[Rezension]: Anthony Burgess – Uhrwerk Orange

Ein kleines bisschen Horrorschau – Psychische Umerziehung mit zweifelhaften Methoden

„Es könnte sich erweisen, daß es nicht schön ist, gut zu sein, kleiner 6537. Es könnte sich erweisen, daß es schrecklich ist. Und wenn ich das zu dir sage, ist mir bewusst, wie widersprüchlich es klingt. Ich weiß, daß ich manche schlaflose Nacht darüber verbringen werde. Was will Gott? Will er das Gute, oder will er die Entscheidung für das Gute? Ist ein Mensch, der sich für das Böse entscheidet, vielleicht in einer Weise besser als ein Mensch, dem das Gute auferlegt wird? Das sind harte und bohrende Fragen, kleiner 6537.“

Ein Klassiker der Literatur- und ebenfalls ein Klassiker der Filmgeschichte – A Clockwork Orange oder Uhrwerk Orange. Ein Buch, welches zur damaligen Zeit sicher hohe Wellen geschlagen hat und welches selbst heute noch verstört. Es ist brutal, es ist pessimistisch und es ist an manchen Stellen einfach widerwärtig. Menschen mit zarter Seele sollten von diesem Buch auf jeden Fall die Finger lassen oder zumindest mit Vorsicht genießen, auch wenn ihnen dadurch ein  Buch entgeht, welches die Frage stellt, ob man noch ein Mensch ist, wenn einem die Freiheit  der Entscheidung genommen wird, gutes oder böses zu tun. Dieses Buch ist größtenteils Gewalt pur und doch stellt es auch die Sichtweise auf den Kopf, wer Täter und wer Opfer ist und wie weit eine Institution oder ein Staat gehen darf, um einen Menschen umzuerziehen. Allein aus diesem Grund kann man über dieses Buch stundenlang diskutieren und es analysieren.

Irgendwann in näherer Zukunft in London oder einem Vorort davon. Alex und seine Bande machen die Stadt unsicher. Sie ziehen ohne Ziel marodierend umher, schlagen da einen Penner nieder, strecken dort einen alten Mann, der gerade aus der Bibliothek kommt, die Faust ins Gesicht, messen sich mit rivalisierenden Gangs sprichwörtlich bis auf des Messers Schneide und vergewaltigen wahllos fremde Frauen. Höhepunkt dieser ganzen Orgie ist, als sie aufs Land hinaus fahren, sich wahllos ein Haus aussuchen und in diesem Haus, in dem ein junger Schriftsteller mit seiner Frau wohnt, das größtmögliche Chaos anrichten. Der Schriftsteller wird zum Krüppel geschlagen und die Frau vergewaltigt und gedemütigt. Doch es rumort in der Bande, denn alle Mitglieder sind mit dem Führungsstil von Alex, der mit 15 der Jüngste in der Runde ist, nicht einverstanden. Mit einer Keilerei versucht Alex wieder Ordnung in die Köpfe seiner Mitstreiter zu bringen, doch erreicht damit genau das Gegenteil. Bei einem fingierten Überfall auf das Haus einer alten Frau schnappt die Falle zu, die die Bande für Alex gestellt hat. Sie lassen ihn absichtlich zurück und verletzen ihn so, dass er nicht vor der Polizei fliehen kann. Zu allem Überfluss hat Alex die alte Frau, dessen Haus sie überfallen und ausräumen wollten, so stark traktiert, dass sie wenig später an den Folgen der Verletzungen stirbt. Durch diesen gewaltsamen Tod wird Alex zu einer längeren Haftstrafe verurteilt.
2 Jahre, die er nun schon im überfüllten Gefängnis zubringen musste, haben an seinem Hang zur Gewalt nichts verändert und ihn kein bisschen schlauer werden lassen, wann er es lieber bleiben lassen sollte, diese auch anzuwenden. Als in die sowieso schon überfüllte Zelle ein neuer Gefangener gebracht wird und dieser auch noch Dinge für sich beansprucht, die einem Neuling nicht zustehen, geschieht das unvermeidbare. Alex und seine Mitgefangenen wollen ein Exempel statuieren, aber Alex geht dabei zu weit, indem er dem Neuen so viel mitgibt, dass dieser später stirbt. Aus dieser Tatsache heraus wird Alex für ein Resozialisierungsprogramm als Testperson ausgewählt, welches völlig neue Methoden der Stimulation und der damit folgenden Unterdrückung von Gewaltanwendung anwendet. Durch dieses 14-tägige Programm wird Alex schneller auf freiem Fuß sein, als er je gedacht hatte. Im Kopf schon wieder mit bösen Plänen ausgestattet, wird er dem Programm unterzogen und zwei Dinge ändern sich entscheidend – er wird bei alleinigen Gedanken an Gewalt nur noch zu Boden kriechen und um Gnade betteln, da es ihm unfassbare Schmerzen und Übelkeit bereiten wird und zweitens wird er vom Zeitpunkt der Entlassung sich selbst überlassen, was in einer Welt, die nicht auf Alex gewartet hat, zu unzähligen Scharmützeln führen wird.

