[Projekt Dark Tower]: “The Gunslinger“ Oder: Es ist kompliziert. Ein Gastbeitrag von Phantasienreisen.

The Gunslinger_Scribner
Für das Projekt Dark Tower hatte ich aufgerufen, eigene Beiträge zu schreiben, die ich dann als Gastbeitrag auf dem Blog veröffentliche. Den Anfang macht Kathrin, die den wunderbaren Blog 
Phantasienreisen betreibt und dort eine schöne Mischung gefunden hat, um Klassiker und zeitgenössische Literatur vorzustellen. Sie konnte ich überzeugen, die Turmreihe das erste Mal überhaupt zu lesen. Die Eindrücke zum ersten Buch “The Gunslinger“ aka “Schwarz“ stellt sie euch nun in diesem ersten Gastbeitrag vor, dem hoffentlich noch ein paar folgen werden. Um es zusammenzufassen, es ist kompliziert gewesen, aber auch faszinierend.

Wie soll man über ein Buch schreiben, das sich nur schwer in Worte fassen lässt? Stephen Kings Auftakt der Dark-Tower-Reihe war für mich ein Leseerlebnis der außergewöhnlichen Art und ich finde für dieses Buch keine treffendere Beschreibung als „anders“ oder „speziell“. King vermischt in „The Gunslinger“ diverse Genres auf so verrückte und gelungene Weise, wie ich es bislang selten (oder vielleicht auch nie?) zuvor gesehen habe. Während wir dem Revolvermann („Gunslinger“) Roland durch die karge Wüste und das an US-Western erinnernde Städtchen Tull begleiten, auf der Jagd nach dem Mann in Schwarz, begegnen wir einem Jungen aus dem New York des späten 20. Jahrhunderts, langsamen Mutanten, einem sonderbaren Orakel sowie diversen fantastischen Kräften und kontemporären Gegenständen. Die Gegensätze dieser einzelnen Elemente könnten unterschiedlicher kaum sein und doch ergibt alles ein stimmiges, wenngleich ungewöhnliches Gesamtbild.

„[…] new knowledge leads always to yet more awesome mysteries.“

 

Je mehr ich mit Roland und seiner Welt vertraut wurde, desto mehr Fragen tauchten für mich auf und immer wieder saß ich mit einem verwirrten oder überraschten „Was zur Hölle?“ vor dem Buch. Das war irritierend, manchmal auch ein wenig störend, weil ich Stellen neu las und regelmäßig das Dark Tower Wiki aufrief, um sicher zu gehen, dass ich alles richtig verstanden bzw. gedeutet habe und mir nichts entgangen ist. Gleichzeitig zog mich die Lektüre dadurch aber in ihren Bann – die Neugier wurde entfacht und durch ständig neue, ungeahnte Wendungen und Informationen kontinuierlich auf hohem Level gehalten.

In gewohnter King-Manier kommt „The Gunslinger“ stellenweise ausgesprochen heftig und brutal daher, hält diverse Anspielungen und Verflechtungen zu weiteren King-Werken bereit und überzeugt durch eine gewaltige Atmosphäre: Das Karge, Düstere und Rohe dieser Welt, die Trockenheit der Wüste, das Misstrauen und die unterschwellig brodelnde Gewaltbereitschaft in Tull sind in jeder Zeile spürbar und erweckten in mir ein Kopfkino, das mich fragen ließ, warum die Dark-Tower-Reihe erst jetzt eine filmische Umsetzung erfahren hat.

Fasziniert haben mich auch die beiden zentralen Charaktere Roland und der Mann in Schwarz. Revolvermann Roland ist alles andere als ein klassischer Protagonist, aber auch weit mehr als nur ein Antiheld. Immer wieder handelt er auf unmoralische Weise, er ist ein Einzelgänger und verschlossen – auch gegenüber mir als Leserin. Dennoch empfinde ich alles andere als Antipathie ihm gegenüber, habe ihn in diesem Auftaktroman gerne begleitet und möchte mehr von ihm wissen. Das gilt auch für den Mann in Schwarz, der als Rolands Gegenspieler eingeführt wird und ihm so manche grausame Falle stellte, aber gleichzeitig etwas an sich hat, das es mir unmöglich macht, ihn zu hassen. Dieses totale Aushebeln des klassischen Gut-versus-Böse hat mir außerordentlich gut gefallen und wurde von King genial umgesetzt.

Allerdings merkt man „The Gunslinger“ an, dass es eines der früheren Werke Kings ist: Sprachlich hat dieser Roman nur wenig mit dem zu tun, was Fans von späteren Titeln gewohnt sind. Stephen King greift im ersten Dark-Tower-Band auf Unmengen überflüssiger Adjektive und Adverbien zurück sowie auf Wörter, die selbst in gehobenen Kreisen nur selten Anwendung finden dürften. Das wirkt nicht nur untypisch für King, sondern stellenweise auch gekünstelt und unangebracht – oder wie Stephen King es selbst im Vorwort formuliert: Man merkt dem Roman an, dass er von einem jungen, aufstrebenden Autor verfasst wurde, der zu viele Schreibseminare besuchte, in denen der Sprache eine höhere Bedeutung beigemessen wurde als der eigentlichen Geschichte.

Die Kombination aus dem für King ungewohnten Stil, dem besonderen Genre-Mix, einem Protagonisten, mit dem die Leser sich nur schwer identifizieren können, sowie einer Story, die mehr Fragen aufwirft, als sie klärt, hat jedoch zur Folge, dass „The Gunslinger“ nicht den leichtesten Einstieg bzw. Zugang ermöglicht und vielleicht sogar davon abhalten kann, sich den Folgebänden zu widmen. Ich selbst möchte zwar unbedingt tiefer in diese außergewöhnliche Story eintauchen, allerdings ist dies auch meiner grundsätzlichen Neugier, der Liebe zu Kings Werken, dem gelungenen Trailer zur Verfilmung sowie der ansteckenden Begeisterung anderer Leser zu verdanken. Würde ein Reihenauftakt eines unbekannten Autors mit derart vielen Unklarheiten und offenen Fragen enden, würde ich vermutlich zögern, zur Fortsetzung zu greifen.

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