[Rezension]: Daniela Krien – Irgendwann werden wir uns alles erzählen 

DDR-Lolita auf dem Land

Eingangs erwartete ich von diesem Roman nichts, den ich mir nur aufgrund der Autorin anschaute, auf die ich durch diverse Besprechungen zu ihrem Buch „Muldental“ aufmerksam wurde. „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ ist ihr Erstlingswerk und ist eine Art Lolita-Roman geworden, der in der ostdeutschen Provinz zur Wendezeit angesiedelt ist und einen Sommer lang das Leben des Mädchens Maria auf den Kopf stellt. Irgendwie bin ich noch immer zwiegespalten, wie ich diesen Stoff einordnen soll. Einerseits wird die Wende (der Roman spielt im Sommer 1990, kurz bevor die Wende komplett vollzogen wird) wie nebenbei erzählt und systemrelevante Themen des sozialistischen Staates (z.B. Pioniererlebnisse der jungen Protagonistin) werden beiläufig angeschnitten. Andererseits wird dem Leser eine Liebesgeschichte aufgetischt, wie sie sich zutragen kann, die aber mit einer Zufälligkeit in die Geschichte tritt, dass ich das der Autorin einfach nicht abkaufen kann. Insgesamt stellt der Roman einen Zwitter dar aus ostdeutschter Wendegeschichte und lolitahafter Liebelei beziehungsweise Fremdgeherei. Eigentlich ist es diese Melange aus beiden Themen, die in meinen Augen dem Buch nicht gut zu  Gesicht steht und die mir die Lektüre gehörig versauerte.

Maria, ein Mädchen aus einer Kleinstadt, zieht bei ihrer Mutter aus und bei ihrem Freund Johannes ein. Der wiederum wohnt noch bei seinen Eltern auf dem Bauernhof. Auf diesem wird Maria sofort eingespannt und soll/muss arbeiten im Haushalt mit erledigen, bis es fast etwas selbstverständliches hat, dass sie mit am Tisch sitzt. Sie macht ihre Aufgaben immer besser und lebt sich auf dem Bauernhof ein. Eines Tages als ihre Mutter sie nach einem der seltenen Besuche wieder auf den Bauernhof zurück bringt, bauen die beiden im Trabant der Mutter einen durch Träumerei verursachten Unfall und landen auf dem Dach mitten im Feld. Durch einen Zufall hilft ihnen der Henner, ein einsamer älterer Mann von einem Nachbarbauernhof, den er selbst und alleine bewohnt. Marias Mutter fährt nach Hause und Maria geht wie selbstverständlich mit dem Henner mit, der sie dann mit zu sich nach Hause nimmt und dort vergewaltigt. Wobei das Wort Vergewaltigung es nicht richtig trifft, denn Maria scheint es zu genießen und ist danach wie verzaubert von diesem Mann, dem sie alles Mögliche zugesteht, was sie bei Johannes nicht mal träumen würde zu fragen. Daraus entsteht eine eigentlich zarte Liebesgeschichte, bei der auch ab und zu die Unberechenbarkeit Henners mit aller Härte durchscheint. Alle in Johannes‘ Umfeld und auch Johannes selber dürfen von dieser heimlichen Liebelei nichts mitbekommen. Durch alles, was diesen Sommer passiert, scheint auch die politische Wende eine Rolle zu spielen und lädt die Situation zusätzlich für alle Beteiligten emotional noch mehr auf.

Dieses Buch empfand ich als unerträglich. Wendegeschichte und Dorfleben auf der einen Seite, heimliche Liebe zwischen jugendlichem Mädchen und älterem Mann auf der anderen. Beides wirkte unentschlossen und tastend, wie diese Zeit im Sommer 1990 sicher auch gewesen sein mag. Doch für mich war das nichts. Weder das eine noch das andere. Ich konnte mich weder in die Gefühlswelt von Maria hineinversetzen, aus deren Sicht die ganze Geschichte erzählt wird, noch wurde mir das als Leser auch schmackhaft gemacht. Sprachlich war alles sehr reduziert gestaltet, was mir das warm werden mit dem Stoff nicht gerade erleichtert hat. Eigentlich freue ich mich immer, wenn ich Bücher in die Finger bekomme, die einen direkten oder indirekten Bezug zum Osten, zur DDR oder zur Wende haben. Auch wenn die Wende, die Pioniertätigkeiten von Maria oder auch die Bespitzelung vom Henner eine Rolle spielen, so passiert das meist nebenbei.  Das Hauptaugenmerk liegt auf den Liebschaften Marias. Erst mit Johannes, der ihre erste große Liebe ist, der sich selbst aber nach Beendigung seiner Schule in die Fotografie verliert. Das öffnet für Maria Tür und Tor die heimliche Liebe mit dem Henner immer weiter zu treiben. Doch genau diese Liebe zum reifen Mann kaufte ich dem Mädchen Maria nicht ab. Weder in dem was sie sagte, noch was sie tat. Alles wirkte so überreif und überlegt, dass es nicht zu einer 16/17-jährigen passen wollte. Auch dieses Zerrissen sein und das innere Leiden vor Johannes‘ Familie las sich einfach nur peinlich. Über das Ende möchte ich an dieser Stelle dann gar nicht mehr reden, welches in seiner Vorhersehbarkeit und auch seiner Abruptheit nicht zum Rest passen wollte. Völlig irrational und in meinen Augen nur um den Effekt willen geschrieben. Von mir gibt es für dieses Buch keine Empfehlung.

Weitere Besprechungen findet ihr bei:
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2 Kommentare zu „[Rezension]: Daniela Krien – Irgendwann werden wir uns alles erzählen 

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