Ab wann ist der Mensch noch Mensch?

“Er selbst hat ernste Bedenken dagegen, und ich muß sagen, daß ich diese Bedenken teile. Die Frage ist, ob eine solche Technik einen Menschen wirklich gut machen kann. Gutartigkeit kommt von innen, 6537. Anständigkeit und menschliche Güte sind etwas für das man sich entscheidet, das man für sich selber wählt. Wenn ein Mensch nicht mehr wählen kann, dann hört er auf, Mensch zu sein.“

Wie eingangs schon erwähnt, ist dieses Buch nichts für zartbesaitete LeserInnen. Es strotz nur so vor Gewalt und perversen Handlungen, die zwar durch eine mit Fremdwörtern durchsetzte Jugendsprache ein wenig verharmlost daherkommt, hinter deren Sinn man schnell stößt und die die ganzen Handlungen von Alex und seiner Bande umso grausamer erscheinen lassen. Und doch ist das Buch empfehlenswert, weil es um die Frage kreist, ab wann der Mensch aufhört Mensch zu sein. Eingangs wird dem Leser klar gemacht, dass in der Welt, in der Alex und seine Bande leben, keineswegs rosig aussieht. Die junge Generation weiß nicht wohin mit sich und ersäufen ihre Langeweile in Drogen und Gewalt, während ihre Eltern von früh bis abends schuften gehen und meist nicht wissen, was ihre Kinder machen. Alex zum Beispiel staubt immer nur das Geld seiner Eltern ab, was diese durch die Arbeit verdienen und verachtet sie gleichzeitig dafür, dass sie es tun. Diese Zukunft bietet scheinbar keine Perspektiven. Auch als Alex im Gefängnis sitzt und seine gerechte Strafe absitzen muss, kann er von seinem Verlangen nach Gewalt nicht loslassen. Einzig die Arbeit bei dem Gefängnispfarrer gibt ihm etwas sinnvolles. Die Perspektive, schneller aus dem Gefängnis entlassen zu werden, lässt ihn vorschnell die Wahl zugunsten des schon erwähnten Programms treffen. Doch ist es wirklich eine Wahl, der sich Alex da stellt? Ihm wird nicht erklärt, was sie mit ihm machen wollen, und die angewandten Methoden sind sogar brutaler und schockierendes als das, was Alex selbst angerichtet hat. Er wird ihm schonungslos ausgesetzt und darauf konditioniert, keine Gewalt mehr ausüben zu können, indem er gezwungen wird, brutale Filme von Gewalt und Vergewaltigungen anzuschauen und ihm dabei durch ein Medikament Übelkeit verursacht wird. Am Ende des Programms bleibt bei der geringen Andeutung von Gewalt in Alex‘ Kopf nur noch Übelkeit, so dass er gezwungen ist, zu Boden zu kriechen und um Gnade zu winseln. Doch in seinem Kopf ist er immer noch der gewaltbereite Rowdy, der er vorher war. Beides zusammen ergibt eine Mischung, die nicht funktionieren kann und ihm fast zum Verhängnis wird.

Ist das noch ein menschenwürdiges Leben? Ungeachtet dessen, was Alex für Taten fabriziert hat, kann es keine Lösung sein, Gewalt mit Gegengewalt kurieren zu wollen und dann auch noch zu hoffen, dass das die Heilung schlechthin ist. Alex hat keine Entscheidungsgewalt mehr über sich und sein Denken. Er muss vor anderen kapitulieren, obwohl er das im Geist gar nicht will. Er bekommt die Entscheidung durch das Programm aufoktroyiert und muss abwarten, wie das jeweilige Gegenüber sich auf Alex‘ Verhalten einstellt. Es wird anhand extremer Beispiele deutlich gemacht, dass es nicht funktionieren kann. Mit der Vergangenheit in Form früherer Opfer und seinen ehemaligen Kameraden, die nun auf der „guten“ Seite des Gesetzes stehen, wird deutlich gemacht, dass jedwede Form der (vermeintlich berechenbaren) Konditionierung gegen den menschlichen Sachverstand ist und Alex für das ihm nun angetane und auch für seine frühere Taten gleichermaßen büßen muss. Er wird zu einem Menschen, der durch die Konditionierung zum Getriebenen mutiert und in seinem Tun extrem eingeschränkt wird, nicht nur die Gewaltphantasien betreffend, und so einem menschenwürdigen Leben beraubt. Manch einer wird jetzt einwerfen, das Alex einfach keine Gewalt hätte anwenden sollen, um überhaupt erst gar nicht an den Punkt zu gelangen, an den es ihn gespült hat. Doch mit diesem Ansatz ist es nicht getan. Der Schriftsteller hat sich bewusst dafür entscheiden, einen Unsympathen als Hauptfigur zu installieren, um dem Leser die Identifikation so schwer wie möglich zu machen. Auch mir als Leser ist es schwer gefallen, mich mit dem Leiden von Alex während der „Kur“ anzufreunden, was mir nur schwer gelingt. Besonders zum Ende hin, als er mit seiner Tat beim jungen Schriftsteller erneut konfrontiert wird und die Anspannung zwischen Täter und Opfer immer greifbarer wird und der Schriftsteller immer mehr ahnt, wen er da in sein Haus gelassen hat, sieht man als Leser, dass die Konditionierung nichts gebracht hat und Alex immer noch der Alte ist, dessen Drang nur durch extreme Maßnahmen unterdrückt wird.

