[Rezension]: Max Brooks – Operation Zombie (Wer länger lebt ist später tot)

imageWollt ihr ewig leben?

Dieses Buch heißt im englischen Original „World War Z“ und spätestens ab da müssten wenigstens bei den kinoaffinen Buchliebhabern die Glocken schellen. War das nicht der Zombiefilm mit Brad Pitt? Der Zombiefilm, der sich wie ein Kindergeburtstag ausnahm, weil er eigentlich nichts zeigte? Genau der war das. Ich habe ihn selber nicht gesehen, aber die Diskussionen darum verfolgt. Im Zuge des Hypes um „The Walking Dead“ kam dieser Film ins Kino, der extrem lose auf dem Buch basierte. Eigentlich wurde nur der Titel und das tragende Gerüst der Zombieapokalypse übernommen. Der Rest wurde so stark abgeändert, dass Buch und Film nichts mehr miteinander zu tun hatten, was ich schade finde, denn aus dem Buch hätte man richtig viel herausholen können, denn es bietet nicht nur das übliche Zombiespektakel (und die dazugehörigen Splattereinlagen in Wortform) sondern zeigt auch auf, wie der Mensch im Allgemeinen auf eine sonderbare Situation reagiert und wie Staaten beziehungsweise die Politik reihenweise dabei versagen, diese Krise in den Griff zu bekommen.

Die Menschheit steht vor dem Untergang und alles beginnt mit harmlosen Zwischenfällen, die aber von den Regierungen dieser Welt ignoriert, totgeschwiegen oder vertuscht werden. Doch die als bis dahin heilbar angesehene Krankheit (Tollwut) greift immer weiter um sich. Menschen, die eigentlich tot sein sollten, stehen wieder auf und erheben sich gegen ihresgleichen. Manche Länder oder Städte erlassen Quarantänemaßnahmen, weisen jeden mit Biss- oder Kratzspuren aus ihrer Zone wieder heraus. Doch es nützt nichts. Es wird immer schlimmer und als auch noch die Armeen dieser Welt dabei versagen, die nun endlich als Zombie-Plage erkannte Krankheit, einzudämmen bricht die große Panik aus und viele Menschen bringen sich entweder um oder versuchen zu fliehen – doch wohin?
Neue Phänomene tauchen auf, Menschen, die sich wie Zombies benehmen, aber keine sind. Depressionen schlimmsten Ausmaßes und Menschen sterben einfach, ohne erkennbaren Einfluss durch Krankheiten oder ähnliches. Doch es gibt auch Zuversicht, die Menschheit versucht,  sich ihre Erde wieder zurück zu erobern, geht zum Gegenangriff über und es kommt zu dem titelgebenden Krieg gegen die Zombies, der mehrere Jahre dauern wird und die Menschheit als Ganzes an ihre Belastungsgrenze bringen wird.

