[Rezension]: Bruno Schrep – Vor unser aller Augen

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Muromez hatte dieses Buch 2014 auf seinem Blog besprochen und ich habe es mir aufgrund seiner Rezension zugelegt, da mich Geschichten aus der Wirklichkeit sehr interessieren. Leider oder zum Glück habe ich bis heute mit der Lektüre gewartet, denn durch Sven Heucherts „Asche“ angefixt habe ich mich selbst motiviert „Vor unser aller Augen“ nun endlich in die Hand zu nehmen und um einen Abgleich mit den Storys aus Heucherts Buch vorzunehmen. Was bleibt ist, dass beide Bücher nicht viel mehr trennt als die Wörter Realität/Fiktion, aber ansonsten erstaunlich viele Parallelitäten auftauchen, die einen erschauern lassen. Sind es bei Heuchert erfundene Geschichten, die sich zwar aus seiner Lebenserfahrung speisen, aber doch auf eine gewisse Weise überhöht sind, lockt uns Schrep auf diverse Trips, die denen aus Heucherts Buch nicht unähnlich sind, jedoch wirklich passiert sind und vor Tragik nur so strotzen. Dabei beschreibt der Autor in einem eher nüchternen Stil, die einzelnen Berichte sind eher wie Dossiers angelegt, was sich zugetragen hat und wie es dazu kommen konnte. Meistens wird erst das tragische Ereignis beschrieben, um dann in der Vergangenheit der betroffenen Personen nach Gründen zu suchen, wie das Unvermeidbare eintreten konnte. Diese Geschichten schlagen ähnlich wie bei „Asche“ auf das Gemüt, da sie eine Gesellschaft des Wegschauens beschreibt beziehungsweise durchscheinen lässt. Viele der Dramen in diesem Buch hätten verhindert werden können, wenn man vorher genauer hingeschaut oder aufgepasst hätte. Aber wie so oft im Leben ist man mit sich selbst und den eigenen Sorgen so beschäftigt, dass man Scheuklappen für die Probleme anderer aufsetzt und diese gekonnt ignoriert.

Sprachlich legt das Buch einen eher trockenen, dokumentarischen Stil an den Tag, dass man beim Lesen mehrerer solcher Geschichten schonmal abschaltet, aber in geringen Dosen konsumiert, einer Reportage gleich zu fesselnverstehen. Wenn man sich dann vor Augen führt, dass der Autor als Deutschlandkorrespondent tätig ist, verwundert der Schreibstil nicht mehr. Dieses Buch ist trotz des eher trockenen dokumentarischen Stil sehr zu gut zu lesen, nur dass ich es nicht in einem Rutsch empfehlen würde, da einem sonst am Ende der Schädel dröhnt.

Einzelne Geschichten gehen richtig unter die Haut und lassen einen nicht mehr los. Man denkt über sie nach und leidet, völlig im Gegensatz zu Heucherts Figuren in seinen Geschichten, mit allen Beteiligten regelrecht mit. Meist ist der Ausgang tragisch und nie geht jemand unbehelligt aus den Situationen heraus, soweit haben alle Reportagen aus der deutschen Wirklichkeit etwas gemeinsam. Die Unterschiede sind dann in der Art und Weise auszumachen, wie die Tragik in den Alltag bricht. Es trifft alle, junge und alte Menschen und genauso arme und reiche. Bricht bei dem Einen ein Lügengebäude zusammen, klopft bei anderen auf verschlungenen Pfaden der Tod an die Tür. Besondere Aktualität erfahren die Geschichten, in denen Asylbewerber oder vermeintlich integrierte Ausländer im Mittelpunkt stehen. Da wird einem richtig vor Augen geführt, was für eine Mammutaufgabe in den nächsten Jahren auf viele zukommen wird. Insgesamt bilden alle Geschichten einen Querschnitt der deutschen Wegschaugesellschaft ab, bei denen vielfältigen Themen wie Arbeitslosigkeit, Todessehnsucht, Armut, unlauteres Samaritertum und vieles mehr abgebildet werden.

Dieses Buch ist nichts für schwache Nerven und sollte vorsichtig gelesen werden. Manch einer muss sich an die Themen heran tasten, während andere so ein Buch in einem Rutsch weglesen. Der nüchterne Erzählton wird sein übriges dazu beitragen, dass das Buch nicht gemocht wird. Wer aber mit Zeitungsreportagen aus dem Spiegel oder dem Dossier in DIE ZEIT etwas anfangen kann und vor Tragödien keine Scheu hat, der wird mit dem Buch seine Freude haben.

Bruno Schrep
„Vor unser aller Augen“
Hirzel Verlag Stuttgart 2013
ISBN 978-3-7776-2320-7

4 Kommentare zu „[Rezension]: Bruno Schrep – Vor unser aller Augen

Gib deinen ab

  1. Lieber Marc,
    das ist das „Tolle“ an Reportagen, dass sie den Leser manchmal viel mehr zu packen vermögen als alle Literatur, weil wir Leser ja wissen, dass das eine reale Geschichte ist, während wir uns bei der Literatur immer „vormachen“ können, das sei ja alles doch irgendwie erfunden und so gar nicht wahr.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Hallo Claudia,
      genau so hatte ich beim Lesen dieser Geschichten immer gedacht. Frei nach dem Motto: „Das musst du jetzt schlucken, denn das ist so passiert“. An manchen Stellen hat man bei diesen Reportagen immer einen Kloß im Hals (z.B. ist da eine Selbstmordgeschichte mit drin, bei der man mit den Zurückgebliebenen mitleidet, was einem bei einem fiktionalen Werk nicht zu 100% passieren würde).
      Hast du es schon gelesen oder zumindest davon gehört?

      Gruß und ein schönes Wochenende.
      Marc

      Gefällt 1 Person

      1. Nein, habe ich noch nicht. Aber ich mag Reportagen genau aus diesem Grund der Authentizität. Besonders in der Zeitung. So einen ganzen Band mit Reportagen finde ich immer ziemlich anstrengend und wenn ich ihn in Etappen lesen möchte, dann verliere ich ihn irgendwann wegen der vielen anderen Bücher doch aus dem Blick.

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