[Rezension] [Das Debüt 2016]: Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

Revolution, Flucht, Integration

Diesen Roman habe ich im Zuge der Verleihung des besten Debüts 2016 gelesen. Das Buch ist mir im Frühjahr durch diverse Besprechungen schon aufgefallen, reizte mich aber nicht so sehr, dass ich unbedingt zupacken wollte. Ein Fehler, wie sich nun herausstellt, denn mit “Nachts ist es leise in Teheran” habe ich einen ruhigen Roman gelesen, der von der Vergangenheit bis in die Zukunft hinein von Flucht, Revolution und Integration erzählt. Die Autorin verzichtet dabei auf brutale Momente, sie klingen eher im Hintergrund kurz an, und lässt den Leser an einer Familiengeschichte teilhaben, die emotionaler nicht sein könnte. Ich persönlich habe das Buch, auch aufgrund der Aktualität in der Flüchtlingsproblematik, für den Preis des besten Debüts vorgeschlagen. Ein Buch, welches bei mir lange nachhallen wird und das ich sicher noch mehrmals zur Hand nehmen werde, um darin einen tagesaktuellen Abgleich zu machen.

Die Geschichte erstreckt sich über vier Jahrzehnte, beginnend mit der Revolution im Iran, welche 1979 in einen brutalen Gottesstaat mündete. Der erste Part wird dabei aus der Sicht Behsads erzählt, der an dieser Revolution teilnimmt, einen Freund verliert, seine Ideale verraten sieht und am Ende sogar mit seiner Frau Nahid und seiner Tochter Laleh aus seiner Heimat fliehen muss. Zehn Jahre später ist die Familie anscheinend in Deutschland angekommen, aber sind sie auch integriert? Wollen sie sich anpassen? Nahid erzählt, vor welchen Problemen sie tagtäglich steht, wie sie versucht, den Alltag zu strukturieren und dann bei allen Diskussionen, die ihren deutschen Freunden wichtig sind, regelmäßig abzuschalten, da ihr das alles nicht so wichtig erscheint im Vergleich zu den Problemen, die die Menschen im Iran haben. Laleh, die Tochter von Behsad und Nahid erzählt ihre Geschichte aus dem Jahr 1999. Sie ist perfekt integriert, in der Schule eine der Besten, womit ihr die Zukunft offen steht. Sie erhält unverhofft die Möglichkeit, mit ihrer Mutter in den Iran zu reisen und ihre Familie zu besuchen. Es wird ein richtiger Kulturschock für sie, denn bei aller Trauer und allem Schmerz, den diese Menschen ertragen haben, haben sie sich Freude und Wärme in ihrem Herzen erhalten. Bis auf wenige, die einen geliebten Menschen verloren haben, sind sie vordergründig freundlich und fröhlich. Doch Laleh merkt, dass es nur die oberste Schicht ist, die die Menschen offen zeigen. Darunter scheint es zu brodeln und viele scheinen unzufrieden mit dem Leben, was sie führen müssen. Insbesondere die Frauen, die allesamt unter der fanatischen Religion des … stehen und immer noch Menschen zweiter Klasse sind. Wiederum zehn Jahre später sehen wir Morad beim Faulenzen zu, wie er in den Tag hineinlebt und nicht zu wissen scheint, wohin sein Weg führen wird. Er ist kraft- und orientierungslos. Hatte sein Vater noch das Ziel sein Land zu einem besseren Weg zu verhelfen, so kann Morad nur gegen Studiengebühren kämpfen, was mehr Spaß bedeutet, da man sich zum Trinken trifft, als konkrete Ziele zu verwirklichen. Die Party steht im Vordergrund. Als die grüne Revolution im Iran ausbricht und seine Familie, die dort lebt, betroffen ist, wendet sich sein Verhalten. Die Party scheint vorbei, er interessiert sich nun für die Revolution, erinnert sich daran, wie sein Vater früher auch für etwas kämpfen wollte und es irgendwann nicht mehr durfte, da es zu gefährlich für ihn und seine Familie war.

