[Rezension]: Lisa Kränzler – Nachhinein

Ungleiche Blutsgeschwister


Namen sind wie Schall und Rauch. So ein Gedanke schießt einem sofort durch den Kopf, wenn man Lisa Kränzlers Debüt „Nachhinein“ liest. Da werden die Hauptfiguren, aus deren Sicht wir die Geschichte erzählt bekommen, zwar mit Namen versehen, aber so verschlüsselt, dass wir ihre wahre Identität nicht erfahren. Alle weiteren Personen im engeren Kreis bekommen Chiffre verpasst oder eine Namensnennung wird gekonnt umschifft. Warum reite ich auf diesem Punkt herum? Weil es mir einen zweiten Anlauf beschert hat, dieses Buch zu lesen. Seit dem Erscheinen wartete diese Geschichte darauf, gelesen zu werden. Inhaltlich habe ich mich nicht vorher informiert, was mich erwartet und wurde kalt erwischt. Zum einen, weil das Buch kindliche Erlebnisse aus der Sichtweise derselben Person im Erwachsenenalter wiedergibt und zum anderen wegen der schon erwähnten Namensproblematik. Durch diese Punkte hatte ich Schwierigkeiten dem roten Faden zu folgen und hatte diesen nach zirka einem Drittel verloren. Die Frustration war groß und ich wollte das Buch schon aufgeben. Doch ich gab mir innerlich einen Ruck, las zwischendurch einen Krimi weg und startete Versuch Nummer zwei. Und siehe da – es wurde besser, weil ich wusste, was kommt und sage mir im Nachhinein (welch Wortspiel), dass ich es nicht bereue, diesem Buch eine zweite Chance eingeräumt zu haben. Auch wenn es Schwächen aufweist, sind in dem Buch starke Passagen enthalten, die einen Kloß in den Hals schicken.

Diese Geschichte ist in einem Dorf irgendwo in Bayern (wenn man ein paar der ortstypischen Merkmale richtig liest, kann man auf Franken schließen – quasi unweit von meinem derzeitigen Wohnort) verortet. Dorf und Bayern, soweit würde ich aus meiner eigenen Erfahrung gehen, heißt, dass alles, was hinter der eigenen Haustür passiert, auch dort verbleibt. Wird jemand verprügelt oder vergewaltigt, erfährt man es meist dann, wenn es zu spät ist und die Polizei vor der Tür steht. So etwas ähnliches geschieht auch in „Nachhinein“. LotteLuizaLisa und JustineCelineJasmin sind Blutsgeschwister, jedenfalls wollen sie das sein. Beide wohnen in demselben Dorf, nur durch eine Straße voneinander getrennt. Doch diese eine Straße ist auch eine Trennlinie für die Lebensweise beider Familien. Auf der einen Seite die Akademikerfamilie, die ihrem Kind alles geben, was sie haben, und auf der anderen die Schichtarbeiter, die ihr Kind vernachlässigen und eigentlich nur verhöhnen. Dieses Verhöhnen resultiert auch aus einem Unfall des kleinen Mädchens, welcher ihr Schäden am Gehirn angerichtet haben muss, jedenfalls wird das angedeutet, indem ihre Familie sie immer als Dummkopf bezeichnet.

