[Projekt Entschleunigung]: Der Gang zum Buchladen – Das Ende des Projektes?

Immer diese Vorsätze

Am Anfang eines jeden Jahres nimmt man sich so viel vor. Mit dem Rauchen aufhören, gesünder Essen oder mehr Sport treiben. Meist halten diese Vorsätze nur ein paar Wochen oder vielleicht sogar nur ein paar Tage. In meinem Fall waren es knapp vier Monate, bis ich mein Entschleunigungsprojekt, so wie ich es geplant habe, zu Grabe getragen habe. Die Anziehungskraft zum Buchladen meines Vertrauens war dann doch zu groß. Wie ein schwarzes Loch zog es mich hinter seinen Ereignishorizont, aus dem ich, einmal überschritten, nicht mehr herauskam, ohne vorher eine Fahrkarte in Buchform zu kaufen. Ein Erlebnis- und Ergebnisbericht eines Projektes, welches es weiterhin geben soll, aber in nicht ganz so strikter Form.
Ich hatte mir das Entschleunigungsprojekt als eine Art Läuterungsprozess vorgestellt. Eine Art Fasten vom Buchkaufen. Die Idee dahinter ist mir nicht erst zum Jahreswechsel in den Kopf geschossen, sondern im kompletten Jahr davor gewachsen. In den ersten zwei Jahren, seit ich den Blog betreibe, ist mir zwar aufgefallen, dass es Frühjahrs- und Herbstvorschauen gibt, habe sie aber nur am Rande wahrgenommen. Doch letztes Jahr habe ich mich, auch aufgrund der Juryteilnahme beim Debütpreis, mehr mit den Neuerscheinungen und den dazugehörigen Zyklen auseinander gesetzt. Und ich bin regelrecht erschrocken, wie die Abläufe aussehen. Kaum ist der Weihnachtsbraten verdaut oder schauen im Mai die ersten Sommertage um die Ecke, werden auch schon die jeweiligen Vorschauen veröffentlicht. Die Leserschaft wird regelrecht angefixt, so zum Beispiel auch die Literatur(Buch)- Blogger, sich durch alle Vorschauen wühlen und die neuesten Dinge vorzustellen, verzukonsumieren und wieder zu vergessen. Ich weiß, so läuft es in der freien Marktwirtschaft und müssen da auch irgendwie mitrennen, sonst würde es ja gar nicht vorwärtsgehen und die Bücher wollen ja auch an die Kundschaft gebracht werden. Doch etwas an diesem Hamsterrad störte mich und es traf mich im letzten Jahr mit voller Wucht, da es auch in meinem Emailpostfach aufgrund des Anmeldens in einiger Verteiler nur so rappelte. Ich erwähnte ja im Frühjahr, dass sich das Rad immer schneller dreht und, einmal eingestiegen, ein aussteigen sehr viel schwerer ist. Ähnlich dem Rauchen entwickelt sich eine Sucht, der man sich schwer entziehen kann, nur wesentlich gesünder. Man will dem neuesten Buch hinterher sein und vielleicht sogar der erste Blogger, der darüber berichtet. Doch mir, der in diesem Betrieb ein arg kleines Licht ist, ging selbiges auf. Ich wollte es nicht. Neue Bücher ja, aber nicht um jeden Preis.

