[Rezension]: Jonas T. Bengtsson – Wie keiner sonst


wp-1454011915346.jpgDenke immer an die weißen Männer, sie sind überall

Ein Buch, welches so voller Melancholie steckt und doch Leichtigkeit zu vermitteln weiß, so dass man es gern liest, ist eine Kunst, die man in diesem wunderbaren Buch bewundern darf. Es ist kein einfaches Buch, soviel vorweg, aber schwierige Themen werden aus der Sicht des Jungen/jungen Mannes, der sich gern Peter nennen würde (oder auch so heißt – diese Andeutung, wie viele andere im Roman, wird nicht aufgeklärt), und von dem diese Geschichte handelt erzählt. Wir erleben diesen Jungen/jungen Mann in einer Zeitspanne von 1986 bis zur Jahrtausendwende, in der er sich entwickelt und durch einen Zwischenfall aus der Bahn geworfen wird. Ob er sich fängt und was der Zwischenfall ist, möchte ich an dieser Stelle im Unklaren lassen, um die Spannung zu erhalten, die vor allem die erste Hälfte der Handlung ausmacht. Der Roman endet auch, ohne ein wirkliches Ende anzubieten. Wie im wahren Leben ist an einer Stelle einfach Schluss mit dem Erzählen und wir lassen die Figuren ihre Wege weitergehen, ohne sie weiter zu verfolgen. Für meinen persönlichen Geschmack ist es ein rundes Ende und es passte an dieser Stelle. Die Gedanken des Lesers können noch ein wenig kreisen und es hätte keinen Mehrwert gegeben, etwas zu der Geschichte hinzuzugeben. Es bleibt vieles im Unklaren, aber das verschmerze ich als Leser gern, denn ich will auch nach dem Lesen noch ein wenig über das Gelesene reflektieren und nachdenken, was bei „Wie keiner sonst“ definitiv der Fall ist. Dieses Buch ist für mich jetzt schon ein Anwärter auf das beste Buch, welches ich 2016 gelesen habe (und es war das Erste in diesem Jahr). Vielen Dank an Mareike vom Bücherwurmloch ohne deren Besprechung ich niemals auf dieses Juwel aufmerksam geworden wäre.

Wir treten ein in das Geschehen als der dänische Politiker Olof Palme 1986 ermordet wird und wir beobachten Vater und Sohn dabei, wie sie die Nachrichten über diesen Anschlag auf das Leben des Politikers im Fernsehen in einem Fernsehgeschäft verfolgen. Dieses Pärchen ist auf der Flucht. Vor was? Vor wem? Wo ist die Mutter des Jungen? Das sind die ersten Fragen, die sogleich am Horizont auftauchen und nicht geklärt werden. Sie bleiben (vorerst?) im Unklaren. Vater und Sohn leben ein Nomadenleben, mal hier eine Gelegenheitsarbeit, mal da eine kleine Aushilfe. Nie am selben Ort, ständige Umzüge, die wir aus der kindlichen Sicht des Jungen erleben und einem als Leser zu schaffen machen. Für den Jungen ist mehr ein Abenteuer, eine Art Odyssee ungewissen Ausgangs. Er schaut bewundernd zum Vater hinauf, tröstet ihn, wenn ihn Albträume quälen oder gehorcht ihm, wenn er ihn wieder in seine ganz eigene Schule schickt. Für seinen Sohn würde der Vater alles tun. Würde er das? Er beschützt ihn vor den Unwägbarkeiten, die die Umwelt zu bieten hat. Mit allem, was in seiner Macht steht. Aber in eine Schule darf der Junge nicht gehen, dass übernimmt der Vater auf seine Art. Warum verbietet er ihm das? In manchen Dingen geht der Vater dann doch zu weit und das betrifft nicht nur den schulischen Aspekt. Als einer der Arbeitgeber dem Sohn vermeintlich zu nahe kommt, greift der Vater zu drastischen Gegenmaßnahmen und man ahnt das erste Mal, dass mit diesem Mann etwas nicht in Ordnung ist. Und doch umgibt ihn eine Aura, die man nicht greifen kann. Er besorgt für sich und vor allem für den Jungen immer wieder Dinge, die sich eigentlich nicht leisten können. Und doch ist es ihm möglich durch gutes Zureden, den meisten Leuten die Dinge so hinzureden, dass er bekommt, was er möchte. Funktioniert das nicht, wird es eben auf geschickte Art entwendet. Ein ständiges Nehmen. Doch warum das Ganze? Warum hat sich der Vater für so ein Leben entschieden? Und warum hat er seinen Sohn mit in dieses Leben einbezogen? Nebenjobs bei einem Restaurateur, als Türsteher in einem Bordell, als Gartenpfleger bringen viele Kontakte und sind doch nur von begrenzter Dauer. Als der Vater als Bühnentechniker im Theater anfängt scheint sich etwas wie Normalität einzufinden. Doch dann passiert etwas (auch für mich als Leser) unvorhergesehenes durch das Vater und Sohn ungewollt getrennt werden.