Völlig falsche Erwartungen

Zombies. Manch einer, der das Wort gleich zu Beginn gelesen hat, wird sich wahrscheinlich schon abgewendet haben und diese Besprechung gar nicht verfolgen. Das ist aber ein großer Fehler, denn Max Brooks, der Sohn des Filmemachers Mel Brooks („Spaceballs“, „Robin Hood – Helden in Strumpfhosen“), legt weit mehr als ein Buch über den Krieg gegen die Zombies vor. Es ist auch ein Buch über Politik, Umwelt, Gesundheit,  Militär und das Versagen all dieser Apparate. Max Brooks nimmt die Welt, wie wir sie heute kennen, und setzt sie einer Extremsituation aus, die mehr als unwahrscheinlich erscheint. Er exerziert dabei eine Art Katastrophenübung für die Menschheit durch. Wie würde die Politik reagieren? Vertuschen, die Wahrheit sagen? Was machen die Gesundheitsbehörden, wenn sie merken, welcher Gefahr die Bevölkerung ausgesetzt ist? Wird sie versuchen ein Gegenmittel zu finden oder nur ein Placebo auf den Markt werfen, um alle zu beruhigen? Und das Militär? Schnappt es über oder reagiert besonnen? All diese Fragen und noch vielmehr hat sich Max Brooks gestellt und beantwortet sie mehr oder minder in diesem Buch.
Das ist so aufgebaut, dass ein namenloser Gesandter der neuformierten UN (jedenfalls sagen das manche Inhaltsangaben und Klappentexte) auf der Welt herumreist und Überlebende der Zombiekämpfe auf allen möglichen Regionen der Erde aufsucht. Dabei ist die ethnische Zugehörigkeit egal. Die einzelnen Abschnitte sind wie Interviews aufgebaut, wobei sich aber der uns unbekannte Interviewer meist zurück hält und nur bei wenigen Situationen nachfragt. Ein paar einleitende Worte gibt es vor jedem Abschnitt, wo er sich gerade aufhält und wen er interviewt. Ansonsten lässt er die einzelnen Menschen zu Wort kommen. Dabei sind die Kapitel so aufgebaut, dass man den Verlauf der Krise, die große Panik und das Zurückschlagen gegen die Zombies nachempfinden kann. Chronologisch entfaltet sich somit ein Bild der Grausamkeit und das viele Menschen im Auge der Extremsituation einfach wieder zu Tieren werden und um ihr Einzelschicksal (sprich ihr eigenes Überleben) kämpfen und dabei keine Rücksicht auf andere nehmen. Ebenso zeigt dieses Buch, wie die Machthaber dieser Welt ein solchen Extremsituation gegenüberstehen würden – machtlos. Entweder sie verziehen sich gleich ins Exil, geben auf, unterdrücken ihre Untergebenen noch gnadenloser. Dabei werden zu Beginn der Krise immer die falschen Entscheidungen getroffen, die erst dazu führen, dass es zu einer Zombieplage kommt. Es mag überspitzt aufgeschrieben sein und Zombies wird es nie geben, überträgt man die Bilder aber auf eine anbrechende Pandemie (Schweinegrippe, Spanische Grippe oder Ebola oder irgendeinen anderen hochinfektiösen Keim in großen Ballungszentren) so wird einem bei der Lektüre des Buches doch anders – Zusammenbruch der Zivilisation und der Ordnung, wie wir sie kennen. Aber auch Hoffnung, dass es ein paar vernünftige Menschen gibt, die dem kopflosen Treiben entgegen stehen.
Als Konsument einiger Zombiefilme (auch The Walking Dead habe ich ein stückweit verfolgt) war ich sehr gespannt auf dieses Buch. Es ist mir erst auf den Schirm gekommen, als der Film in die Kinos kam. Dieses Buch ist anders als das, was man erwarten würde, wenn das Etikett Zombie drauf steht. Anders als The Walking Dead, der die globale Auswirkung der Zombieapokalypse auf eine lokale Gruppe begrenzt, diese bei ihrem Treiben verfolgt und aufzeigt, wie sich der Mensch im Einzelnen verändert, wenn die Moral und das Gesetz nicht mehr gelten und man sich über das Gesetz des Stärkeren, notfalls eben mit Gewalt, definieren muss. Stumpft man ab? Wird man zu einer gewissenlosen Bestie, die nur noch ihrem inneren Antrieb folgt? Oder bewahrt man sich doch ein kleines Stückchen Menschlichkeit auf, um mit diesem Stück Wärme im Herzen irgendwo einen Neuanfang zu wagen? Anders als manch Zombiefilm, der nur als Schlachtplatte fungiert und den totalen Untergang der Menschheit zeigt. Das Buch von Max Brooks zeigt dieses Szenario in globaler Form, wie sich die Menschheit erst in die Knie zwingen lässt und dann doch über das Kämpfen wieder Hoffnung gewinnt. Außerdem zeigt es einen in meinen Augen realistischeren Blick auf eine hypothetische Zombieplage. Wie wir damit umgehen und was für Schlüsse die Menschheit daraus zieht. Ob es uns nach so einer globalen Katastrophe besser geht oder wir sogar daraus lernen? In den ersten Generationen nach so einer Katastrophe sicher, aber die nachfolgenden werden dann wieder in alte Muster zurückfallen und dieselben Fehler machen wie vorher.