Die unwiderstehliche Anziehungskraft des Buchladens

Das Beschriebene und noch einiges mehr (Familienzeit geht vor Lesezeit, Arbeiten muss man ja auch noch etc) führten bei mir zum Umdenken. War es bis Ende 2016 so, dass ich kurz davor stand, mehr Zeit in den Blog zu investieren, um vorwärts zu kommen und um mehr Leser zu erreichen. Den letzten Punkt hätte ich immer noch gerne, da es mir ein wichtiges Anliegen ist, vielen Menschen in der heutigen Zeit das Lesen näher zu bringen, doch dafür braucht man eben Zeit. Und die habe ich nicht zu genüge, um mir das erfüllen. Also entschloss ich mich Anfang des Jahres, dieses Entschleunigungsprojekt zu starten. Ein relativ striktes Buchkaufverbot habe ich mir auferlegt und meine Backlist wollte runtergelesen werden, um Platz für Neues zu schaffen. Die ersten drei Monate waren richtiggehend befreiend und haben mir einiges aufgezeigt, wie ich zukünftig Bücher kaufen und lesen werde. Viele schöne Bücher haben sich angesammelt, die ich gerne gelesen habe und die mein Regal weiterhin bevölkern werden (siehe hier, hier und hier). Doch irgendwann war der Zeitpunkt erreicht, wo ich mir das Verbot, keine neuen Bücher mehr zu kaufen, nicht mehr einhalten konnte und wollte. Ich kann sogar den genauen Zeitpunkt nennen, an dem es passierte. Zu Ostern war ich in Dresden zu einer Theaterumsetzung von Ronja von Rönnes „Wir kommen“, als ich mir während der Inszenierung dachte, ich muss als Abgleich unbedingt das Buch lesen. Also habe ich es mir zeitnah bestellt und in meiner Lieblingsbuchhandlung in Frauenaurach abgeholt. Ab diesem Zeitpunkt war es sozusagen um mich geschehen und die magische und gleichzeitig natürliche Anziehungskraft des Buchladens auf mich als Lesenden war unüberwindbar.

Das Ende des Projektes?

Einige Dinge habe ich aber in der ersten Jahreshälfte für mich aus diesem Entschleunigungsvorhaben mitgenommen. Zum einen muss ich nicht jedem Trend hinterherrennen, auch nicht als Literaturblogger, nur um als der 101. dasselbe Cover in die Kamera zu halten und um nichts mehr zu diesem oder jenem Buch sagen zu können, was die Hundert vor mir nicht auch schon geschrieben haben. Zum anderen habe ich mir vorgenommen, bewusster einzukaufen. Ich will gewisse Grenzen nicht überschreiten, was die Anzahl an Büchern angeht, die ich pro Jahr kaufen möchte. Auch möchte ich mich an dem Rezensionstrubel vor Erscheinungstermin immer noch weitestgehend raushalten, da ich diesen Spaß nicht unterstützen möchte. An die, die das machen, bitte nicht falsch verstehen, aber irgendwie möchte ich doch lieber die Autoren der verschiedenen Bücher unterstützen, indem ich deren Bücher kaufe. In diesem Sinne ist das Entschleunigungsprojekt natürlich noch nicht am Ende angekommen, nur die strikten Vorgaben gehe ich nun etwas entspannter an.

Seit dem letzten Beitrag gelesene Bücher von meiner Backlist (eBook und echte Bücher zusammen):
Daniel Ray Pollock – Knockemstiff

Daniel Galera – Flut

Patricia Melo – Leichendieb

Jérôme Ferrari – Das Prinzip

10 Kommentare zu „[Projekt Entschleunigung]: Der Gang zum Buchladen – Das Ende des Projektes?

Gib deinen ab

  1. Hallo Marc,
    generell finde ich diese „Verbote“ ja eher schwachsinnig. Es reicht ja schon, sein Konsumverhalten ein wenig zu analysieren und dann eine Bremse reinzulegen. Gerade bei Buchbloggern fällt auf, dass die sich gerne mal hochschaukeln mit den Neuerscheunungen. Das ist natürlich immer sehr verlockend und Verlage bieten da ja mittlerweile auch sehr viele Möglichkeiten. Für mich persönlich ist es dann halt immer noch die Frage, ob es mir das Wert ist, ein Teil einer großen Werbetrommel zu sein oder lieber meinem eigentlichen Gedanken nachzugehen. Nämlich Bücher zu lesen, die mich interessieren und darüber zu schreiben. Letztens hat mir meine Tante zwei Bücherkisten geschenkt, die sie aussortiert hat. Da sind so einige Schätze dabei, die ich vorher nixcht im Blick hatte. Sowas ist dann bestimmt viel interessanter, als völlig überhypte Bücher, die man beim Erscheinen schon nicht mehr sehen kann, weil man es schon zu oft gesehen hat.
    Liebe Grüße
    Henrik