 

„Nachts träumte ich von einem Kohlestift, der so klein ist, dass ich nur mit den Fingerspitzen halten kann.
Ich werde die ganze Welt zeichnen, sonst gerät aus den Fugen.“

 

Dieser erste Part, der nahezu die Hälfte des Buches einnimmt, ist mit das traurigste, aufwühlende, emotionalste, was ich in den letzten Jahren lesen durfte. In knappen Kapiteln und ebenso knappen Worten bekommen wir das Leben von Vater und Sohn aus der Sicht des Jungen erzählt. Dabei offenbart sich stellenweise eine schon sehr erwachsene Sichtweise des Jungen (wir nennen ihn ab sofort so, wie er genannt werden möchte). Er wird von seinem Vater herumgeschleift wie ein Koffer, von heut auf morgen wird der Ort gewechselt, Freundschaften kann der Junge nicht aufbauen und wenn ja, sind sie auch ganz schnell wieder vergessen, egal ob sie vorher gut oder schlecht waren. Kaum einmal irgendwo richtig angekommen, ziehen die beiden auch schon weiter. Einzig die Zeit bei einer alten Frau, für die der Vater den großen Garten neu gestaltet und als der Vater den Job im Theater annimmt, sind für den Jungen Gelegenheiten, durchzuatmen und irgendwie auch anzukommen. Es ist eine harte Schule, durch die der Junge gehen muss und viel zu schnell erwachsen wird. Wie aus der Inhaltsbeschreibung hervorgeht, tauchen während des Lesens viele Fragen auf, für die der Leser keine Antworten erhält. Nur bruchstückhaft wird angedeutet, was in der Vergangenheit passiert sein könnte und den Vater zu dem aktuellen Leben veranlasste. Ein Teil dieser Fragen wird im zweiten Abschnitt des Buches beantwortet, aber ob das die meisten Leser zufrieden stellen wird? Es tauchen auch neue Fragen auf und es bleibt interessant. Aus dem jungen Peter ist ein junger Erwachsener geworden, der nun bei seiner Mutter und dem aktuellen Mann lebt. Er ist ein schwieriger, unangepasster junger Mann geworden, macht Schwierigkeiten in der Schule und hat keine Lust etwas aus seinem Leben zu machen, dafür hat er schon zu viel gesehen und erlebt. Eines Tages läuft er einfach weg, zu seinen Großeltern, wohl, um der Vergangenheit ein kleines bisschen Wahrheit zu entlocken. Es bringt ihm jedoch nur eine Entschuldigung des Großvaters am Sterbebett.

„Noch immer umklammere ich den Pullover, vergrabe den Kopf in der groben Wolle. Jetzt rieche ich auch Schweiß und Tabak, der Geruch meines Vaters als er so alt war wie ich. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich zum letzten Mal geweint habe.“

 
Wiederum ein paar Monate später erleben wir Peter als einen anderen Menschen. Er hat einen türkischen Namen angenommen und will nichts mehr mit seiner Vergangenheit zu tun haben. Durch einen Kollegen bei der Arbeit wird sein Interesse an der Malerei wieder geweckt, die ihm über die schweren Zeiten während der Kindheit mit dem Vater geholfen hat. Er bekommt durch den Kollegen die Möglichkeit zwei seiner Bilder auszustellen. Durch einen Zufall wird der Vater von Peter wieder auf ihn aufmerksam und sucht den Kontakt. Was wird das mit Peter machen? Wird er sich der Vergangenheit stellen? Ist er immer noch an den Vater gebunden oder ist das Vertrauensverhältnis dahin? Und kann die Kunst Peter retten?