Was soll dieser Titel?

Bisher habe ich das Buch so über den Klee gelobt, da muss auch noch ein kleiner Kritikpunkt um die Ecke kommen und der betrifft die Sprache und respektive die Übersetzung des Werks ins Deutsche. Lieber Joachim Körber, ich habe ihre Übersetzertätigkeiten bei Stephen King immer sehr geschätzt, aber was hat sie bewogen einen so komischen Titel für die deutsche Ausgabe zu wählen? Dieser trifft die Intention des Buches nicht im geringsten, denn bei dem deutschen Titel denkt man an eine Zombieklamotte statt eines ernsten, bitteren Werks. Eine getreuere Übersetzung wäre in meinen Augen besser gewesen. Bei der Sprache und dem Übertragen dieser kann sicher weniger einen Vorwurf machen, da es mit Sicherheit auch im Original so trocken militärisch zuging und da kaum eine große Wahl bestand, dass anders zu machen. Hier hätte ich mir mehr sprachliche Differenz zwischen den Regionen und eine Unterscheidung zwischen Militär und Zivilist gewünscht. Somit wirkt das Buch doch sehr militärisch und das wird sicher noch einige Leser mehr abschrecken, sofern sie sich schon überwunden haben, dieses Buch zu lesen.

Der letzte Punkt ist aber jammern auf hohem Niveau, denn das Buch besticht durch eine detailgetreue Wiedergabe einer alternativen Zeitlinie, bei der die Menschheit sich einer Gefahr ausgesetzt sieht, die schwer zu bekämpfen ist. Präzise lässt Max Brooks über die Interviewpartner die Zeit der Krise rekonstruieren, bei dem es mir als Leser stellenweise kalt den Rücken runterlief. Insgesamt versteht es Brooks leise Momente und die harten Szenen gekonnt miteinander zu kombinieren. An manchen Stellen fühlt man sich richtiggehend in das Geschehen hineingezogen. Für Fans des Zombiegenres und auch allgemein der Horrorliteratur eine volle Empfehlung. Alle, die sich vor Zombies eher ekeln, sollten trotzdem auch mal einen Blick riskieren. Der Anteil an Gewalt ist in Angesicht dessen was passiert nicht allzu hoch, dafür wird man aber hinsichtlich einer Charakterstudie über die Menschen im Allgemeinen entlohnt und zu was der Mensch imstande ist, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht.

Max Brooks
„Operation Zombie – Wer länger lebt, ist später tot“
2012, Goldmann Verlag
Übersetzer: Joachim Körber
ISBN 3641082471

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2 Kommentare zu „[Rezension]: Max Brooks – Operation Zombie (Wer länger lebt ist später tot)

Gib deinen ab

  1. Ich denke, dass der Übersetzer am deutschen Titel keine Schuld trägt. Das ist vermutlich Sache des Verlages. Und die haben leider oftmals wirklich kein gutes Händchen dafür. Wenn ich da nur an Dawkins‘ „The greatest show on earth“, denke das auf deutsch als „Die Schöpfungslüge“ erhältlich ist. Meine Fresse.
    Ich habe übrigens den Film gesehen, von dem ich angenehm überrascht war, weil er kaum das übliche Zombiegedöns zeigt. Und weil er irgendwie mehrere Filmgenres in sich vereint wie Thriller, Zombiefilm, ein bisschen Drama und an vielen Orten mit unterschiedlichen Stimmungen spielt. War schon nicht schlecht. Aber halt Geschmackssache.

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    1. Halten wir fest: der Titel ist unglücklich gewählt
      Zum Film: Das er seine Qualitäten hat möchte ich nicht mal bestreiten und ich schaue ihn mir bei Gelegenheit sicher mal an. Mich hat beim durchlesen des Filminhaltes extrem geärgert, dass er mit dem Buch fast gar nichts gemein hat außer Titel und Zombieseuche. Künstlerische Freiheit hin oder her, aber wenn man sich die Rechte am Buch sichert, sollte man sich wenigstens ein bisschen inhaltlich an der Vorlage orientieren.
      Gruß
      Marc

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