[Rezension]: Bjarte Breitig – Meine fünf Jahre als Vater 

Falsche Erwartungshaltung, kompliziertes Thema

Wenn es in einem Buch um Kindesmisshandlung geht oder ich merke, es geht in diese Richtung, stellen sich mir sofort die Nackenhaare auf. Als Vater von zwei Kindern ist mir dieses Thema so zuwider, dass ich eigentlich nichts darüber lesen will, da es mir entweder die Tränen in die Augen treibt oder die Zornesröte ins Gesicht. Ich war auch kurz davor, dieses Buch abzubrechen, als das Verbrechen auch nur angedeutet wird und sich meine Erwartungen zerschlugen, eine komplizierte Familiengeschichte zu lesen. Erschwerend kommt hinzu, dass das Buch komplett aus der Sicht des Täters geschrieben ist. Will man wirklich so etwas lesen? Man muss und irgendwas hat mich dann auch an diesem Buch fasziniert. Auf der einen Seite war es die nüchterne, poetische Sprache des Autors, die wunderbar im deutschen funktioniert hat und auf der anderen Seite wollte ich auch wissen, wie es soweit kommen kann, dass solche Taten passieren, und warum niemand etwas mitbekommt und alle danach nur noch schockiert sind. Soviel sei an dieser Stelle verraten, allzu einfach ist die Beantwortung solcher Fragen nicht.

Martin lebt mit seiner Frau Gina in sehr guten Verhältnissen. Seine Frau verdient gut, er versucht sich mit dem Schreiben, was meist schlecht läuft, und die Kinder wachsen wohlbehütet auf. Sie bereiten gerade das Abendbrot zu und wollen essen, als es an der Tür klingelt und die Polizei vor der Tür steht. Sie konfrontieren Martin nicht direkt mit Anschuldigungen, sie fragen ihn eher aus, ob er eine Lillian kennt und ihre Tochter Selma und ob er zu einer bestimmten Zeit bei diesen beiden zu Hause war. Schon an dieser Stelle kommen Verdachtsmomente hoch, um was es gehen könnte. Das wird auch auf den folgenden Seiten klar, als Martin sich unter dem Vorwand zu seiner dementen Mutter zu fahren, bei  vorbei fährt, um sie und Selma ein letztes Mal zu sehen. Bei diesem Besuch erzählt Lillian von ihrem nächtlichen Arztbesuch mit Selma, da diese Bauchschmerzen hatte. Beim Arzt stellte sich dann heraus, dass das Geschlecht des Kindes gerötet ist und entzündet. Genau an dieser Stelle wollte ich schon aufhören, aber genau ab da fängt die Geschichte eigentlich erst an, denn ab diesem Zeitpunkt wird die Vergangenheit beleuchtet. Wie die Verhältnisse zwischen Gina, Lillian und Martin sind und wie diese zueinander stehen.

