[Rezension]: Jana Hensel – Zonenkinder

Wie es ist als Ossi im „Westen“ aufzuwachsen

„Es fällt uns nicht leicht, uns an diese Märchenzeit zu erinnern, den lange wollten wir sie vergessen, wünschten uns nichts sehnlicher, als dass sie so schnell wie möglich verschwinden würde. Es war, als durfte sie nie existiert haben und als schmerzte es nicht, sich von Vertrautem zu trennen. Eines Tages schlossen sich die Türen dann tatsächlich. Plötzlich war sie weg, die alte Zeit.“

Ich hatte in meinem Leben immer mal wieder Phasen, während denen es mich danach gelüstet hat, mehr über meine Vergangenheit beziehungsweise die meiner Eltern zu erfahren. Da ich zur Wende nur 8 Jahre alt war, habe ich nur Erinnerungsfetzen an die DDR und vor allem auch die Wendezeit. So zum Beispiel kann ich mich noch an eine völlig überhastete Fahrt erinnern, die wir noch im Dunst des Morgennebels und während der Dämmerung starteten und dessen Ziel die heilige Stadt oder besser der Westteil der Stadt sein sollte – Berlin. Ich kann mich weder an die Fahrt im Trabbi selber oder an den Tag im speziellen erinnern, nur soviel, dass ich am Ende des Tages stolz wie Bolle ein Lustiges Taschenbuch mit nach Hause nehmen konnte (an die jüngeren unter euch – die waren damals noch ohne Sammelrücken und in abwechselnd in schwarz-weiß und bunt gezeichnet). Leider weiß ich nicht mehr, welche Nummer es war. Alles andere ist im Dunkel meiner Erinnerungen verschwunden und wird da sicher nicht mehr auftauchen. Nur einzelne Gerüche von damals, diverse Gepflogenheiten, Fernsehsendungen und allgemein das Leben, wie man es bisher kannte, verschwand von einem Tag auf den anderen. Einzig die Trabbis, die das Straßenbild immer noch verzierten, bröckelnde Fassaden und die Erinnerungen, die die Eltern aufleben ließen, haben den Übergang von Ost auf West fließend gestaltet.

„Überall neunziger Jahre. Ein anderes Jahrzehnt schien es auf dem Boden der DDR nie gegeben zu haben. Die sechziger, siebziger und achtziger Jahre hatte man vor unseren Augen in Windeseile wegsaniert, und plötzlich waren es Postämter in Wiesbaden, Brauhäuser in Köln, Schuhläden in Erlangen und Haltestellen in Frankfurt am Main, die uns bewiesen, dass es diese Zeit überhaupt gegeben hatte und wie sie ausgesehen haben mochte. Der Osten dagegen war gesichtslos geworden.“

Vor einiger Zeit, kurz nachdem ich mit dem Abitur fertig war, hatte ich schon einmal eine Phase, in der ich Literatur, die die DDR oder die Wende oder beides behandelte verschlungen. Fand es aber irgendwann fad und wandte mich den aktuellen Dingen zu. Nun bin ich wieder in so einer Phase und ich glaube, diesmal hält die länger an. Mit „Der Turm“ von Uwe Tellkamp fing alles an und setzte sich nun mit Peter Richters „89/90“, für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert und leider nicht weiter beachtet, fort. Mit Jana Hensels „Zonenkinder“ habe ich nun das dritte Buch binnen weniger Monate in der Hand, welches das Thema Wende innehat und es ist das bisher schlechteste. Mehr ein Tatsachenheft als ein richtiges Buch, in dem sich Jana Hensel an einer Erinnerungsreise versucht, die leider etwas fehlschlägt, da es in meinen Augen bei manchen Stellen in Jammerei ausartet. Um den Bogen zu meiner eigenen Erfahrung vom Beginn dieses Beitrages zu spannen, muss ich anführen, dass mich das Buch vor allem wegen den Erfahrungen der Autorin interessiert hatte und mit denen das Buch auch beworben wurde.

„Die Olsenbande dagegen, über die wir uns an vielen Sonntagvormittagen in einer Art sozialistischer Kinderkinomatinée ohne Sekt für 35 Pfennige halb zu Tode gelacht hatten, die gab es noch; und genau das brachte mein Weltbild endgültig zum Einsturz: Generationen von Kindern hatten diesen leider ziemlich einfältigen Dänen bei ihren Taschenspielertricks zugesehen und geglaubt, die große Welt ließe sie, zumindest ein wenig, teilhaben und hätte sie nicht ganz vergessen. Als nach der Wende dann jedoch kein Mensch je von Egon, Benni und Kjeld gehört hatte, dafür aber jeder Karel Gott kannte, den Prager, von dem wir nun wirklich glaubten, er habe nur für uns Deutsch gelernt und gehöre zu uns, uns ganz allein, da verstand ich gar nichts mehr.“

