[Sonntagsleserei]: April 2016 oder Gedanken zum Lesefreude schenken

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Endlich Frühling

Keine Links

Da saß ich letzte Woche schon an meinem Beitrag für den Sonntagsleser, wollte ihn für dieses Wochenende vorbereiten und was passiert? Ich zerschieße mir alle Links, die ich gesammelt habe und konnte sie einfach nicht mehr wieder herstellen. Da packte mich der Frust und ich wollte den Sonntagsleser für April schon komplett in die Tonne treten. Doch die treuen Mitleser wollte ich nicht enttäuschen und dachte mir, wie ich diesen Beitrag noch retten und als Sonntagsleser verkaufen kann. Da kam mir die Aktion „Blogger schenken Lesefreude“ gerade recht, die am 23.04. statt fand und bei der ich dieses Jahr mangels Ideen doch nicht so richtig teilnehmen wollte. Ganz im Gegenteil, ich wollte mir eigentlich eine kleine Geschichte ausdenken, was Lesefreude schenken ausmacht oder wie diese konkret aussehen kann. So schön diese Aktion auch in ihrem Grundsatz ist, im Allgemeinen ist es doch zu einer großen Geschenkeorgie verkommen, bei der entweder die Verlage ein paar ihrer Titel über die Blogger platzieren lassen, sich manche Blogger durch ihren Altbestand wühlen und Bücher, die nicht mehr gelesen werden, aussortieren und verlosen, oder es gibt die, die ins Geschäft gehen, ein neues Buch kaufen, welches sie selbst begeistert hat und verlosen dies im Rahmen des Buchwelttags. Bei den letzten beiden Punkten war auch ich die letzten zwei Jahre vertreten und dachte mir meist, dass die Bücher in ein großes schwarzes Loch verschwinden. Ich bin sie los und ein anderer erfreu/ärgert sich mit diesen Büchern. Es gab zwar immer Rückmeldungen, dass sich die beschenkten gefreut haben und gespannt auf die Lektüre sind, aber dann erschöpfte es sich schon meist mit der erwarteten Lesefreude, von der ich dann nicht einmal weiß, ob diese überhaupt eingetreten ist.
Doch was heißt es überhaupt, Lesefreude zu schenken? Was muss man dafür einsetzen? Nehme ich meine Familie als Vorbild, so sehe ich, dass meine Kindereinen ganz entscheidenden Wandel in meinem Denken freigesetzt haben. War es vorher immer ich selber gewesen, der sich über Buchgeschenke freute, kann ich nun das Lesen und die Freude daran an meine Kinder weiter geben und das auf vielen Wegen. Indem ich zeige, dass ich selbst lese und zum anderen, indem ich vorlese. Bei zweiterem kommt, wenn nicht gerade der Zappelmodus angeschaltet ist, eine direkte Rückkopplung über das Vorgelesene. Das erfreut mein Leseherz und das der Kinder. Vor Freude hüpft es derzeit sogar viel mehr, da ich merke, dass beide Kinder vermehrt aus eigenem Antrieb heraus ihre Lieblingsbücher aus dem Regal ziehen und darin schmökern. Da sie noch nicht lesen können, sind es eher die Bildbänder, aber es beginnt. Aber auch das Vorlesen wird vom Großen immer mehr eingefordert. Dann kann sich die Mama oder der Papa im Vorlesen üben, Stimmen variieren, um dadurch Spannung zu erzeugen. Dies alles sind Punkte, die Lesefreud im Familienalltag ausmachen.
Doch wie kann man das ins Allgemeine übertragen? Letztens laß ich einen Artikel über freiwillige Helfer, die als Lese- und Vorlesepaten in der Schule eingesetzt werden, um leseschwachen Kindern unter die Arme zu greifen. Kann man das nicht für alle anbieten? Jedenfalls, was das Vorlesen angeht? Denn eines stelle ich immer wieder fest, wenn ich mal mit den öffentlichen Verkehsmitteln unterwegs bin: Es wird kaum noch in einem Buch gelesen. Alle starren nur noch auf ihr Smartphone, zeigen sich irgendwelche Videos oder lesen Textnachrichten, die jede Rechtschreibung und Grammatik vermissen lassen. Mit Vorleseaktionen kann man vielleicht auch solche Lesemuffel hinter dem hell scheinenden Display ihrer mobilen Geräte hervorlocken. Es ist ja eher ein passives Lesen, aber immerhin ein Lesen. Dahingehend möchte ich meine kleine, fiktive Geschichte aufbauen, die in den Kommentaren gern mit Kritik oder weiterführenden Ideen gefüttert werden darf.