Ein Buch, bei dem es um Kindesmisshandlung geht? Braucht es das wirklich? Man möchte meinen, dass es nicht nötig ist, so etwas als Roman zu schreiben, geschweige denn so etwas zu lesen. Doch ist es nicht genau das, was Literatur kann und auch darf? Auf Probleme und Dinge aufmerksam machen, bei denen man normalerweise am liebsten wegschauen würde? Genau das macht dieses Buch. Es legt genau den Finger dahin, wo es wehtut. Es schmerzt, so etwas zu lesen und macht einen fertig. Doch letztendlich stellte ich nach den ersten 50 Seiten meine Befindlichkeiten hinten an und bekam ein sprachlich poetisches Buch geboten, welches die Vergangenheit des Kinderschänders beleuchtet. Welches aufzeigt, wie der Täter beziehungstechnisch nicht abschließen beziehungsweise sich nicht entscheiden kann. Wie er, der sich selber als weibisch und sanft charakterisiert, bei jeder kleinsten emotionalen Aufregung zu weinen beginnt. Und wie wirkt sich das alles auf die Tat aus? Erschreckenderweise gar nicht und das ist genau das Problem. Es gibt sicher nicht den einen Täter und den erkennt man auch nicht auf einen Kilometer Entfernung. Doch genau bei solchen Menschen wie Martin ist es besonders schwierig, daraus ein Profil entstehen zu lassen und wie es soweit kommen konnte. Um es lapidar zu sagen – es passiert einfach und das ist das Schlimme an dieser Situation. Keine belastende Vorgeschichte, in etwa wie, dass Martin selbst als Kind misshandelt wurde oder so etwas ähnliches. Über die gesamte Geschichte hinweg versucht man, bei Martin Dinge in seinem Tun und Denken zu finden, die ihn für die späteren sexuellen Übergriffe prädestinieren. Doch es ist nichts zu finden. Der Mann hat zwar Schwächen, was jedoch auch viele bei sich finden. Als er mit dem Schreiben beginnt, spürt er eine dunkle Seite in sich, die er damit erweckt, was als einziges Zeichen gedeutet werden kann, dass etwas nicht stimmt mit ihm. Diese dunkle Seite wird jedoch nicht weiter erforscht beziehungsweise deren Entstehung tiefer ergründet. Sie ist einfach in ihm und das macht es so schwer, das Verbrechen zu begreifen. Man ist ja bei solchen Taten immer gleich vorne mit dabei, dass solche Menschen ein Leben lang weggesperrt gehören und auch finde ich, dass es bei manchen wirklich besser ist. Doch bei solchen Menschen wie Martin, so viel Hass man auch für ihn empfinden mag, liegt die Sache irgendwie anders. Mitleid bekommt er von mir definitiv nicht und ich möchte auch nicht verklären, was er getan hat, aber er hat auf eine gewisse Art eine zweite Chance verdient, wie sie am Ende des Buches angedeutet wird. Er reflektiert sein Tun nun stärker als in seinem früheren Leben. Er weiß, was er angerichtet hat und das er das Leben der Menschen, die er einstmals geliebt hat, wahrscheinlich versaut hat. Aber auch sein Leben ist verpfuscht, da er als Kinderschänder gebrandmarkt ist. Er muss lernen, damit umzugehen und wie er es seinen eigenen Kindern irgendwann erklärt, wenn sie alt genug sind, um es aufnehmen zu können. Verstehen kann man es sowieso nicht.

Auf das Buch bin ich eher zufällig gestoßen, als ich im letzten Jahr für den Debütpreis auch „Weißblende“ gelesen hatte und mir dabei der Luftschachtverlag ins Auge gefallen ist, durch gut gemachte Bücher und sperrige Bücher. Bei meiner Recherche durch das Programm von diesem Verlag bin ich auf „Meine fünf Jahre als Vater“ aufmerksam geworden. Zurückhaltende Gestaltung und auch zurückhaltende Information weckten das Interesse an diesem Buch und sobald es um düstere Gedanken geht, wie einem bei der Buchpräsentation auf Verlagsseite das Buch schmackhaft gemacht wird, bin ich sofort Feuer und Flamme. Was mich dann am Anfang und am Ende erwartete war das soeben angesprochene Wutgefühl und die Bereitschaft, das Buch sofort beiseitelegen zu wollen. Zum Glück besann ich mich eines besseren und bekam eine persönliche Geschichte eines Täters geliefert, dessen Entwicklung nicht darauf hindeutet. In einer sanften Sprache beschreibt Breitig, was Martin eigentlich nicht ist – ein Monster. Eher wird er wie ein Mensch beschrieben, der alles sein kann. Das macht die sexuellen Übergriffe umso erschreckender und lässt einen schockierter zurück. In meinen Augen ein Buch, welches aufrüttelt und aufwühlt. Bei mir hat es gewirkt. Man muss sich nur gewiss sein, was einen erwartet und sich darauf einlassen können. Wegschauen nicht möglich.

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2 Kommentare zu „[Rezension]: Bjarte Breitig – Meine fünf Jahre als Vater 

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