalen Handlungen mehr zustande bringt. Dieser Schwachpunkt soll im Verhör ausgenutzt werden, um ihm die Wahrheit über die Nacht, in der Uta Wensch gestorben ist, zu entlocken.

„Hören Sie, Janusz, Sie sind doch ein intelligenter Mann. Sie haben Abitur, Sie haben eine gute Ausbildung, abgeschlossen als Landesbester sogar. Und die Sache mit den Monologen auf Marktplätzen und an Straßenecken – das machen keine Irren. Nein, das machen Menschen, die etwas zu erzählen haben. Ja, Janusz, so einfach ist das: Sie haben was zu erzählen! Nicht mehr, nicht weniger. Menschen, die den Durchblick haben und in der Lage sind, in der Dunkelheit ein Licht anzuknipsen, genau die werden Kabarettisten, Aufklärer, Psychologen oder aber Eckenplauderer, so wie Sie.“

Was passiert, wenn man jemanden begehrt und diesem Menschen jahrelang hinterhersteigt, immer Absagen bekommt beziehungsweise auf eine Mauer aus Ablehnung trifft? Was passiert, wenn dieser jemand sich dann auf einmal umentscheiden sollte und den einen entscheidenden Schritt, den man jahrelang erhofft hat, auf einmal macht und davon überrascht wird? Diesen Fragen geht David Wonschewski in seinem neuesten Roman „Zerteiltes Leid“ nach, das als Liebesroman beworben wird, aber keiner im klassischen Sinn ist. Die Geschichte von Janusz Jaroncek und seine Liebe zu Uta Wensch ist gepflastert von Missverständnissen, einseitigen Liebesbekundungen und Ablehnung. Dazu ist Janusz geprägt von den häuslichen Frauenfiguren, die ihn entweder missachten (seine Mutter) oder zu stark vereinnahmten (seine Schwester). Er hatte keine väterliche Bindungsfigur, zu der er aufschauen konnte, da sein Vater die Familie in jungen Jahren verließ.
Vieles verliert sich dabei in diesem Buch in Andeutungen, was ich nicht negativ meine. Man muss sich die Zwischenstücke erarbeiten. Es wird weder die Frage geklärt, warum Januszs Vater weggegangen ist (Krankheit, Frau betrogen, unheilbare Krankheit?) oder ob Janusz Uta Wensch wirklich ermordet hat. Es ist nicht unbedingt die Art Lektüre, die sich nebenbei weglesen lässt oder die man genießt. Es ist ein Buch, wie auch schon sein Erstling „Schwarzer Frost“, das anstrengt, zum nachdenken anregt und den Leser an manchen Stellen auch etwas ratlos zurücklässt. Man kommt ins Grübeln, was Stalking in denjenigem anrichtet, der einer Person nachstellt und es werden mögliche Gründe angegeben, dass es so weit kommen konnte. Was Janusz erwarten wird, wenn diese Geschichte ausgestanden ist, wird nicht geklärt und muss sich im Kopf des Lesers abspielen.
Sprachlich ist dieses Buch gleich und doch wieder anders im Vergleich zu „Schwarzer Frost“. Bei „Schwarzer Frost“ stand der innere Monolog im Vordergrund und war dementsprechend in geringen Dosen genießbar. „Zerteiltes Leid“ hat auch viel von diesen inneren Monologen und es steht auch eine Art Todessehnsucht im Raum. Diese wird aber ungenauer angerissen, denn das Stalking und seine Folgen steht viel mehr im Vordergrund und wird durch die Gedanken Jaronceks getragen. Aufgelockert wird das Szenario durch die Verhöre der namenlosen Beamtin und durch vereinzelte Liebesbriefe, die Janusz an Uta geschrieben hat und die das ganze Ausmaß des Stalkings erst verdeutlichen. Die drei Formen des Schreibens (Gedankenmonolog, Verhör und Briefe) geben jeweils unterschiedliche Einblicke in die Geschichte, was man erst im Verlauf des Buches mitbekommt.

„Schon bald werde ich aufgehen in diesem Schwarz, das vor so vielen Jahren begonnen hat, nach mir zu greifen. Mich erst umfing, dann ummantelte. Und das mich nun, wo ich hier sitze und kaum noch über Gestalt, geschweige denn Kontur verfüge, mit Haut und Haar zu verschlingen beginnt.“

Das dieses Buch anstrengend wird, konnte ich mir im Vorfeld klarmachen, da schon der Erstling keine einfache Lektüre war. Ich habe eine Schwäche für solche Bücher, in die man eintauchen kann, die man atmet und die einem etwas zum Nachdenken mitgeben. An manchen Stellen muss man schlucken, ob der Charakterisierung der Hauptfigur. Jedoch kann ich mir vorstellen, dass es im echten Leben solche Figuren wirklich gibt und diese auch so handeln, wie in diesem Roman beschrieben. David Wonschewski nimmt dabei kein Blatt vor den Mund und offenbart schonungslos die Gedankenwelt von Janusz Jaroncek. Damit muss man als Leser umgehen können. Hat man danach mehr Nachsicht mit Stalkern? Ich meine nicht, aber man kann sich besser in sie hinein versetzen.
An dieser Stelle vielen Dank an den Autor für die Bereitstellung des Leseexemplars und die sehr erleuchtenden Momente während des Interviews, das wir vor ein paar Wochen geführt hatten (siehe unten).

„Ich besitze eine große Pappschachtel. Und darin liegen Utensilien aus fünfzehn Jahren Leidenschaft, die ich für eine Frau gehegt habe, die neben Ignoranz und Spott nie viel für mich übrig hatte.“

David Wonschewski
„Zerteiltes Leid“
Periplaneta Verlag, 1. Auflage Mai 2015
ISBN 978-3-943876-85-7

P.S.: Wenn ihr mehr über den Autor erfahren wollt, könnt ihr seine Seite besuchen (klick hier) oder das Interview lesen, was ich vor einigen Wochen mit dem Autor geführt habe (siehe hier).

 

3 Kommentare zu „[Rezension]: David Wonschewski – Zerteiltes Leid

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