[Rezension]: Michael Kraske – Vorhofflimmern 

wp-1478954589798.jpgDie roten Socken auf rechts gedreht 

„Ankommen war ein Parcours aus Fettnäpfchen.“ (Vorhofflimmern, Seite 22)

Michael Kraskes Roman „Vorhofflimmern“ kam zufällig am Buchregal vorbei, als die für diesen Blog eigens erstellte, persönliche Shortlist für den Bloggerpreis des besten Debüts für den Blog erstellt wurde (Link). Diese Liste ist natürlich nicht die offizielle, aber ob „Vorhofflimmern“ auch gute Chancen haben könnte, auf der offiziellen Liste aufzutauchen, sollen die nächsten Zeilen klären.

Wir leben in einer Zeit, in der offen ausgesprochener Rassismus wieder salonfähig ist (siehe Pegida, AFD etc. und bei Trump sogar mit riesigem Erfolg). Neu bei diesen ganzen Debatten, die sehr nationalsozialistisch angehaucht sind, ist der Ton, mit dem gesprochen wird. Auf der einen Seite wird versucht, der Allgemeinheit die eigene Meinung aufs Auge zu drücken. Werden dem Argumente entgegengesetzt, die diese ganzen Absonderlichkeiten ad absurdum führen würden, wird mit Wut reagiert und eine vernünftige Diskussion durch Marktschreierei einfach abgewürgt. So reagieren alle Seiten vergrätzt, es kommt zu Streit, eins zum anderen und es schaukelt sich hoch. Eine ähnliche Situation finden wir in Michael Kraskes Debütroman „Vorhofflimmern“ vor, der eine Situation beschreibt, wie sie in jeder Ortschaft unseres Landes vorkommen kann und auch schon vorgekommen ist. Da der Fokus in den letzten Jahren auf Sachsen liegt (Dresden, Heidenau, Bautzen, Meißen und noch viele mehr) lässt Kraske seinen Roman im fiktiven Örtchen Liebbrehna spielen, welches in eben genannten Sachsen liegt. Eine Nähe zu Dresden und Chemnitz wird angedeutet. Dieser Ort soll sinnbildlich für alle stehen, die in den letzten Monaten und Jahren in den Nachrichten standen und durch ausländerfeindliche (Gewalt)-Taten traurige Berühmtheit erlangten. 

„Vergangenheit ist überall ein Minenfeld, hier erst recht, auch nach all den Jahren noch.“ (Vorhofflimmern, Seite 40)

Der Leser kommt mit Andrea, Leo und dem gemeinsamen Sohn Milan gleichzeitig in Liebbrehna an. Sie sind aus Hamburg weggezogen, um einen Neuanfang zu wagen. Leo, der als Berufsfotograf immer von Auftrag zu Auftrag gehechtet ist, wollte endlich raus aus diesem Mühlenrad, welches ihn immer mehr von seiner Familie weggetrieben hat und doch keine finanzielle Sicherheit gebracht hat. Er heuert bei der lokalen Tageszeitung Liebbrehnas an und bekommt mit Thieme einen Chef vorgesetzt, der ihn neben den Fotos auch gleich noch die Texte dazu schreiben lässt, eine Tätigkeit, die er noch nie ausgeführt hat. Andrea, die sich als Ärztin dem Takt eines Krankenhauses hingab, freut sich schon auf die neue Aufgabe als Landärztin. Beide wissen, dass es eine Herausforderung wird, im ländlichen zurechtzukommen, besonders, wenn es in der sächsischen Provinz ist. Beide geben ein Willkommensfest, um sich bei den Nachbarn und Leuten aus dem Dorf vorzustellen, um Berührungsängste abzubauen. Dieses Fest deutet schon ein wenig an, wie die Luft in Liebbrehna weht und in welche Windrichtung die Fahnen gesetzt sind. Der Bürgermeister Merbitz heißt die Familie ebenfalls willkommen und freut sich auf frisches Blut in der Gemeinde. Es schaut alles friedlich aus und das Ankommen wird Leo, Andrea und Milan leicht gemacht. Die ersten Tage sind voller Tatendrang und alle sind hilfsbereit. Das Blatt wendet sich aber, als Milan sich mit David anfreundet, der in der Roten Zora, einem linksalternativen Club in Liebbrehna, ein- und ausgeht. Milan geht in der Art und Weise, wie David und seine Freunde ihre Freizeit gestalten, voll auf und nabelt sich immer mehr von seinen Eltern ab, die ihn bei der Entscheidung, von Hamburg wegzuziehen, nicht richtig einbezogen haben. Doch die linken Aktivitäten sind den Bewahrern der deutschen Tugenden, die in Liebbrehna in der Überzahl sind, ein Dorn im Auge und auch die Politik in Form vom Bürgermeister und der Polizei bezieht nur schwammig Position.