Lesetram – Eine kleine Geschichte über geschenkte (Vor-)Lesefreude

Jeden Tag fahre ich mit der Straßenbahn oder mit dem Zug zur Arbeit. Vor allem liebe ich es in diesen engen ruckelnden Gefährten, Leute zu beobachten, ihre Mimiken, ihre Gestiken zu studieren und für etwaige zukünftige Schreibereien, von denen ich schon immer träume, in die Schubladen meines Gedächtnisses abzulegen. Es ist immer interessant, was man für Leute sieht und dabei beobachten kann, was sie für sinnvolle oder auch sinnlose Tätigkeiten ausführen. Viele Menschen sitzen einfach nur da, schauen aus dem Fenster und beobachten die vorbeirauschende Landschaft, andere lesen Zeitung und viele schotten sich mit Musik ab, die man selber, wenn diese billigen, den Handys beigelegten Kopfhörer benutzt werden, ungewollt mithören kann. Das ergibt dann meistens eine Mischung aus verschiedenen Genres, die ganz schwer ertragbar ist, weshalb noch mehr Menschen sich mit ihrer eigenen Musik abschotten. Was ich aber immer weniger sehe, sind Menschen, die ein Buch lesen. Diese Spezies verschwindet immer mehr. Was mir in diesem Zusammenhang auch noch aufgefallen ist – das Lächeln und die Gelassenheit verschwinden immer mehr. Dadurch, dass sich die meisten Menschen auf sich selbst zurück ziehen, kann es kein Miteinander mehr geben und in diesem Mikrokosmos Bus, Straßenbahn und Zug (je nachdem, was man fährt, kann man es sich aussuchen) ist das ganz besonders gut zu beobachten.
Nun hatte ich eine Idee, die im ersten Moment bescheuert klingt und den meisten, die, wenn sie es hier nur lesen, genervt mit dem Kopf schütteln, was dem Typen da einfällt, einfach so in ihr Leben zu platzen. Ich lese in der Bahn, in der ich sowieso immer mitfahre, einfach kapitelweise aus irgendeinem Buch vor, welches ich aktuell gerade lese. So kommeich erstens selber weiter und kann andere daran teilhaben lassen. Da ich auf meiner Arbeit immer mal wieder vor etwas größeren Mengen auftreten muss, hatte ich vor der Masse an Leuten keinen Bammel. Dann eher davor, was für verschiedene Typen an Mensch mir dabei begegneten. Denn es war eigentlich alles vertreten, vom studierten Professor über den Hartz IV- Empfänger zum Gymnasiasten, nur um mal einige zu nennen. Doch bevor man lange überlegt fängt man einfach an. Und ich fing an. Laß aus aktuellen Bestsellern vor, aus Klassikern, nahm mir Bücher mit, die mich vielleicht selber nicht interessierten und die ich einfach durch das Vorlesen für mich entdeckte. Und was geschah? Anfangs schauten mich die Leute etwas argwöhnisch an.Wie ich es eingangs erwähnte, schauten sie etwas finster drein, was ich mir erlaubte, in ihre Welt zu platzen. Manche lachten mich auch aus, doch das hielten meine Nerven aus. Ein paar Wochen musste ich so durchstehen und leierte monoton jeden Tag das Programm runter, welches ich mir vorgenommen hatte. Doch irgendwann stieß ich auf Interesse. Da es ein Pendlerzug war, hatte man auch meist immer dieselben Leute vor sich. Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier. Die Leute hörten zu. Manche, die sonst immer Musik hörten, packten ihre Kopfhörer, die sie auf dem Bahnsteig aufhatten, ein, sobald sie im Abteil saßen und warteten, dass ich anfange. Oder die, die sonst Zeitung lesen, legten sie beiseite und schauten interssiert nach vorn, was ich ihnen heute bieten würde. Irgendwann wurde ich nicht mehr ausgelacht und die Menschen freuten sich darauf, an etwas anderem teilzuhaben, was es sonst in der Form nicht gibt. Ich hatte meinen Spaß, ihnen etwas vorzulesen, meine Erzählstimme zu trainieren und den Leuten einen Ausschnitt aus verschiedenen Geschichten zu bieten. Die Leute in meinem Abteil hatten Spaß, weil sie eben etwas anderes auf dem Weg zur Abeit erlebten als gewöhnlich. Wie weit ich das noch treiben werde? Ich weiß es nicht. Manchmal, auf dem Weg nach Hause, fahre ich spontan noch zum Bahnhof und überlege schon, in den einen oder anderen Zug zu steigen, um das Programm auch da weiterzuführen. Noch ist mir der Zeitaufwand zu hoch, doch irgendwann wird die Neugier siegen, das auch anderswo auszuprobieren.

Viel Freude wünsche ich euch mit diesem kleinen, bescheidenen Beitrag. An dieser Stelle kündige ich auch gleich mal an, dass bis spätestens August/September die Sonntagsleserbeiträge etwas weniger werden oder vielleicht ganz ausfallen werden. Durch diverse private Dinge (Hochzeit, große Reise, Vorbereitung Halbmarathon) bleibt weniger Zeit, sich um die Pflege dieser Angelegenheiten zu kümmern. Ab Herbst/Winter versuche ich wieder in gewohnter Manier mit den SOnntagslesern für euch da zu sein. Und keine Sorge, ich werde euch weiterhin mit Besprechungen und Lesetagebucheinträgen versorgen, da dies weniger zeitaufwendig ist als die Sonntagsleser. In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen schönen Sonntag und genießt das Wetter.

