[Rezension]: Richard Lorenz – Frost, Erna Piaf und der Heilige

Ein Buch über den Tod, die Unsichtbaren unserer Gesellschaft und der Umgang mit beidem

»Er hat gesagt, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt. Dass man jemanden mag und dem dann hilft, und so. Dass man keinen vergisst. Weil irgendwann sterben wir, und dann ist alles zu spät. Das hat er gesagt.«

Das Buch von Richard Lorenz hat eine wahre Odyssee hinter sich. Fast ein Jahr mussten die Fans auf das neue Buch von ihm warten, da es Schwierigkeiten von Verlagsseite gab, das Buch in die Läden zu bringen. Nun liegt es seit Herbst 2016 bereit und ich habe mir dann trotzdem Zeit gelassen, es zu lesen. Irgendwie wollte ich den richtigen Zeitpunkt für das Buch abwarten und den sah ich Weihnachten gekommen. Es war der perfekte Begleiter für die Feiertage, obwohl es um das traurige Thema Tod und um die Menschen ging, die von der Gesellschaft vergessen wurden, die in der Gosse leben, dabei übersehen werden und ums Überleben kämpfen. Der Roman ist keine leichte Kost, aber jedes Wort ist es wert, diese Speise zu sich zu nehmen. Richard Lorenz versteht es, schwere Themen so in Worte zu packen, dass einem nicht allzu schwer ums Herz wird.
Der Roman dreht sich um Frost und eine besondere Gabe, die seine Eltern in seiner Kindheit an ihm entdecken. Angefangen bei seiner Großmutter, deren Schmerzensschreie längst zum Alltag im zu Hause von Frost geworden sind, macht der Junge den Übertritt auf der Schwelle zum Tod für die Sterbenden leichter, indem er ihnen Gedichte vorträgt, die etwas aus ihrem Leben erzählen. Die Großmutter stirbt mit einem Lächeln auf dem Gesicht und die Eltern von Frost schicken ihn von Totenbett zu Totenbett, um es den Tod erträglicher zu machen. Jahre später ist Frost in München angekommen, ein trauriger, einsamer Mann, dem seine Gabe abhandengekommen ist. Er arbeitet in einem Hospiz für Obdachlose und die Vergessenen dieser Gesellschaft, gibt ihnen da ein kleines Lächeln zurück, pflegt die Menschen oder macht ihnen das Sterben erträglicher. Er hat seine Bestimmung dort gefunden, auch wenn er seine Gabe an die Geschichten, die durch die vielen verlorenen Seelen in diesem Hospiz umherirren, verloren hat. In diesem Hospiz gibt es zwei Menschen, Erna Piaf und den Heiligen, die für Frost noch von zentraler Bedeutung werden, denn sie geben ihm den Glauben an seine Gabe wieder. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg und der kann nicht ohne Opfer beschritten werden.

Ist es ein Roman? Ist es ein Aufschrei, hinzusehen zu den Menschen, die sonst im Schatten unserer Gesellschaft leben? Es ist beides und irgendwie noch etwas anderes. Als Roman würde ich es gerade noch durchgehen lassen, aber das ist ja an sich kein Qualitätsmerkmal für ein gutes Buch. Es ist vielmehr die Sprache, die mich gepackt hat, die mich hineingeführt hat in eine mir unbekannte Welt des Leids und der Trauer. Doch bei allem Schmerz und allem Leid, welches dieser Geschichte zugrunde liegt und die mir teilweise ein paar Tränen abgerungen hat (manches Sterben in der eigenen Familie wurde einem wieder vor Augen geführt), versteht es Richard Lorenz, ein Licht anzuzünden, um diese Traurigkeit in etwas zu verwandeln, was man verarbeiten kann, um danach nach vorne schauen zu können. Auch wenn es abgedroschen klingen mag, aber jedes Ende ist auch ein Beginn von etwas Neuem und diesen Weg zeigt uns der Autor mit diesem schmalen Roman. Er findet Worte und packt sie in eine Form, wie man sie heutzutage nur noch selten zu lesen bekommt. Viele dieser Sätze möchte man am liebsten einrahmen und irgendwo hinhängen, um sie jeden Tag betrachten zu können. Den Worten und Sätzen wohnt eine Magie inne, die ich nicht recht in Worte fassen kann, die mir aber selten vor die Augen kommt. Vielleicht ist es der eher abgehackte, knackige Stil, bei dem vieles in Nebensätze gepackt wird. Aber ich empfinde, dass es genauso beabsichtigt ist, die Bilder entstehen zu lassen, die es braucht, um die Geschichte zu erzählen.