Die Geschichte betrachtet den Iran konsequent aus der Sicht einer einzigen Familie. Es kommen vier Mitglieder dieser Familie zu Wort. Sie zeichnen alle ein unterschiedliches Bild, wie diese Familie mit der Revolution, der Integration, der Flucht und dem Kampf um die Freiheit umgehen und verarbeiten. Allen liegt der Iran am beziehungsweise im Herzen und allen fehlt etwas in Deutschland. Die Eltern Behsad und Nahid vermissen ihre Heimat und haben Angst um ihre Freunde und Verwandte, die weiterhin in Angst vor dem Regime im Iran leben. Behsads Heimweh macht sich auch daran fest, dass er sich im Radio über die Jahre immer wieder Neuigkeiten über den Iran im Radio anhört. Die Kinder beschäftigen sich eher mit der Frage Integration, die Revolution ist angesichts des ruhigen Lebens in Deutschland in den Hintergrund gerückt, die Ideale der Eltern nicht mehr die der Kinder. Sie müssen sich mit den alltäglichen Dingen auseinandersetzen, mit ihren Mitmenschen klar kommen. Während zum Beispiel Nahid selbst nach 20 Jahren in Deutschland immer noch Schwierigkeiten hat, Behördengänge zu erledigen, da sie die Sprache immer noch nicht beherrscht, geht ihre Tochter traumwandlerisch durch diesen Paragrafendschungel und hilft auch ihrer Mutter dabei, diverse Papiere auszufüllen. Die Tochter dagegen kann mit dem Leben im Iran nichts anfangen und bei einem Besuch der Verwandten, bei dem die Mutter aufblüht, steht sie dem Treiben eher befremdlich gegenüber, kann mit der Rolle der Frau im Iran nichts anfangen. Doch eine ihrer Cousinen lässt sie am alltäglichen Leben in Teheran teilnehmen, bei dem man merkt, dass sich die Jugend und die jungen Erwachsenen, egal ob männlich oder weiblich, trotz aller Widrigkeiten in dem vorhandenen System halbwegs eingerichtet haben, was Lalehs Sichtweise auf ihr Leben und das ihrer Verwandten, die im Iran leben, ein wenig verändert. Im letzten Abschnitt kommt mit Morad das letzte Familienmitglied zu Wort, dem sowohl die Integration als auch jedwede Art der Revolution am Allerwertesten vorbei geht. Er hat es sich bequem gemacht in seinem Leben als Student und Partygänger. Das, was andere über ihn denken, macht ihm nichts aus, obwohl er offensichtlich anders aussieht. Er sieht nicht ein, sich für etwas zu erheben, was nur anderen Nutzen bringt. Doch die grüne Revolution im Iran zeigt ihm, dass es sich zu kämpfen lohnt.

„Nachts ist es leise in Teheran“ ist ein ruhiges Buch, welches durch seine sanfte Sprache und durch die Themen, die es anspricht, eine Seite in mir zum Klingen gebracht hat, die etwas mit Heimat zu tun hat, mit dem Leben, welches man hier führen darf. Es ist ein großes Privileg, wie wir unser Leben in Deutschland führen dürfen. Offen und liberal müssen wir uns keine Sorgen machen, wegen unserem Denken im Gefängnis zu landen oder wegen unserer Kleidung an den Pranger gestellt zu werden. Wir können uns frei bewegen und frei denken, was den Menschen im Iran nicht möglich war/ist. Das zeigt Shida Bazyar mit diesem Buch auf beeindruckende Weise. An vielen Stellen konnte man sich durch die Worte, die sie wählt, in die einzelnen Figuren einfühlen, versteht ihre Sorgen und Nöte, obwohl man diese selbst nie haben musste. In meinen Augen ist es die größte Kunst, diesen Realismus genauso auf den Leser zu übertragen und dabei keine Klischeebilder zu erzeugen. Daher, dass an diesem Buch (mal vom Epilog abgesehen), alles stimmig ist, hatte ich mich beim Bloggerpreis für das beste Debüt 2016 für dieses Buch entschieden. Eine volle Empfehlung für dieses Buch, dass sowohl 2016 als auch zukünftig nichts von seiner Wucht verlieren wird.

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6 Kommentare zu „[Rezension] [Das Debüt 2016]: Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

Gib deinen ab

  1. Hallo Marc,
    deine Meinung zum Buch hat mir sehr gefallen. Ich möchte es auch noch lesen, vor allem, da es auch so toll zu meinem zusätzlichen Schwerpunkt „Orient, arabische Literatur/Welt, Islam“ im Blog passt. Das Buch liegt schon eine Weile auf meiner Spezial-Merke-Wunschliste.
    Viele Grüße vom Monerl

    Gefällt mir

    1. Hi Monerl,
      freut mich, wenn dir die Besprechung gefallen hat und wünsche dir ganz viel Spaß beim Lesen. Kannst deine Meinung gern hier als Kommentar hinterlassen.

      Liebe Grüße
      Marc

      Gefällt mir

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