[Rezension]: John Boyne – Der Junge im gestreiften Pyjama

wp-1487274769557.jpgDer Holocaust aus Kindersicht

Wie muss ein Buch über den Holocaust sein? Darf es ernst sein oder darf man sogar darüber lachen, ähnlich wie in dem Film „Das Leben ist schön“? In etwa in diese Richtung stelle ich mir ein gutes Buch vor. Über „Der Junge im gestreiften Pyjama“ wusste ich im Vorfeld so gut wie nichts, wusste aber, dass es sich um den Holocaust dreht, aber nicht wie. Auf den ersten Seiten wird es einem klar, dass alles aus der Sicht eines Jungen geschildert wird, der, weil sein Vater zum Kommandanden für das Lager in Auschwitz befördert wird, mit seiner Familie aus Berlin in das Lager ziehen muss. So richtig einordnen kann ich diese Geschichte immer noch nicht. Ich weiß nicht ob ich es gut finden soll, da es aus der Sicht eines Jungen geschrieben ist und somit dem Geschehen eine naive Note verleiht, oder schlecht, weil das Ende so unsagbar bescheuert geschrieben ist, dass es schmerzt. Ich warne an dieser Stelle auch gleich vor, dass ich das Ende in dieser Besprechung verraten MUSS, denn es beeinflusst meine persönliche Bewertung des Buches enorm.

Bruno lebt mit seiner Familie während der Zeit des Nationalsozialismus in Berlin. Der Krieg ist im vollen Gange und die Familie muss in dieser Zeit umziehen. Der Vater von Bruno wird nach Auschwitz versetzt und übernimmt das Kommando über dieses Lager. Bruno wird aus seiner gewohnten Umgebung heraus gerissen und muss sich mit der Tristesse, die sich ihm nun bietet, umgehen lernen. Zum einen hat er keine Freunde mehr zum spielen, sondern nur noch seine Schwester, und auch der Umgang mit allen Bediensteten im Haus ist sehr schroff, was Bruno nicht versteht. Ebenso wenig versteht er nicht, warum er nicht in die Nähe des Zaunes gehen darf, wo doch so viele Menschen dahinter zu leben scheinen. Eines Tages bricht der Forscherdrang in Bruno aus und er macht sich, ohne das seine Familie davon weiß, auf den Weg und erkundet den Zaun. Dort trifft er eines Tages auf den Jungen Schmuel, der auf der anderen Seite des Zaunes lebt und ein völlig anderes Leben beschreibt, als es Bruno gewohnt ist. Doch das, was Schmuel beschreibt dringt nicht in das Bewusstsein von Bruno und doch entsteht eine Art Freundschaft zwischen den beiden. Letzenendes mündet es darin, dass Bruno bei der Suche nach einem Verwandten von Schmuel helfen will und sich, um im Lager nicht aufzufallen, die einförmige Kleidung anzieht, die auch Schmuel trägt. Als beide im Lager ankommen, wird, wie es öfter vorkommt, eine Gruppe willkürlich zusammengetrieben, um in der Gaskammer umgebracht zu werden. Unter ihnen befinden sich auch Bruno und Schmuel, die es beide nicht überleben.
Zäumen wir das Pferd mal von hinten auf. Das Ende bereitet mir Kopfzerbrechen und lässt einen faden Beigeschmack zurück. Irgendwie wirkt es mir zu aufgesetzt und zu gewollt tragisch. Einerseits. Andererseits ist es einfach nur dumm, denn ich kaufe die Naivität Brunos nur bis zur Hälfte des Buches ab. Er lebt eine ganze Weile in Auschwitz und sieht und hört, wie alle miteinander umgehen und wie mit den Bediensteten umgegangen wird. Irgendwann fand ich Brunos Art und Weise, auch Schmuel gegenüber mehr als unrealistisch – kleiner Junge und behütet aufgewachsen hin oder her. Irgendwie stellt mich das Ende deshalb nicht zufrieden. Ja es ist traurig und bewegend, um nicht als gefühlskalt dargestellt zu werden, aber es ist zu berechnend und mit Kalkül geschrieben.
Wenden wir uns dem Beginn zu. Dadurch, dass ich von dem Buch so gut wie nichts wusste und auch nicht ahnen konnte, wer der Junge im gestreiften Pyjama ist, zog ich meine Spannung am Anfang daraus, ob Bruno der besagte Junge ist.Als es sich herausstellte, dass Bruno auf der anderen Seite des damaligen Gesetzes steht und wegen der Anstellung von seinem Vater nach Auschwitz kommt, empfand ich die Sichtweise des Jungen auf das Lager als „erfrischend“ anders, eben durch die Naivität. Doch irgendwann ging mir genau diese Naivität auf die Nerven, spätestens als Bruno Schmuel kennen lernt, welcher de titelgebende Junge im gestreiften Pyjama ist und auf der anderen Seite des Zauns sein Dasein fristen muss. Durch die ungleiche Freundschaft der beiden lernt Bruno allerlei Geschichten aus dem Lager kennen. Spätestens als Schmuel im Haus von Bruno zugegen ist und von Bruno etwas zu essen bekommt und Schmuel genau deswegen Ärger bekommt, war bei mit der Geduldsfaden gerissen und ich ärgerte mich nur noch über das Buch.