Ganz schön viel Schwärmerei, findet ihr nicht? Hat der Typ, der diese Rezension schreibt, an diesem Buch gar nichts auszusetzen? Doch habe ich schon, doch sind es marginale Dinge, die eher vom Inhalt herrühren und die den Gesamteindruck kaum schmälern. Es gab zwischendrin einen kurzen Hänger, bei dem ich für mich den Faden verloren hatte, als Frost auf eine Reise nach Paris ging. Manchmal waren es mir der beschreibenden Bilder zu viel und ich musste das Buch ab und zu mal aus der Hand legen. An einer Stelle in der Geschichte hatte ich kurz die Befürchtung, dass der Roman irgendwie in eine Sackgasse rennt. Dieses Gefühl hat sich aber ganz schnell wieder in Luft aufgelöst und die Zugfahrt nach Paris hat die Magie wieder eingefangen. An sich lässt sich das alles ganz schlecht wiedergeben, da es auch viel mit persönlichen Erfahrungen zu tun hat, wie man dieses Buch auffasst und es muss jeder für sich entscheiden ob er das Lesen möchte und wenn er es tut, wie er dieses Buch bewertet. Ich für meinen Teil war an vielen Stellen zu Tränen  gerührt (ein paar habe ich auch beim Lesen verdrücken müssen), wie gefühlvoll der Tod dargestellt wird. Als nichts Schlimmes und zum Leben dazugehöriges. Das Richard Lorenz selber in einem Bereich tätig war, wo er täglich mit dem Tod konfrontiert war, merkt man in jedem Wort, dass er für dieses Buch zu Papier gebracht hat. Ein sehr persönliches, ein sehr emotionales Buch, das einen nicht kalt lässt, da es, zumindest bei mir, auch einige Todesfälle in der eigenen Familie wieder hat lebendig werden lassen (aber als nichts schlimmes, eher als Erinnerung an die Menschen, die gestorben sind). Wer „Amerika-Plakate“ gelesen hat und mochte, wird mit diesem Buch etwas anfangen können. Und doch schlägt es eine andere Richtung ein, ist nicht so durchsetzt mit diesem magischen Realismus, den „Amerika-Plakate“ ausgemacht hat. Lieber Richard, an dieser Stelle noch persönlich lieben Dank, dass du dieses Buch geschrieben hast und das es dann doch das Licht der Öffentlichkeit beschreiten konnte. Ich hoffe, dass wir von dir noch einige Bücher in den Händen halten werden und diese genauso faszinierend und magisch werden, wie „Amerika-Plakate“ und „Frost, Erna Piaf und der Heilige“.

P.S. Das ist der 200. Beitrag auf meinem Blog und passend dazu dieses Buch.

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7 Kommentare zu „[Rezension]: Richard Lorenz – Frost, Erna Piaf und der Heilige

Gib deinen ab

  1. Einerseits klingt das nach einem Buch, das mir sehr gut gefallen dürfte, andererseits nach einem Buch, dass ich dann doch lieber im Sommer lesen sollte, wenn es nicht mehr so dunkel, grau, kalt und ungemütlich ist. :-) Ich behalte das mal im Hinterkopf.

    Glückwunsch zum 200. Beitrag! :-)

    Gefällt mir

  2. Schwärmerei, wem Schwärmerei gebührt. Ich finde ja, dass das Buch einfach eine unglaubliche Wärme ausstrahlt, trotz der Thematik, trotz der teilweise harten Kost. Bei mir im Freundeskreis gibt es so eine Anekdote, die das vllt. besser beleuchtet, was ich meine: Ich war mit zwei Freundinnen im Kino – Jenseits der Stille – während die beiden recht deprimiert aus dem Kino kamen, empfand ich das nicht so und meinte, ich fand den Film trotzdem heiter. Seitdem werde ich damit aufgezogen. Aber auch dieses Buch hat seine heiteren Seiten und spricht eben Themen an, die wir allzu gerne ausblenden. Herzliche Grüße, Bri

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