Pulverfass Liebbrehna, sinnbildlich für die Lage unserer Gesellschaft

„Die wollen ihre Ruhe. Liebbrehna ist ein guter Ort, um sich zur Ruhe zu setzen. Aber wehe, man möchte Aufbruch. Früher waren alle gleich, nein, das stimmt auch nicht, aber in der Erinnerung lügt man sich das so zurecht. Davon ist nur die Sehnsucht geblieben. Die Sehnsucht, dass dein Nachbar genau so sein soll wie du. Genauso normal und klein und durchschnittlich wie du selbst. Alles andere macht ihnen Angst.“ (Vorhofflimmern, Seite 54)

Ein Roman, der zur rechten Zeit  in einem kleinen Verlag leider etwas untergegangen ist und eigentlich eine größere Aufmerksamkeit verdient hätte, denn das, was in diesem Buch beschrieben wird, findet man derzeit in den alltäglichen Berichterstattungen aus vielen Orten Sachsens und auch anderswo. Doch speziell in Sachsen ist die Problematik immer wieder vorzufinden und schafft es in die Nachrichten. In einer authentischen Sprache zeigt Michael Kraske die Verwerfungen innerhalb einer Gemeinschaft und ebenfalls innerhalb einer Beziehung auf. Beides bedingt einander und potenziert sich immer mehr, bis es zum Äußersten kommt. Zum einen wird die Wessifamilie gezeigt, die versucht, sich in die Gemeinschaft zu integrieren und denen durch die Aktivitäten des Sohnes in der linken Szene des Ortes immer wieder Steine in den Weg gelegt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass jeweils Andrea und Leo ihre eigenen Rucksäcke zu schultern haben, die sie noch aus Hamburger Zeiten mit sich herumschleppen und einem Neuanfang in Liebbrehna im Weg stehen. Dann wären noch die Alteingesessenen, die ihren Status Quo unbedingt erhalten und die Dinge laufen lassen wollen, weil es immer schon so war und niemanden störte. Allen voran steht der Bürgermeister Merbitz, der in allen erdenklichen Momenten zu betonen weiß, dass man nicht nur die rote Brille aufbehalten sollte und das die auch nicht unbedingt die Waisenknaben vor dem Herren wären. Genau solche Sprüche sind es, die einem in Diskussionen immer wieder über den Weg laufen. „Schaut doch auch mal nach links“, „Die machen mindestens genauso schlimme Dinge“ sind sicher noch die harmlosesten Aussagen, die einem um die Ohren geschlagen werden, wenn man versucht vernünftig zu reden. Diese Situation wird im Buch wunderbar beschrieben und als Leser beschleicht einem immer wieder ein mulmiges Gefühl, dass das Szenario sehr nah an der Wahrheit dran ist.

Als Konterpunkt zu diesem Kleinkrieg zwischen Rechts und Links wird das Beziehungsdrama von Andrea und Leo gesetzt, die, wie bereits angedeutet, noch Altlasten aus Hamburger Tagen mit nach Liebbrehna bringen. Daraus entstehen Eifersuchtsszenen seitens Leo, der vermutet, dass Andrea sich mit ihrem Ex- Freund immer noch trifft (was sie wirklich macht) und mit ihm ins Bett steigt (was sie anscheinend nicht mehr macht). Unter den Bedingungen, dass ihrem gemeinsamen Sohn Milan Feuer unterm Hintern gemacht wird, nur weil er sich einer bestimmten Gruppe zugehörig fühlt, ist Eifersucht kein guter Ratgeber. Leider nimmt diese Liebesgeschichte zu viel Raum ein und ist an manchen Stellen zu sehr auf das körperliche fixiert, so dass sie den Blick für das wesentliche, im Absatz vorher beschriebene Bild, versperrt. Von diesen Szenen wünscht man sich ein bisschen weniger oder diese ein wenig anders beschrieben, um dem brisanten Thema nicht die Wucht zu nehmen.

Im Endeffekt ist es mit Abstrichen in der B-Note ein guter Roman geworden, der die aktuelle Lage in Sachsen (und natürlich auch anderen Bundesländern) sehr gut erfasst und wie unter einem Brennglas im fiktiven Liebbrehna kulminieren lässt. Der Menschenschlag im Landstrich wird sehr gut beschrieben (Anm. d. Verf.: Bevor es zu Missverständnissen kommt. Ich komme selbst aus Sachsen und kann die beschriebenen Eigenschaften mancher Leute im Buch nur abnicken. Besonders dieses Hängen an der Vergangenheit und die Abwehr von allem Neuen ist den Sachsen sehr zu eigen.) Die Beziehung zwischen Andrea und Leo hätte dagegen nicht so exakt gezeichnet werden müssen, zuweilen nervt dieser ganze Beziehungsmist. Trotz dessen ist dieses Buch eine Empfehlung, da es auch mal die Seiten beleuchtet, die in den Veröffentlichungen auf dem Belletristikmarkt bisher nicht so im Rampenlicht standen, da bisher meist die Flüchtlinge im Fokus waren. Ob es für die Shortlist des Bloggerpreises für das beste Debüt reicht? Wohl eher nicht, da die Sprache zu simpel ist und die familiären Aspekte zu stark im Fokus stehen. Von der Fixierung auf den Körper von Andrea ganz zu schweigen. 

P.S.: Zum Schluss noch eine kleine Anekdote. Als ich zu den Danksagungen kam, staunte ich nicht schlecht, den Namen Caterina Kirsten, die den Blog „Schöne Seiten“ betreibt, zu lesen, bei der sich der Autor ebenfalls bedankt. Wie die Zusammenhänge sind, war im Nachhinein sehr interessant, dies zu erfahren und zeigt einmal mehr, wie sich Tätigkeit im Blog und Realität manchmal kreuzen können.


Michael Kraske
„Vorhofflimmern“
freiraum-Verlag
1.Auflage, 2016
ISBN: 978-3-943672-83-1

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