[Rezension]: Fulvio Evras – Wenn ich dich umarme, habe keine Angst

wp-1457083549064.jpgEine Reise ins Ungewisse

»Die Krankheit eines Kindes verlangt einem ungeheuer viel Kraft ab.«

Wer sich mit dem Thema Autismus auseinandersetzt wird unweigerlich mit Tatsachen konfrontiert, die irgendwelchen Halbwahrheiten entsprechen. Wie das Leben mit einem autistischen Menschen ist, welche Sorgen, welche Nöte, aber auch welche Freuden alle Beteiligten umtreiben kann man nur im entferntesten abschätzen. Subjektiv gesehen ist man auch nicht davor gefeit gewisse Vorurteile aufgeprägt zu bekommen, um diese dann unter das Volk zu bringen. Dabei gibt es von Autismus sicher die unterschiedlichsten Ausprägungen die sich alle auf eine andere Art ausdrücken. Das Buch „Wenn ich dich umarme, habe keine Angst“ handelt von einem ebensolchen autistischen Jungen, der mit seinem Vater eine Mittelamerikareise unternimmt. Sie handelt vom Loslassen, vom Ankommen, vom Verstehen. Diese Geschichte rührt das Herz an und berührt die Seele. Es ist ein Roadtrip der besonderen Sorte, den man gelesen haben sollte, um Autismus ein wenig zu verstehen und bei dem man einen kleinen Einblick in das Leben einer Familie (hier Vater und Sohn) bekommt, die mit dem Schicksal eines autistischen Menschen in ihrem Kreis zurechtkommen müssen und um dem Menschen näher zu kommen eben diese Reise unternehmen.

Es gibt Bücher im Leben, die liest man einmal, wenn es hochkommt zweimal, legt sie weg und vergisst sie wieder (oder erinnert sich halbwegs gern daran, je nachdem, wie es einem gefiel). Doch es gibt auch Bücher, die so ans Herz gehen, dass man sie am liebsten immer wieder lesen möchte, um entweder wieder in die Geschichte einzutauchen oder um mit den Figuren wieder um die Häuser zu ziehen. Letzteres ist bei „Wenn ich dich umarme, habe keine Angst“ der Fall. Der Leser lernt den autistischen Andrea und dessen Vater Franco Antonello kennen, deren Geschichte von Fulvio Evras niedergeschrieben wurde. Es zeigt auf, dass man Grenzen überschreiten muss, sich selbst etwas zutrauen darf, um zu beweisen, dass Dinge funktionieren die alle anderen ablehnen.

»Himmel, Andre, solche Ferien habe ich noch nie gehabt: endlos lang, unvorhersehbar. Habe ich dir schon gesagt, dass du der beste Reisegefährte bist, den ich je hatte? «

Ein Roadtrip um jeden Preis

Der Vater will den Kreis der ewig gleichen Abläufe, die ein Leben mit autistischem Kind mit sich bringen, durchbrechen und unternimmt mit seinem Sohn auf eine Reise durch die USA und Mittelamerika. Jeder in seiner Nähe, allen voran die Ärzte von Andrea, lehnen diese Reise ab, da sie der Meinung sind, dass eine solche Unternehmung die Routine die ein Autist braucht in dem Maß stört, dass es alles schlimmer machen könnte als es ohnehin schon ist. Diese Reise, die alleine schon für jeden gesunden Menschen eine gehörige Portion Anstrengung und Planung bedeutet, aber auch Freude und neue Erfahrungen, ist für einen Reisepartner der mit einem Autisten auf Achse geht eine mindestens dreifach größere Belastung. Es werden dabei Grenzen verschoben, man bringt sich und den Menschen, der eigentlich in einer anderen Welt lebt, auf ein neues Level der Wahrnehmung. Andrea und sein Vater beginnen in Florida und reisen erst einmal quer durch die USA bis an die Westküste. Nichts hält sie auf, alle reagieren freundlich. Bedenken, die der Vater vor und zu Beginn der Reise hatte, dass alle komisch auf ihn und seinen Sohn reagieren, zerschlagen sich schon in den ersten Tagen. Zuvorkommende Menschen, darunter einige irritierte Blicke, kreuzen ihre Wege. Die Reise durch die USA verläuft landschaftlich spektakulär, aber menschlich auf einem etwas niedrigeren Level, denn dieses Zuvorkommende bei den Amerikanern ist auf eine gewisse Art und Weise oberflächlich. Das merkt man den geschriebenen Erinnerungen auf jeder Seite an. Trotzdem ist es eine Reise, die sich für Vater und Sohn zu lohnen beginnt. Sie wachsen als Gemeinschaft stärker zusammen, als sie es im Alltag jemals geschafft hätten. Doch dieses enge Verhältnis ist durch Andreas Autismus immer wieder gefährdet, das schmale Band zwischen den Beiden immer wieder vom Zerreißen bedroht.

