[Rezension]: Peter Henning – Die Ängstlichen

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Aufrechterhaltung des erarbeiteten Status


Hanau, eine Kleinstadtidylle im Dunstkreis von Frankfurt, ist der Schauplatz verschiedener Dramen innerhalb der Familie Jansen und deren Sprösslinge. Alles beginnt mit einem riesengroßen Unwetter, welches über Hanau hereinbricht, wie der Weltuntergang. Dieses Unwetter spült dabei einige Sachen an den Tag, die vorher im Verborgenen lagen und so eine Dynamik in das Leben der Jansens bringen, dass es Veränderungen herbeirufen könnte.


Johanna, das Familienoberhaupt und die Bestimmerin über das Wohl und Wehe der Familie, zumindest glaubt sie das noch, ist sich im Unklaren darüber, ob sie aus ihrer geliebten Wohnung in ein betreutes Wohnen ziehen will. Ihrem Lebensgefährten Janek zuliebe schiebt sie diese Entscheidung auf die lange Bank. Doch Janek verschwindet spurlos und ohne Grund. Wenig später findet man sein Auto mit einer Nachricht, dass es ihm leid tue und er aus dem Leben scheidet. Diese Situation macht die Entscheidung Johannas für das Leben unter ihresgleichen leichter. Dies möchte sie natürlich gleich ihrer ganzen Familie erzählen und lädt alle zu sich zu einem Abschlussessen ein, damit diese Entscheidung gebührend aufgenommen werden kann. Doch alle Abkömmlinge Johannas haben ihre eigenen Rucksäcke zu schultern.
Da wäre zum Einen ihr Sohn Konrad, der in einer Nervenheilanstalt sein Dasein fristet und mit einem erneuten Ausbruchsversuch endgültig diesem Leben Adieu sagen will. Beim Fluchtversuch, den er zwar geplant hat, in seinem Wahnzustand aber völlig falsch einschätzt, geht einiges schief.  
Helmut, der älteste der drei Geschwister, hat eines Morgens Blut in seinem Urin, was diesen sehr besorgt. Eine Untersuchung beim Urologen zieht Maßnahmen im Krankenhaus nach sich und Helmut fragt sich, ob es das schon mit seinem Leben gewesen sein soll. Sein Sohn Ben ist derweil im 7.Himmel, weil verliebt in Iris, eine Frau, die er sich in seinen kühnsten Träumen nie an seiner Seite erhoffte. Er selber, der sich mit Gelegenheitsjobs als Auftragsjournalist für Sportartikel gerade einmal über Wasser halten kann, muss eine Entscheidung treffen, die sein Leben auf den Kopf stellen könnte und eine ernste Gefahr für die noch junge Beziehung ist.
Zu guter Letzt ist da noch Ulrike, die als Mädchen hinter ihren Brüdern Helmut und Konrad immer zurückstecken musste und letztendlich, ihrer Mutter hörig, in eine Ehe mit Rainer gegangen ist. Kann man dazu  zum Zeitpunkt der Handlung noch Ehe sagen? Er flüchtet sich immer auf Arbeit, hat unzählige Affären und bleibt eigentlich nur bei seiner Frau, da diese ihm immer den Rücken freihält. Das Leben als Paar beinhaltet kaum noch Befriedigung und Ulrike muss sich diese meist bei elektronischen Freunden abholen. Sie leben zwar unter einem Dach, aber meist nur nebeneinander. Doch ein kleines Fundstück, welches Ulrike zufällig vor die Füße fällt, lässt dieses fragile Ehegeflecht unglaublich schnell in sich zusammen stürzen.
Alles in allem sind das keine guten Voraussetzungen, um den Entschluss Johannas, in ein Wohnheim für Senioren zu ziehen, ausführlich besprechen zu können. Und so verläuft das Abschiedsessen anders, als es von Johanna geplant war.

Dieses Buch ist, ebenso wie der Charakter Rainer in dieser Geschichte, ein Kotzbrocken ohnegleichen. Ein Kotzbrocken, den man nicht gerne anfassen, geschweige denn sehen möchte und somit keine guten Voraussetzungen, um dieses Buch zu lesen. Der Anfang gestaltet sich dementsprechend schwierig. Ausufernde Beschreibungen äußerer Umstände, von Gegenständen, fremder Personen, die nur kurz auftauchen und vieles mehr, lassen den Lesefluss stocken und den Lesenden ratlos zurück. Dieser fragt sich, in was für eine Geschichte er da geraten ist und man steht kurz davor, dieses Buch in die Ecke zu pfeffern. Doch irgendwas passiert auf den ersten 50 Seiten, dass eine Eingewöhnung an den Stil passiert, gewisse Passagen mit ausschweifenden Beschreibungen dezent übersprungen werden. Es entfaltet sich eine Familiengeschichte, in der alle Versuche, etwas am bisherigen Leben zu ändern, von vornherein zum Scheitern verurteilt sind, vor allem, weil alle Beteiligten keinen Willen zeigen, Änderungen herbeizuführen. Sei es, weil sie im Leben nichts erreicht haben und sich das auf das Jetzt auswirkt oder sie registrieren, dass sie es im Leben zu nichts bringen werden. Sei es, weil sie vor Todesangst erstarren oder weil ein kleiner Fehler einen Riesenhaufen Ärger nach sich zieht. Es macht Spaß, diesen Leuten beim Scheitern zuzusehen und es setzt eine diebische Freude darüber ein, wenn ein weiterer Fallstrick lauert, der diese Leute zum Stürzen bringt. Da kein einziger sympathischer Charakter in diesem Buch vorkommt (vielleicht außer Ben, Iris und in Abstrichen Johanna), ist ebenjene Freude als nicht verwerflich zu betrachten. Kleiner Spoiler zum Ende: Liest man die letzten 10 Seiten verwandelt sich diese Schadenfreude in einen dicken Kloß im Hals, der nicht zu fassen ist ob der eingetretenen Situation. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.  

Kann dieses Buch empfohlen werden? Nur bedingt. Wer mit ausschweifenden, detaillierten Betrachtungen (z.B. wenn irgendwelche Marken exakt beschrieben werden oder Tätigkeiten sehr umfassend in den Fokus rücken) kein Problem hat, sich an negativer Charakterisierung der Hauptpersonen reiben kann und wer ein wenig in den Mikrokosmos Hanaus eindringen möchte, der ist mit diesem Buch genau richtig bedient. Alle anderen sollten von diesem Buch die Finger lassen, sie würden es nur als verschwendete Lesezeit betrachten.  


Peter Henning
Die Ängstlichen
Aufbau Verlag, 2009
ISBN 978-3351032678 

2 Kommentare zu „[Rezension]: Peter Henning – Die Ängstlichen

Gib deinen ab

  1. Zuerst einmal danke für deine wundervolle Review, sie hat mir wahrlich den Buchrücken geöffnet und mir gezeigt, dass ich es ruhigens Gewissens nie lesen werde da mir das eindeutig zu viel Drama ist… Ich fand schon „Der Russe ist einer, der die Birken liebt“ grenzwertig…

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    1. Das zuviel an Drama kann ich bestätigen, aber was mich mehr hat im Buch bleiben lassen, war die Sprache Hennings. Allen Aus- und Abschweifungen zum Trotz hatte er mich mit seinen Wörtern an der Angel – faszinierend, da ich solch abschweifende Erzählweisen überhaupt nicht mag.

      Gefällt 1 Person

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