wp-1487274776590.jpgTraue nie einem Iren, der meint, etwas über den Holocaust schreiben zu müssen So ungefähr war mein erster Gedanke, als ich das Buch nach dem letzten Satz zuklappte. Irgendwie ist alles, was da geschrieben steht eine riesengroße Ansammlung aus Klischees, die der Autor irgendwann mal aufgeschnappt hat. Ich wollte das Buch gut finden und bis zur Hälfte war es das im gewissen Sinne auch, aber ich hätte mir andere Konsequenzen für Bruno und auch seine Familie gewünscht, dass sie daraus lernen und etwas für die Zukunft mitnehmen können. So jedoch ist es in meinen Augen unbefriedigend abgeschlossen. Das die Meinung des Feuilleton dabei natürlich in eine völlig andere Richtung geht, könnt ihr am Foto sehen. Als Schullektüre wird es wohl mittlerweile auch behandelt (jedenfalls ist ein Link im Buch enthalten, bei dem auf eine Schulausgabe verwiesen wird). Hierbei würde ich anfügen, dass man die ersten zwei Drittel wirklich in der Schule behandeln kann, dass klischeebeladene Ende jedoch kritisch im Blick haben sollte.

11 Kommentare zu „[Rezension]: John Boyne – Der Junge im gestreiften Pyjama

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  1. Ich musste das Buch in der Schule lesen, sogar schon in der 7. Klasse, wenn ich mich richtig erinnere. Mal völlig davon abgesehen, dass ich das eindeutig zu früh fand, weiß ich deshalb nicht mehr allzu viele Details darüber. Ich stimme allerdings zu, dass die Naivität des Protagonisten nicht ganz glaubwürdig war. Er ist schließlich 8, wenn ich mich richtig erinnere, und keine 3 mehr. Da wird die Intelligenz von Kindern eindeutig unterschätzt. Das Ende fand ich auch etwas zu gewollt tragisch, auch wenn ich verstehe, was der Autor damit zeigen wollte.

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    1. Also 7.Klasse ist eindeutig zu früh, um das Buch richtig einordnen zu können. Ich hätte es wohl in die Ecke geworfen.
      Die Naivität von Bruno war echt nervig und das Ende wirklich zu gewollt und aufgesetzt. Wenn man sich vor Augen hält, in wieviel Tagen (3, glaube ich) Boyne das Buch geschrieben hat, wundert mich nichts mehr.

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      1. Ja, das sehe ich nämlich auch so. Über das Thema wussten wir alle noch kaum etwas und waren dementsprechend verwirrt von der Thematik.
        Oh je, das wusste ich noch gar nicht. Da hätte er sich dann wohl wirklich etwas mehr Zeit nehmen sollen.

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  2. Moin!
    Ihr seid nicht allein. Ich fand das Buch auch furchtbar. Nicht nur die unglaubwürdige Story, auch der fade Schreibstil war mir ein Graus. Keine Ahnung, wie das so ein großer Erfolg werden konnte inklusive Verfilmung.
    Und als Schullektüre halte ich es sogar für gefährlich. Immerhin wird dort eine heile Welt suggeriert, in der die Kinder der KZ-Häftlinge und Nazis am Zaun im Sand spielen und Freundschaft schließen konnten wie in der Gartenkolonie. Manche Schüler verstehen die Metaphern hinter den Figuren und denken sich vielleicht: »Och, so schlimm war das ja gar nicht«. Im Deutschunterricht zur Stilanalyse vielleicht, aber nicht als historischen Roman. Da gibt’s bessere und wichtigere.
    Beste Grüße vom Bookster aus Rostock!
    p.s.: Schöner Blog! Gerade erst entdeckt.

