[Rezension]: John Boyne – Der Junge im gestreiften Pyjama

9 Gedanken zu “[Rezension]: John Boyne – Der Junge im gestreiften Pyjama”

  1. Vor ein paar Monaten hatte ich einen Literatur-Wahlpflicht-Kurs, in dem wir ein gelesenes Buch vorstellen und seinen pädagogischen Wert darstellen sollten.
    Eine Mitschülerin stellte dieses Buch vor und allein durch ihre Präsentation hatte ich ähnliche, kritische Gedanken wie du.
    Jedoch habe ich gedacht, dass man den Roman vielleicht nicht als realistisch gemeinte Geschichte sehen sollte. Ich kann mir vorstellen, hier geht es nicht um die Handlung, nicht um das, was da passiert. Viel mehr steckt der Roman voller Symbole, ist eine Art Parabel.

    Bruno ist dabei quasi ein Sinnbild für die Naivität und das Augenverschließen der Deutschen, wie es damals geschah. Er lernt Schmuel kennen, der im Lager, im Elend sitzt. Nach den Treffen geht er zurück in seine heile familiäre Welt und isst Sonntagsbraten mit ihnen. Eben so hat es ja statt gefunden. Viele Menschen waren entweder naiv oder sie wussten, was in solchen KZ passierte, verschlossen aber die Augen davor und lebten ihr gemütliches Leben, während viele andere unweit von ihnen leiden mussten.

    Auch die beiden Jungs, die sich am Zaun gegenüber stehen, sind für mich ein sprechendes Bild. Es ist, als sähen sie in einen Spiegel, sie sehen einen Menschen, jemanden wie sich, aus Fleisch und Blut. Mensch ist Mensch. Warum einige Gruppen ausgrenzen, verfolgen und vernichten? Ich glaube, es wurde dort so eine Szene beschrieben, wo sich die beiden gegenüber stehen und näher betrachten, oder?

    Das habe ich jedenfalls alles gedacht, als meine Mitschülerin das Buch präsentierte. Gelesen habe ich es nicht. Würde ich wohl auch nicht, da mich einige Dinge ebenfalls nerven würden.

    Liebe Grüße

    http://lesenundgrossetaten.blogspot.de/

    1. Die Argumentation gefällt mir ausgesprochen gut und sie klingt auch logisch, aber es macht dieses Ende trotzdem nicht besser und eben diese Anhäufung von Klischees, was aber bei so einem Thema besonders schwierig zu umschiffen ist. Danke dir für deinen umfangreichen Komnentar.

      Liebe Grüße
      Marc

  2. Endlich findet das Buch mal jemand schlecht!
    Ich habe es auf Empfehlung gekauft und gelesen und fand es ganz grauenhaft und unglaubwürdig. Der Junge ist Sohn eines KZ-Aufsehers und weiß nicht, wer der Führer ist? Warum weiß er denn nicht, was „Heil Hitler“ bedeutet? Hat der denn nie eine öffentliche Bildungsanstalt besucht?
    Dass er nicht schnallt, was ein KZ ist, kann ja noch sein, aber auch ansonsten stellt dieser Junge sich so unglaublich blöd an, dass ich mich irgendwann gefragt habe, was denn bei ihm kaputt ist.
    Ich hätte es auch gerne gut gefunden, es ist aber klischeebeladen und saublöd und eine Zumutung und eines der Bücher über die ich mich am meisten in meinem Leben geärgert habe. So. Aufregen beendet.

    1. Anfangs bis ca zur Hälfte gefiel es mir sogar halbwegs, aber mich nervte diese Naivität des Jungen zusehends. Irgendwo hatte ich auch ein Interview oder eine Grafik gesehen, wo stand, dass Boyne dieses Buch innerhalb weniger Tage geschrieben hat. Ich finde, dass merkt man dem Buch auch an.

      Ich glaube wir sind zumindest schon zu dritt, da Stefan Mesch das Buch auch nicht mag.

      Gruß
      Marc

      1. Das beruhigt mich, dass ich damit nicht mehr allein auf weiter Flur bin.
        Bei Electric Literature war Ende letzter oder Anfang dieser Woche eine Graphik, wieviel Zeit in verschiedene „Meisterwerke“ investiert wurde. Nach dieser Quelle hat Boyne sich mit diesem Roman 2,5 Tage Zeit gelassen. Das erklärt einiges und entschuldigt nichts.

  3. Moin!
    Ihr seid nicht allein. Ich fand das Buch auch furchtbar. Nicht nur die unglaubwürdige Story, auch der fade Schreibstil war mir ein Graus. Keine Ahnung, wie das so ein großer Erfolg werden konnte inklusive Verfilmung.
    Und als Schullektüre halte ich es sogar für gefährlich. Immerhin wird dort eine heile Welt suggeriert, in der die Kinder der KZ-Häftlinge und Nazis am Zaun im Sand spielen und Freundschaft schließen konnten wie in der Gartenkolonie. Manche Schüler verstehen die Metaphern hinter den Figuren und denken sich vielleicht: »Och, so schlimm war das ja gar nicht«. Im Deutschunterricht zur Stilanalyse vielleicht, aber nicht als historischen Roman. Da gibt’s bessere und wichtigere.
    Beste Grüße vom Bookster aus Rostock!
    p.s.: Schöner Blog! Gerade erst entdeckt.

  4. Ich musste das Buch in der Schule lesen, sogar schon in der 7. Klasse, wenn ich mich richtig erinnere. Mal völlig davon abgesehen, dass ich das eindeutig zu früh fand, weiß ich deshalb nicht mehr allzu viele Details darüber. Ich stimme allerdings zu, dass die Naivität des Protagonisten nicht ganz glaubwürdig war. Er ist schließlich 8, wenn ich mich richtig erinnere, und keine 3 mehr. Da wird die Intelligenz von Kindern eindeutig unterschätzt. Das Ende fand ich auch etwas zu gewollt tragisch, auch wenn ich verstehe, was der Autor damit zeigen wollte.

    1. Also 7.Klasse ist eindeutig zu früh, um das Buch richtig einordnen zu können. Ich hätte es wohl in die Ecke geworfen.
      Die Naivität von Bruno war echt nervig und das Ende wirklich zu gewollt und aufgesetzt. Wenn man sich vor Augen hält, in wieviel Tagen (3, glaube ich) Boyne das Buch geschrieben hat, wundert mich nichts mehr.

      1. Ja, das sehe ich nämlich auch so. Über das Thema wussten wir alle noch kaum etwas und waren dementsprechend verwirrt von der Thematik.
        Oh je, das wusste ich noch gar nicht. Da hätte er sich dann wohl wirklich etwas mehr Zeit nehmen sollen.

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