Das es den beiden Kindern egal ist, aus welchen Verhältnissen sie stammen und wie der andere tickt, merkt man dem einfachen Fakt an, dass sie sich trotz der unterschiedlichen Voraussetzungen anfreunden und ihre Tage gemeinsam verbringen. Der Unfall aus früherer Kindheit, der JustineCelineJasmin die Kopfverletzung zugefügt hatte, scheint die beiden noch zusätzlich zusammenwachsen zu lassen. Doch irgendetwas stimmt von Anfang an nicht in dieser Freundschaft, was man zu Beginn daran merkt, dass JustineCelineJasmin sich beim gemeinsamen Spielen immer unangekündigt zurück zieht und LotteLuizaLisa allein zurück lässt. Dieser Riss, der durch die vermeintliche Freundschaft geht, wird immer größer und ist eigentlich nicht zu kitten. Die Lebenswelten und Erfahrungen beider Mädchen unterscheiden sich zu sehr, als das sie ewig miteinander befreundet sein könnten. Besonders die Erfahrungen, die JasminCelineJustin durch die Vergewaltigungen durch ihren eigenen Vater macht, bringen ein Ungleichgewicht in beider Leben. JustineCelineJasmin findet keine klaren Worte, um diese Erfahrungen ihrer Blutsschwester direkt zu erzählen. Sie findet nur den Weg eines Selbstmordversuches, der sie in die psychatrische Klinik bringt, um LottaLuisaLuzia auf sich und ihre Probleme aufmerksam zu machen. Jedoch erreicht sie damit nur das Gegenteil, da LottaLuisaLuzia diesen Akt als Schwäche auslegt und somit ihre eigenen Stärken über die Schwächen ihrer ehemaligen Freundin erhebt. Dabei überhört sie den Hilfeschrei, der nur an sie gerichtet ist und der in einer großen Leere verhallt.

Lisa Kränzler ist ein Buch gelungen, das eine bewegende (Nicht)- Freundschaft durch eine prägnante Sprache beschreibt. In kurzen, reflektierten Sätzen, gibt die Erzählerin LotteLuizaLisa ihre Geschichte, die sich in Kindheitstagen zugetragen hat, aus Erwachsenensicht wieder. Manches Mal moralisch überhöht mit ihren Vorstellungen, die sie sich mit der Zeit angeeignet hat, und mit offensichtlichen Lücken in ihrer Erzählung, die von ihrer Blutsschwester JasminCelineJustin gefüllt werden. Es sind vor allem die kurzen Passagen der Vergewaltigungen und Demütigungen, denen sich JasminCelineJustin ausgesetzt sieht, die einem den Verstand rauben. In kindlich naive Bilder gepackt werden die Taten nur noch grausamer auf den Leser projiziert und lassen einen schockiert zurück. Doch das, was der Leser als Wissensvorsprung vor der Freundin hat und ihn sozusagen moralisch auf der Seite JasminCelineJustines stehen lässt, ist der Freundin gänzlich unbekannt. Daraus resultiert die Spannung, wie die Freundin aus gutem Hause mit dem Verhalten ihrer Bluttschwester umgeht. In Gegenüberstellungen deutet Lisa Kränzler, eigentlich ab dem Beginn der Geschichte, an, dass es um die Freundschaft nicht gut bestellt ist und das die Barrieren, seien sie körperlicher Natur (Unfall) oder durch die gesellschaftliche Vorgaben, kein positives Startkapital mitgeben. Und so wird deren Auseinanderleben in diesem Roman regelrecht zelebriert. Auf der einen Seite Klavierbegeisterung und Urlaube in Spanien und auf der anderen Vergewaltigung durch den eigenen Vater und Zocken auf der Spielekonsole, um der Langeweile durch Einsamkeit zu entgehen.

In einigen Feuilletonbeiträgen wurde eine Art Klassenzugehörigkeitsbefindlichkeitsdrama in dieses Buch hinein interpretiert und ein Coming of Age- Roman sei es obendrein. Das habe ich persönlich beides nicht vordergründig gesehen.

3 Kommentare zu „[Rezension]: Lisa Kränzler – Nachhinein

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    1. Ist es stellenweise auch. Vor allem schleicht es sich allmählich in die Geschichte und wirkt vor der bürgerlichen Fassade, die alle aufrecht erhalten, umso abscheulicher. Bei 2 Szenen musste ich ganz schön schlucken, da mir das als Vater von 2 Kindern sehr nah ging und mich fast dazu brachte, das Buch wegzulegen. „Spaß“ ist bei der Lektüre jedenfalls eine andere Definition

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      1. is, glaube ich, auch ein Talent sowas so zu schreiben… und irgendwie ist doch die Welt auch so das es einmal den offensichtlichen teil gibt und dann den den die anderen eher nicht kennen…

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