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  3. Endlich findet das Buch mal jemand schlecht!
    Ich habe es auf Empfehlung gekauft und gelesen und fand es ganz grauenhaft und unglaubwürdig. Der Junge ist Sohn eines KZ-Aufsehers und weiß nicht, wer der Führer ist? Warum weiß er denn nicht, was „Heil Hitler“ bedeutet? Hat der denn nie eine öffentliche Bildungsanstalt besucht?
    Dass er nicht schnallt, was ein KZ ist, kann ja noch sein, aber auch ansonsten stellt dieser Junge sich so unglaublich blöd an, dass ich mich irgendwann gefragt habe, was denn bei ihm kaputt ist.
    Ich hätte es auch gerne gut gefunden, es ist aber klischeebeladen und saublöd und eine Zumutung und eines der Bücher über die ich mich am meisten in meinem Leben geärgert habe. So. Aufregen beendet.

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    1. Anfangs bis ca zur Hälfte gefiel es mir sogar halbwegs, aber mich nervte diese Naivität des Jungen zusehends. Irgendwo hatte ich auch ein Interview oder eine Grafik gesehen, wo stand, dass Boyne dieses Buch innerhalb weniger Tage geschrieben hat. Ich finde, dass merkt man dem Buch auch an.

      Ich glaube wir sind zumindest schon zu dritt, da Stefan Mesch das Buch auch nicht mag.

      Gruß
      Marc

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      1. Das beruhigt mich, dass ich damit nicht mehr allein auf weiter Flur bin.
        Bei Electric Literature war Ende letzter oder Anfang dieser Woche eine Graphik, wieviel Zeit in verschiedene „Meisterwerke“ investiert wurde. Nach dieser Quelle hat Boyne sich mit diesem Roman 2,5 Tage Zeit gelassen. Das erklärt einiges und entschuldigt nichts.

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  4. Vor ein paar Monaten hatte ich einen Literatur-Wahlpflicht-Kurs, in dem wir ein gelesenes Buch vorstellen und seinen pädagogischen Wert darstellen sollten.
    Eine Mitschülerin stellte dieses Buch vor und allein durch ihre Präsentation hatte ich ähnliche, kritische Gedanken wie du.
    Jedoch habe ich gedacht, dass man den Roman vielleicht nicht als realistisch gemeinte Geschichte sehen sollte. Ich kann mir vorstellen, hier geht es nicht um die Handlung, nicht um das, was da passiert. Viel mehr steckt der Roman voller Symbole, ist eine Art Parabel.

    Bruno ist dabei quasi ein Sinnbild für die Naivität und das Augenverschließen der Deutschen, wie es damals geschah. Er lernt Schmuel kennen, der im Lager, im Elend sitzt. Nach den Treffen geht er zurück in seine heile familiäre Welt und isst Sonntagsbraten mit ihnen. Eben so hat es ja statt gefunden. Viele Menschen waren entweder naiv oder sie wussten, was in solchen KZ passierte, verschlossen aber die Augen davor und lebten ihr gemütliches Leben, während viele andere unweit von ihnen leiden mussten.

    Auch die beiden Jungs, die sich am Zaun gegenüber stehen, sind für mich ein sprechendes Bild. Es ist, als sähen sie in einen Spiegel, sie sehen einen Menschen, jemanden wie sich, aus Fleisch und Blut. Mensch ist Mensch. Warum einige Gruppen ausgrenzen, verfolgen und vernichten? Ich glaube, es wurde dort so eine Szene beschrieben, wo sich die beiden gegenüber stehen und näher betrachten, oder?

    Das habe ich jedenfalls alles gedacht, als meine Mitschülerin das Buch präsentierte. Gelesen habe ich es nicht. Würde ich wohl auch nicht, da mich einige Dinge ebenfalls nerven würden.

    Liebe Grüße

    http://lesenundgrossetaten.blogspot.de/

    Gefällt 1 Person

    1. Die Argumentation gefällt mir ausgesprochen gut und sie klingt auch logisch, aber es macht dieses Ende trotzdem nicht besser und eben diese Anhäufung von Klischees, was aber bei so einem Thema besonders schwierig zu umschiffen ist. Danke dir für deinen umfangreichen Komnentar.

      Liebe Grüße
      Marc

      Gefällt mir

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