Dabei fängt die Autorin gar nicht mal so schlecht an. Sie gräbt in ihren Erinnerungen aus ihrer DDR- Zeit. Zur Wende war sie vom Alter her genau zwischen mir und Peter Richter (also 12) und konnte sich an ebenso wenig erinnern wie ich. Dabei hat sie das System der Heranführung neuer Lemminge des sozialistischen Staates bis zur 6.Klasse mitgemacht und war damit schon ein paar entscheidende Schritte weiter als ich. Das „Allzeit Bereit, Immer Bereit“ wird sich ihr sicher mehr in den Kopf gebohrt haben als mir. In den Anfangspassagen merkt man es ihr auch an. Man spürt den kindlich naiven Blick, mit dem sie in diese Zeit zurück blickt. Einige Dinge, die sie zu Beginn aufzählt oder näher erläutert, lassen auch bei mir Erinnungsglocken klingeln. Speckitonne, Bummi, Altpapier sammeln, um das Taschengeld aufzubessern, oder der Betrieb, der jeder Klasse zugeordnet wurde, waren auch mir bekannte Faktoren. Oder alleine die Erwähnung des namens Delikat (eine Art Supermarkt des Ostens) ließ bei mir schon wieder den Duft, der dort damals vorherrschte, in die Nase steigen (in etwa so ähnlich, wie frisch angemachter Fleischsalat riecht). Gerade in diesen Anfangspassagen wohnt ein Zauber inne und war schon voller Vorfreude auf das noch kommende. Aber ich wurde daraufhin enttäuscht, denn vieles drehte sich um die Zeit nach der Wende und wie sie diese Zeit erlebt hat, wie die Vergangenheit ihre Gegenwart prägte, wie ihre Umwelt auf sie und sie auf ihre Umwelt reagierte, wie sie den Westen und die „Wessis“ erlebte und das Wechselspiel zwischen Rechtfertigung dafür wo man her kommt und der Stolz, dass man ein „Ossi“ ist (wobei sich das eher in Grenzen hält). Sie schlägt dann eher einen weinerlichen Ton an, den ich selber jahrelang in meiner Heimat miterleben durfte und der immer noch da ist. Verletzt, dass ihre Vergangenheit nicht mehr existiert, ausgelöscht wurde und keiner danach fragt. Man möchte ihr am liebsten ein Taschentuch reichen, weil vieles so weinerlich wirkt. Es gab natürlich Probleme durch die Umstellung auf ein ungeteiltes Deutschland und die halten sicher auch noch an. Die Probleme jedoch, die Jana Hensel in ihrem Büchlein anführt, fühlen sich seltsam an.

Alles in allem kann ich ihre ganzen Standpunkte, die sie aufzählt und mit denen sie durch die 90er musste, nur in Ansätzen nachvollziehen. Wahrscheinlich sind die 4 Jahre, die ich zu Wende jünger war, für die Erfahrungen von ihr eine halbe Ewigkeit – wer weiß. Meine Erwartungen an das Buch wurden somit leider nur zum Teil erfüllt.

P.S.: Dieses Zitat könnte man problemlos auch auf die derzeitige Flüchtlingssituation anwenden.

„Warum sollte meine algerische Zimmernachbarin im Marseiller Studentenwohnheim, die zur Zeit der täglichen Massaker in algerischen Dörfern jeden Abend mit ihrer Familie telefonierte, um zu erfahren, ob alle noch am Leben waren, warum sollte sie sich für Unterschiede zwischen Ost und West interessieren?“

3 Kommentare zu „[Rezension]: Jana Hensel – Zonenkinder

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  1. Hey Marc,
    ich stolperte über das #litnetzwerk über Deinen Blog und pickte mir mal diesen Titel aus Deiner Rezensions-Liste. 🙂
    Die „Zonenkinder“ las ich auch, so Anfang bis Mitte der „Nuller“ Jahre muss das gewesen sein, habe aber rein gar keine Erinnerung mehr daran.
    Nach diesem Satz von Dir: „Mehr ein Tatsachenheft als ein richtiges Buch, in dem sich Jana Hensel an einer Erinnerungsreise versucht, die leider etwas fehlschlägt“
    … denke ich, vielleicht liegt es daran. Es war okay zu lesen, nicht weltbewegend und nichts, was groß hängen blieb. Zumindest bei mir eben nicht.
    Ich wurde zu DDR-Zeiten noch eingeschult, aber während der ersten Klasse noch kam sie, die Wende. Trotzdem hatten wir auch in der zweiten Klasse noch eine Lehrerin, die zu Beginn jeder Stunde auf diesen dämlichen Gruß bestand. 😉
    Nun ja, gut, dass das vorbei ist!
    Hast Du denn den „Kruso“ mal gelesen? Der ist auch genial, was das Thema angeht, finde ich!
    Viele Grüße,
    Frauke

    Gefällt 1 Person

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