[Rezension]: David Wagner – Leben

wp-1487674091095.jpgÜber den Tod das Leben erfahren

Der Erzähler, mutmaßlich ist es David Wagner selbst, isst einen Apfelmuß, obwohl er gar keinen Apfelmuß mag. Er isst ihn und spürt ein komisches krabbeln im Hals und kurz darauf muss er sich übergeben. Er spuckt in großen Mengen Blut in die Badewanne. Sofort springen alle Alarmglocken an – eine gastrointestinale Blutung, so jedenfalls die Diagnose im Krankenhaus. Aufgrund seiner kaputten Leber, die er schon von Kindesbeinen in sich trägt, haben sich im Hals Krampfadern gebildet, die nun geplatzt sind und sein Leben bedrohen. Eine Odysee durch die Krankenhäuser Berlins beginnt und das erneute Warten auf ein passendes Spenderorgan, welches sein Leben verlängern könnte. So beginnt David Wagners autobiographischer Tatsachenbericht? Roman? Eine Mischung aus beidem, denn vieles aus seiner eigenen Erfahrung wird darin eingeflossen sein und vermengt sich mit vielen fiktionalen Geschichten über Patienten, Ärzte, angehende Ärzte und dem Menschen, dem er seine Spenderleber verdankt.

Ein Leben vor und nach der Transplantation

Der Erzähler hat seit Kindesbeinen eine kaputte Leber, sie arbeitet nicht richtig für ihn, eher gegen ihn. Er lebt mit Medikamenten, mit dieser kaputten Leber und doch weiß er, dass er über kurz oder lang auf ein Spenderorgan angewiesen ist, welches sein Leben verlängern kann. Er wird es annehmen müssen, auch wenn er große Angst davor hat, doch auch der Tod ist eine Hürde, die es erst einmal zu meistern gilt. Die anfangs geschilderte Szene nimmt ihm die Entscheidung ab, denn mit der Blutung im Hals es ist für ihn fünf vor zwölf. Doch er ist, nachdem er einmal schlaftrunken einem Spenderorgan entsagte, wieder auf die Warteliste angewiesen und das ein für ihn passendes Spenderorgan bereit steht. Bis dahin müssen die Blutungen im Hals immer wieder kontrolliert werden und er im Krankenhaus vorstellig werden. Eine erste Odysee beginnt, in dem er zum ersten Mal zum Schauobjekt wird und er sich Gedanken darüber macht, was wäre, wenn er nicht mehr da ist. Dann endlich kommt der Anruf, der ihm das Leben verlängert, der es verändern wird und in seinen Körper eingreift. Ein für ihn passendes Spenderorgan ist vorhanden, es muss sofort operiert werden. Danach ist er nicht mehr derselbe Mensch. Er muss eine Weile zur Kontrolle im Krankenhaus verbleiben, hat Halluzinationen von längst verstorbenen Menschen und auch von der vermeintlichen Spenderin (er denkt, die Leber kommt von einer Frau) hat er Fantasien und glaubt, dass das Organ in seine Psyche eingreift.

„Die Absurdiät der Situation war mir bewußt: Wann, dachte ich, kann ein Mensch sich schon mit einer Unterschrift für ein mögliches Weiterleben entscheiden? Ein paarmal mußte ich Miet- und Kaufverträge unterschreiben, ich bin bereits öfter bei einem Notar gewesen, nun jedoch, dachte ich, ging es um mehr. Mit meiner Unterschrift konnte ich mir eventuell Lebensjahre kaufen, ohne zu wissen, ob und wieviel und in welcher Währung ich wann für die Verlängerung bezahlen müßte.“ (Seite 89)

wp-1487674086294.jpgWenn man über das Leben schreiben und nachdenken will, muss es auch unweigerlich um den Tod gehen. Dieser gehört zum Leben dazu, wie die Luft und das Wasser, welches man zum unbedingten Überleben benötigt. David Wagner hat mit seinem Tatsachenroman (ich will es jetzt mal so nennen, denn er schreibt zwar Fiktion, die aber auf seinen eigenen Erfahrungen basieren) ein Zeugnis für das Leben und für den Tod abgelegt. Viele Male steht er vor der Schwelle des Todes, denkt, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, sich aus dem Fenster zu stürzen, was anscheinend normale Nebenwirkung einer Organtransplantation sein sollen. Auch über schon Gestorbene schreibt er ausführlicher, gibt den Toten ein Gesicht und schreibt Geschichten über sie, manchmal denkt er, sie sind noch lebendig, besuchen ihn sogar in seinen Träumen. Einer bestimmten Frau will er sogar einen Brief schreiben, obwohl er weiß, dass sie längst tot ist.
Die Figur, die als Erzähler fungiert und maßgeblich David Wagners Leben als teilweise Fiktion wiedergibt, steht an der Schwelle zum Tod und zum Leben. Viele Male geben sich beide Zustände die Klinke in die Hand. Es ist rührend zu beobachten, wie er sich Gedanken darüber macht, was nach ihm bleibt und wie er in die Vergangenheit zu längst vergessenen Liebschaften zurückblickt. Dieses Buch ist eine Ode an das Leben, ein Quell der Freude, die aus den Seiten heraus sprudelt. Man merkt David Wagner die Erleichterung an, die er beim Schreiben empfunden haben muss, da er wusste, dass sein eigenes Leben weitergeht, dass ihm eine Zukunft geschenkt wurde, wo eigentlich gar keine mehr existierte. Das merkt man dem Text in diesem Buch auf jeder Seite an. Locker leicht stromert man als Leser durch das Buch, kann die Gefühle vom Erzähler nachempfinden, lacht über seine absurden Gedanken oder die schlagfertigen Dinge, die er von sich gibt, nimmt die Schmerzen mit ihm zusammen auf, denn heißt es nicht, dass geteiltes Leid, halbes Leid sei? Aufgeteilt in zwei große Abschnitte, direkt vor und direkt nach der Lebertransplantation, werden wir Zeuge, wie ein Mensch mit dieser einen speziellen Situation umgehen muss. Wie er sein Leben, dass er nach seiner kaputten Leber ausgerichtet hat, nun neu justieren muss und dabei ab und zu in die absurdesten Gedankenwelten abtaucht und das alles eigentlich gar nicht will und dann wieder doch und wieder nicht. Krankenhausroutine versus Lagerkoller. All das beschreibt David Wagner mit der schon angesprochenen lockeren Art, dass einem während des Lesens nicht schwer ums Herz wird, da man ja weiß, wie diese Geschichte ausgehen wird.

„Es gibt Leberwurst zum Abendbrot. Ein rundes Metalldöschen mit Foliendeckel liegt auf dem Tablett, ausgerechnet Leberwurst, Leberwurst habe ich als Kind schon nicht gemocht, angewidert schiebe ich die Packung zur Seite. Fünf oder sechs Tage nach einer Lebertransplantation, ist da Leberwurst nicht ein wenig rücksichtslos?“ (Seite 146)

Es traurigfröhliches Buch, welches ich gerne gelesen habe und das eigentlich erst durch die Auszeichnung für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse auf meinen Schirm geraten ist. Als die Büchergilde seine Ausgabe zu diesem Buch herausgab, war ich sofort dabei und kaufte dieses Buch, dessen Cover treffender nicht sein könnte. Denn der Adler, der nach und nach die Leber vom am Fels gefesselten Prometheus verspeist, ist ein passendes Bild für die kaputte Leber von David Wagner. Dieses Buch wird in meinen Bücherschrank seinen Platz bekommen, damit ich immer wieder darin schmökern und mir ein paar Weisheiten über das Leben abholen und ein paar absurde Todesnachrichten durchlesen kann.

Weitere Besprechungen (Gedanken) zu diesem Buch sind erschienen bei:
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Schöne Seiten

Buzzaldrins

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4 Kommentare zu „[Rezension]: David Wagner – Leben

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