»Ich frage mich, ob die Welt, die wir gerade bereisen, nicht zu intensiv, zu überladen für ihn ist. Nordamerika war zum größten Teil leere Landschaft, und die Sinneseindrücke waren klarer, in gewisser Hinsicht einfacher. Das hier ist ein verschlungenes Universum, wer weiß, wie viele Empfindungen auf ihn einstürmen. «

Die Hälfte des Buches ist geschafft, die Landschaft Amerikas hat man durch die Zeilen kennengelernt und trotz mancher Widrigkeit, war die Reise relativ einfach zu stemmen gewesen. In der Mitte des Buches geht die Reise weiter nach Süd- beziehungsweise Mittelamerika und von da an in eine völlig andere Welt. Eine Welt, von Hektik und Armut geprägt, in der die  Menschen trotz dessen gelassener sind und nicht gezwungen freundlich, sondern offenherzig. Sie empfangen (meistens) Andrea und Franco mit offenen Armen, zeigen den Beiden ihre Welt, die eine völlig andere ist und führen sie behutsam in diese ein. Ein Höhepunkt ist die ‚Behandlung‘ von Andrea von einem Dorfschamanen, um seine bösen Geister zu vertreiben, der sich Franco und Andrea mit gewissen Vorbehalten stellen.

Sie lassen sich einfach von Ort zu Ort treiben, erleben Abenteuer, die ihnen die USA bei weitem nicht bieten konnten und genießen das Leben. Sie werden immer wieder Augenzeuge der Armut in den Regionen Mittelamerikas und mit welcher Gelassenheit die Menschen damit umgehen. Man stellt sich in jedem Dorf, an jedem Ort die Frage, was die Reise in diesen Gefilden mit Andrea machen wird. Der Andrea, der jedes Detail, jeden Dialog, jede Begebenheit wie ein trockener Schwamm im Dauerregen aufsaugt. Der, der in seinem Kopf in einer völlig anderen Welt lebt und nach außen kaum Kommunikation zulässt. Was wird die Reise letztendlich mit ihm machen? Und mit seinem Vater? Wird er einen besseren Zugang zu seinem Sohn finden, wenn der Alltag wieder einkehrt? Wird er ihn besser verstehen, auch wenn er nicht mit ihm spricht? All das sind Fragen, dessen Antworten der Fantasie des Lesers überlassen werden.

»Auf dem Rest der Fahrt drückt uns eine Last das Herz ab, wir fühlen uns wie gelähmt, auch Andrea hat sich tief in sich zurückgezogen. Dann taucht plötzlich eine ganz gewöhnliche Tankstelle auf, als wäre nichts geschehen. «


Über das Loslassen

Es sind beeindruckende Schilderungen, die auf den Leser einstürmen. Dabei sind nicht einmal die landschaftlichen Gegebenheiten gemeint, die jeder selbst erleben könnte, sofern er das möchte. Es ist kein Roman und auch kein Tatsachenbericht im eigentlichen Sinne, mehr eine Art Findungsreise, welche durch die Augen eines Unbeteiligten (ebenjenen Fulvio Evras) niedergeschrieben wurde. Es zeigt vor allem auf, was man erreichen kann, wenn man seinen eigenen Willen gegen die Meinungen der restlichen Welt durchbringt, wenn man die Art, wie man die Dinge anpacken möchte, als die richtige empfindet und damit auch recht behält. Das Buch zeigt das Erwachsenwerden der Beziehung zwischen Vater und Sohn auf, die in einem besonderen Licht steht. Zum Beispiel hat Andrea die Angewohnheit sich über den Computer der Welt mitzuteilen. Das macht er aber nur in Anwesenheit seiner Mutter. Sobald sie nicht dabei ist, erlahmt sein Schreiben. Diese Art der Kommunikation erlaubt es, dass die Eltern mit ihrem Kind ‚sprechen‘ können und somit auch wissen, wie es dem Jungen geht, was ihn umtreibt und vor allem, dass  und wie ihm sein Autismus zu schaffen macht. Wenn man sich das für die Reise in Erinnerung ruft merkt man, dass es nicht einfach wird zwischen Vater und Sohn. Doch anhand dieser Form des miteinander Sprechens ist  die Evolution der Beziehung während der Reise ersichtlich. Franco Antonello hat sich für die Reise Mitschriften der Computerdialoge mitgenommen, um sie in schwierigen Momenten zur Hand nehmen zu können. Spätestens im zweiten Teil zerreißt er diese Erinnerungs- und Mutmacherstücke nacheinander (so wie es sein Sohn immer macht, wenn er nervös ist) mit dem Bewusstsein, dass er sie nicht mehr brauchen wird, da er sieht wie sein Sohn während der Zeit geistig gewachsen ist und weil die Kommunikation zwischen den beiden immer besser klappt. Selbst die Dialoge am Computer funktionieren ohne das die Mutter anwesend sein muss.