“Draußen liegt die Stadt, sie ist groß und neu. Ich werde eine Zeit lang hierbleiben.“


Das sind alles Fragen, die ich an dieser Stelle im Raum stehen lassen möchte, die aber augenblicklich beim Lesen auftauchen und sich verfestigen werden. Das ist das Besondere an diesem Buch. Man stellt sich Fragen, entwickelt im Geiste die Figuren weiter, ihre Schwächen, ihre Möglichkeiten im Leben. Leidet vor allem mit Peter, aus dessen Sicht alle beschrieben ist und wünscht ihn wegen seiner arroganten doch manchmal zum Teufel. Die Art, wie Bentsson aus der Sicht von Peter schreibt ist in meinen Augen sehr gelungen und wird von der Übersetzung sehr gut getragen. Es ist, wie schon weiter oben gesagt, ein melancholisches Buch und macht größtenteils recht traurig und doch ist man irgendwie nicht betroffen sondern freut sich über jeden Hoffnungsschimmer am Horizont und sei er noch so klein. Dieses Buch kann ich eigentlich querbeet jedem ans Herz legen, der gerne Bücher liest. Es hat in meinen Augen kaum Schwächen. Es deutet zwar vieles nur an (was vielen wiederum nicht gefallen wird), doch fordert das den Lesenden heraus nachzudenken. Ich habe auch schon Stimmen gelesen, die besagen, dass man einer Geschichte, die von einem Kind erzählt ist, nicht trauen kann. In meinen Augen völliger Mumpitz, da es für den ersten Part genau die richtige Stimme ist, um das Geschehene begreifbar zu machen. Auch der Sprung vom naiven kindlichen zum sorglosen Pubertierenden ist gelungen und bringt einen anderen Stil in die Erzählung hinein, die eindeutig schwermütiger, jedoch nicht weniger interessant ist. Auch wenn ich mich wiederhole und gerade einmal nur dieses eine Buch gelesen habe – für mich jetzt schon einer meiner Favoriten auf das Beste Buch für das Jahr 2016.

„Ich wünschte, man könnte ohne Nummernschild Auto fahren, oder durch Schnee gehen, ohne Spuren zu hinterlassen. Aber das geht nicht. Also muss man sich auf andere Menschen verlassen. Nicht immer und nicht unbedingt. Aber wenn sie dich mögen, werden sie ziemlich viel für dich tun, wenn es darauf ankommt. Das ist viel mehr wert als ein paar Scheine in dem Briefumschlag.“

Weitere Besprechungen zu diesem Buch findet ihr unter anderem bei:
Buzzaldrins
Literaturen
Zeichen und Zeiten


Jonas T. Bentgsson
„Wie keiner sonst“ (Original: Et eventyr)
Aus dem Dänischen übersetzt: Frank Zuber
Kein&Aber, 2013
ISBN 978-3-0369-5668-8

9 Kommentare zu „[Rezension]: Jonas T. Bengtsson – Wie keiner sonst

Gib deinen ab

  1. Ach ja, das Buch liegt hier auch noch, seitdem es Mareike, Sophie und Mara es damals so euphorisch besprochen haben. Und nun auch du – es wird Zeit, dass ich es mal hervorhole. Danke, dass du mich daran erinnert hast!

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    1. Bei mir lag das Buch auch seit Weihnachten 2014 rum. Hatte mich nicht ran getraut, da ich Angst hatte, dass die hochgesteckten Erwartungen nur enttäuscht werden. Wie man dem Beitrag entnehmen kann war das Gegenteil der Fall. Bin auf deine Meinung gespannt.
      Gruß
      Marc

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    1. Ging mir genauso, besonders die Entwicklung im ersten Teil rührt echt zu Herzen (aber nicht im kitschigen Sinne) und man denkt sich nichts böses bei dem Leben, welches die beiden führen. Der Paukenschlag, mit dem es beendet wird, hat mir richtig die Kehle zugeschnürt. Empfand auch die unterschiedlichen Erzählweisen sehr passend, dem Alter des Erzählers entsprechend. Wie du schon sagtest, ein ganz starker Roman.

      Gruß
      Marc

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo Marc,

    ich muss gestehen, dass ich das Buch bisher gar nicht auf dem Schirm hatte – obwohl ich Maras Blog ja seit Jahren folge und jede ihrer Besprechungen lese. Vielleicht hat da mal wieder der WordPress-Reader verrückt gespielt (in letzter Zeit zieht er mal wieder nur nach Lust und Laune Beiträge auf selbstgehosteten Seiten). Daher danke für deine Rezension!

    „Dieser erste Part, der nahezu die Hälfte des Buches einnimmt, ist mit das traurigste, aufwühlende, emotionalste, was ich in den letzten Jahren lesen durfte.“ Das klingt nach hartem Tobak und damit sehr vielversprechend. Ich behalte das Buch im Hinterkopf und werde es bei nächster Gelegenheit anlesen!

    Liebe Grüße
    Kathrin

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