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    1. Hallo Henrik,

      genau dieses Hochschaukeln war für mich der Grund, an mir selber herabzuschauen und um zu analysieren, was genau ich anders machen muss, um nicht noch mehr in dieses Hamsterrad zu geraten. Dafür musste ich aber mehr als einen Schritt zurück treten und konsequent auf den Erwerb verzichten, um zu merken, wie man sich bewusst auf ein paar Bücher beziehungsweise Neuerscheinungen stürzen kann. Letztenendes machen wir das fast alle in unserer Freizeit, neben dem eigentlichen Broterwerb und, wie bei mir, mit Familienzeit. Da bleibt nicht mehr viel übrig für das Hobby und da überlegt man genau, was man machen will und was nicht. Da haben mir die vier Monate „Verbot“ recht gut geholfen, mich wieder einzunorden.

      Danke jedenfalls für deine Eindrücke und für deinen Besuch bei mir.

      Liebe Grüße
      Marc

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      1. Hallo Marc,

        du sagst es. Als Schüler war es für mich auch viel einfacher mit den Neuerscheinungen und so weiter Schritt zu halten. Aber wenn dann der Ernst des Lebens beginnt, gibt es eben mehr zu tun und weniger Zeit, die man dann noch sinnvoller nutzen möchte. Es ist schön, dass du zu der Erkenntnis gekommen bist und jetzt mehr selektieren möchtest, womit du deine Lesezeit verbringen möchtest. Da werden deine Empfehlungen sicherlich noch gewählter! Das ist gut so. :-)

        Liebe Grüße
        Henrik

        Gefällt 1 Person

  2. Hallo Marc,

    ich habe damals deinen Entschluss bewundert und bewundere nun deine Ehrlichkeit dir gegenüber! Manches Scheitern muss man sich auch eingestehen können und das ist auch etwas, das nicht jeder kann.
    Ich jedenfalls kann beide Einstellungen nachempfinden. Als „einfacher“ Leser wäre es vielleicht sogar möglich, diese Entschleunigung weiterhin zu betreiben, doch als Blogger wird man immer und überall verführt und auf Dauer dagegen ankämpfen kostet sehr viel Kraft. :-)

    Jedenfalls finde ich das Rauchen aufgeben viel einfacher als keine Bücher mehr zu kaufen bis der SuB weggelesen ist. Ersteres habe ich geschafft, letzteres werde ich wohl mit ins Grab tragen…

    Alles Gute und viele Grüße
    vom monerl

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    1. Hallo Monerl,

      wie du sicher schon gesehen hast, habe ich aktuell einer Neuerscheinung grünes Licht erteilt (Arno Frank). Ich habe gemerkt, dass eine komplette Einschränkung nix bringt und es sich entspannt leb(s)en lässt, wenn man sich ab und zu etwas gönnt.

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  3. Ich finde es erst mal gut, dass du es so lange durchgehalten hast, viele wären daran schon gescheitert. Auch ist es nicht schlecht, dass du das Prinzip nicht komplett aufgeben und zum alten Vorgehen zurück möchtest, sondern dich nur nicht mehr so strikt einschränkst. Eine Lockerung der Regeln ist ja kein Aufgeben, sondern nur eine Veränderung :) Jedes Projekt muss schließlich erst mal ausprobiert werden. Auf jeden Fall super, dass du damit am Anfang so gute Erfahrungen gemacht hast und es dich weitergebracht hat.

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    1. Weitergebracht hat es mich auf jeden Fall. Zum Beispiel habe ich für mich festgestellt, dass ich nicht jedem Hype hinterherrennen muss, sondern picke mir die Bücher raus, die mir zu 100% zusagen (wie aktuell den Arno Frank). Die restlichen lege ich auf die Warteliste und wenn sie mir in einem oder zwei Jahren immer gefallen, kann ich sie immer noch kaufen. Ergo: Es lebt sich entspannter. Ich werde auf jeden Fall weiter vom Projekt berichten.

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