Weitere Sonntagsleser und Monatsrückblicker:
Kathrin von Phantasienreisen mit ihrem Sonntagsleserbeitrag
Caterina von Schöne Seiten mit ihrer Netzrundschau
Anna von Buchpost mit ihrem Blogbummel<a href="htt

8 Kommentare zu „[Sonntagsleserei]: April 2016 oder Gedanken zum Lesefreude schenken

Gib deinen ab

  1. Hallo Marc,
    ein wirklich schöner Beitrag, kompliment! Und auch ich dachte, dass Du tatsächlich in der Bahn vorliest, hatte schon meinem imaginären Hut vor Dir gezogen, denn ich würde mich das definitiv nicht trauen. Mir ging in der Uni schon der Stift, wenn ich vor 30 Leuten ein Referat halten sollte. Zumal ich mich frage, wie die Leute denn wirklich reagieren würden, wenn man ihnen in der Bahn vorliest.

    Wünsche Dir noch einen schönen Sonntag.

    Liebe Grüße
    Julia

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    1. Schön zu lesen, dass du mir das auch zugetraut hättest. In der Uni hatte ich mal eine zeitlang Seminare gehalten, teilweise sogar vor über 50 Leuten, aber da kamen alle wegen einem Thema und man lernte sich über die Zeit besser kennen, wobei ich anmerken muss, dass ich beim ersten Mal auch Muffensausen hatte.

      Liebe Grüße
      Marc

      Gefällt 1 Person

  2. Welch wunderbare Aktion! Sie erinnert mich an den Protagonisten aus „Die Sehnsucht des Vorlesers“. Ich ziehe meinen Hut vor dir, dass du das so tapfer entgegen erster doofer Blicke, Lacher und Sprüche durchgezogen hast! Mir würde dazu wirklich der Mumm fehlen. Begrüßen würde ich solche Vorleser in den öffentlichen Verkehrsmitteln aber sehr – vor allem, da man hier unterschiedliche Bevölkerungsgruppen erreicht.

    Im Job haben wir auch Aktionen zur Leseförderung, wie Lesungen an Schulen, Bilderbuchkinoveranstaltungen für Kitas und einen Lesewettbewerb. Bei letzterem erreicht man zwar nur die Kinder, die eh schon viel lesen, doch hat sich der Wettbewerb über das letzte Jahrzehnt hinweg so in Schulen etabliert, dass die Schulen intensiv ihre Klassej darauf vorbereiten und Lesen einen höheren Stellenwert bekommen hat. Die Lehrkräfte erzählen uns von den positiven Langzeiteffekten was die Lesekompetenz und Lesefreude an ihren Schulen betrifft und auch die langjährigen Jurymitglieder sehen eine Verbesserung in der Lesekompetenz der Kinder.

    Vor dem Hintergrund kann ich auch gut deine Freude nachvollziehen, wenn du siehst, wie deine Kinder Bücher für sich entdecken. Mein Herz macht auch immer einen Freudensprung, wenn ich an einer Schule bin und in 10 Minuten mehrere Kinder zur Schulbücherei wollen, obwohl diese an dem Tag geschlossen ist. Oder wenn wir eine Autorenlesung an einer Schule veranstalten und eines der anwesenden Kinder ein halbes Jahr später beim Lesewettbewerb teilnimmt und aus dem Buch liest, zu dem es die Lesung erlebt hat. Es ist erfüllend, zu sehen, dass Projekte und Aktionen auch wirklich Früchte tragen. Und an deinem Beispiel sieht man, wie leicht sich Menschen zum Buch führen lassen, selbst wenn sie sonst weniger mit Literatur anfangen konnten. Ich wünsche dir weiterhin so begeisterte Zuhörer!

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    1. Hallo Kathrin,

      ich sollte vielleicht anmerken, dass die Geschichte fiktiv ist ;-) So mutig bin ich dann doch nicht :D Lust hätte ich auf solch eine Aktion schon, aber nicht gerade in den öffentlichen. Inspiriert hat mich aber das Vorlesen bei den eigenen Kids.

      Allgemein finde ich solche Vorleseaktionen sehr schön und nachahmenswert.

      Dir noch einen schönen Sonntag.

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      1. Ach, also bist du doch nicht so abgebrüht ;) Aber die Geschichte liest sich wirklich so authentisch, dass sie wahr sein könnte. Ich habe sie gern gelesen und sie hat mein Leserherz erfreut. Das ist doch was :)

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      2. Die Authentizität kommt wohl durch mein jahrelanges Pendeln mit den öffentlichen zur Uni und in den Anfangsjahren zur Arbeit, da ist es manchmal haarsträubend, was man hört, sieht und erlebt. Freut mich, dass du es so empfunden hast.

        Liebe Grüße
        Marc

        Gefällt 1 Person

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