Sprachlich wird einem diese Reise mit leisen und sanften Tönen näher gebracht. Es ist eine Reise bei der man spürt, dass hier nichts schief gehen wird. Zieht doch einmal Gefahr auf, werden diese Gefahren gekonnt umschifft. Als Leser dieses Buches muss man sich bewusst machen, dass es sich hier um keine Spannungsliteratur handelt oder um einen Reiseführer mit gut gemachten Tipps für die nächste Amerikareise. Man findet ein Buch vor, die eine Reise von Punkt A nach Punkt B geradlinig beschreibt und darin die Entwicklung zweier verschiedener Charaktere wiedergibt, wie diese sich zueinander und auch für sich allein stehend verändern. Dabei entwickelt der Autor Fulvio Evras eine Sprache, die sehr positiv gestimmt ist. Bei allen Anstrengungen und Ärgernissen, die sich während der Reise anstauen, hat man immer ein wohliges Gefühl beim Lesen. Es ist ein Gefühl, dass einen ähnlich überkommt wenn man nach anstrengenden Planungen und Unwissenheit über den Ausgang endlich da angekommen ist, wohin man wollte und es sich gar nicht als so schrecklich heraus stellt, wie man es sich vorher ausgemalt hat.

Dieses Buch ist vor allem für Leser bestimmt, die sich für Geschichten begeistern, bei denen Menschen den Mut haben Ängste und Bedenken hinter sich zu lassen, gegen den Strich zu handeln und einfach ihr Ding durchziehen, egal was der Rest der Welt dazu sagen wird. Es wird die Leser begeistern, die sich von Leuten wie Franco Antonello dazu inspirieren lassen die Vergangenheit loszulassen und sich der Gegenwart und Zukunft zu stellen. Oder einfach ausgedrückt: Eine bezaubernde Geschichte über eine Reise zweier Menschen, die dadurch zueinander finden und damit schwierigen Phasen, die das Leben bieten wird, gestärkt entgegen treten zu können. 

»‘Warte Andre. Wir müssen an der Kontrolle arbeiten, das weisst du. Versuch mir zu sagen, warum du allen auf den Bauch drückst.‘
‚ich muss den bauch fühlen um zu erkennen, wer bei mir ist. Ich stell mich vor indem ich die leute anfasse. dann bin ich beruhigt.‘ «

Eine weitere lesenswerte Besprechung findet ihr auf jargsblog

3 Kommentare zu „[Rezension]: Fulvio Evras – Wenn ich dich umarme, habe keine Angst

Gib deinen ab

  1. Danke für die Verlinkungen auf meine schon etwas ältere Rezension und die Erinnerung an dieses bemerkenswerte, schöne Buch! Herzlich grüßt dich Jarg

    Liken

Kommentar verfassen - Mit dem Absenden des Kommentars geben Sie gleichzeitig ihr Einverständnis zur Datenschutzerklärung auf dieser Seite

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

Frau Lehmann liest

Ansichten und Einsichten

Nacht und Tag

Literaturblog

Gassenhauer

Literaturblog

Bookster HRO

unabhängig | subjektiv | ehrlich

glasperlenspiel13

bücher / libros / livres

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

MonerlS-bunte-Welt

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Der Leiermann

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

Der Schneemann

Blog zur Krimi-Radiosendung

Sören Heim - Lyrik und Prosa

Website des Schriftstellers Sören Heim

Der Hotlistblog

UNABHÄNGIGE BÜCHER – UNABHÄNGIGE VERLAGE

Literatur.denken

von Samuel Hamen

mscaulfield

gib mir kaffee und bücher und ich bin friedlich.

Angelika liest

Ein Leben ohne Bücher ist wie ein Garten ohne Rosen

the lost art of keeping secrets

Ich will keine Schokolade, ich les' lieber Thomas Mann! (frei nach der Stunksitzung 2014)

Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Anonyme Köche

(zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie beim Buchhändler Ihres Vertrauens)

%d Bloggern gefällt das: