[Rezension]: Jérôme Ferrari – Das Prinzip

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Das Prinzip – Cover

Die Atome, die den Tod bringen und ihre Erforschung zu Zeiten des Krieges

„Keine Permanenz. Keine Kontinuität. Keine einzige Bahn – eine Armee jedoch blutleerer Schreckgespenster, die mit unbestimmbare Geschwindigkeit die Wilson-Kammer durchzogen, schemenhaft leibhaftig werdend, um in den Nebel hinein den Abdruck ihrer vagen Konturen zu prägen.
Und dies eben ist das Prinzip.“ (Seite 32)

Werner Heisenberg ist denjenigen, die etwas mit Physik und der Quantenmechanik etwas anfangen können, bestimmt ein Begriff und sie bekommen vielleicht sogar leuchtende Augen. Dem modernen TV- Nomaden, die vielleicht Breaking Bad verfolgt haben (waren da auch Physiknerds darunter?), werden wohl eher den methkochenden Chemielehrer im Sinn haben, wenn sie den Namen Heisenberg vernehmen. Ersterer wird im Buch „Das Prinzip“ in den Mittelpunkt gestellt. Seine Forschungen zur Atombombe und seine berühmte Unschärferelation sind der Anlass für Jerome Ferrari gewesen, diese in einen Roman zu verfestigen. Der Erzähler des Romans scheitert krachend während seines Studiums an der Unschärferelation und der Prüfung dazu. Anhand des Lebens von Heisenberg, welches in diesem Büchlein skizzenhaft dargestellt ist, arbeitet sich der Erzähler an diesem Debakel ab und versucht Vergangenes mit Gegenwärtigem zu verbinden. Er vermischt dabei persönliche Erfahrungen, die im Zusammenhang mit Werner Heisenberg stehen, und historische Fakten, die Heisenbergs Leben und Schaffen betrafen und welches im engen Zusammenhang mit dem Aufstieg, der Festigung und dem Fall des Nationalsozioalismus steht. Dabei ergibt sich in diesem Buch ein wunderbarer, vom Erzähler persönlich eingefärbter historischer Rückblick auf Heisenbergs Schaffen und sein berühmt gewordenes Prinzip, welches so einfach klingt, aber eine komplexe Natur in sich versteckt.

Wenn man sich auf das Gebiet der Quantenmechanik verirren sollte, dann wird einem über kurz oder lang auch die Unschärferelation oder auch das Unschärfeprinzip über den Weg laufen, das Werner Heisenberg ersonnen hat. Lapidar hingeschrieben besagt es, dass von einem (Quanten)- Teilchen niemals der Ort und die Geschwindigkeit gleichzeitig erfasst werden können. Andersherum betrachtet heißt es, dass man bei der Messung zum Beispiel des Ortes niemals die Geschwindigkeit erfassen kann und umgekehrt. Dieses Prinzip hat Heisenberg bis in den heutigen Tag überleben und berühmt werden lassen. Doch wie war er zu Lebtagen? Warum ist er damals, als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen, in diesem Land geblieben und hat sogar die Forschungen an der Atombombe mit betrieben? Wie erging es ihm und seinen deutschen Kollegen nach dem Krieg? Was unternahmen die Alliierten, um an sein Wissen zu gelangen und waren sie überhaupt noch interessiert daran? Diesen Fragen und einigen mehr geht Ferrari in „Das Prinzip“ nach und zeichnet skizzenhaft das Leben und Schaffen Heisenbergs nach und knüpft es an sein eigenes. Er erschafft damit ein scharfen Blick auf einen Mann, der ganz im Sinne der Wissenschaft zu handeln glaubte, nur um sich dann doch vor den Karren der Politik jener Zeit spannen zu lassen.

„Das Wissen, das sie verehrten, hat dazu gedient, eine derart mächtige Waffe zu entwickeln, dass diese keine Waffe mehr ist, sondern eine heilige Figur der Apokalypse.

Sie waren alle ihre Orakel und Sklaven.“ (Seite 102)

Jérôme Ferrari ist mir bis zu diesem Buch kein Begriff gewesen und wenn das Gewinnspiel vor knapp zwei Jahren bei Tobias Lindemann nicht gewesen wäre, dann wäre es wahrscheinlich auch dabei geblieben (seine Besprechung zu dem Buch findet ihr hier: klick). Welch ein Verlust hätte ich dann zu beklagen, denn Ferrari schreibt sanft und ruhig. Schemenhaft und nur wenige Stationen anschneidend schreibt er über das Leben und Wirken des Wissenschaftlers Heisenberg, der unter den politischen Bedingungen seiner Zeit zu leiden hatte und dadurch nie den Ruhm einheimsen konnte, den er eigentlich verdient gehabt hätte. Er hat sich einfach nur für die falsche Seite entschieden und wurde dafür bestraft. Verachtung diesseits und jenseits des Atlantiks wurde ihm von seinen Wissenschaftskollegen zuteil. Auch nach dem Krieg, als man eigentlich gemeinsame Ziele hätte verfolgen können, wurde er geschnitten und misstrauisch beäugt. Schließlich war er im Atomwaffenprogramm der Nationalsozialisten beteiligt. Gerade dieser Part wird etwas ausführlicher von Ferrari beleuchtet. Wie sich Heisenberg versucht herauszuwinden aus dieser Geschichte indem er versucht die Grundlagenforschung für die Bombe in immer kleinere Details zu treiben. Nach innen will er dieses Monster nicht erschaffen, nach außen hin wirkt es aber so, als ob er emsig damit beschäftigt ist, genau dieses von der Leine lassen zu wollen. Letztendlich hat uns die Geschichte bewiesen, das es anders kam und egal wie man es dreht, die Atomwaffen haben unendlich viel Leid über die Menschheit gebracht. So löblich die Forschung für zivile Zwecke auch gewesen sein mag.

Dieses Buch gibt einen wunderbaren Einblick in einzelne Abschnitte des Lebens von Heisenberg. Luftig locker geschrieben, nie langweilig, aber man sollte ein wenig mit der Politik und den damaligen Zusammenhängen in der Forschung zur Atombombe vertraut sein, dann lässt sich dieses schmale Büchlein schnell lesen. Darüber zu schreiben war dagegen nicht so einfach. Es soll aber auf jeden Fall nicht das letzte Buch von Ferrari sein, welches ich in der Hand gehalten und gelesen habe.

3 Kommentare zu „[Rezension]: Jérôme Ferrari – Das Prinzip

Gib deinen ab

  1. Lieber Marc, freut mich sehr, dass Du den Ferrari hier besprichst. Die anderen Romane (besonders die „Korsika-Trilogie“) lege ich Dir ebenfalls ans Herz. Ich fand sie sogar noch besser als „Das Prinzip“. Liebe Grüße, Tobias

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    1. Merke ich mir auf jeden Fall mal vor.

      P.S. Weist du, was aus unserem Interview geworden ist, welches wir im Anchluss an die Verlosung geführt hatten?

      Liebe Grüße
      Marc

      Liken

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