[Rezension]: Nino Haratischwilli – Mein sanfter Zwilling

wp-1485460739897.jpgEin Buch wie ein Rausch

„Ich werde dieses Gefühl niemanden erklären können: Ich darf es nicht empfinden angesichts der Geschehnisse, angesichts der Zukunft, meiner Zukunft. Aber es ist so, und langsam nehme sie hin, diese Bewegung, die alles zu überdauern scheint.“

Es gibt sie, diese Bücher, die einem im Leben über den Weg laufen und sofort in den Bann ziehen. Dazu gehört eindeutig Nino Haratischwillis Roman „Der sanfte Zwilling“. Ich hatte es bisher selten, dass mich ein Buch den ganzen Tag in Gedanken verfolgte und ich mich regelrecht darauf gefreut habe, abends das nächste Kapitel aufzuschlagen. Meist las ich das Buch vor dem Schlafen und es bremste mich nur die Müdigkeit aus (und die Bedenken, am nächsten Tag wieder munter sein zu müssen). Was genau diese Faszination ausmacht, kann ich gar nicht konkret beschreiben. War es, Stella bei ihrem Selbstzerstörungstrip zu beobachten? Wie sie ihr eigentlich sicheres und behagliches Leben für einen Menschen wegzuschmeißen droht, der sie meist wie Luft behandelt? Ist es diese relativ normale Leben, welche die Figuren vorgeben zu leben? Sind es die düsteren Vorahnungen, die angedeutet werden und in der Vergangenheit begründet liegen? Oder ist es auch der Schreibstil der Autorin, die es auf faszinierende Weise versteht, diesen Stoff nicht dröge werden zu lassen? Alles zusammen macht diesen Roman zu diesem besonderen Werk, welches einem selten vor die Nase kommt. Es ist in meinen Augen eines der besten Bücher, die ich in den letzten Jahren lesen durfte. Alleine die Sprache ist zum dahinschmelzen. Es hat mich völlig unvorbereitet getroffen, um nicht zu sagen, es hat mich aus den Socken gehauen! Nun bin ich umso gespannter auf den Nachfolger „Das achte Leben“, welcher bereits zum Lesen zurecht gelegt wurde.

Stella führt ein relativ unaufgeregtes Leben, lebt mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn in einer gutsituierten Wohngegend, geht ihrem Job bei einer Zeitung nach, um über kulturelle Events in Hamburg zu berichten und hat auch sonst nichts aufregendes an sich. Ein normales Familienleben, wie man es sich in Bullerbü ausmalt. Doch dann kommt Ivo, der Stiefbruder von Stelle und ihrer Schwester, ganz plötzlich wieder in ihr Leben geschneit, nach Jahren, in denen er nichts von sich hat hören lassen. Und mit seinem Auftreten entblättert sich nach und nach die Vergangenheit von Stella und ihrer gesamten Familie. Diese Vergangenheit droht, Stellas Gegenwart und Zukunft zu demontieren. Sie ist Ivo auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, sie kann es nicht steuern, lässt sich auf ihn ein, obwohl es das Unvernünftigste ist, was sie machen kann, geht wieder und wieder mit ihm fremd, wie unter Fernsteuerung. Ivo jedoch ist nur auf Schmerz aus, wer will Stella und will ihr auch weh tun und all das liegt in einem Punkt in ihrer Vergangenheit begründet, der ihrer beider Leben für immer verändert hat. Doch Ivo ist nicht der eigennützige Macho, der er zu sein vorgibt. Er gibt Stella die Chance, sich ihrer gemeinsamen Vergangenheit zu stellen, wofür sie auch etwas leisten muss. Alles auf die Gefahr hin, ihr bisheriges, idyllisches Familienleben aufzugeben und noch einmal ganz bei null anzufangen, ob mit oder ohne Ivo. Doch es kommt alles anders, als alle denken und vorhatten.

„Vielleicht ist die Nähe kein Schmerz, Ivo, wie ich es immer geglaubt habe. Vielleicht ist sie auch kein Wir, sondern ein Du und ein Ich, Brücken bauend, immer scheiternd, immer weiter versuchend. Vielleicht.“

Für mich persönlich (und sicher für die meisten anderen, die Bücher lesen auch) gibt es zwei essentielle Dinge, die mir den Zugang zu einer Geschichte enorm erleichtern: die Sprache und der Aufbau. Kommt beides in Perfektion miteinander in Berührung, bekommt man solche Bücher geboten, wie „Mein sanfter Zwilling“ von Nino Haratischwilli. In diesen Büchern könnte man ewig schmöckern und möchte, dass sie nie aufhören. Auf diese gelungene Mischung streut die Autorin noch die gewisse Portion Tragik, die den Stoff spannend werden lässt und sie versteht es, diese Tragik so lange im Text hinauszuzögern, dass man gern am Ball bleibt und auch versteht, warum Ivo und Stella während sich so benehmen, wie in der gesamten Handlung. Dieses Buch ist ein Rausch aus Gefühlen, extremen Momenten, der Selbstaufgabe und -findung, eine Leidensgeschichte zweier Menschen, die durch ein tragisches Ereignis plötzlich erwachsen wurden und keinen Zugang dazu gefunden haben, sich diesen Punkt in ihrem Leben verzeihen zu können.

Für mich schon jetzt ein gelungener Start in mein Lesejahr 2017 und auch der perfekte Einstieg in mein Entschleunigungsprojekt.

Weitere Besprechungen findet ihr auf den folgenden Blogs:
We read Indie

Bibliophilin

Klappentexterin

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7 Kommentare zu „[Rezension]: Nino Haratischwilli – Mein sanfter Zwilling

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