Gibt es also Hoffnung in diesem Buch? Im eigentlichen Sinne nicht, denn der Drang zur Gewalt wird eher durch passives Aussitzen zurückgedrängt, indem der Autor den jugendlichen einfach älter und damit „reifer“ werden lässt und in Alex die Erkenntnis blüht, dass es so nicht weitergehen kann, wie er sein Leben bisher verbracht hat. Für meinen Geschmack ist dieses Ende etwas zu billig und ich finde den Ansatz, den Stanley Kubrick mit seiner Verfilmung und dem wesentlich pessimistischerem Ende gewählt hat, gelungener. Man kommt mehr ins Grübeln, was gegen die Gewalt helfen kann. Bei Burgess‘ Buch ist es eher ein warten wir mal ab, die Burschen werden schon früh genug erwachsen.

Ist das Kunst oder muss das so brutal sein?

Die Frage habe ich mir eingangs der Lektüre während der ersten Kapitel gestellt, als in einem immer schnelleren Takt die Gewalttaten auf den Leser einprasseln. Dabei hilft auch nicht, dass Burgess eine Jugendsprache gewählt hat, die sich eines Slangs bedient, die viele Begriffe verniedlicht und somit einer gewissen Komik preis gibt. Nichts desto trotz ist es starker Tobak, den uns der Autor da vorsetzt. Das Thema Gewalt und welche Maßnahmen man dagegen unternehmen kann zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Auch die Gegenseite kommt dabei nicht gut weg und verfällt eher in Aktionismus als wirkliche Lösungen anzubieten. Die einzige Lösung, die im Buch präsentiert wird, stellt sich in ihrer Widerwärtigkeit gegenüber der menschlichen Würde – Gewaltverbrecher hin oder her – auf dieselbe Stufe wie die Täter.

Ich empfand das Buch als sehr interessant zu lesen, besonders wenn man im Blickpunkt hat, in welcher Zeit das Buch entstanden ist und wie in dieser Zeit die Gewalt auf den britischen Inseln explodierte. Für mich als Nichtkenner des Films und (bisher) des Buches sehr lesenswert (nach Startschwierigkeiten). Die Gewalt wird die Gemüter spalten und die präsentierte Sprache wird auch nicht jedermanns Sache sein. Lässt man sich darauf ein, bekommt man ein Stück literarisches Zeitzeugnis geboten und gehört definitiv zu den Büchern, die man zumindest in Ansätzen gelesen haben sollte. Ob es so brutal beschrieben werden muss, muss jeder selbst entscheiden. Ich empfand es als passend, um zu zeigen, das keine Seite in diesem Spiel die bessere Option für sich verbuchen kann.

Anthony Burgess
„Uhrwerk Orange“
Heyne Verlag, ?. Auflage
ISBN 978-3453023888

4 Kommentare zu „[Rezension]: Anthony Burgess – Uhrwerk Orange

Gib deinen ab

  1. Hallo Marc,

    ich muss gestehen, bisher habe ich das Buch bewusst umgangen. Vor Jahren hatte ich eine Theaterinszenierung gesehen und obwohl diese von Jugendlichen für Jugendliche einstudiert war, fand ich sie derart grausam und brutal, dass ich mich nie an die literarische Vorlage gewagt habe. Auch konnte ich nicht nachvollziehen, warum jemand „so etwas“ freiwillig liest und warum dieses Buch einen solchen Kultstatus erlangt hat. Dein Beitrag nun hat mir einerseits bestätigt, dass ich eventuell wirklich zu Zartbesaitet für die Geschichte bin, andererseits ist es dir aber als erstem Leser gelungen, mir deutlich zu machen, warum das Buch auf viele Menschen eine solche Faszination ausübt. Vielleicht gebe ich „Uhrwerk Orange“ irgendwann ja doch noch eine Chance – und sei es nur aus dem Grund, um mir selbst ein Bild davon zu machen.

    Viele Grüße und einen gemütlichen 1. Advent dir und deiner Familie!
    Kathrin

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    1. Danke für die Grüße und deinen Kommentar. Ich muss aber auch gestehen, dass ich durch diverse Horror- und Splatterfilme „geschult“ an dieses Buch gegangen bin. Und trotzdem hat es mich latent schockiert, wenn man bedenkt, in welcher Zeit es entstanden ist. Was vor allem fasziniert ist die Sprache, die soweit weg ist von der gewohnten, dass es fast sogar Spaß macht, Wörter zu raten.
      Falls du es in die Hand nehmen solltest bin ich auf deine Meinung gespannt.

      Liebe Grüße und eine schöne erste Adventswoche.

      Liken

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